Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).

Es war nicht nur die Feindschaft zwischen Katholiken und Protestanten die Deutschland und darüber hinaus die europäischen Länder spaltete. Auch die Kampfstellung der deutschen Fürsten gegen die Kaisermacht hatte sich immer mehr verstärkt. Der Argwohn Frankreichs gegen das Haus Habsburg, das Frankreich von Deutschland und Spanien aus umklammerte, war gleichfalls dauernd lebendig. Vor allem aber lockte die Schwäche des-Deutschen Reiches die erstarkten Randstaaten zu einem Vernichtungskriege gegen die nordische Zentralmacht Europas.

Der Glaubenskrieg beginnt.

Im Jahre 1618 starb der Kaiser. Sein Bruder Ferdinand hätte nun König von Böhmen werden müssen. Er war ein grimmiger Feind der Protestanten. Die evangelischen Böhmen wählten deshalb nicht ihn, sondern den Kurfürsten Friedrich von der Pfalz, der als König in Prag einzog. Ferdinand wollte Böhmen zurückgewinnen. Deshalb rüstete er ein Heer und rief die Liga zur Unterstützung herbei. Ihr Feldherr Tilly schlug die Böhmen am Weißen Berge bei Prag. Auch die Fürsten der Union wurden von 1620 Tilly in Süddeutschland in mehreren Schlachten geschlagen und zogen sich nach Norddeutschland zurück.

Völkerkrieg gegen Deutschland.

Die Nachbarn Deutschlands erkannten die günstige Gelegenheit, die Vorherrschaft des Reiches in Europa zu brechen. Die Dänen versuchten, sich an der Nordsee festzusetzen. Sie verbündeten sich mit Frankreich und England und stellten zwei Heere auf, eins in Norddeutschland und eins in den Niederlanden.

Wallenstein und Tilly gegen die Dänen.

Dem Kaiser war es lästig, daß er von der Liga abhängig war. Da kam ihm der böhmische Edelmann Wallenstein zu Hilfe. Schon während des böhmischen Krieges stand er dem Kaiser mit drei Regimentern zur Seite. Nun bot er ihm an, auf eigene Kosten ein Heer aufzustellen.

Massenhaft strömen den Werbern die Burschen zu, katholische und evangelische. Die deutsche Waffenfreude siegt, wenn sie auch längst zuchtlos entartet ist. Keiner fragt mehr, wofür er kämpfen soll. Sie wissen, daß Wallenstein gut und regelmäßig zahlt. Und wenn er siegt, gibt’s Beute und herrliche Tage, ln einem riesigen Lager sind die Landsknechte Wallensteins vereinigt. Da stehen die Zelte dicht gedrängt und bunt bewimpelt. Das Zelt des Hauptmanns ist besonders reich geschmückt und überragt alle anderen. Bei der Lagerwache gehfs lustig her. Eben hat die Marketenderin ein frisches Faß angesteckt, und ein fettes Essen brodelt im Kessel über dem Feuer. Die derben Landsknechtslieder klingen auf, die „Schelmbeine“ rollen auf der Trommel um die Beute. Sorgen kennen die Landsknechte nicht. „Lustig gelebt und selig gestorben“, ist ihr Wahlspruch.

Wallenstein säuberte Sachsen und Schlesien und trieb vereint mit Tilly den Dänenkönig auf seine Inseln. Vergeblich belagerte er dann die Stadt 1628 Stralsund, die auf der Seeseite von den Schweden Unterstützung erhielt. Er wollte das ganze Ostseegebiet für Deutschland zurückgewinnen. Doch war er dem Kaiser und anderen Fürsten zu mächtig geworden. Plötzlich 1630 wurde er abgesetzt und zog sich auf seine Güter zurück.

Wallenstein und Tilly gegen Gustav Adolf.

Der junge Schwedenkönig Gustav Adolf beobachtete die Kämpfe und Plane Wallensteins an der Ostsee mit Mißtrauen. Er wollte die Ostsee zu einem schwedischen Meer machen, verstand es aber, sein Ziel geschickt mit der Unterstützung der evangelischen Glaubensbrüder in Deutschland zu 1630 tarnen. Im Jahre 1630 landete er mit 13000 Mann Kerntruppen auf der Insel Usedom. Frankreich, das unter Kardinal Richelieu selbst seine Evangelischen verfolgte, versprach Gustav Adolf jährlich 400000 Taler Hilfsgelder. Es hoffte, durch ihn den Kaiser und Deutschland zu schwächen. Der Kaiser konnte den Schweden vorläufig nur Tillys Heer entgegenstellen. Tilly zog zunächst gegen das evangelische Magdeburg. Die schwache Verteidigung wmrde überrannt und die Festung erobert. Ein Riesenbrand brach aus, die wütende Soldateska der Kroaten und Wallonen in Tillys Heer plünderte, quälte, schändete, mordete 30000 der wehrlosen Bürger. Eine der reichsten Städte Deutschlands sank bis auf den Dom. ein Kloster und einige Fischerhütten in Schutt und Asche. Grauen und Schrecken erfaßte das deutsche Volk.

