Der Neo-Impressionismus in Brüssel

Vergleichende Betrachtung der bildenen Künste

Band I

Drittes BUCH

Farbe und Komposition in Frankreich

I. DIE FARBE

Neo-Impressionismus in Brüssel

Der Neo-Impressionismus wäre etwas für eine ganz große, über einen Riesenstil verfügende Schule, für ein Projekt, wie es dem armen Idealisten van Gogh vorschwebte, der für eine unpersönliche Äußerung des Einzelnen zugunsten einer gewaltigen Massenschöpfung schwärmte. Was fehlt, ist der Stil, der ihren Vorgängern vor tausend und zweitausend Jahren, den Mosaikisten, zugute kam 1.

Ob er noch kommt, bleibt abzuwarten. Diese Entscheidung ist glücklicherweise von dem Schicksal der heutigen Neo-Impressionisten ganz unabhängig. So pessimistisch man manchen Taten der Gruppe gegenüberstehen mag, so reich gestaltet sich die Aussicht in das von ihnen nicht benutzte Feld. Schon Denis hat der Technik viel zu verdanken. Außerhalb von Paris mehren sich die Erfolge. Vielleicht ist Frankreich der am wenigsten geeignete Platz, die Resultate zu verwirklichen. Es steckt seit einem Jahrhundert voll von Amateuren, und die Künstler kommen mit dem Instinkt, diesen gefälligen Leuten zu dienen, auf die Welt. Die natürliche Rolle fällt den Ländern zu, die sich weiteren Zielen erschließen und die daher auch bei dem Neo-Impressionismus als solchem nicht stehen bleiben.

Zuerst trat Belgien mit weiteren Absichten an Seurat heran. Finch, der beweglichste der kleinen Kolonie, die sich später in Brüssel ansiedelte, machte den Anfang. Ihn hatte Whistler die Radierung gelehrt. Er malte in Ostende das Meer in dämmrigen Stimmungen und sehnte sich nach Farbe. Die englische Abstammung machte ihn für die Erfassung des Dekorativen geeignet. Er fand in der neuen Lehre die Förderung einer Flächenkunst, der sich in Belgien weniger Hindernisse in den Weg stellten als in Paris. Als Octave Maus zur selben Zeit, da sich in Paris die Indöpendants zusammenfanden, in Brüssel die Vereinigung der XX gründete, hatte man wie in Paris sehr viel Enthusiasmus, ohne recht zu wissen für was. Die Zwanzig, zu denen Finch gehörte, setzten sich aus ganz verschiedenen Elementen zusammen 2, aus alten und jungen Leuten, und sie zogen zu ihren Ausstellungen alle möglichen Künstler zu Gaste.

1 Ich verweise auf das Kapitel über die Neoimpressionisten in dem Bändchen „Der moderne Impressionismus“, in dem eine Gegenüberstellung der Mosaiken mit den N.-I. und eine geschichtlich vergleichende Betrachtung der Zeit des N.-I. in knapper Form versucht worden ist.

2 Die zwanzig waren: Achille Chainaye, Frantz Charlet, Guillaume Charlier, Henri de Groux, Dario de Regoyos, Paul Dubois, James Ensor, A. W. Finch, Fernand Khnopff, Felicien Rops, Willy Schlobach, Jan Toorop, Theo van Rysselberghe, G. van Strydonck, Isidore Verheyden, Guillaume Vogels, Rodolphe Wytsman und eine Dame: Frl. Anna Boch. — Octave Maus war der Sekretär und als zwanzigster figurierte der Schatzmeister. Später traten van de Velde, Lemmen, Minne u. a. dazu. Die Ausstellungen waren viel kleiner als die der Independants, die jeden ohne Jury aufnahmen. In Brüssel verstand man zu wählen und brachte Ausstellungen zusammen, die allen noch als ideale Veranstaltungen im Gedächtnis sind. — Als nach zehnjährigem ruhmreichen Bestehen aus den XX die Libre Esthetique wurde (Frühjahr 1894), wurden die Ausstellungen umfangreicher, aber büßten etwas an künstlerischem Sinne ein. immerhin denkt man auch an manche dieser Salons mit Vergnügen zurück.

