Der deutsche Bauernkrieg : Momente der Fortentwicklung der Unruhen, Kräfte des Widerstandes.

Der deutsche Bauernkrieg; Untersuchungen über seine Entstehung und seinen Verlauf.

Die ersten Wochen des Oktober 1524 waren nicht nur insofern von Bedeutung, als in ihnen der Aufruhr an Ausdehnung zunahm. Jetzt wie vor- und nachher gab sich die große Masse der Bauern gern zufrieden, wenn sich die geringste Aussicht auf ein Entgegenkommen zeigte. Zu irgendwelcher kraftvollen Aktion ließ sie sich, wohl im Hinblick auf die Macht der Habsburger, die sie kannte, nicht hinreißen. Aber an eben diese Zeit konnte aiikiiüpfen, wem es auf den Nachweis ankam, daß die Gegensätze unversöhnbar seien, daß die Herren gar nicht daran dachten, sich auch nur in ernstliche Diskussion mit ihren Untertanen einzulassen, ln jenen Oktobertagen erfolgte wahrscheinlich der erste bewaffnete Zusammenstoß; er hatte zwar keinen blutigen Ausgang, aber die Bauern wußten nun, woran sie waren. Das Feuer schwelte also immer weiter. Je mehr die katholische Reaktion von sich reden machte, desto rascher breitete es sich aus.

Und die Gegensätze vertieften sich dabei. In der Schweiz, wo die Lage für die evangelisch gesinnten Kantone immer bedrohlicher ward, dachte Zwingli im Spätherbst an einen Krieg gegen die Waldstätte und das Haus Habsburg zugleich.1) In Vorderösterreich verschwand in der zweiten Hälfte Oktober nach den Anständen von Riedheim und Ewatingen unter dem Druck anderer gleich zu berührender Geschehnisse die Gefahr, die soeben noch so nahe gewesen war. Hubmaier kehrte deshalb nach Waldshut zurück. Und nun begann unter seinen Auspizien eine immer stärkere Abwendung vom römischen Katholizismus. Bald konnte selbst die radikalste Richtung, die der Wiedertäufer, hier sich eines Anhangs rühmen. Eben um diese Zeit fand Thomas Münzer den Boden in diesen Grenzgebieten vorbereitet genug, den Samen seiner giftigen Predigt auszustreuen.2) Naturgemäß setzte mit alledem zugleich eine religiöse Propaganda ein, deren Spuren bald sichtbar wurden. Noch die Bauei n im Hegau und die Untertanen des Abts von St. Blasien, die im November ihrem Herrn die Leibeigenschaft mit all den Gefällen und Leistungen aufsagten, die ihm daher gebührten, verlangten nur, daß man sie bei Recht bleiben lasse, worunter sie eben Befreiung von jenen Pflichten begriffen.3) Seit dem Dezember aber taucht unter den Bauern des südlichen Schwarzwalds jenes Schlagwort vom göttlichen Recht als Bezeichnung für eben diese Forderungen auf.

1) Vgl. Strickler, Aktensammlung 328, Nr. 057. Vgl. auch L. F. Heyd, Ulrich, Herzog zu Württemberg. Baud II (Tübingen 1811), 150: „Zwingli hat — Ende November oder Anfang Dezember — eine Predigt gehalten, wie man kriegen soll.“

2) Es mag hier auf eine Stelle aus Münzers Aussage während seines peinlichen Verhörs im Schlosse Heldrungen hingewiesen werden, die man wohl auch für die Beziehungen des südlichen Schwarzwalds zur Schweiz in dieser Zeit verwerten könnte. Nachdem sich Münzer gegen den Vorwurf verwahrt hatte, im Kletgau und Hegau Empörung gemacht zu haben, fuhr er fort: Oecolampadius und Hugefeldus haben ihn des Orts geweiset zu predigen zum Volke, da er dann gepredigt, da ungläubige Regenten, wäre auch ungläubig Volk, daß daselbst ein Rechtfertigung werden solt (Heinrich Schreibers Historisches Taschenbuch für Geschichte und Altertum in Siiddeutschland 1840, 173).

3) Als der Adel im Hegau Ende September Truppen sammelte, klagten plötzlich seiue Bauern, sie könnten vor ihm nicht zu Recht kommen, und erhoben dieselben Beschwerden wie früher die Stühlinger. Elben 77. Zu St. Blasien vgl. Schreiber 122. In demselben Aktenstück einige Notizen über die Propaganda, die von Waldshut ausging. Vgl. auch Schreiber 146, Nr. 110: Freiburg schreibt 12. Dezember an einzelne Gemeinden, die, welche die neue Empörung verursachen, gäben vor dem armen gemeinen Volke nichts anderes an, denn man solle ihnen zu Recht helfen; ferner Schreiber 170, Nr. 135: in Heitersheim haben sich einzelne Leute verständigt, daß sie einander zu Recht verhelfen wollten.

Es wird berichtet, daß einige Pfaffen die Bauern in ihrem Vorhaben stärkten.1) Und nun bemerken wir auch, znm erstenmal, eine gewisse Antagonie gegen die Klöster, schüchtern vorläufig, aber schon so charakteristisch genug. Als jene Züricher Schar sich in Waldshut anfhielt, läuft plötzlich in den benachbarten Landstrichen das Gerücht um, die Waldshuter wollten zusammen mit den Eidgenossen das Gotteshaus von St. Blasien überfallen. Das Gerücht war ebenso unbegründet wie unsinnig. Aber es fand Glauben. Die Hintersassen des Gotteshauses taten sich zusammen und begehrten Einlaß in das Kloster, um es zu schirmen. Der Abt mußte sie anfnehmen. aber weit davon entfernt, sich dieses Eifers erfreuen zu können, mußte er Zusehen, wie sie sich an dem Klostergut, wenn auch nur an dessen Kellern vergriffen. Ebenso, vielleicht nur ein wenig gewaltsamer, ging es wenige Wochen darauf in der Abtei zu St. Trutpert im Münstertale zu, wohin soeben der Aufruhr gedrungen war.2) Die Ehrfurcht vor den Klöstern war sogar in diesen Landstrichen im Seilwinden.

