Der Schatten Rembrandts

Vergleichende Betrachtung der bildenen Künste

Band I

Drittes BUCH

II. DIE KOMPOSITION

DIE HEIMLICHE ROMANTIK

Wenn die Menge in den Palast dringt, um den armen König in die Verbannung oder auf dem kürzeren Weg ins Jenseits zu stoßen, finden sich immer ein paar treue Diener, die den letzten Willen ihres königlichen Herrn in ihren Busen verschließen, die Sachen, die er benützte, bewahren und sein Andenken wie Reliquien pflegen. Als Delacroix verschwand, war die Tragik nicht so groß. Die Romantik stürzte nicht mit dem Getöse einer Palastrevolution, sondern weil der König keine Nachkommen hatte und das Volk keinen anderen gesalbt hätte. Aber sie verbarg sich nur, um zu einem besseren Zeitpunkt wieder aufzustehen oder wenigstens von schönen Hoffnungen zu leben. Unser Klossowski hat sie neulich auf dem Montmartre gesehen 1. Lange vorher hatten Corot und Diaz ihre Ideale in heimliche Wälder geflüchtet und Monticelli seine Schwärmerei in einem Mosaik von Farben verborgen. Die kleineren wie Faller 2 bezahlten ihre stille Romantik mit bitterer Verlassenheit. Fantin war der Schwärmerischste von ihnen allen. Er warf einen dichten Schleier über seine Muse.

Es sind immer sehr feine Menschen, die so handeln; wären sie nicht so fein, so wären sie dem Könige mit kühnem Sprunge nachgeeilt. Sie unterließen es nicht aus Mangel an Mut, sondern weil es nicht zu ihrer Art paßte. Sie behalten ihr Leben lang eine pietätvolle Verbannungssphäre um sich, passen nicht recht zu den Mitmenschen, ziehen sich nicht zurück — schon das würde ihnen zu viel Aufhebens dünken — aber sind ganz anders wie die anderen, und, wenn man von der Straße zu ihnen aufsteigt, meint man in eine andere Welt zu kommen und erlebt köstliche Augenblicke.

Eins ist all diesen Heimlichen, die ich hier in einem traulichen Kapitel vereinen möchte, gemeinsam. Man kann es dilettantischerweise nur mit einem entlehnten Begriff nennen: das Musikalische. Das ist nicht nur als Bild gemeint; es deckt eine nicht zufällig gemeinsame Leidenschaft der Persönlichkeiten, die Liebe zur Klangwelt. Sie waren und sind alle begeisterte Musikanten; bei zweien von ihnen, Monticelli und Fantin-Latour wird die Liebhaberei zum Fanatismus. Der eine konnte die halbe Nacht der Zigeunermusik zuhören und verbrachte dann  regelmäßig die andere Hälfte mit Malen; Fantin ist unmusikalischen Menschen in seiner ganzen Größe kaum vernehmlich. Bei Carriere denkt man an ein schönes, tiefes melancholisches Cello, Odilon Redon wirkt wie ein halb grelles, halb sanftes Echo zwischen hohen Felsen.

1 Klossowski, Die Maler von Montmartre (Berlin, J. Bard).

2 Lovis, Clement Faller, Elsässer (1819—1901), einer der Ersten, die Turners rhythmische Luftbilder auf die Landschaft zu übertragen versuchten; stand Corot nahe und sagte Fantln voraus, ohne selbst zu entscheidenden Werken zu kommen. In Paris die einzige größere Sammlung bei Herrn Christian Cherfils.

Will man kunsthistorisch den Zusammenhang rechtfertigen, so häufen sich die Argumente für die ganz nahe Verwandtschaft vom ersten bis zum letzten. Es gefällt mir, das fernste Zeichen von allen als nächstes zu nehmen: die gemeinsame Abstammung von einem unsterblichen Ahnen, nicht Delacroix, sondern einem älteren, größeren, dem größten Musikanten, der je mit der Palette spielte.

Sie sind alle Meister des Helldunkels, aber ohne die fatale Beziehung, die in Rembrandt nichts als einen Dunkelmaler sieht, vielmehr nach der wundervollen Erklärung, die Constable davon gab: „Die Kraft, die den Raum schafft“, womit er gleichzeitig Rembrandts Unendlichkeit definierte und, ohne zu ahnen, seine eigenen allzuendlichen schottischen Enkel verdammte.

Auf der Rembrandt-Ausstellung in Amsterdam hing eine Skizze, die der Graf Spencer in London beigesteuert hatte, eine Beschneidung oder Anbetung; die Gelehrten waren sich nicht einig. Vor der sitzenden Mutter Gottes mit dem winzigen Christkind kniet ein gewaltiger Alter, im Hintergründe bewegen sich Stoffe und Menschen, das Licht scheint immer nur auf die herrlichsten farbigsten Dinge.

Rembrandt verzeih mir die Sünde, als ich im ersten Augenblick den gelben Mantel des Alten sah, mußte ich an Monticelli denken; als ich näher kam, fiel mir Fantin ein, und als ich das göttliche Antlitz der Mutter betrachtete, trat mir Odilon Redon vor Augen.

