Der Turm zu Babel

Während man sich in Babylonien zumeist mit der Verbrennung des Bildes der Hexe begnügte, führte dieser Aberglaube in Europa unter der Führung der Kirche zum grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen. Während in Babylonien schon Hammurabi im § 2 seiner Gesetzessammlung jeden, der jemanden unschuldig der Hexerei anklagt, mit dem Tode und der Konfiskation seiner Güter bedroht, wurden im Abendland Millionen von unschuldigen Opfern auf dem Scheiterhaufen verbrannt, darunter Persönlichkeiten wie Huß, Giordano Bruno und Jeanne d’Arc. Haben die Hexenverbrennungen seit der „Aufklärung“ in Europa aufgehört, so lebt der Teufelsglaube in den Kirchenreligionen unverändert fort…


Auch du warst am Anfang nur eine Handelsexpositur von Eridu und Ur, den beiden großen sumerischen Handelsemporien an der Mündung des Euphrat, aber du hast sie und alle andern Städte im Zweistromland überflügelt und hast deinem Namen Ewigkeit verliehen! Schon die Wahl deines Namens war selbstbewußt und in die Zukunft weisend, Babilu, „Pforte des Herrn“!

Deine Feinde und Eroberer, die kriegsgeübten Bergvölker, Assyrier, Kassiten, Churri und Hettiter befriedetest du durch deinen Geist und ließest sie zu deinem Ruhm beitragen. Du warst widerspenstig und aufwieglerisch, stets begierig, das fremde Barbarenjoch abzuwerfen, wofür du oft und bitter gebüßt hast mit Blut und Ruinen. Es straften dich die Assyrerkönige Tukulti-Ninib, Sargon, Sanherib, Assurbanipal und der Perser Xerxes. Und jeder von ihnen zerstörte auch den Hochtempel deines großen Schutzgottes, des Marduk, der deine Triumphe ebenso wie deine Mißgeschicke mit dir geteilt hat, mit dir groß wurde, aber auch mit dir in die assyrische Gefangenschaft ging. Denn, wie die irdischen Könige mit dem Titel auch die Macht der unterjochten Herrscher usurpierten, so eigneten sich ihre Siegesgötter auch die Machtbezirke der unterjochten an, und so kamst du, Marduk, in Besitz von Anus Macht, des Königs der Götter, Ellüs Macht, des Herrn der Länder, und Bels Macht, des Herrn des Luftreiches.

„Dein Name ist überall im Munde der Menschen glückbringend.
Marduk, großer Herr, auf dein erhabenes Gebot
Möge ich gesund und heil sein und so deine Gottheit verehren,
Wie ich es wünsche, möge ich es erlangen.
Lege Wahrheit in meinen Mund,
Laß gute Gedanken in meinem Herzen sein,
Gewähre doch Anrufen, An hören und Erhören:

Das Wort, womit ich anrufe, werde, sowie ich anrufe, erhört!
Marduk, großer Herr, schenke mir Leben!
Leben meiner Seele befiehl!
Vor dir fröhlich zu wandeln, daran möge ich mich sättigen!“