1) So soll im Hegau nach eiuem Schreiben Ferdinands vom 11. November 1525 der Pfarrer zu Hattingen „alles Übels Aufwiegler“ gewesen sein (Loserth 123; vgl. dazu Walclmer und Bodent, Biographie des Truchsessen Georg III. von Waldpnrg, Konstanz 1832, IX).

2) Vgl. dazu Elben 132 3.

Erst infolge des Widerstands, auf den die Bauern bei ihrem Vorhaben gestoßen waren, war das religiöse Gefühl, das sie bisher geboten hatte, an dem Gegenstände seiner Verehrung irre geworden.

Es hat wenig Wert für die Gesamtanschauung, dem Auf und Ab der Unruhen und ihrer weiteren Ausdehnung in diesen Gegenden bis ins Einzelne nachzugehen. Neue Gesichtspunkte ergeben sich dabei nicht,1) und zudem kann man wohl die Frage aufwerfen, ob das schwelende Feuer jemals zur offenen verzehrenden Flamme geworden wäre, wenn sich die Unruhen hätten auf den südlichen Schwarzwald beschränken lassen. Wenn auch bisher aus Gründen, die wir gleich kennen lernen werden, die genügende Waffenmacht zu ihrer Unterdrückung noch nicht zur Stelle war, auf die Dauer sollte man meinen konnte es dem Hause Habsburg daran nicht fehlen. Aber eben diese Beschränkung war unmöglich. Wie die Unruhen an dem Punkte ausbrachen, wo sich die altgläubige Richtung, repräsentiert in dem nächsten Anwärter auf den Kaiserthron, dem Evangelium am schroffsten widersetzte, während dieses zugleich in nächster Nähe eine politisch aktive Kraft wie sonst nirgends fand, so gaben sie den Gegnern der Habsburger erwünschten Anlaß, die vielen Schwierigkeiten zu vermehren, die sie soeben zu überwinden hatten. Die Unruhen wurden von ihnen benutzt und ausgebeutet. Die weitere Ausdehnung derselben, ihre Entwicklung zum Bauernkriege ist nur im Zusammenhang mit der hohen Politik der Zeit zu verstehen, von der nun ein Wort zu sagen ist.

1) Außerdem hat sich K. Hartfelder in seinem Werke: Zur Geschichte des Banemkrieges in Siidwestdeutschland (Stuttgart 1884) dieser Aufgabe auf Grund von gedrucktem und ungedrncktem Material unterzogen.

Es bedarf dabei nur einer kurzen Erinnerung. Denn im Allgemeinen sind diese Dinge bereits bekannt. Nur ihre Beziehungen zum Bauernkriege sind hier und da noch mehr ans Licht zu stellen.

Im Jahre 1524 erfolgte der große Angriff der habsburgischen Macht auf das eigentlich französische Gebiet. Nachdem Karl V. in den Vorjahren geglückt war, den Ansprüchen seines Hauses und seines Titels in Italien wieder volle Geltung zu verschaffen, unternahm er jetzt den gut vorbereiteten Versuch, mit Hilfe des mächtigsten Vasallen seines Gegners die imperatorische Gewalt auch in Südfrankreich von neuem aufzurichten. Eben darauf hatte auch Ferdinand bis in den September des Jahres sein Augenmerk richten müssen. Wie bekannt, scheiterte das Unternehmen am Widerstande von Marseille. Nicht nur mußten Karls Truppen über die Alpen zurück, die Franzosen drängten nach. Ende Oktober konnten sie sogar das feindliche Heer in Pavia einschließen. Sie schienen Herren von ganz Italien. Das Waffenglück hatte sich völlig gewandelt.

Das war ein Augenblick, wie ihn vor allen Ulrich von Würtemberg schon lange erhofft hatte. W enn je so mußte jetzt gewagt werden, den Habsburgern die Beute des Jahres 1519, sein angestammtes Land Würtemberg, wieder abzujagen. Bereits im September 1524 kamen nach Wien und Innsbruck täglich bedrohlicher klingende Nachrichten von seinen Rüstungen, von den Vorbereitungen, die er an der Schweizer Grenze, auf dem Hohentwiel traf. Vergeblich ließ Ferdinand die Eidgenossenschaft auffordern, das nicht zu dulden. So gern die Majorität der Kantone mit den Österreichern in der religiösen Frage zusammenzugehen bereit war, in dem großen Kampfe zwischen Frankreich und Österreich, in dem diese Angelegenheit nur eine Episode war, waren zum mindesten die Sympathien auf Frankreichs Seite.

Wenn auch die Gefahr für Vorderösterreich zunächst noch nicht sehr dringend war, da Ulrich erst in einigen Monaten hoffen konnte, zu jenem Zuge genügend Streitkräfte zusammenzuhaben, so mußte doch Ferdinand eben in Erwartung derselben sein Möglichstes tun, in seinen Landen wieder Ruhe zu schaffen. Jeder Weg mußte ihm recht sein, der ohne Blutvergießen zu diesem Ziele führen konnte. So ist zu erklären, daß sich in dem Moment, wo österreichische Truppen zum Angriff stark genug und vorbereitet waren,1) die Regierung geneigt zeigte, die Vermittlung der Stadt Überlingen anzunehmen und den Verträgen oder Anständen zuzustimmen, die diese mit ihren Untertanen bei Riedheim und Ewatingen zuwege brachte.

Aber wie noch nie Kompromisse Bestand gehabt haben, wenn der äußeren Form nicht die Gesinnung entsprach, so traten auch die Mißverständnisse, kaum daß sie beseitigt waren, in verschärfter Weise bei der Frage nach der Leistung der Frondienste und der Reichung der Zinsen und Gülten wieder hervor. Der Friede war nichts weniger als gesichert, und eben deshalb war für Ulrich reichlich Gelegenheit zum Eingreifen vorhanden. Die Radikaleren, an der Spitze Hans Müller von Bulgenbach und Uläwi Meyer von Griessen, der zu Thomas Münzer in Beziehungen stand, kamen ihm mit offenen Armen entgegen.

