Der Staatsbegriff im Altertum

Eine Weltgeschichte in einem Bande.

Das Reich des Himmelssohnes, so lautet die Lehre chinesischer Weltweisen, heißt Tien-hia, das Erdenrund. Daß nicht alle Völker hinieden ihm gehorchen, ist nicht die Schuld unseres himmlischen Gebieters. Seine rechtmäßigen Ansprüche scheitern an dem Starrsinn und der Widersetzlichkeit der Barbaren, welche der heiligen Pflicht des Gehorsams widerstreben. Zwischen der Menschheit und dem Himmelssohne, zwischen dem Volke und seinem Gebieter herrscht dem Prinzipe nach dasselbe Verhältnis wie zwischen Vater und Sohn. Die Pietät ist das Fundament, worauf das ganze Staats- und bürgerliche Leben des chinesischen Kultursystems aufgebaut wurde; es schimmert durch in den höchsten wie in den niedrigsten Verhältnissen des östlichen Asiens. Der Sohn des Himmels hat den Auftrag, die Gebote seines Vaters hier auf Erden zu vollziehen; dem Volk ward die Pflicht, zu gehorchen wie erwachsene Kinder ihrem Vater. Hieraus folgt, daß der Herrscher in der Theorie kein unumschränkter Gebieter ist, nach Laune und Willkür. Der Monarch Chinas ist im Gegenteil ein durch Sitte, Herkommen und Gesetze höchst beschränkter Fürst. Er hat die Pflicht, das Volk in Tugend und Gerechtigkeit zu erziehen und zu regieren, es zu ernähren und zu beschützen. Der Fürst bedenke, heißt es daher in dem chinesischen Staatsrechte, daß die Beschlüsse des Himmels, wie in allen Dingen, so in der Erteilung der Herrschaft, nicht unwiderruflich sind, daß sie es nur dann werden, wenn man seine Befehle vollzieht. Der Herrscher ward des Reiches wegen eingesetzt: Das Reich ist nicht des Herrschers wegen vorhanden. Das Volk kann seiner wohl entbehren; er nicht des Volkes. Das Wasser bleibt immer Wasser, wenn sich auch kein Fisch darin bewegt; der Fisch stirbt ohne Wasser.

Nicht viel verschieden ist die Anschauung der Juden. Jehova regiert; aber sein Stellvertreter, der König, ist durchaus nicht unfehlbar. Er kann abgesetzt werden, wie Saul und so mancher andere abgesetzt worden ist. Bei den Irariern ist dagegen der Schahanschah, der König der Könige, der unmittelbare Gesandte Ahuramazdas; wer sich seinem Gebote widersetzt, handelt zugleich wider die Gebote des gütigen Himmelsherrn.

Auch bei den Griechen mangelt nicht ganz die göttliche Weihe. Wenn Homer gegenüber demokratischen Einflüssen, die sich schon damals geltend machten, als das einzig Richtige den Grundsatz aufstellte „Einer soll herrschen“ fügt er zur Bekräftigung hinzu „denn so bestimmt es Kronion, der Himmelsgott“. In der Folge aber tritt das demokratische Element immer stärker hervor, und so ändert sich auch der Staatsbegriff. Um ihn zu erkennen, muß man zu den Rednern gehen, die ja nichts anderes als Parteiführer und Parlamentarier waren, zu einem Perikies, Ai-schines, zu einem Sokrates, einem Demosthenes. Auch bei ihnen darf man keinen einheitlichen Begriff erwarten, weil sie eben Parteimänner waren. Das Um und Auf des Demosthenes war ein Sichzusammenraffen des Griechentums gegen die — doch halbgriechischen — Mazedonier. Isokrates forderte dagegen mit flammenden Worten zu einem Allgriechenbund auf, der den Krieg gegen den Erbfeind, die Perser, zu einem siegreichen Ende führen sollte. Immerhin kann man aus den Äußerungen der Politiker und Redner, zusammen mit denen der Philosophen und Dichter, ein Bild vom Staate gewinnen.

Da finden wir vor allem als Ideal den Tod fürs Vaterland. Und nicht nur aus ethischen, nein, auch aus ästhetischen Gründen. „Nur der gefallene Jüngling“, singt Tyrtaios, „in strotzender Gliederpracht ist schön, nicht aber der Leichnam des sterbenden Greises.“ Auch Solon, auch Pindar, auch Aischylos rühmen solchen Tod mit verklärenden Dichterworten. Das ist keineswegs selbstverständlich! Wo fände man solches in der chinesischen, wo in der hebräischen, ja selbst in der altiranischen Poesie? Ganz natürlich : Denn der Staat der Chinesen entstand und wuchs durch Zunahme der Bevölkerung, durch allmählige Ausbreitung; der spätere Staat der Juden beruht nicht einmal auf Territorialmacht, sondern — wie ein Pfahlbau, der nicht auf dem festen Erdboden gegründet ist — auf abstrakter Grundlage, auf dem Ritualgesetz der Priester. Dagegen ist der Staat der Arier sowie der Türken aus Eroberung hervorgegangen. Er entsteht daher rasch, plötzlich; er ist mehr Tat als Entwicklung. Bei der Gründung der griechischen Städte fehlte es zwar nicht an religiöser Weihe; allein in der Folge kümmern sich weder die Oligarchen noch die Demokraten um den Willen des Himmels. Die Größe des Staates und die Wohlfahrt der Bürger wurde die greifbare Forderung des Tages. Das Vaterland zu fördern, war die erste, ja fast die einzige Pflicht. Was jedoch war das Vaterland? Keineswegs Hellas, die große Mutter, sondern Argos, Sparta, Athen, Korinth, Theben, Syrakus :Vaterländer wie Baden, wie Schaumburg-Lippe, wie Waldeck und Lichtenstein. Außerhalb seines Heimatkantones, seines Miniaturvaterlandes war bis auf Alexander der Grieche ein Verbannter, Geächteter, war in Armut und Elend, wenn anders er nicht einen Gastfreund fand; nur zu häufig wurde er schlankweg in die Sklaverei verkauft. Man hatte wohl einen unbestimmten Begriff von der Gemeinbürgschaft aller Hellenen gegen die Barbaren, jedoch tatsächlich blühte nur der Lokalpatriotismus. Erst durch dieüberseeischePolitik Athens kam eingroßzügiges Element in den Staatsbegriff der Griechen. Die unruhigen Wanderer, die Sophisten, erklärten sich bereits öffentlich als Weltbürger.