Weithin über die Euphratauen glänzte dein blaugoldenes Kulthaus von der Höhe des Stufenturmes dem Reisenden entgegen, o König der Götter! Wahrlich ein stolzer Bau, den dir die Assyrerkönige bauten, Asarhaddon, Assurbanipal und Nabupolassar, würdig deiner Niederlassung! Neunzig Meter maß der Riesenbau im Geviert und neunzig Meter seine Höhe, dreiunddreißig Meter das erste, achtzehn Meter das zweite und je sechs Meter das dritte, vierte, fünfte und sechste Geschoß, fünfzehn Meter aber das Wohnhaus des Gottes auf der obersten Terrasse, von wo es, mit blauglasierten Ziegeln bekleidet und mit Gold bedeckt, den Glanz seines Herrn das Volk tief unten ahnen ließ. In diesem Haus pflegte der Gott, auf seiner goldenen Kline ruhend, von der dargebotenen Opferspeise zu essen. So gestaltet war Etemenanki, das „Haus des Fundaments Himmels und der Erde“, der Hochtempel, der sich emporschraubte über den Tieftempel Esagila, wo, um einen Innenhof gereiht, Marduk den anderen Göttern Gastwohnungen einräumte, Nebo, Taschmetu, Ea, Nuski Anu und Sin. „Weite Völkerscharen … aus der Menge aller Länder, der Gesamtheit aller Nationen … bot ich auf zum Bau von Etemenanki“, schrieb Nebukadnezar auf die Tontafeln seiner Taten. Kein Wunder, daß es der Welteroberer Alexander nicht fertigbrachte, diese gewaltige Ziggurat vom Schutt zu befreien, in dem sie seit der letzten Zerstörung durch Xerxes lag, obwohl er zwei Monate lang zehntausend Menschen daran arbeiten ließ, und schließlich sein ganzes Heer. Der frühe Tod verhinderte ihn am geplanten Wiederaufbau des Tempels. Was von seinen Nachfolgern wieder aufgebaut wurde, war nur ein Schatten einstiger Größe …

In allen Tempeln wurden das Jahr hindurch Kultfeste begangen. Welchen Einfluß sie auf die christlichen Kirchenfeste, wie sie heute noch gefeiert werden, ausgeübt haben, möge die Schilderung des babylonischen Neujahrsfestes zeigen, dem Hauptfeste des Jahres, das zur Zeit der Frühlingstag- und Nachtgleiche gefeiert wurde, die in Babylonien in die ersten Tage des Monats Nisam fiel. In den frühen Morgenstunden begab sich der Oberpriester des Tempels Esagila in die allerheiligste Kapelle des Marduk, zog den Vorhang, der das Götterbild verhüllte, zurück und richtete an den Gott ein Huldigungsgebet, das als „Geheimnis von Esagil“ bezeichnet wird:

„Herr, der in seinem Grimme nicht seinesgleichen hat,
Herr, gütiger König, Herr der Länder!
Der da Heil schaffte den großen Göttern,
Herr, der durch sein Anstieren die Starken niederwirft;
Herr der Könige, Licht der Menschen, der die Lose verteilt;
O Herr, Babel ist dein Sitz, Borsippa deine Krone,
Die weiten Himmel die Gesamtheit deines Leibesinnern!
O Herr, mit deinen Augen beschaust du das All…

Mit deinen Armen packst du die Starken …
Mit deinem Blicke gewährst du ihnen Gnade,
Lassest sie Licht schauen, so daß sie deine Machttaten verkünden,

Herr der Länder, Licht der Igigi, der da Segen ausspricht!
Wer verkündet nicht deine, ja deine Machttaten,
Spräche nicht von deiner Erhabenheit, rühmte nicht deine Herrschaft?

Herr der Länder, der in E-ud-ul wohnt, der den Gefallenen
bei der Hand ergreift:

Deiner Stadt Babel gewähre Erbarmen,
Esagil, deinem Tempel, wende dein Antlitz zu,
Den Bewohnern Babels, den Schützlingen, schaffe ihre Freiheit!“

Jeden Morgen richtet der Oberpriester ein anderes Huldigungsgebet an Marduk und am dritten Tag auch an seine Gattin, die „Madonna“, die barmherzige Fürsprecherin Szarpanitu:

„Gewaltig, göttlich ist sie, die erhabenste unter den Göttinnen,
Szarpanitu, glänzendste unter den Sternen, die da E-ud-ul bewohnt.

Strahlendste unter den Göttinnen, deren Kleid Licht ist…
Szarpanitu, deren Standort am Himmel hoch ist!
Glänzend ist meine Herrin, erhaben und hoch
Unter den Göttinnen gibt es nicht ihresgleichen!
Die da Anklage erhebt und Fürsprache einlegt,
Die den Reichen arm, den Armen reich macht,
Die den Feind zu Boden wirft, der nicht fürchtet ihre Gottheit,
Die den Gefangenen rettet, den Gefallenen bei der Hand ergreift!