1) Nach Baumanns Ansicht (Eidgenassen 121) ist das Mißtrauen der österreichischen Regierung gegen die Schweizer, das 1524 nie beseitigt werden konnte, Schuld daran gewesen, daß ein Angriff auf die Bauern nicht erfolgte. Die Beweise für diese Behauptung fehlen bei ihm wie bei seinen Vorgängern. In der betr. Anmerkung sind sie nicht erbracht.

Ulrich, dessen Vergangenheit ihn nicht gerade als einen Bauernfreund erscheinen ließ, empfahl sich ihnen nicht nur als der geschworne Feind der Habsburger. Auch er war bereits dem evangelischen Glauben gewonnen. So wenig das sub specie aeterni gesehen für diesen Fall besagen mochte, diesen gewiß nicht klaren Köpfen war damit zweifelsohne eine weitere Garantie für das Bündnis gegeben, und Ulrich wußte diese Überzeugung auszunutzen. Wenn man sich seine Erfolge in den ersten Wochen auch nicht zu groß denken darf, vom November ab, als sich die Lage immer mehr verschärfte, werden weitere Kreise seinen Lockungen gefolgt sein. Versprach er doch außer Geld, aber eben erst jetzt,1) die Bauern aller Eigenschaft. Dienstbarkeit und Beschwerden gänzlich zu erlassen, die Klöster abzutun und mit ihren Einkünften den Staat zu verwalten.2) Welche Perspektiven nicht nur für die Würtemberger, die solcherlei von ihrem jetzigen Herren nimmermehr erwarten konnten, sondern auch für alle jene zahlreichen Hintersassen der Klöster in den eigentlich vorderösterreichischen Gebieten!

1) Nach einer Erzählung Wolf Dietrichs von Pfyrt, den Ulrich in Basel zu sich zur Tafel geladen hatte, wehrte sich Ulrich gegen die Meinung, daß er mit dem Bundschuh wieder in sein Land kommen wolle; „darinn geschehe im onrecht, dann wiewol er lyden möcht, wer ime zu sinem vatterland helpf durch stiffel oder schuch, verhoffe er doch mit mer eern darzu zu komen“ (Bericht der Stuttgarter Regierung nach Ulm vom 9. November 1524 bei Lina Beger in ihren Studien zur Geschichte des Bauernkrieges [Forschungen zur deutschen Geschichte, Band XXI, 1881] 584). Vgl. auch das Werk von Heyd über Ulrich, Band II, 148—155.

2) Lina Beger a. a. 0. 591 (Bericht Veit Sntors an das Regiment zu Stuttgart vom 3. Dezember über Ulrichs Verhandlungen in Zürich). Nach einem Schreiben Rudolfs von Ehingen nach Stuttgart vom 15. Dezember begehrte Ulrich in Schaffhausen „auch des göttlichen Rechten, wie die meineidigen Bauern“ (H. Vochezer, Geschichte des fürstl. Hauses Waldburg in Schwaben II [Kempten 1900], 509).

Für Ferdinand war mit alledem eine Lage geschaffen, so ernst wie er sie bisher noch nicht kennen gelernt hatte. Es hieß für ihn jetzt sein Möglichstes nach jeder Richtung tun. Am wenigsten brauchte er sich um den Gang der Dinge auf dem italienischen Kriegsschauplatz zu sorgen. Ein Kampf gegen den Franzosen war seit Jahrzehnteh in Deutschland populär. Seine Bemühungen, gegen ihn Truppen aufzubringen, mußten also auf jeden Fall von Erfolg gekrönt sein. Natürlich benutzte er die Gelegenheit möglichst viel von den unruhigen Elementen aus dem Süden Deutschlands hierfür zu werben, und daß ihm das in gewissem Umfang geglückt ist, steht außer allem Zweifel. Bei weitem seine größte Sorge mußte sein, in seinen vorderösterreichischen Landen wieder geordnete Verhältnisse herbeizuführen, und das war unendlich schwer. Bisher hatten ihn allerdings die Unruhen noch nicht direkt berührt. Noch hatten seine Immediatuntertanen nichts von solchen Forderungen verlauten lassen, wie die Hintersassen seines Adels nun schon seit über einem Vierteljahr vortrugen. Aber einmal war in jedem Augenblick zu gewärtigen, daß auch sie dem lockenden Rufe folgten, und dann war er den Herren zu Schutz und Schirm verpflichtet. Von Unterhandlungen mit den Bauern ließ sich nichts erwarten. Wenn seine und seiner Adligen Meinung dahin ging, in keinem Punkte nachzugeben, so hatten ihn die bisherigen Erfahrungen belehren können, daß die Bauern diese Meinung teilten. Weder Güte noch die Drohung mit Gewalt hatte sie vermocht in die früheren Zustände zurückzukehren. Im Gegenteil hatten sie immer neue Beschwerden angebracht, und ihre Zahl war fortgesetzt im Steigen. Aber dennoch, trotz dieser Erkenntnis der Dinge mußte sich Ferdinand vorerst doch noch auf neue Verhandlungen einlassen. Wir sehen die letzten Monate des Jahres damit erfüllt. Nicht der Erzherzog ergriff die Initiative; die Verantwortung für sie trug er also nicht. Aber er litt, daß die verschiedensten Parteien, das Reichsregiment, der Markgraf Ernst von Baden, seine vorderösterreichischen Stände und schweizerische wie deutsche Städte sich immer wieder an ihnen versuchten. Einen Erfolg hatten sie nicht; ein solcher wurde wolil auch von keiner Seite, am wenigsten der der Herren, ernstlich erwartet. Die Dinge standen also, da ein anderer Weg für Ferdinand bei seiner Gesinnung nicht mehr gangbar war, auf der Schneide des Schwerts. Der Erzherzog mußte dem Bunde Ulrichs mit den Bauern gegenüber die größten Anstrengungen machen, und er hat sie nicht gescheut, wie man wohl behauptet hat. Es lag nicht an ihm, wenn sie erst sehr spät zu greifbaren Ergebnissen führten.

