Der Erste Weltkrieg im Baltikum

Für die baltischen Staaten wurde das Ringen der benachbarten Großmächte, insbesondere zwischen Deutschen und Russen, zur Geburtsstunde ihrer modernen Staatlichkeit. Zugleich hinterließ dieser Krieg für lange Zeit Narben,weil durch den Frontverlauf insbesondere der lettische Raum zu einem zentralen Schlachtfeld wurde. Und als der Weltkrieg längst beendet war, floß infolge des russischen Bürgerkrieges und der Freikorpskätnpfe an der Ostsee weiterhin Blut.

Zwischen März und September 1915 geriet Litauen unter deutsche Besatzung, im Mai das Kurland. Dort wurde der Vormarsch des kaiserlichen Heeres gestoppt. Zwei Jahre lang verlief die Front auf halbem Wege zwischen Mitau und Riga und entlang der Düna. Deutsche Soldaten stießen auf weitgehend entvölkerte Landstriche: Die russische Angstpropaganda hatte Erfolg gehabt und große Teile der litauischen Bevölkerung zur Flucht veranlaßt.

Auch unter den Letten hatte eine Massenflucht eingesetzt; mehr als ein Drittel von ihnen wurden entwurzelt. Die Einwohnerzahl Kurlands sank von 800 000 schlagartig auf 230 000, als mit den von den Russen demontierten Industrieanlagen auch die Arbeiter und ihre Familien ins Innere des Reiches zogen. Die durchweg deutschfreundliche jüdische Bevölkerung gab wenig auf derartige Phantasien. Doch der russische Oberbefehlshaber, Großfürst Nikolai, hatte sie unter dem Vorwurf »hochverräterischer Handlungen« zwangsweise deportieren lassen. Am 3. September 1917 nahmen deutsche Truppen Riga ein, im Oktober mit Hilfe der Flotte auch die estnischen Inseln Oesel, Moon (Muhu) und Dagö (Hiiumaa).



Die weitgehende Entvölkerung des lettischen Raumes bestärkte Überlegungen in Berlin, in der Obersten Heeresleitung und vor allem unter den Deutschbalten, die Ostseeprovinzen nach einem siegreichen Kriegsende zum deutschen Siedlungsraum zu machen. Insbesondere rußlanddeutschen Bauern sollte dort eine neue Heimat geboten werden. Selbst Gustav Stresemann, der spätere Weimarer Außenminister, befürwortete (bereits im Dezember 1914) als Sprecher des Zentralverbandes deutscher Industrieller eine Angliederung der baltischen Provinzen ans Deutsche Reich. Im »Baltischen Vertrauensrat« organisierte deutschbaltische Persönlichkeiten baten am 28. Juni 1915 den deutschen Kanzler Theobald von Bethmann-Hollweg, die »Ostseeprovinzen« in ihrer Gesamtheit als integrierenden Teil von Deutschland zu betrachten. Am 31. Dezember 1917 faßte der livländische außerordentliche Landtag eine Resolution gleichen Inhalts.

Die lettische Bevölkerungsmehrheit war an derartigen Resolutionen natürlich nicht beteiligt. Dementsprechend äußerte sogar die deutsche Heeresleitung im September 1917 Zweifel, ob der baltische Adel im Namen der Einwohnerschaft zu sprechen autorisiert sei.

Insbesondere Kanzler von Bethmann-Hollweg (im Amt bis Juli 1917) widersetzte sich Anschluß-Konzeptionen. Er bevorzugte die Verselbständigung jener Region zu einem Puffer gegen Rußland, »der, ohne zu Altdeutschland zu gehören, später allein die Schrecken des Krieges ertragen hätte«. Teilweise schloß sich die Oberste Heeresleitung dieser Politik an.

Ein Jahr später, nach dem Frieden von Brest-Litowsk, in dem Rußland auf Kurland und Litauen verzichten mußte, wuchs der Einfluß der Annexionisten in Berlin beträchtlich. Aber die Mehrheit im Reichstag verteidigte weiterhin die Idee der Selbstbestimmung, und im September 1918 erteilte der Bundesrat einer Personalunion des Reiches mit Kurland, Livland und Estland eine klare Absage. Dabei hatte unmittelbar zuvor, im Ergänzungsvertrag vom 27. August zum Brester Frieden, Rußland seine Ansprüche auch auf Livland und Estland aufgeben müssen.