Auch der große Gegner der Sophisten, Platon, ist von solcher Wandlung beeinflußt. Sein Staatsideal hat im Grunde kaum hellenisches Gepräge. Es ist nicht national, sondern ein abstraktes Gebilde philosophischen Hochflugs. Daher es denn auch, zumal es Gott, dieTugend, die Selbstzucht und die Selbstvervollkommnung voranstellt, von den Kirchenvätern aufgenommen und weitergeführt wurde. Die Schöpfung Platons, der auch die Hölle mit ihren Strafen nicht fehlt, ist das unmittelbare Vorbild der civitas dei des Augustin. Als ein Protest sowohl gegen den Kosmopolitismus der Sophisten, als auch den farblos zerfließenden Staat latons ist das Werk des Isokrates und seiner mächtigen Schule zu bezeichnen. Isokrates erdachte das Allgriechentum, und wies ganz richtig“ darauf hin, daß ein gemeingriechischer Staat nur durch einen siegreichen Krieg entstehen könne. Also ein Gegenstück zur Einigung Deutschlands. Isokrates predigte unermüdlich, daß die Schranken zwischen den einzelnen Miniaturstaaten fallen sollten, daß alle griechischen Staaten sich zum Kampf gegen die Perser verbünden müßten. An persönlicher Wucht, an philosophischer Tiefe stand Isokrates weit unter Platon; an politischem charfblick aber war er ihm überlegen.

Wie sah es nun bei den Römern aus? In ihrem Staat war die Herrschaft der peinlichsten Ordnung. Alles, von der Wiege bis zur Bahre, war im Leben des einzelnen genau geregelt. Jeder kleinsten Handlung steht irgendeine Gottheit vor. Nichts darf der Bürger tun, ohne daß die Rückwirkung auf das Staatswohl kalt erwogen würde. Der Staat war alles, der einzelne nichts. Das ist die Größe, aber auch die Einseitigkeit Roms. Daher sein unaufhaltsames Wachstum, daher andrerseits der Mangel an Farbe, an individuellem Leben bis auf die Zeit der Gracchen. Die Zucht, der Gehorsam verbürgte den Erfolg, die Kraft und das Wachstum des römischen Reiches. War somit Rom den Griechen an Buntheit des Lebens, an der Fülle persönlicher Entfaltung unterlegen, so vermied es dafür die Fehler des Partikularismus und eines schrankenlosen Individualismus. Die Griechen waren Dichter, Dialektiker, Philosophen, Künstler, sie waren Bildner und Redner: die Römer waren Praktiker und Politiker. Daher haben es auch die Bewohner Italiens in der Welt weiter gebracht als die unverbesserlichen Nörgler und Partikularisten in Hellas. Die Römer, von härterem Metalle als die Griechen, scheuten sogar vor Grausamkeiten nicht zurück, im Gegenteil, man kann sagen, daß sie dem zielbewußten Willen zur Grausamkeit ihre staatlichen Erfolge verdankten. Das blieb sich gleich, ob unterm Königtum, ob Freistaatform, ob Kaiserreich. „Debellare superbos“, und womöglich sie vernichten, wieCäsar eineMillion Gallier zertreten hat: das war das Ideal.

Der Staatsbegriff als solcher ist von dem Wandel der Zeiten wenig berührt worden. Erst kleines Landstädtchen am Tiber, dann Herrscherin der Apeninnenhalbinsel, schließlich eines Weltreiches — derartige Erschütterungen waren doch wohl geeignet, eine Weltanschauung umzustoßen. Mit nichten! Starr und unerschütterlich blieb dieselbe Grundlage bestehen. Die Staatsrai-son — nicht etwa Moral oder Humanität oder Lebensfreude — die oberste Richtschnur. Der einzelne bedeutet nur so viel, als er dem Gemeinwesen nützt; er ist ein Glied in großer Kette.

Die äußerliche Form jedoch der Verfassung Roms war für eine Stadt, für einen Klassenstaat zugeschnitten. Nun ging sie allmählich in die Brüche, denn allmächtig erhob sich jetzt das Imperium.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege