Der Kampf um Memel

Das Memelgebiet ist nach Artikel 99 des Versailler Vertrages vom Deutschen Reich abgetrennt werden und wird von den „alliierten und assoziierten Hauptmächten“ solange verwaltet, bis sie über sein Schicksal endgültig entschieden haben werden. Für diese Entscheidung gibt jener Artikel 99 den Mächten völlig freie Hand. Zwar war Litauen während der Entstehungsgeschichte dieses Artikels und in den Erwägungen, die von den Gegenvorschlägen der deutschen Friedensdelegation in Versailles und der darauf erteilten Antwort der Friedensmächte berührt wurden, sofern einmal die Abtrennung von Deutschland erfolgte, als Prätendent in irgendeiner staatsrechtlichen Form für Memel in Betracht gezogen worden. Aber unmittelbare Ansprüche, wie z. B. Polen in Danzig zugesichert erhielt, wurden Litauen im Memelgebiet nicht eingeräumt. Ja, die erwähnte Antwort der Alliierten auf die Brockdorff-Rantzauschen Gegenvorschläge betont ausdrücklich, dass die Alliierten erst zu prüfen gedächten, ob das Gebiet Litauen zugeteilt werden sollte oder nicht.



Das Memelland, das ungefähr so gross wie Sachsen-Meiningen ist (rund 2,400 qkm.), aber kaum die Hälfte der Einwohner der Stadt Königsberg aufweist (Königsberg rund 300,000 Einwohner, Memelgebiet rund 150, 000) wird von Deutschen und Litauern bewohnt. Die überall vielumstrittene Nationalitätenstatistik findet also natürlich auch hier ein fruchtbares Feld für Kontroversen. Auf die Frage nach der häuslichen Umgangssprache, die zuletzt bei der Zählung von 1910 gestellt worden war, ergaben die Antworten, dass nicht ganz 51 Prozent der Bevölkerung derjenigen Ostpreussischen Kreise und Gemeinden, die heute das Memelgebiet bilden, die deutsche Umgangssprache benutzten, etwas über 48 Prozent die litauische, kaum 1 Prozent andere (die lettische, russische usw.).

Die Stadt Memel (ca. 30,000 Einwohner) ist einschliesslich ihrer Arbeitervorstädte so gut wie völlig deutsch, ebenso im wesentlichen der Ort Heydekrug. Das flache Land bietet ein nicht einheitliches Bild. Der Landkreis Memel ist überwiegend litauisch und der Hauptstützpunkt des grosslitauischen Lagers. Im Landkreis Heydekrug halten sich beide Nationalitäten annähernd die Wage. Der südlichste Kreis Pogegen, seit der Abtrennung neu gebildet aus den nördlich vom Memelfluss gelegenen Gemeinden der Kreise Ragnit, Tilsit und Niederung, die zum Memelgebiet geschlagen wurden, ist so gut wie völlig deutsch. Im Mai 1920 wurde der neue Kreistag Pogegen gewählt. Das Ergebnis war: 15 deutsche Bürgerliche, 11 Sozialdemokraten (fast sämtlich deutscher Muttersprache), 1 parteiloser Litauer, 1 National-Litauer.

Ist die zahlenmässige Stellung des Deutschtums im Memellande stark, so ist seine soziale, geistige und kulturelle noch stärker. Nicht als ob der memelländische Litauer arm wäre. Nicht umsonst wählte er seinerzeit zum grossen Teil konservativ. Aber in Handel und Industrie, in Reederei und Fischerei, soweit es sich um grössere Unternehmungen handelt, ist er fast unvertreten. Teils fehlte die Initiative, teils zog der soziale Aufstieg früher eben unwillkürlich die Germanisierung nach sich. Das Gleiche gilt von den freien Berufen. Nur eine kleine Gruppe von Pfarrern, Lehrern, Journalisten, mittleren Beamten bildet hier den Ansatz zu einer litauischen Intelligenz, die aus einem Gefühl der Zurücksetzung heraus zu nationaler Eifersucht, zu Rangneid und Chauvinismus neigt.