Am sichersten konnte sich Ferdinand auf seine vorderösterreichischen Stände verlassen, namentlich auf den Adel und die Städte; die Prälaten mußten schon vorsichtiger sein. Zwischen ihnen und den drei Regierungen im Oberelsaß, in Vorderösterreich und in Württemberg wurde ein Verstand getroffen, der bezweckte, künftigen Empörungen vorzubeugen. 1) Nur einige wenige schlossen sich davon aus, so der Hegauer Adel, der seine Häuser auch nicht für Tage von Knechten entblößen mochte.2) Wie die Zukunft zeigte, war damit ein wirksames Mittel gefunden, einzelne Bewegungen schon im Keime zu ersticken. Aber die bereits vorhandenen Haufen zu zerstreuen, dazu reichten diese ständischen Truppen um so weniger hin, als sie eine natürliche Scheu hatten, das Blut ihrer Nachbarn zu vergießen.

1) Schreiber 110/1, Nr. 76. Vgl. dazu 120/1, Nr. 85; 127, Nr. 89; Baumann, Akten 29, Nr. 52.

2) Baumann, Akten 85; vgl. auch 89.

Ferdinand mußte also auch Fremde heranziehen. Solche zu gewinnen, hat er nichts unversucht gelassen. Aber eben hier lagen die Schwierigkeiten. Man hat diese wohl auf finanziellem Gebiet gesucht. Jedoch zu Unrecht Denn sowohl die Stände, allen voran Freiburg i. Br., wie die großen deutschen Banquiers streckten ihm Geld vor.1) Eben mit diesem werden die dänischen Knechte geworben worden sein, die Ende Dezember 1524 allenthalben anrückten.2) Die Schwierigkeiten lagen vielmehr auf dem Felde der Politik. Zwar erboten sich württembergische Truppen gegen Ulrich zu kämpfen. Denn nicht alle ehemaligen Untertanen des vertriebenen Herzogs durften seiner Rückkehr mit Freuden entgegensehen.3) Auch für den Adel dieser Landstriche bot seine ganze Vergangenheit im großen und ganzen Gewähr gegen jede Hinneigung zu Ulrichs Partei.

1) Selbstverständlich soll damit nicht geleugnet werden, daß für Tage einmal Geld fehlte. Aber der Kredit Ferdinands war nie so gesunken, wie Elben und vor ihm Baumgarten (in der Geschichte Karls V.) es darstellten.

2) Elben 151.

3) Vgl. Strickler, Akten 324, Nr. 941. Die Württembergische Regierung setzte bei Ferdinand durch, daß dieser die Provisioner des Herzogtums Württemberg nicht nach Italien aufbot, sondern, Ulrichs wegen, im Lande ließ (J. Vochezer, Gesch. des fürstl. Hauses Waldburg in Schwaben. II [Kempten 1900j, 179). Nach Ulrich Arzt VI, 329, Nr. 56, waren gegen Ulrich gerade die „vermügenlichst leut“ bereit zu ziehen; „die wollen als antzeigt wirdt, Ir leyb unnd gut darstreckenn, damit der Hertzog nit in das lannd kom“; im ganzen waren im Februar 1525 4000 Württembergische Knechte gegen Ulrich aufgeboten. Vgl. auch 354, Nr. 106, wonach das Fußvolk der Landschaft bei Truchseß Georg doch nicht soviel Vertrauen fand, daß er die Württembergisehen Städte damit besetzte.

Aber sonst zeigte sich wenig Bereitwilligkeit. Ferdinand hatte Hilfegesuche nach allen Seiten gerichtet doch nur ein einziger, sein nächster Nachbar in Vorderösterreich, Ernst von Baden, war wie es scheint gesonnen ihm ohne weiteres zu entsprechen.1) Die übrigen lehnten allerdings nicht ab, aber sie machten ihre Leistung abhängig von dem, was der Schwäbische Bund tun würde. Nur wenn dieser Ferdinand nicht unterstützte, wollten sie ihm Truppen senden. Also auf den Schwäbischen Bund, auf seine Haltung kam alles an. Es ist notwendig hierbei einen Augenblick zu verweilen.

Wer die neuere deutsche Geschichte kennt, weiß wie oft Bayern und Österreich, die Wittelsbacher und die Habsburger sich gegenüberstanden, wie sie nie auf hörten, sich gegenseitig Schwierigkeiten zu bereiten. Sie folgten damit einer Tradition, die so alt ist wie die österreichische Geschichte. Es ist der Forschung nichts Neues, daß auch im Bauernkriege dieser Widerstreit hervortrat, aber es ist ihr bisher unbekannt geblieben, daß er schon in der Phase der Entstehung desselben bemerkbar ist, die wir gerade beobachten. Die Schuld daran trägt der Historiker, der uns die Publikation von Akten des Schwäbischen Bundes während dieser Zeit geliefert hat,2) Weiß man bereits seit einer Reihe von Jahren, daß sie sehr unzuverlässig gearbeitet ist, so konnte man doch ohne Nachprüfung des archivalischen Materials nicht ahnen, daß sie soviel Fehler und Lücken oft an den wichtigsten Stellen enthält. —

1) Vgl. das Schreiben Freiburgs an ihn vom 15. Dezember 1524 (Schreiber 154, Nr. 119).

2) Wilhelm Vogt, der die Korrespondenz des schwäbischen Bundeshauptmanns Ulrich Artzt von Angsburg in der Zeitschrift des historischen Vereins für Schwaben und Neuburg veröffentlichte: VI. Jahrgang (1879) 281—400, VII (1880)121-260, IX (1882) 261-610. Vgl. die Besprechung dieser Publikation durch Druffel in den Göttingischen Gelehrten Anzeigen 1885 403—415. Ein wichtiges Aktenstück aus der betreffenden Augsburger Sammlung habe ich in der historischen Zeitschrift Band 91, 41/2 veröffentlichen können. Leider war mir bei einem kurzen Aufenthalt in Augsburg nicht möglich, alle Fehler, Auslassungen etc. etc. zu notieren. Am besten wäre ein Neudruck vieler nicht ganz aufge-nommener und auch anderer Stücke, dem ein Abdruck der fortgelassenen anzuschließen wäre.

In dem Schwäbischen Bund waren Bayern und Österreich vereinigt. Als Landfriedensbund gedacht und ursprünglich nur auf jene schwäbischen Landstriche berechnet, die im ganzen deutschen Vaterland die weitgehendste politische Zersplitterung aufwiesen, hatte er sich allmählich außer über die fränkischen Gebiete auch über die der Wittelsbacher, Bayern und die Pfalzen ausgedehnt. Seitdem die habsburgische Macht so bedrohlich gewachsen war, war er für die Bayern das eifersüchtig bewachte Instrument geworden, die Habsburger wenigstens nicht im Westen an Kraft und Einfluß gewinnen zu lassen. Jetzt, wo in Italien in Franz I. den Habsburgern ein überaus gefährlicher Gegner gegenüberstand, wo Ulrich rüstete und die Unruhen Ferdinand ebenso Sorge und Kosten verursachten, war ein Augenblick da, ihn nicht nur ihre Macht fühlen zu lassen, sondern ihn eventuell auch für längere Dauer zu schädigen. Bei den übrigen Bundesmitgliedern durfte Leonhard von Eck bei dieser seiner Politik wenn auch nicht auf dieselbe Antipathie gegen den nirgends beliebten Ferdinand rechnen, so doch auf die nie sehr große Neigung, ihre durch den Bund schon reichlich in Anspruch genommenen Kräfte in Angelegenheiten der hohen Politik verwendet zu sehen.

Jedoch, diese allgemeinen Bemerkungen genügen nicht, das Verhalten des Bundes ganz verständlich zu machen. Er sowohl wie Bayern hatten im Hinblick auf die Politik im Jahre 1519 ein gegründetes Interesse Ulrich nicht wieder in den Besitz seines Landes kommen zu lassen. Dem entsprach, daß bereits im August 1524 der Bund von sich aus, unaufgefordert, soweit wir sehen, eine Mobilmachung im Falle einer Erhebung Ulrichs für notwendig erklärt hatte. 1) Es gilt also der Politik desselben im einzelnen nachzugehen.

Der Beschluß vom August hatte keine Folgen. Die Gefahr eines solchen Anfalls auf Württemberg trat zurück. Auch als Franz I. seinerseits zum Angriff auf seinen Gegner überging, schien sie zunächst nicht dringend, da die Vorbereitungen dazu noch weit im Rückstand waren. Immerhin war Anlaß genug, schon jetzt an ernstliche Maßnahmen zu denken und Kräfte bereitzustellen. Die Ereignisse im Februar 1525 beweisen, wie recht Ferdinand hatte, als er vom Ende September 1524 ab immer von neuem darauf drang. Aber der Bund versagte sich. Auf dem Bundestage, der zum 28. Oktober 1524 berufen wurde, erhielten zwar die drei gemeinen Hauptleute Vollmacht, im Fall der Not zusammen mit den sechs Räten den 3., 4. oder 5. Teil der Bundeshilfe einzufordern, aber erstens war der Fall der Not ein flüssiger Begriff, ein terminus, um so ärgerlicher für Ferdinand, als er um sofortige Hilfe „nach Vermögen der Bundeseinung“ gebeten hatte, und sodann war die Hilfe, die hier beschlossen wurde, für einen anderen Zweck bestimmt, als ihn der Erzherzog gedacht hatte. Nach seinem Begehr hatte sie gegen Ulrich verwandt werden sollen und gegen die Untertanen, die sich diesem anschlossen.2) Schon während der Tagung selbst, die sich sehr lang hinzog,3) waren die österreichischen Gesandten davon abgegangen, wahrscheinlich, weil sie merkten, daß mit dieser Instruktion nichts durchzusetzen sei.

1) J. E. Jörg, Deutschland in der Revolutionsperiode von 1522—1526 (Freiburg 1851) 402/3; Elben 98, Anm. 2.

2) Vgl. K. Klüpfel, Urkunden zur Geschichte des schwäbischen Bundes, 2. Teil (Stuttgart 1853) 280; Baumanu, Akten 13/14, Nr. 25; Elben 99/100.

3) Noch am 10. November meldete Ulrich Artzt, bisher sei nichts Fruchtbares ausgerichtet worden. Vogt Nr. 7. — Da aus dem Regest dieses Aktenstückes wie es bei Vogt vorliegt („des Hauptmanns halben hätten die Österreicher große Einsprache erhoben“) nicht hervorgeht, um welche wichtigen Dinge es sich dabei handelte, sei hier ein genaueres Excerpt darüber gebracht. Es heißt nach jenem oben aus Vogt mitgeteilten Satze: „man geht um mit der eilenden Hilfe“. Sie ist noch nicht beschlossen. Die österreichischen Räte waren ungehalten darüber, daß nicht mehr wie bisher der Hauptmann vom Hause Österreich gestellt werde. Es wurde ihnen darauf bedeutet, daß die „ylennde hilf Aussrhalb und neben der Aynung gestellt und die Aynung das nit Innhallten sey“. Der Artikel in der Einung, wonach der Hauptmann von den Österreichern gestellt werden solle, solle unberührt bleiben. Eventuell wolle man das auf dem nächsten Bundestage austragen. Vgl. auch Druffel a. a. 0. 404.

Sie heischten darauf die Hilfe gegen alle die Untertanen, die sich erhoben hatten; in ihrem Vortrage1) fehlt nicht der Hinweis, daß wenn dieser Aufruhr nicht gestraft werde andere ein böses Exempel daran hätten. Aber auch davon ist in dem Abschiede nicht die Rede, der vielmehr ganz allgemein von Maßnahmen gegen Empörungen spricht, die eintreten könnten. Statt sich mit dem konkreten Fall zu beschäftigen, der ernst genug war, hielt die Versammlung es für angemessener, die theoretische Frage zu erörtern, wer in jenem Falle den Hauptmann über die zusammen tretenden Truppen stellen müsse, eine Frage, auf die die Antwort wenigstens den Österreichern selbstverständlich schien; die anderen gaben nach langen Erwägungen2) ihr Gutachten dahin ab, daß das Sache des anrufenden Standes sei. Das dilatorische Vorgehen des Bundes ist nicht zu verkennen.

1) Bei Klüpfel II, 284—285. Wann dieser Vortrag stattf&nd, läßt sich nicht genau bestimmen. Wahrscheinlich erst nach dem 12. November. Vgl. das bei Elben 100 angeführte Schreiben von diesem Tage. Vgl. auch die Anm. 3 bei Elben.