Es war eine kolossale Musik auf dieser Ausstellung, der unerhört tiefe Klang der Stimme eines unsichtbaren Mannes, der unverständlich klare Dinge sagte. Manchmal war’s, als brauste eine Riesenorgel durch die Räume, daß man sich die Augen zuhalten mußte, um nicht zu zerspringen. Jeder Blick schien ungeheure Wahrheiten aufzufangen, die man jede allein in eine Einöde hätte tragen wollen, um sie auszuhorchen, auszusehen, auszudenken. Und der Gedanke war furchtbar, daß der Raum fehlte, daß die Welt zu knapp war, um allen eine genügende Einsamkeit zu schaffen, eine Ausdehnung für diese Gewalten; daß statt der Jahre, die man gebraucht hätte, um wegzutragen, kaum ebensoviel Minuten übrig blieben.

Als ich nach Haus zurückkehrte, liebte ich die Pariser Heimlichen womöglich noch mehr und brachte ihnen etwas von der Verehrung, deren stammelnde Unzulänglichkeit den Großen nie erreicht hätte. Diese Abstammung ehrt sie. Es gehört ein unglaublicher Mut dazu, solche Ahnen zu haben, größer als die Billigkeit, die den Vater aller künstlerischen Gesinnung zu der Vergangenheit rechnet, weil er — die Feder sträubt sich, es niederzuschreiben — nur in seiner Art Impressionist war.

Text aus dem Buch: Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst : vergleichende Betrachtung der bildenen Künste, als Beitrag zu einer neuen Aesthetik, Author: Meier-Graefe, Julius.

Siehe auch:
_____ Ersteses Buch _____
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung
Die Träger der Kunst Früher und Heute
Traditionen
Die Entstehung des Malerischen
Die Blüte der Malerei
Das Empire
Ingres
Die deutsche Kunst
Delacroix und Daumier
Honoré Daumier
Jean-François Millet und sein Kreis
Der Einfluss Jean-François Millet
Giovanni Segantini
Vincent van Gogh
_____ Zweites Buch _____

Constantin Meunier
Die vier Säulen der modernen Malerei
Edouard Manet
Edouard Manet und Whistler
Paul Cezanne
Vuillard-Bonnard-Roussel
Edga Degas
Edga Degas und sein Kreis – Die Nachfolger
Pierre-Auguste Renoir und sein Kreis

_____ Drittes Buch _____

Farbe und Komposition in Frankreich
Claude Monet
Georges Seurat
Paul Signac
Der Neo-Impressionismus als Kunstform
Der Neo-Impressionismus in Brüssel
Die Farbe in der Skulptur
Auguste Rodin
Medardo Rosso
Der Impressionismus in der Plastik
Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres
Théodore Chassériau
Pierre Puvis de Chavannes

Weiteres über Rembrandt auf Kunstmuseum Hamburg:

9 Comments

  1. […] Farbe und Komposition in Frankreich Claude Monet Georges Seurat Paul Signac Der Neo-Impressionismus als Kunstform Der Neo-Impressionismus in Brüssel Die Farbe in der Skulptur Auguste Rodin Medardo Rosso Der Impressionismus in der Plastik Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres Théodore Chassériau Pierre Puvis de Chavannes Der Schatten Rembrandts […]

    10. März 2016
  2. […] Plastik Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres Théodore Chassériau Pierre Puvis de Chavannes Der Schatten Rembrandts Adolphe Monticelli Henri Fantin-Latour Eugène Carrière Odilon Redon Maurice Denis Paul Gauguin […]

    10. März 2016
  3. […] Plastik Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres Théodore Chassériau Pierre Puvis de Chavannes Der Schatten Rembrandts Adolphe Monticelli Henri Fantin-Latour Eugène Carrière Odilon Redon Maurice Denis Paul Gauguin […]

    10. März 2016
  4. […] Plastik Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres Théodore Chassériau Pierre Puvis de Chavannes Der Schatten Rembrandts Adolphe Monticelli Henri Fantin-Latour Eugène Carrière Odilon Redon Maurice Denis Paul Gauguin […]

    10. März 2016
  5. […] Plastik Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres Théodore Chassériau Pierre Puvis de Chavannes Der Schatten Rembrandts Adolphe Monticelli Henri Fantin-Latour Eugène Carrière Odilon Redon Maurice Denis Paul Gauguin […]

    10. März 2016
  6. […] Plastik Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres Théodore Chassériau Pierre Puvis de Chavannes Der Schatten Rembrandts Adolphe Monticelli Henri Fantin-Latour Eugène Carrière Odilon Redon Maurice Denis Paul Gauguin […]

    11. März 2016
  7. […] Plastik Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres Théodore Chassériau Pierre Puvis de Chavannes Der Schatten Rembrandts Adolphe Monticelli Henri Fantin-Latour Eugène Carrière Odilon Redon Maurice Denis Paul Gauguin […]

    11. März 2016
  8. […] Plastik Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres Théodore Chassériau Pierre Puvis de Chavannes Der Schatten Rembrandts Adolphe Monticelli Henri Fantin-Latour Eugène Carrière Odilon Redon Maurice Denis Paul Gauguin […]

    11. März 2016

Comments are closed.