Die Botschafterkonferenz hat in einer ihrer letzten Sitzungen sich mit der Lage in Litauen beschäftigt und beschlossen, nunmehr auch diesem jungen Staat die de jure Anerkennung nicht länger zu versagen. Somit ist die Vorbedingung geschaffen worden, dass nunmehr auch das Schicksal des Memelgebiets, das Deutschland gegen den ausdrücklichen Willen der Memelländer im Frieden von Versailles zugunsten der alliierten und assoziierten Mächte abtreten musste, entschieden werden kann. In der Antwort der Alliierten auf die deutschen Gegenvorschläge zu den Versailler Friedensbedingungen heisst es nämlich ausdrücklich, dass zunächst, d. h. bevor eine endgültige Entscheidung über Memel getroffen wird, die staatliche Zugehörigkeit des litauischen Gebiets bestimmt werden müsse. Tatsächlich hat auch die Botschafterkonferenz in der gleichen Sitzung beschlossen, eine Kommission mit der Ausarbeitung des politischen Status für das Memelgebiet zu betrauen. Man muss danach also annehmen, dass in Kürze die Entscheidung über das weitere Schicksal des Memelgebiets fallen wird. Es scheint darum dringend notwendig zu sein, die Botschafterkonferenz noch einmal an ihre Zusage zu erinnern, die sie durch ihren Oberkommissar der Bevölkerung des Memelgebiets seiner Zeit gemacht hat, dass nämlich vor der endgültigen Entscheidung über das Schicksal des Landes dessen Bewohner gehört werden sollen. Das erscheint um so erforderlicher, als es den Memelländern unter der französischen Besetzung nicht möglich gewesen ist, für ihr Recht zu kämpfen. Sogar die Propaganda für einen Freistaat wurde ihnen nur unter der Bedingung bewilligt, dass für einen solchen Freistaat der „Schutz“ einer westlichen Ententemacht gefordert wurde!

Es gewinnt nun leider den Anschein, als ob sich die Botschafterkonferenz damit begnügen könnte, einige Vertreter Memels zu hören, vielleicht sogar Vertreter, die der französische Oberkommissar ausgewählt hat, um danach ihren Spruch zu fällen. Es braucht wohl kaum besonders betont zu werden, dass ein solches Verfahren mit Selbstbestimmungsrecht nicht das mindeste zu tun hätte, und dass alle Memelländer dagegen Protest erheben. Wenn diesen Protest in der memelländischen Presse nicht laut geworden ist, so liegt das daran, dass die Besatzungsbehörde jede derartige Meinungsäusserung unterbindet.

Niemals aber kann ein Spruch anerkannt werden, der auf solche Weise zustande kommen würde. Was das Memelland fordert, das ist ein unbeschränktes Selbstbestimmungsrecht, wie es als Vorbedingung für das Niederlegen der Waffen dem deutschen Volke zugesichert war, mit anderen Worten eine Volksabstimmung von jeder Beeinflussung frei, die allein den Willen der Bevölkerung zeigen kann. Ein Spruch der Botschafterkonferenz, der ohne die Befragung der gesamten Bevölkerung des Memellandes zustande kommt, wird nie und nimmer als zu Recht bestehend anerkannt werden können und schon heute erhebt darum das Memelland Protest dagegen, dass hier etwa über das Schicksal des Landes entschieden werden soll, ohne Befragung der gesamten Bevölkerung, lediglich durch Vernehmung einiger Delegierter, die ein Mandat des Volkes nicht besitzen.

Die Stadt Memel.

Ich greife immer wieder nach der Landkarte, und sie ist von 1914. „Memel, die nördlichste Stadt Preussens“ — so lernte ich in der Schule und prägte mir eine merkwürdige geographische Sehnsucht ein und eine Vorstellung: in diesem Winkel läuft das Deutschland aus, wie das Bad durch das Loch in der Wanne.

Und nun die Erfüllung: ich sitze im Garten des Kurhauses Sandkrug, von der Stadt nur durch den breiten Wasserarm getrennt, der das Kurische Haff mit dem Meer verbindet.