 

Wer neue Wege suchte und das, was er wollte, zu gestalten verstand, war willkommen. Der ausländische Besucher verdankte den XX die Kenntnis manches Versteckten, so des großen Henri de Braekeleer mit seinen unnachahmlichen Interieurs, die köstlichen kleinen Bauernbilder des alten Xavier Mellety und last not least Constantin Meunier. Von den großen Parisern fehlte kaum einer; Rodin, der als junger Mensch in Brüssel gearbeitet hatte, war hier anfangs besser gekannt als in Paris, Pissarro hatte gute belgische Freunde. Als Seurat auftrat, bereiteten ihm die XX einen glänzenden Empfang.

Der Neoimpressionismus wurde in Brüssel weniger eine Malerschule als ein praktisches Kunstprogramm weiten Umfangs; er gab einer Gruppe unter den Malern der XX, und zwar den tüchtigsten Energien, eine gemeinsame Farbe. Es waren außer Finch namentlich Theo van Rysselberghe, Henri van de Velde, George Lemmen und Fräulein Anna Boch. Rysselberghe war unter ihnen als Maler am glücklichsten. Er stammte aus Gent (1862 geboren) und war, als Seurat seine Entdeckung machte, gerade noch jung genug, um einer flauen Malerausbildung eine entscheidende Krönung zu geben 1. Die Offenbarung wurde ihm wie vielen anderen die Ausstellung der Grande Jatte in Paris 1886. Er unterschied sich von vornherein grundsätzlich von den Parisern dadurch, daß er in der Technik ein Mittel sah, die menschliche Figur, den Sitz aller Monumentalmalerei, zu gestalten. Er fing mit Porträts an. Eine Reise nach Marokko im Winter 1887 entführte ihn wohltätig aus dem engen Bereich der Gruppe. Hier mag er größere Linien gesehen haben. Schon 1890 malte er seine „Femmes dans un Verger“, in denen sich seine eigentliche Bestimmung, Dekorationen großen Stils zu schaffen, kund tat. Er besaß noch nicht das starke Kompositionsgefüge; die Gabe verriet sich in der großen Reihe von Porträts,, denen er sich sechs Jahre lang fast ausschließlich widmete. Er lernte hier an der Einzelfigur, die er wirksam in den Raum stellte, die Flächenverteilung. Ein sehr großer Takt hat ihn bewahrt, an Unrechter Stelle den Versuchungen des Ornamentes im kleinen zu unterliegen, die Signac zu der kuriosen Regenbogenkarikatur Fénéons 2 trieben. Sein großes letztes Gruppenbild scheint wie die Krönung dieser Porträtkunst. Alle Werke von Rysselberghes 3  sind rhythmische Schöpfungen. Vielleicht ist die aufgebotene Kunst nicht immer tiefen Ursprungs.

1 Die Zeit vor dem Impressionismus v. R.s ist wenig ersprießlich. Sie wurde durch seine wiederholten Orientreisen bestimmt. Er studierte 1882 in Madrid Velasquez, 1883 ging er zum zweitenmal nach Marokko und malte zurückgekehrt den „Conteur arabe“ (im Museum von Namur) und eine Fantasie, die vor kurzem von dem Brüsseler Senat erworben wurde. Seine Reise 1887 war die dritte.

2 Es figurierte in den Ausstellungen anfangs der neunziger Jahre unter dem typischen Titel: Sur l’email d’un fond hythmique de mesures etd’angles, de tons et de teintes portrait de M. Felix Feneon (es gehört Feneon), und ist nicht der einzige mißglückte Versuch Signacs geblieben. Bei den Independants von 1892 stellte er u. a. „Arabesques pour une salle de toilette“ aus.

3 Hier eine Zusammenstellung der Hauptwerke van Rysselberghes:

1888 Porträt in ganzer Figur der Frau Paul Du Bois und das der Frau E. Picard.
1890 Les Femmes dans un Verger (gehört Herrn De Bock im Haag).
— DER NEO-IMPRESSIONISMUS IN BRÜSSEL ZZI 245
1891 Porträt der Gattin des Künstlers und das der Malerin A. Boch in Brüssel.
1892 „ „ Frau van de Velde und das des Dichters Verhaeren. Bei den Independants dieses Jahres auch mehrere andere Porträts.
1895 „ „ Violinspielerin Irma Sethe in Berlin.
1896 „ des Malers Signac im Boot.
1896—97 L’Heure Embrasee.
1898 Die Porträts der Frau Monnom, der Frau G. Fle und der Frau Verhaeren.
1899 Porträt der Gattin des Künstlers und der kleinen Tochter (gehört dem Museum in Brüssel).
1900 Serie der Marinen von Ambleteuse.
1901 Verschiedene Marinen; „Jeunes Femmes au bord de la mer“, Gruppenbild dreier junger Mädchen in Blau (gehört Herrn L. Guinotte in Brüssel), ein Kinderporträt „le petit Claude“.
1902 „Torse de femme nue“, Porträt der Frau De Molder und das große Panneau in dem neuen Hotel Solvay in Brüssel.
1903 „Une lecture“, Gruppenbild. Um Verhaeren, der den Freunden ein neues Stück vorliest, gruppieren sich: Viele