Als Tilly sich nun auch gegen Leipzig wandte, schlugen ihn die vereinigten Schweden und Sachsen in der Schlacht bei Breitenfeld vollständig. Der Sieg Gustav Adolfs erfüllte das evangelische Deutschland mit Jubel, das katholische mit Verzweiflung. Schon dachte der schwedische König an ein nordisches Kaisertum, durch das Deutschland auseinandergerissen worden wäre.

Da rief der Kaiser den General Wallenstein wieder auf den Plan. Bald folgte seinen Fahnen aufs neue ein großes Heer. Bei Lützen, in der Nähe von Leipzig, kam es im November 1632 zur Entscheidungsschlacht. Gustav Adolf stellte sich selbst an die Spitze eines Reiterkorps. Doch eine Kugel brachte ihm den Tod. Seine Truppen aber stürmten todesmutig vor und errangen den Sieg.

Wallenstein sollte den Tod seines großen Gegners nicht lange überleben.

Er trug sich mit großen Plänen. Die ausländischen Heere wollte er vom deutschen Boden wegfegen, den Glaubensstreit beenden, die Fürstenmacht brechen und ein neues, starkes Kaisertum errichten. Die Gegner ahnten seine Pläne. Sie hetzten einen Teil der Truppen gegen ihn auf und in Eger wurde der Feldherr von den eigenen Offizieren ermordet.

Deutschlands Verwüstung durch Franzosen und Schweden.

Jetzt wurde der Krieg ein sinnloses Gemetzel, das sich noch fast anderthalb Jahrzehnte hinzog. Vaterlandslose Söldnerscharen und zuchtlose Räuberbanden plünderten, erpreßten, quälten und töteten die Bewohner. Das verkommenste Gesindel ließ sich bei den Heeren anwerben. Zu den vielen fremden Völkern waren seit 1635 noch die Franzosen gekommen.

Sie alle wollten bei der Aufteilung Deutschlands ein Stück erwerben. Große Strecken Landes, die einst fleißige Menschen ernährt hatten, wurden Wüstland. Es hatte keinen Zweck, daß der Bauer sein Land bestellte. Immer wieder kamen Plünderer, vernichteten Saat und Ernte und fielen in die Häuser ein. Truhen und Schränke flogen in Splitter, Troßweiber und Buben wühlten nach Kostbarkeiten. Das Vieh wurde aus den Ställen gezerrt. Was das Gesindel nicht brauchen konnte, flog auf die Straße. Die Häuser wurden angezündet. Ganze Dörfer brannten nieder. Auf den Straßen wucherten Gras und Unkraut. Schaurig hallte das Heulen der Wölfe durch die menschenverlassenen Gegenden. Die Bauern schleppten den letzten Rest ihrer Habe in den Wald und suchten Schutz hinter Domengehege und Gestrüpp. Es fehlte an den notwendigsten Lebensmitteln. Hunger und Pest rafften dahin, was den Menschenschindern entging. In manchen Gegenden fielen neun Zehntel aller Einwohner dem Kriege zum Opfer. Alles wartete sehnsüchtig auf den Frieden.

Der Vemichtungsfriede von Münster und Osnabrück.

1648. Nach jahrelangen Verhandlungen schloß endlich der Kaiser 1648 den „Westfälischen Frieden“, in Osnabrück mit den evangelischen Fürsten und den Schweden, in Münster mit Frankreich.

Dieser Friede besiegelte die politische Ohnmacht Deutschlands auf Jahrhunderte. Der nordische Kernstaat, der solange Europa geführt hatte, war nur noch ein Schatten ohne Macht und ohne Ansehen. Alle Fürsten und Reichsstände wurden selbständig; sie konnten Kriege fuhren und Bündnisse schließen, mit wem sie wollten. Der Kaiser verlor alle Macht an den vielköpfigen „Reichstag“, in dem auch die Gesandten Frankreichs, Schwedens und Dänemarks saßen. Der Traum vom Reich war ausgeträumt, Deutschland war ein Gewirr von 240 selbständigen Gebieten und ein Spielball seiner Nachbarn geworden.

Die fremden Mächte rissen weite Teile deutschen Landes an sich. Frankreich rückte an und über den Rhein. Schweden nahm die Mündungsgebiete der deutschen Flüsse Weser, Elbe und Oder. Die Schweiz und Holland ließen sich ihre Selbständigkeit bestätigen. Damit waren Quelle und Mündung des Rheins für Deutschland verloren, Deutschland war vom Meere abgedrängt. Die Hauptgewinner waren die Randmächte Frankreich, England und Schweden.

Der größte Teil des deutschen Volkes war dem Kriege zum Opfer gefallen, von 18 Millionen lebten nur noch 5 Millionen ein elendes und erbärmliches Leben. Der nationale Stolz war zertreten, fremde Sitten, fremde Kleidung, fremde Sprache nahmen überhand. Die Fürsten und Edelleute gingen mit schlechtem Beispiel voran.

Der Religionsfriede wurde erneuert. Beide Bekenntnisse, zu denen noch die Reformierten kamen, hatten gleiche Berechtigung. Aber die Glaubensspaltung blieb weiterhin bestehen. Dieser Friede war teuer erkauft: Das Reich zerschlagen, der Feind im Lande, deutsches Land verloren, deutsches Volk gespalten, der Boden verwüstet.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.