Der deutsche Bauernkrieg: Die Streitfrage inbetreff der 12 Artikel

Inbetreff der Heimat, des Verfassers und der Entstehungszeit der 12 Artikel gehen noch heute die Meinungen auseinander. Doch hat sich seit den Studien Alfred Sterns!) im Gegensatz zu früher die Forschung nur nocli in 2 Richtungen bewegt. —

Die 12 Artikel wurden von Oberschwaben aus verbreitet. Sie tauchten dort an den versehiedensten Punkten fast gleichzeitig auf.

Diese Tatsache gab schon in der Reformationszeit Anlaß, diesen Landstrich als ihre Heimat zu bezeichnen. Eben sie bildet soweit ich sehe dafür das einzige Beweisstück. Weiter der Sache nachzugehen hatte man auf keiner Seite Ursache. Den Katholiken galt gleichviel, wo jene Artikel herstammten; daß sie von dem lutherischen Gift beeinflußt waren, sab jedermann. Die Wittenberger Reformatoren, denen der Bauernkrieg bekanntlich sofort Schuld gegeben wurde — eine Unterscheidung zwischen Zwingli und Luther war nicht Sache der Gegner —, mochten froh sein, mit der Hervorhebung dieser Tatsache auf leichteste Weise die Schuld von sich auf die unleidlichen Zwinglianer abwälzen zu können, die nach ihrer Meinung mit den Schwärmern in einer Reihe standen. Denn wenn die 12 Artikel in Oberschwaben ihre Heimat hatten, so kamen eigentlich lutherische Kreise für den Verfasser derselben kaum in Betracht, da Obersclnvaben eine Provinz des Zwinglianismus war. Aus eben diesem Grunde mögen sie dem Verdacht Raum und Ausdruck gegeben haben, daß der aus St. Gallen gebürtige und mit Zwingli in Verbindung stehende Memminger Pfarrer Christoph Schappeler ihr Verfasser oder ihr Redaktor gewesen sei. Johannes Carion hat in seiner Chronik, die er von Melanchthon durchsehen ließ, diese Vermutung für Jahrhunderte festgelegt.

Als sich im 19. Jahrhundert die Wissenschaft mit dem Detail der Reformationsgeschichte aktenmäßig zu beschäftigen begann, forschte sie zunächst in dieser Richtung weiter. Der Anregung Jörgs, die Geschichte der 12 Artikel mit der des oberschwäbischen Bauernkriegs in engere Verbindung zu setzen, verdankt die Wissenschaft eine reichhaltige Publikation von Akten und Quellen über die Ereignisse der Zeit in diesen Gegenden und Studien darüber, so zahlreich wie kaum über eine andere Frage. Wenn dabei auch  der strikte Beweis für die Richtigkeit jener Yennutung nicht erbracht werden konnte, man meinte doch neue Anhaltspunkte an einigen Aktenstücken gefunden zu haben, die unverkennbare Anklänge an die 12 Artikel enthielten. Im besonderen entstand die Frage, ob die sogenannte Mem-minger Eingabe, eine Artikelreihe, die die Bauern der Stadt Memmingen ihrem Rat zwischen dem 24. Februar und Anfang März einreichten, zeitlich vor die 12 Artikel zu stellen, ob sie die Vorlage für sie gewesen sei. fl. A. Cornelius und seine Schule, namentlich Franz Ludwig Baumann suchten die Priorität vor allem damit zu hehaupten, daß in dem Exemplar der 12 Artikel, das sie für das älteste hielten, ein sinnstörender Konstruktionsfehler auf die Abhängigkeit von einer Vorlage hinzuweisen schien. Andere waren der entgegengesetzten Ansicht. Die weiteren Argumente der Corneliusschen Schule gaben immer von neuem Grund zur Auseinandersetzung. Die Entscheidung in diesem Streite lieferte schließlich Alfred Götze, der sich zum erstenmal der mühevollen Aufgabe unterzog, die sämtlichen ihm zugänglichen Drucke der 12 Artikel zu vergleichen, und dem dabei Exemplare bekannt wurden, die Inkorrektheiten nicht mehr hatten. War bisher nur mit Hilfe der schwierigsten Interpretationskünste gelungen, trotz des bemerkenswerten Mangels an Logik und Deutlichkeit die Memminger Eingabe als original zu erweisen, so mußte jeder Anlaß ihr den Charakter eines flüchtigen Auszugs abzusprechen, damit fallen.