Eine Landesversammlung von 440 lettischen Delegierten in Wolmar (Valmiera) hatte am 25./2Ö. März 1917 die administrative Bildung eines »Lettland« als Zusammenfassung Südlivlands, Kurlands und Lettgallens gefordert. Ein provisorischer lettischer Landesrat sollte die Funktion des ehemaligen ritterschaftlichen Landtages übernehmen. Ziel war die Autonomie innerhalb eines reformierten Rußlands. Die russische Regierung stimmte zu, nicht jedoch linksextreme lettische Kräfte, die am 29. April einen besonderen Landlosenrat ausriefen und Selbstverwaltung proklamierten. Am 16. Mai kam es zu einer paritätisch besetzten Körperschaft (»Livländischer Provisorischer Landrat«) aus diesen beiden Institutionen. Ein lettgallischer Landesrat beschloß am 10. Mai die Vereinigung mit den übrigen lettischen Provinzen. Russische Delegierte erhoben aber dagegen Einspruch, und auch Petrograd (wie St. Petersburg seit 1915 hieß) verweigerte seine Billigung (erst die bolschewistische Regierung stimmte am 14. Dezember zu).

Nach der Besetzung Rigas durch deutsche Truppen am 3. September 1917 und dem Verbot aller lettischer Parteien und Selbstverwaltungseinrichtungcn sowie der Verhaftung zahlreicher ihrer Exponenten formierte sich konspirativ der »Demokratische Block« als Gremium bürgerlicher bis sozialistischer Kräfte, die für staatliche Unabhängigkeit eintraten. In einer Entschließung forderte der Block ein »republikanisches, neutrales und ungeteiltes Lettland«. Die Bolschewisten, die für den Verbleib bei Rußland kämpften, und die monarchistische Volkspar-tei, die für den Anschluß an Deutschland eintrat, gehörten dem Block nicht an..

In Dorpat hatten am 4. März 1917 maßgebliche estnische Politiker Autonomie für das von ihrem Volk bewohnte Territorium gefordert und von Petrograd zugestanden bekommen. Durch diesen estnischen Vorstoß war, im Zusammenhang mit dem lettischen Beschluß vom gleichen Monat und der jeweiligen Zustimmung der Regierung die Dreiteilung der Ostseeprovinzen überwunden: Aus Nordlivland und Estland entstand das neue Gouvernement Estland, aus Südlivland und Kurland das Gouvernement Lettland (dem später Leitgallen beitrat). Am 1. Juli trat erstmals der neue estnische Landesrat, Maapäev, zusammen. Wohl in diesem Gremium feierte die Idee unabhängiger baltischer Staaten ihre politische Premiere: Jaan Tönisson plädierte am 7. September für die Trennung von Rußland. Ihm schwebte eine »nordische Union« vor, der die skandinavischen Länder, Finnland, Litauen, Lettland und Estland angehören sollten. Doch zunächst setzte die Mehrzahl der Politiker auf eine föderative Veränderung Rußlands, das soeben seine Autokratie abgeschüttelt hatte – die Despotie, die ihr unter Lenin und seinen Epigonen folgen sollte, war noch nicht zu erkennen.

In Wilna konstituierte sich am 18. September 1917 ein litauischer Vertrauensrat, an dessen Konferenz Vertreter aller Kreise und Parteien teilnahmen. Die von ihm gewählte provisorische Landesregierung (Trayba). deren Präsident Antanas Smetona zum wichtigsten litauischen Nachkriegspolitiker werden sollte, forderte die Schaffung eines unabhängigen litauischen Staates. Ende November gab der deutsche Reichskanzler Graf Hertling im Berliner Reichstag die Unabhängigkeitserklärung für Litauen ab, nachdem die expansionistische Fraktion

in Wilna auf die Forderung nach einer Einbeziehung Nord-Ostpreußens verzichtet hatte. Die offizielle Unabhängigkeitserklärung für Taryba erfolgte am 16. Februar 1918 und wurde von Kaiser Wilhelm II. am 23. März bestätigt. Zuvor hatte die litauische Seite jedoch umfangreiche Bedingungen erfüllen müssen, die auf engste Anbindungen an das Deutsche Reich hinausliefcn, darunter eine Militärkonvention sowie Zoll- und Münzunion.

Der Verfassungsentwurf der Taryba sah eine konstitutionelle Monarchie vor: Am 9. Juli 1918 wählte sie Herzog Wilhelm von Urach, Graf von Württemberg, zum litauischen König.

Dies stieß auf Widerstand in Berlin, wo eine enge Anbindung Litauens an Sachsen oder Preußen vorgesehen war. Litauens Entscheidung für den württcmbcrgischen Grafen war keineswegs ein Zeichen besonderer Germanophilie, sondern die verzweifelte Flucht vor sächsischen und preußischen Begierden.