Griffin, Andre Gide, Maurice Maeterlinck, Felix Feneon, Dantec, H. Edmond Cross und Henri Gheon. Die Figuren in Lebensgröße.

Von den Buchornamenten van Rysselberghes sei erwähnt:

Der Almanach „Verhaerens“ (bei Dietrich & Co., Brüssel 1895), die „Histoires Souveraines“ von Villiers de l’Isle Adam (bei Deman, Brüssel 1899), Umschlag der „Libre Esthetique“, der erste Umschlag der „Dekorativen Kunst“ etc. Auch verschiedene Plakate, z. B. die lesende Dame für die Libre Esthetique des Jahres 96 und das mit den beiden Damen, auch für die L. E.

________________________

Die Auffassung erinnert zuweilen an die laxe Art Besnards; aber sie vermeidet, wenn sie sich von den seltenen Höhen der Kunst fernhält, mit Sicherheit die Klippen; und sie verdient in unserer Zeit Aufmerksamkeit, weil sie das Bestreben eines gesunden, einfachen Menschen trägt, dem daran liegt, seine Kunst vernünftig zu benutzen. In seiner ersten großen Dekoration „L’Heure Chaude“ verletzt noch bei allem Behagen an den sehr gefälligen Badenden der Mangel an Distinktion; das Bild hat sehr große Reize, aber sie liegen ein wenig zu flach. Auch die Komposition sitzt nicht fest; sie rutscht von rechts, der Gruppe am Lande, nach links, wo die Mädchen im Wasser spielen, statt nur den Blick zu geleiten. Man spürt den Einfluß des unsoliden Pariser Salons, nicht der großen französischen Tradition, der Seurat verdankte. Um so erfreulicher ist der Fortschritt von den Badenden zu der Wanddekoration bei Solvay, wo sich alle guten Eigenschaften Rysselberghes zur maßvollen Gestaltung einer modernen Idylle vereinigt haben, einem Hauptwerk der Schule und wohl überhaupt der Kunst unserer Tage.

Den anderen Brüsselern diente der Neoimpressionismus zum Sprungbrett in die materielle Dekoration. Finch wurde Töpfer. Graf Sparre holte ihn Mitte der neunziger Jahre nach Helsingfors, wo er die Bauernkeramik treibt, aber auch das Malen nicht vergißt. Lemmen half die Schule zu den schönen Farben seiner Dekorationen auf Leinwand, Papier, in Glasmosaik und in dem Teppichgewebe. Er verdankt trotzdem mehr dem Zeichner Seurat als dem Farbenkünstler. Wenigstens scheinen mir seine Porträts in Kohle mit wenig Farbe bei weitem das merkwürdigste seiner ersten Zeit. Das Bildnis dreier Frauen, das vor mehreren Jahren in der Libre Esthetique ausgestellt war und, soviel ich weiß, in dem Besitz des Künstlers geblieben ist, verband mit einer ganz geschlossenen, schön geschwungenen Form eine eigentümlich sichere Erfassung der Physiognomik. Man ahnte in den rhythmischen Linien den glänzenden Typographen und konnte sich doch nicht der Vorstellung erwehren, ein naturähnliches Bildnis vor sich zu haben. Nicht jedem war die Art sympathisch. Wenn van Rysselberghe zuweilen zu leichtblütig scheint, ganz der Typ des modernen, unternehmungslustigen Belgiers, fliegt in Lemmen noch das alte träge Blut des Vlaamen, der sich fast mit der neuen Form in Widerspruch befindet. Sein Auftreten ist nie banal, ja er hat erstaunlich prächtige Dinge erfunden; aber dieser Reichtum hat oft etwas Bedrückendes; wir sind an solche Behäbigkeit nicht mehr gewohnt. Der Rhythmus läuft in die Breite wie seine Ornamente, die — im Gegensatz zu der schlanken Linie van de Veldes — so viel Oberfläche wie möglich bedecken. Freilich, und das ist das Wohltuende, wird man nie eine Linie bei Lemmen finden, die nicht zu ihm gehört. Seltsamerweise hat ihn die moderne Industrie vernachlässigt, fast könnte man sagen, glücklicherweise; denn dieses Mißgeschick hat ihn zu der Malerei zurückgetrieben. Seit ein paar Jahren macht Lemmen entzückende Interieurs von gewählter Farbe und einer Zeichnung, die nicht mehr oder weniger die Arabeske sucht als die alten Niederländer, wenn sie ihre Natur malten. Diese Pastelle scheinen mir, so anspruchslos sie sind, die kultivierteste Malerei des heutigen Belgiens; sie geben für Brüssel das, was in Paris etwa Vuillard bedeutet Der Aufenthalt in den Gefilden des Ornaments hat die Hand Lemmens sicher gemacht; er ist herber als die Pariser, nicht so überraschend wie Bonnard, nicht so raffiniert wie Vuillard, aber gibt dafür in einfacherer Form etwas ebenso Selbständiges wie sie. Er ist immer noch der Vlaame und sorgt unbekümmert um das in alle Richtungen zerflatternde Kunstleben des Landes für die Fortsetzung der ruhmreichen Überlieferung seiner Heimat, für die de Braekeleer wirkte.