Schappeler hatte im Hinblick auf die Stelle in Carions Chronik erklärt, daß ihm damit Unrecht geschehe: solche Artikel seien ihm nie in den Sinn gekommen. Auch Zwingli hatte die Angaben der Wittenberger als irrig bezeichnet. Mit Rücksicht auf diese Äußerungen hörte die Wissenschaft bald auf, an Schappeler als an den Redaktor der 12 Artikel zu denken. Doch suchte sie in dem Kreise weiter, der sich um ihn gebildet hatte. Wie von selbst lenkte sich dabei der Blick auf einen Mann, der von jenes Predigers Wesen stark beeinflußt auch literarisch an die Öffentlichkeit getreten war, auf den Kürschner Sebastian Lotzer. Zwar wies auf seine Arbeit an den 12 Artikeln keine einzige Tatsache mit Notwendigkeit hin, auch wußte keine von den zahlreichen Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs von ihm im Zusammenhang mit jenem Manifest zu berichten.2) Aber man glaubte, in einer gewissen Verwandtschaft der Sprache und Gedanken seiner Schriften mit den 12 Artikeln ein Argument entdeckt zu haben, dem zwar selbst der eifrigste Befürworter der Lotzerschen Kandidatur eine zwingende Beweiskraft nicht beizumessen vermochte, das aber immerhin Beachtung und zwar die aufmerksamste zu erheischen schien. Ich kann mir hier den Beweis ersparen, den ich an andern Orte bereits erbrachte, daß der Vergleich, den am umfangreichsten Götze anstellte, für die Frage nach dem Verfasser der 12 Artikel nicht in Betracht kommt. Nur auf die nach der Ausgestaltung einer bestimmten Gruppe von Drucken derselben vermag er einiges Licht zu werfen. Die Kandidatur dieses Kürschners muß, abgesehen von andern Gründen, von denen bald zu reden sein wird, aus der Diskussion ausscheiden, da sich bei ihm Gedanken von einer gewissen Originalität nicht erkennen lassen, die den Schluß auf einen beherzten, kühnen Mann gestatten, und keine Tatkraft, die rücksichtslos ein Ziel verfolgt.

Die Frage nach dem Verfasser der 12 Artikel ließ sich aus den oberschwäbischen Quellen zur Geschichte des Bauernkriegs bisher nicht einwandsfrei beantworten. Auf Oberschwaben selbst wies nur eine Vermutung hin; sie stützte sich auf die Tatsache, daß hier die Verbreitung gedruckter Exemplare des Manifestes begann. Die Frage ist danach berechtigt, ob die Forschung, da sie hier suchte, nicht in die Irre ging.

Schon 1868 hatte Alfred Stern in der umsichtigsten und zugleich geistreichsten Studie, die wir zu diesem Thema besitzen, einige Stellen aus einer Schrift Fabers der Wissenschaft unterbreiten können, an denen dieser bekannte Gegner der Reformation Balthasar Hubmaier, jenen bereits öfter erwähnten Waldshuter Pfarrer, der Autorschaft an den 12 Artikeln bezichtigte. Stern bemühte sich, für diese Angaben, an deren Berechtigung ein Zweifel ihm nicht wohl möglich erschien, an den Ereignissen im südlichen Schwarzwald einen gewissen Anhalt zu gewinnen. Er tat dar, welche Bedeutung die Persönlichkeit Hubmaiers nicht nur für Waldshut, sondern auch für die Bauernbewegung hatte. In kühner Kombination brachte er seinen Namen mit denen anderer Kandidaten, wie Münzer, Fuchssteiner, Schappeler in Verbindung und meinte, damit erklären zu können, wie diese auf die Liste gekommen waren. Aber mit alledem hatte Stern kein Glück. Je tiefer die Forscher in das archivalische Material eindrangen, desto weniger Halt schien diesen Kombinationen zu bleiben und desto gewisser schien zu werden, daß in dem südlichen Schwarzwald die Heimat der 12 Artikel nicht lag. Eben darum empfahl sich jene andere These, für die allerdings kein so gewichtiges Zeugnis wie das Fabers angezogen werden konnte. Wenn Stern  auch nie aus einer Oppositionsstellung hinausging, von seiner These wurde kaum noch Notiz genommen. Darf ich eine Vermutung über die Ursache dazu aussprechen, so möchte sie darin zu sehen sein, daß sich auch diesem Gelehrten der Bauernkrieg als eine soziale, eine Klassenbewegung darstellte, deren Zusammenhang mit der Reformation Luthers so oberflächlich wie möglich erscheinen zu lassen, ihm Sache ebensowohl des Verstandes wie des Herzens war.

Siehe auch:
Der deutsche Bauernkrieg : Momente der Fortentwicklung der Unruhen, Kräfte des Widerstandes.
Der deutsche Bauernkrieg : Der Beginn der Unruhen. Gründe für ihre Ausdehnung.
Der deutsche Bauernkrieg : Die Entwicklung der Unruhen zum Bauernkriege
Der deutsche Bauernkrieg: Balthasar Hubmaier als Verfasser der 12 Artikel
Der deutsche Bauernkrieg: Die 12 Artikel, ihr Verfasser und ihre Geschichte