2) Der Bundesabschied kann nicht am 28. Oktober (so Vogt und Elben 99—101) erfolgt sein, zu welchem Tage ja erst die Versammlung berufen war. Vgl. S. 37 Anm. 3. Wahrscheinlich ist er nicht viel vor dem 21. November zustande gekommen, worauf mir das von Vogt 8 mitgeteilte Ausschreiben von diesem Tage hinzudeuten scheint.

Man wollte Ferdinand nicht helfen, man hoffte, daß seine Kräfte noch ganz anders in Anspruch genommen würden; eine Unterstützung in einem späteren Augenblick konnte so manchen Vorteil mit sich bringen, wenn sie überhaupt notwendig wurde, — was bei den Wechselfällen der Politik nicht abzusehen war. So geschah es, daß bis in den Februar 1525 hinein das Haus Österreich in der bedenklichsten Lage, in der es sich seit langem befand, trotz aller Anmahnungen und dringlichen Vorstellungen keine Unterstützung erhielt. Wir werden sehen, daß auch dann nicht die Bedrängnis, in die Ferdinand der wirklich erfolgte Losbruch Ulrichs versetzte, einen andern Entschluß diktierte. — Jörg hat einst sein Bucli über Deutschland in der Revolutionsperiode von 1522—1526 zu dem Nachweis geschrieben, daß Bayerns Haltung während dieser kritischen Jahre Deutschlands Rettung im Bauernkriege gewesen sei. Man könnte fast das Gegenteil behaupten. Wenn der Schwäbische Bund, hinter dem Bayern stand, in dieser Phase der Unruhen seine ganze Macht gezeigt hätte, die Bauern in diesem oder jenem Territorium hätten sich wohl gehütet sich zu erheben, und Deutschland wäre vielleicht von den Greueln des Bauernkrieges verschont geblieben.1) —

1) In seiner Publikation hat Vogt unter Nr. 11 ein Schreiben Ulrich Artzts an den Rat zu Augsburg raitgeteilt, datiert vom 1. Januar 1525, wonach der Bund um die Jahreswende Ferdinand 3000 Knechte und 300 Pferde gegen seine Untertanen zur Verfügung gestellt hätte, womit jedoch die österreichischen Räte nicht zufrieden gewesen seien. Da wie leicht zu ersehen ist dieses Schreiben mit der im Text gegebenen Darstellung nicht zu vereinigen ist, seien hier die Gründe angeführt, die mich zwingen, dasselbe zum 1. August 1525 zu verweisen (in dem Original des Augsburger Stadtarchivs [Literalia 1524—1525] ist als Datum genannt: Ulm, den Ersten Tag anni etc. 1525). 1. wird hier von einem Aufstand im Sundgau und im Elsaß gesprochen. Daran war Ende 1534 noch kein Gedanke. 2. berichtet Artet von dem Beschluß des Bundes, zu Ulm und zu Kempien je 100 Pferde und ein Fähnlein Knechte liegen und die Reisigen streifen zu lassen, wo die Bauern sich rottieren wollten. Dieser Beschluß hatte Ende 1524 keinen Sinn. Weder an diesem oder jenem Orte gab es bis dahin Anzeichen von Unruhen. Dagegen paßt er trefflich zu der Zeit nach dem Heereszuge des Bundes gegen die Allgäuer Bauern im Juli 1525 und zu den Maßnahmen, die der Bund überall nach Zersprengung der Haufen traf. 3. habe Jörg Truchseß von Ferdinand Befehl erhalten, Stadt und Schloß Füssen im Namen des Bundes besetzt zu halten. Wie kommt Ferdinand Ende 1524 in diese bischöflich augsburgische Stadt? Bekanntlich hat er sie erst im Juni 1525 und zwar in seinem Namen besetzen lassen. Der Bund und ebenso Bayern, die damals dagegen nichts tun konnten, legten später Protest ein. Als das hündische Heer im Allgäu war und Ferdinand sich gegen den Aufruhr in den Vorderlanden die hündische Unterstützung sichern wollte, hat er, wie wir aus diesem Schreiben erfahren, seinen Truppen in Füssen Befehl erteilen lassen, die Stadt fortan im Namen des Bundes besetzt zu halten (W. Vogt, die bayrische Politik im Bauernkrieg und der Kanzler Leonhard von Eck, das Haupt des schwäbischen Bundes, (Nördlingen 1883), 266—271 weiß davon nichts). Die Nachricht, daß Ferdinand die Bundeshilfe gegen seine vorderösterreichischen Untertanen damals angerufen habe, paßt sehr gut zu sonstigen Meldungen von Rüstungen Ferdinands aus dem Ende Juli und Anfang August 1525, die denselben Zweck hatten (vgl. Baumann, Akten 327, Nr. 394; vgl. auch Nr. 396; Artet Nr. 631, 644).

Bei dieser Lage der Dinge — da Ferdinand und seine Stände zwar alle Maßnahmen trafen die Bauern gewaltsam zu unterdrücken, aber noch nicht stark genug waren, sich daran schon wirklich zu versuchen, — kann nicht Wunder nehmen, daß der Aufruhr immer weiter um sich griff. Aufgestanden in dem unklaren Gefühl, daß ihnen die neue Lehre die Abstellung dieser oder jener Pflicht verheiße, für die sie schon lange nach der Begründung suchten, waren die Untertanen weder eines Besseren belehrt worden, noch hatte man ihnen das geringste Entgegenkommen bewiesen. Im Gegenteil fühlten sie bald einen Widerstand, dessen Berechtigung ihnen zum mindesten zweifelhaft sein mußte. So ward zur Propaganda Lust gemacht. Hatte diese schon bisher gute Erfolge erzielt, mit denen im Winter von 1524 auf 1525 waren sie nicht zu vergleichen;1) die eigenen Gebiete des Hauses Österreich selbst wurden jetzt in Mitleidenschaft gezogen. Zugleich erhielt naturgemäß der Radikalismus unter den Aufständischen eine wachsende Zahl von Anhängern; der Geistlichen erschienen immer mehr in ihren Reihen. Und damit wiederum gewann das Prinzip an Bedeutung; der Gegensatz zwischen altem imd neuem Glauben trat immer deutlicher hervor. Nur nebenbei mag dazu bemerkt werden, daß auch hieran die römische Kirche nicht ganz ohne Schuld war. Im Januar verbreitete sich das Gerücht von der Tatsache, daß der Papst den Kaiser in seiner Not verlassen und zur französischen Partei übergetreten sei.2) Man weiß, wie sich die Ideale der Nation in den ersten Jahren der Reformation vielfach aufs engste mit Luthers Gestalt verbanden. Jetzt glaubte wohl so mancher einfache Mann, an den Klöstern diesen Abfall rächen, das Fremde im heimischen Staat damit treffen zu sollen.