Van de Velde endlich war — wenn überhaupt — die kürzeste Zeit von allen belgischen Neo-Impressionisten ausschließlich Maler, und er verdankt nicht zum geringsten der Schule Seurats, daß er zu dem Künstler wurde, den wir in ihm verehren. Ich versuche in einem späteren Kapitel, seiner Bedeutung gerecht zu werden.

So fließt in dem kleinen Brüssel die Kunst in das Leben, und dieser Schlußakt ist geeignet, die Betrachtung dieses ganzen Impressionismus mit frohen Lichtern zu färben. Vielleicht entschuldigt er das Flüchtige dieser Malerei, das Bedingungshafte ihrer Technik, ja ihrer ganzen Existenz. Schon heute fallen manche Bilder der Impressionisten wie mürbe Asche von der Leinwand, andere werden in den Rahmen zu farblosem Staub. Gerade der Prunk, der den Zeitgenossen am herrlichsten dünkte, wird zuerst zunichte. Denkt man an die Folgen, die in Brüssel greifbar, aber in der ganzen Welt, wo immer mit Farben geschaffen wird, von Tag zu Tag deutlicher werden, so verklärt sich die Melancholie über den kurzen Bestand dieser Dokumente durch die frohe Einsicht, daß die Leuchte, die sie uns gaben, verlöschen kann, nachdem sie den Weg in die Zukunft belichtet hat.

Text aus dem Buch: Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst : vergleichende Betrachtung der bildenen Künste, als Beitrag zu einer neuen Aesthetik, Author: Meier-Graefe, Julius.

Siehe auch:
_____ Ersteses Buch _____
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung
Die Träger der Kunst Früher und Heute
Traditionen
Die Entstehung des Malerischen
Die Blüte der Malerei
Das Empire
Ingres
Die deutsche Kunst
Delacroix und Daumier
Honoré Daumier
Jean-François Millet und sein Kreis
Der Einfluss Jean-François Millet
Giovanni Segantini
Vincent van Gogh
_____ Zweites Buch _____

Constantin Meunier
Die vier Säulen der modernen Malerei
Edouard Manet
Edouard Manet und Whistler
Paul Cezanne
Vuillard-Bonnard-Roussel
Edga Degas
Edga Degas und sein Kreis – Die Nachfolger
Pierre-Auguste Renoir und sein Kreis

_____ Drittes Buch _____

Farbe und Komposition in Frankreich
Claude Monet
Georges Seurat
Paul Signac
Der Neo-Impressionismus als Kunstform

3 Comments

  1. […] in Frankreich Claude Monet Georges Seurat Paul Signac Der Neo-Impressionismus als Kunstform Der Neo-Impressionismus in Brüssel Die Farbe in der Skulptur Auguste Rodin Medardo Rosso Der Impressionismus in der Plastik Die […]

    10. März 2016

Comments are closed.