Vor mir flach, sehr breit, fast den ganzen Rundblick säumend, ein Gemengsel von Rot, Grau und auch ein wenig Grün, mit wenigen ragenden Türmen, aber viel strebenden Schloten, die Stadt. Ich sitze wie am Klavier, einen Akkord suchend, — so suche ich den Akkord dieser Stadt, der merkwürdigsten. Die Hämmer der Werften schicken ihr Getöse (ach, es klingt nur zu sehr nach Maschinengewehr) zu mir herüber. Ab und an pfeift und pufft eine Lokomotive. Oder es kommt auch von einem Dampfer ein jäher brutaler Sirenenton. Auch sonst liegt stets Geräusch in der Luft. Ein fernes oder näheres Stampfen. Das Ohr pausiert keinen Moment. Aber das Auge nimmt hinter dem gemächlich wogenden Wasser kaum Bewegung wahr. Ein bisschen dünner, nordwestlich bewegter Rauch aus den Fabrikschloten. Hin und wieder löst sich eine Barkasse aus dem schlummernden, von wenig grösseren Schiffen besetzten Hafen.

Ich suche nach dem Ausdruck für die Banalität des Ortes, für diese so besondere und ausdrucksvolle Banalität, die mich gestern nach der Ankunft für eine kurze Stunde vollkommen in Fesseln schlug. Wer schreibt — fragte ich mich immer — den Roman dieser Stadt, diesen, klingenden, gefühlsgetränkten Roman der Banalität? Ich — der ich Norwegen nur von Ansichtskarten, den Bildern Munchs und den Romanen Hamsuns kenne, verlange leidenschaftlich nach diesem einen Knut, der in dem dürftigen Alltag der kleinen Städte die tiefsten Wunder des Herzens erblühen lässt.

Der Weg hierher war nicht weiter erregend — ein lässiges Gleiten im kleinen Dampfer über die mattbewegte Fläche des Haffs, sechs Stunden an den hohen gelben Dünen der Nehrung entlang. Es seien die höchsten Europas — gut. Man spricht von monumentaler Wüste. Ich will das später untersuchen, obgleicn ich es nicht liebe, für zwei Sekunden mit einem zugekniffenen Auge in Einsamkeit zu erschauern. Tiefer lockt das üppig aufgrünende Schwarzort. Man will mich vom Dampfer ziehen. Ich habe nur eine Sehnsucht: Memel.

Eine hässlich verwahrloste Anlegestelle, einiges provinzielle Gewimmel und Hüte schwenken. Zwei nagelneu angezogene Memeler Polizisten, in gelbbraunem Zeug: halb ententistisch, halb deutsch. Ein einziger Portier, in dessen Hotel kein Zimmer frei ist. Ein Junge hebt meinen Koffer auf die Schulter, wir stolpern los. Er meint, wir müssten einen Umweg gehenhen, wir kämen nicht durch. Wo durch? Na, durch den Jahrmarkt. Einmal im Jahr und gerade jetzt! Schon brüllt es aus zwanzig elektrisch betriebenen Musikmaschinen. Noch um eine Ecke, und da liegt’s. Riesige weisse, von Menschenkindern gerittene Schwäne wirbeln durch die Luft, buntes drehendes Karusselgeflimmer, Buden locken: das anatomische Museum, das Eisweib, Wunder der Natur, die Letzte ihres Stammes.

Dazwischen die flutende Menge der Mädchen und Burschen vom Lande. Breitwangige Gesichter mit kleinen, geschlitzten grauen Augen, weiss und zart die Haut der Frauen, niedere Stirnen unter den hübschen weissseidenen Kopftüchern. Etwas stumpf Sinnendes, noch nicht Erwachtes über allen. Litauer aus der Umgegend, viele aber auch von jenseits der Grenze, Leute, für die der heutige Montag der grosse Amüsiertag des ganzes Jahres ist. Dazwischen ein paar stolzierende Memeler Polizisten und einige kleine blaue schlendernde französische Alpenjäger.

Siehe auch:Das Baltikum
Das Balten-Gebet
Baltikum-Die ersten Freikorps
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Das Ende Alt-Livlands
Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Das Baltikum zwischen Bolschewisten und Zaristen
Der Erste Weltkrieg im Baltikum
Deutsche Truppen im Baltikum-Abwehrkämpfe gegen die Roten
Baltikum-Die Landeswehr
Das Baltenregiment
Das Baltikum und seine wechselnden Staatsformen
Baltikum-Das Ende der deutschen Dominanz