Zunächst jedoch, im Jahre 1524, äußerten sich solcherlei Regungen noch in bescheidenerer Form. Wir hören von Äußerungen des Übermuts, wie sie wohl nie bei undisziplinierten Massen fehlen, die sich plötzlich im Besitz der Macht wähnen, Äußerungen, die dann auf der Gegenseite besonders stark zu verletzen pflegen. Man möchte wohl wissen, was Ferdinand sagte, als sich sogar die Waldshuter zu dem trotzigen Hohn auf dem Rheinfeldener Tag (Anfang November) verstiegen, statt ihre Unterwerfung anzubieten vom Hause Österreich volle Entschädigung für die Kosten zu verlangen, die ihre Opposition bisher verursachte.

1) Aus dieser Zeit stammen die ersten Korrespondenzen aus bäurischem Lager.

2) Elben 134, Anm. 3.

Das war jedoch alles! Obwohl wir über die Ereignisse des November und Dezember 1524 sehr genaue Nachrichten haben, ist uns nichts von irgendwelchem gewaltsamen Vorgehen der Bauern überliefert. Man müßte denn dahin rechnen, daß sie nicht immer leiden mochten, wenn einzelne, Bauern aber auch Gemeinden, sich ihrem Werben verschlossen. Namentlich die Bauern in dem eigentlich österreichischen Gebiet scheinen soviel energischer gewesen zu sein, als ihre Nachbarn, die hinter dem Adel saßen. Davon, daß Klöster oder Schlösser angegriffen oder ausgebrannt wurden, wie im Jahre 1525 in der Regel geschah, ist auch nicht die geringste Andeutung vorhanden.

Schon solches Auftreten aber genügte, das Blut bei den Herren und den Anhängern Ferdinands in Stadt und Land in stärkere Wallung zu bringen. Es war nur eine kleine Truppenmacht, die am 14. Dezember von Villingen gegen den sogenannten „neuen Haufen“ auszog. Da die Herrenpartei damals überhaupt noch nicht über stärkere Truppenkontingente verfügte, und da die Bauern, kaum daß sie Männer in Waffen gegen sich ausziehen sahen, schon Fersengeld gaben, so wäre es ein Gebot der Klugheit gewesen Blutvergießen zu vermeiden. Es kam trotzdem dazu; zum ersten Mal mußten Bauern ihren Unverstand mit dem Leben büßen. Wer weiß, was das bedeutet, der ahnt, wie mit diesem Tage sich ein Abgrund zwischen beiden Parteien auftat. Nun war vorderhand an eine Versöhnung nicht mehr zu denken.

Bleiben wir einen Augenblick hierbei stehen, um zu überlegen, mit welchen Kräften Ferdinand zu rechnen hatte, um dem Aufruhr zu begegnen. Daß die materiellen noch sehr schwach waren, war bereits zu .erwähnen. Aber auch die ideellen zeigten sich gerade in diesen Dezembertagen über Erwarten geringfügig. Ferdinand durfte annehmen, daß ihm wie der Adel so auch die von der Landschaft gestellten Truppen Gefolgschaft leisten würden. Er hatte sich darin sehr getäuscht. Es sollte ihm klar werden, daß der Adel seine einzige sichere Stütze sei.1) Anfang Dezember hatten sich die Bauern um das Kloster St. Trutpert im Münstertal erhoben. Von ihrem pietätlosen Schalten daselbst war bereits die Rede. Sofort wurden gegen sie Truppen gesandt, von der Regierung im Oberelsaß und von den vorderösterreichischen Ständen; einzelne Adlige schlossen sich an. Auch hier kam es sowenig wie bei Donauescliingen zum Kampf; die Bauern flohen, kaum daß sie den Gegner sahen (17. Dezember). Aber trotzdem nahmen die Adligen nicht die Verfolgung auf. Denn ein Schauspiel bot sich ihnen plötzlich, wert nachdenklichster Überlegung. Schon unterwegs waren, so wird uns berichtet,2) unter dem Fußvolk der Landschaft allerlei unnütze Reden laut geworden, daß sie gegen die Bauern nicht ziehen wollten.

1) Vgl. hierzu auch die Daten bei Vochezer 182 f. nach Stuttgarter Archivalien.

2) Elben 136.

Als sie nun in das Kloster kamen, da haben sie

„über alles Verbieten bei Ehr und Aid und daß sie solchs davor geschworen haben, so übel gehandelt, daß es zu erbarmen, alles das, so die Bauern übrig gelassen und nit genommen, verherget und verwüstet, viel guten Weins, so sie nit trinken mögen, ausgelassen, die Gemächer und Trogen aufgestoßen, zerschlagen, was sie darin gefunden, genommen, gute Faß und Tugen, daraus neue Faß gemacht werden sollen, auch Wägen und Karren verbrannt und ihnen mit Angst und Not ab wehren lassen, daß sie nit das Sakrament hinaus, desgleichen die Sacristei nit aufgebrochen und die Kirche an ihrer Gotzzierde auch nit beraubt, sich auch etliche aus ihnen hören lassen, was das seie, sie schlagen denn die München und Pfaffen zu Tod, und nehmen ihnen das Ihre, und warum (= wofern) die armen Leut (= die abgefallenen Bauern) zu ihnen, da sie aus den Ämtern und Landschaften gesessen seien, schicken und sie um Hilf anrufen, so wollten sie ihnen zu Recht verhelfen und nit wider sie handeln“. —

Die Truppen waren ausgezogen, Untertanen zu strafen, die an dem alten Glauben nicht mehr nach Gebühr festhielten. Jetzt trat zu Tage, daß die breitesten Schichten auch in ihnen bereits von dem neuen Gifte infiziert waren. Bei solcher Stimmung war auf das Fußvolk der Landschaften weiter kein Verlaß. Die Kräfte des Widerstandes, die eben noch ausreichend zu sein schienen, waren zum Teil illusorisch. Die Folge mußte sein, daß nun in erhöhtem Maße adlige Kreise und fremde Kräfte zur Unterstützung herangezogen wurden. Es wäre denkbar, daß die verschiedenen Aufforderungen an den Schwäbischen Bund um die eilende Hilfe, von denen wir in diesen Wochen hören,1) nicht durch das Mißtrauen gegen jene Fußtruppen sondern durch die Lage im allgemeinen veranlaßt waren.

1) Das erste Schreiben des Hofrats zu Innsbruck an die drei Hauptleute des Schwäbischen Bundes, das von einer Unterstützung seitens des Bundes spricht, ist vom 13. Dezember datiert; hier ist aber die Unterstützung nur für den Fall in Aussicht genommen, daß die gütlichen Verhandlungen in Stockach kein Resultat hätten. Erst am 17. Dezember wird dann ein daraufzielendes Gesuch den Hauptleuten vorgetragen, mit Hinweis darauf, daß jetzt der auf der letzten Bundesversammlung zu Ulm vorgesehene Fall eingetreten sei. Vgl. die von Karl Hartfelder herausgegebenen Akten zur Geschichte des Bauernkriegs in Süddeutschland (Oberrheinische Zeitschrift, Band 39 [1S85J) 410, 411.

Und ebenso mag es sich mit den Gesuchen Ferdinands an adlige Vertrauensmänner im Allgäu, an der Donau, am Neckar, in Württemberg, ja sogar im Burgau verhalten, alle Grafen, Herren, Ritterschaft und Adel dieser Landstriche zusammenzurufen und mit ihnen die geeigneten Maßregeln gegen diesen Aufruhr zu beraten.1) Die Folge war eben die, die durch die Entwicklung der Dinge gegeben war: seit dieser Zeit bestand das Hauptkontingeut der Streitkräfte, die gegen Ulrich wie gegen die Bauern vorhanden w aren, aus dem Adel und seinem Anhang. Dieser hatte die Kämpfe der nächsten Monate im wesentlichen allein durchzufechten.

So war der Gegensatz hergestellt, der der ganzen bisherigen Entwicklung Deutschlands entsprach, und der dem Bauernkrieg — denn ein solcher fing jetzt an — sein Gepräge nicht weniger geben sollte als der Gegensatz der Bauern gegen die Klöster. Man darf es als historische Notwendigkeit bezeichnen, daß in dem Augenblicke, wo Leute unter dem Eindruck einer neuen Lehre, die für das ganze staatliche Leben eine neue sittliche Grundlage schaffen wrollte, sich gegen gewisse Pflichten auflehnten, die ihnen seit unvordenklichen Zeiten oblagen, daß in diesem Augenblick sich eben die Elemente zum Widerstand zusammenschlossen, die an dem bestehenden Zustand am meisten interessiert waren; das sind die weltlichen und geistlichen Fürsten mit dem hohen und niederen Adel, dessen Stellung eben in dem geistlich-wreltliehen Charakter des alten Reichs begründet war.

1) Die Aufforderung (Baumann, Akten 32, Nr. 55) ist Tom 22. Dezember 1524 datiert; das Schreiben der Ensisheimer Regierung an Ferdinand über die Ereignisse bei St. Trutpert trägt das Datum 27. Dezember, berichtet aber über Dinge, die vor dem 17. Dezember lagen, so daß also Ferdinand sehr gut schon früher darüber unterrichtet sein konnte.

Es hat ferner, in dem größten Zusammenhang betrachtet, seinen guten Sinn, daß dieser Zusammenstoß gerade dort erfolgte, wo der bei seiner Jugendlichkeit temperamentvollste Vertreter des alten Zustandes1) regierte, in dem südwestlichen Deutschland, das wegen seiner Lage im Gemenge nicht ebensogut gegen den Einfluß einer neuen Lehre abgesperrt werden konnte, wie jede andere seiner Provinzen.

Noch war der Gegensatz, so prinzipiell er hier und da schon aufgefaßt wurde, nicht prinzipiell gestellt. Die große Masse der Bauern ahnte noch immer nichts davon, daß man ihr Vorhaben mit der neuen Lehre in Zusammenhang brachte. Wir dürfen wohl glauben, daß sie vor Wilhelm von Fürstenberg eine solche Verbindung ableugneten, als er im Namen des Schwäbischen Bundes zu ihnen sprach.2) Aber darum ist nicht minder wahr, daß Männer wie Hans Müller von Bulgenbach und Cläwi Meyer von Griessen, denen gewiß noch eine ganze Reihe zuzuzählen wäre, wenn man nur genauere Daten von ihnen hätte, von der Reformation irgendwie berührt waren, mag sie ihnen nun durch Luthers oder — wahrscheinlicher — Zwinglis oder anderer Reformatoren Schriften oder mündlich durch Hubmaier, Münzer oder solche Leute bekannt geworden sein. Eben ihre und ihrer Gesinnungsgenossen Aufgabe ward, diesem Gegensatz in der Folge den richtigen Ausdruck zu geben.

1) So darf man wohl sagen trotz W. Friedensbürg, der Reichstag zu Speier 1526 (Berlin 1887) 20, der Ferdinands Stellungnahme zu Gunsten des alten Glaubens mit seiner Absicht in Zusammenhang bringt, die römische Königskrone zu erwerben.

2) Davon berichten Gnodalius (bei Schardius redivivus II. [Gießen 1673] 132) und Bucer (bei Stern, Über die 12 Artikel etc. 102).

Siehe auch:

Der deutsche Bauernkrieg : Der Beginn der Unruhen. Gründe für ihre Ausdehnung.