Erst unter dem Reichskanzler Prinz Max von Baden und vor dem Hintergrund der Entwicklung an der Westfront – dort war es am 29. September 1918 zur Forderung der Obersten Heeresleitung nach Ausgabe eines Waffenstillstandsangebots gekommen – erhielt die Taryba die Erlaubnis zur Regierungsbildung. Am 20. Oktober erklärte der Kanzler einer litauischen Delegation unter Smetona die Bereitschaft des Reiches, die Souveränität Litauens zu respektieren. Am 5. November wurde Augustinas Voldemaras zum Ministerpräsidenten gewählt. Die Bolschewisten erhielten vor allem unter den Letten starken Zulauf, während die vom Kriegsgeschehen nicht so umfassend betroffenen Esten Distanz wahrten. Bei Stadtparlamentswahlen erzielten die bolschewistisch dominierten Sozialdemokraten Lettlands am 26. August 1917 – also noch deutlich vor dem Petrograder Oktober-Putsch – in Riga 41 Prozent und in Wolmar und Lemsal gar absolute Mehrheiten von 64 bzw. 70 Prozent. Wenige Tage später, im September 1917, nahmen die deutschen Truppen Riga ein.

Nach Lenins Machtergreifung in Petrograd setzte sielt der Trend fort. Insbesondere die lettischen Soldaten liefen zu den Bolschewisten über. Die Räte übernahmen in Lettland und Estland die Macht, auf echten Widerstand stießen sie zunächst aber nirgends. Bei den Wahlen zur russischen Konstituierenden Versammlung im November kamen die Bolschewisten in dem von ihnen nach wie vor kontrollierten Teil Lettlands (es handelte sich um lediglich drei Bezirke) gar auf 72 Prozent – in Petrograd waren es zur gleichen Zeit nur 45 Prozent. Als Exekutiv-Komi-tee der lettischen Arbeiter, Soldaten und Landlosen proklamierte die »Iskolat«-Regierung Ende Dezember 1917 in Walk (Valka) an der Grenze zu Estland die territorial sehr eilige schränkte Räteherrschaft. Sic dauerte jedoch nur bis zum Februar 1918 und dem Ende der deutschen Okkupation des gesamten baltischen Raumes an.

In Estland fanden die Bolschewisten demgegenüber nur in sehr geringem Maße Unterstützung. Wahlen zur Nationalversammlung am 7./8. Juli 1917 brachten ihnen lediglich 24 Prozent der Stimmen. Ähnlich blamabel waren die Ergebnisse zur russischen Konstituierenden Versammlung im November, bei denen 61 Prozent aller Wähler anti-bolschewistisch optierten. Statt dessen gewannen die Ideen des Jaan Tönisson bezüglich eines eigenen Staates an Popularität. Der Arbeiter- und Soldatenrat jagte jedoch den Maapäcv, der die Unabhängigkeit Estlands proklamieren wollte, am 28. November 1917 auseinander, zerschlug die estnische Presse, übernahm einige Zeitungen samt Redaktionen und Druckereien und zwang die anderen auf pro-sowjetischen Kurs. Doch die öffentliche Meinung ließ sich nicht gleichschalten: Bei Neuwahlen im Februar 1918, die mit Einverständnis der Räte eine estnische konstituierende Versammlung hervorbringen sollten, zeichnete sich ein erneutes Debakel für die Kommunisten ab. Nach Abgabe von rund 70 Prozent der Stimmen wurde deutlich, daß die Bolschewiken mit allenfalls einem Drittel der Abgeordneten zu rechnen hatten, während jene Parteien, die für eine staatliche Unabhängigkeit cintraten, die absolute Mehrheit erreichten. Daraufhin annulierte der Arbeiter- und Soldatenrat die Wahl.

Angesichts des einsetzenden bolschewistischen Terrors gewann für viele Dcutschbalten, aber auch für estnische Bürgerliche der weitere Vormarsch der deutschen Truppen immer stärker den Charakter einer Befreiung. Die »Vogelfreierklärung des Adels« vom 9. Februar 1918, ausgesprochen durch das Exekutivkomitee des Revaler Arbeiter- und Soldatenrates, bestätigte die schlimmsten Befürchtungen hinsichtlich von Repressionen gegen die Deutschbaltcn, die über bloße Enteignungen weit hinausgingen. Selbst ein enger Weggefährte Lenins, Isaac Steinberg, Volkskommissar für Justiz, äußerte sich entsetzt über die Legalisierung des Abschlachtens von Menschen, »deren Schuld nur darin besteht, daß sie im Baronsstand geboren sind.« Bald darauf schied Steinberg aus der Politik aus.

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Das Balten-Gebet
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Das Ende Alt-Livlands
Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
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Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

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    13. September 2017

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