Den Knecht, der deinen Namen segnet, segne du,
Den König, der dich fürchtet, dessen Geschick bestimme!
Den Bewohnern Babels, den Schützlingen schenke Leben,
Vor dem Götterkönig Marduk leg Fürsprache für sie ein,
Auf daß sie deinen Ruhm verkünden, deine Herrschaft erhöhen,

Deine Machttaten verkünden, deinen Namen preisen!
(Mir) dem Knechte, der dich segnet, gewähre Gnade,
In Not und Gefahr ergreif ihn bei der Hand,
In Krankheit und Leiden schenke ihm Leben!
Auf daß er einhergehe beständig in Freuden und Jauchzen,
Auf daß er verkünde deine Machttaten den Menschen allüberall!“

Darauf begab sich der Oberpriester in den großen Tempelhof hinaus, über dem die Sterne funkelten, und sprach, sich nach Norden, dem aufgehenden Sternbild des Widders zuwendend, dreimal eine Segnung für Esagil aus: „Widdergestirn, Ebenbild von Himmel und Erde!“ Denn das Sternbild des Widders ging in diesen Tagen nach langer Unsichtbarkeit wieder über Babylon auf, täglich früher, daher immer länger sichtbar, und wurde daher als das Symbol des Neujahrs- und Frühlingsfestes verehrt. Widder, Stier und Zwillinge sind ja auch unsere Tierkreiszeichen für die Monate März bis Juni. Am Abend dieses selben Tages rezitierte der Oberpriester vor der Götterstatue des Marduk das Weltschöpfungsepos, das mit den Worten beginnt

„Einst, als droben der Himmel nicht benannt war,
drunten die Erde einen Namen nicht trug,
Als noch Apsu, der uranfängliche, ihr Erzeuger,
Mummu, Tiamat, die sie alle gebar,
ihre Wasser in eins zusammenmischten…“ ,

das Lied, in dem das Entstehen der Götterwelt geschildert wird, ihre Genesis, und in dem der tödliche Zwiespalt zwischen den Urgöttern und der zweiten Generation, vergleichbar dem Kampf der griechischen Götter gegen die Titanen, erzählt wird; der Kampf des Urzeugers Apsu und der Urmutter Tiamat gegen die neuerstandenen Götter Ea und seine Gattin Damkina, die das Wunderkind erzeugten, das künftig den Sieg über die chaotischen Mächte erringen und die gegenwärtige Welt bauen wird. Dagegen gebiert Tiamat, „die Mutter der Tiefe“, elf furchtbare Ungeheuer, die zum Teil wie chaotische Urbilder der späteren Tierkreisfiguren erscheinen, Skorpionmenschen, Fischmenschen, Schlangen, Drachen und Molche. Marduk, das inzwischen herangewachsene Wunderkind, wird von den ratlos gewordenen Göttern gebeten, den Kampf gegen die Urgötter und ihre Helfer aufzunehmen. Er verspricht es unter der Bedingung, daß nach seinem Sieg er selbst die Stelle eines Götterkönigs einnehmen soll, was ihm bei einem feuchtfröhlichen Festmahl zugesichert wird, dessen menschlich-gemütliche Schilderung die olympischen Feste Homers vorwegnimmt

„Die großen Götter alle, welche die Welt lenken,
traten ein, hin vor Anschar, füllten den Saal,
küßten einander, standen zusammen,
unterhielten sich, setzten sich zum Mahle.

Sie aßen Brot, mischten Wein,
Der süße Trank berauschte ihren Sinn,
beim Trinken des Getränks wurden sie voll im Leibe,
sie wurden ganz trunken, ihr Herz ging hoch,
Marduk, ihrem Helfer, übertrugen sie die Weltleitung.“

Gibt es ein köstlicheres Zeugnis für die Beharrung des menschlichen Verhaltens durch die Jahrtausende, für die Gleichheit des Tierisch-Menschlichen durch alle Rassen und Zeiten? Die Götter wurden also weinselig, umarmten und küßten ihn, den starken Marduk, und übertrugen ihm leichtfertig nichts geringeres als die oberste Weltmacht

„Du seist der geehrteste unter den großen Göttern,
Dein Los sei ohnegleichen, dein Gebot allmächtig!
Von Stund ab sei unabänderlich dein Befehl,
Erhöhen und Erniedrigen liegen in deiner Hand!
O Mard uk, da du unser Rächer willst sein,
so geben wir dir das Königtum über das gesamte All!“

Darauf zieht Marduk wohlausgerüstet gegen Tiamat, tötet sie und erschafft aus ihrem in zwei Teile gespaltenen Leichnam Himmel und Erde mit Sonne, Mond und Sternen, Pflanzen, Tieren und den Menschen. Mit einem großen Lobeshymnus auf Marduk schließt das Schöpfungslied. Es folgte sodann die große Tempelreinigung und die Vorbereitungen zum Auszug des Marduk. Vorher findet die symbolische Übergabe der Machtinsignien des Königs an Marduk statt, die ihm der Oberpriester nach der Rezitierung eines Bußgebets wieder zurückgibt. Der König nahm so die Rolle eines Büßers für das ganze Land auf sich und erhielt die Begnadigung des Gottes. Am 6. Nisan erfolgte die Ankunft des Gottes Nebo aus der Schwesterstadt Borsippa. Nebo, ursprünglich selbst „Hüter der Welt“ und „Herr der Welt“, mußte diese Würde an Marduk abgeben
und wurde als Erfinder der Schreibkunst der „Schreiber der Geschicke“. Übrigens war er der babylonische Hermes, der Gott der Geschäfte. Sein Standbild wurde in seiner eigenen Kapelle im Tempel Esagila aufgestellt. Viele andere Götterbilder wurden aus den Kultorten herbeigebracht, aus Kisch, Uruk, Nippur, Kutha, Sippar und anderen Städten.

Das Neujahrsfest war mit Festspielen verbunden, in denen uns Bel-Marduk auch als der leidende, erniedrigte Gott, der zur Unterwelt hinabgesunken ist und von dort erst wieder zum Lichte emporstieg, ähnlich wie Tammuz-Ischtar es erdulden mußten, und alle die Mythengötter, die mit dem Eintritt der dunklen, winterlichen Jahreszeit sterben und mit dem Beginn der lichten Jahreshälfte wieder auferstehen. Auch diese Kultspiele waren altsumerische Tradition, die die babylonische Priesterschaft für Marduk übernahm, und es erscheint sehr wahrscheinlich, daß die Sumerer den Lichtmythos, der im Euphratlande kaum eine fühlbare Basis hatte, aus ihrer mehr nördlichen Gebirgsheimat mitgebracht hatten. Wie später der christliche Heiland mußte auch Bel-Marduk seine Passion erleiden, wurde nach Mißhandlungen getötet und erstand wieder vom Grabe, der über die Mächte der Finsternis siegende Lichtgott…

Ein besonders wichtiger Akt der babylonischen Neujahrsfeier war die Schicksalsbestimmung, die am achten und elften Tage des Nisan im Schicksalsgemache stattfand. Dort ließ sich der König der Götter, Himmels und der Erde, Marduk, nieder und nahm die Huldigung der anderen Götter entgegen, worauf er die Geschicke des kommenden Jahres bestimmte. Diese wurden von Nebo, dem „Schreiber des Alls“, auf Tafeln verzeichnet. Dann erst kam der große Auszug, die berühmte Neujahrsprozession mit den Götterbildern vom Schicksalsgemach in Esagil aus, die sich längs der Prozessionsstraße durch das Ischtartor zum Fluß begab und von dort aus mit Schiffen zum außerhalb der Stadt gelegenen Festhaus. Die Ausgrabungen der Deutschen Orientgesellschaft unter Koldewey haben diese Prozessionsstraße völlig freigelegt und deren mächtigsten Teil, das die Stadtmauer durchbrechende Ischtartor mit den Föwen, Stieren und Drachen aus buntfarbig emaillierten Ziegeln in Relief, wurde im Vorderasiatischen Museum in Berlin aufgestellt. Während am Fluß Station gemacht wurde, um die Götterbilder von den Wagen auf die Schiffe umzuladen, wurden an die mitgeführten Götter Flymnen gerichtet. So — mit leise anklingender Ironie — an Marduk:

„O Herr, warum sitzest du nicht in Babel, ist dein Thron in Esagil nicht hingestellt,
Nennt man dich nicht mehr Herr von Babel, ruft dir Szarpanitu solches nicht mehr zu?“

Vielleicht sang man auch bei dieser Gelegenheit diesen schönen Hymnus an Ischtar:

„Hoheitsvolle, Ischtar, die zum Kampfe gerüstet ist,
Herrin, die mit Glanz bedeckt, mit Wut bekleidet ist!
Eine tönende Flöte von schönem Klang, eine Wildkuh, die in die Weltgegenden stößt,
Ein Brandscheit, das einen Kampf kämpft, Himmel und Erde bedrängt.

Hohe Ischtar, die die Weltgegenden beherrscht,
Gewaltige Ischtar, die die Menschen erschafft;
Die da einzieht vor dem Vieh, die den Hirten liebt,
von allen Ländern, der Gesamtheit des Alls ihre Hirtin!

Hirtin des Viehs, vor dir kniet man, sucht dich auf,
den Mißhandelten und Zerschlagenen machst du heil, verschaffst ihnen Recht…“

Die Götterbilder verblieben in einem heiligen Gemach des Neujahrsfesthauses außerhalb der Stadt drei Tage. Wiederholt wurden Hymnen an sie gerichtet und reiche Opfer ihnen dargebracht. Am 11. Nisan erfolgte der Heimzug nach Esagil, wo nach einer abermaligen Versammlung der Götter im Schicksalsgemach das Neujahrsfest sein Ende fand.

Im alten Quartier der Stadt, wo sich längs des östlichen Euphratufers die Paläste der früheren Herrscher und anschließend der weiträumige Tempel Esagila mit dem Etemenanki reihten, fand Nebukadnezar nicht mehr Raum für seinen neuen Palast. Auf der Basalttafel, die auf einem der Ruinenhügel gefunden wurde und die einen Bericht über die Bautätigkeit des Königs in Babylon und Borsippa gibt, erklärt der Herrscher, er habe sich gescheut, des Gottes Marduk heilige Wohnstätte, die Prozessionsstraße und den Kanal Arachtu anzutasten, der das Palast- und Tempelviertel gegen Osten abgrenzt, und er habe sich daher draußen vor den Toren der Stadtmauern den Platz für seinen Palastneubau gewählt. Dort, am Nordende der Stadt, ließ der König am Ostufer des Flusses mächtige Substruktionen errichten und erbaute auf diesen seinen Palast und die prächtigen Terrassengärten, die der Nachwelt als die „hängenden Gärten der Semiramis“ bekannt wurden.

Es war, wie der König selbst mit Stolz hervorhebt, ein Bau, „zum bewundernden Anschauen gemacht, von allen Menschen angestaunt ob seiner verschwenderischen Pracht, umflossen von Luxus und Glorie und ehrfurchterweckender Hoheit, von wahrhaft majestätischem Glanz“. Hoch wie eine Burg, ragte er über die Mauern der Stadt empor, deren Tempel und Häusermeer, umflossen vom Euphrat und dem Nilkanal, man von seinen Terrassen aus überschaute und darüber hinaus die Palmenpflanzungen und Obstgärten der von Kanälen bewässerten Oase, bis hinüber zum Stufenturm von Borsippa. Da sah man zunächst im Süden des Palastes die innere Stadtmauer, dahinter die mächtigen Mauern des alten Königspalastes und weiter, emporragend aus einem von Kanälen durchzogenen Garten, die Zinnen des Tempels Esagila mit dem. hochragenden Tempelturm Etemenanki. Alle diese Gebäude spiegelten sich in den von zahllosen Fahrzeugen mit malerischen Segeln belebten Fluten des Euphrat.

Und weiter stromabwärts sah man die vom König auf mächtigen Pfeilern erbaute Euphratbrücke, welche die östliche Stadthälfte, die Stadt der Paläste und Tempel, mit der westlichen Stadthälfte jenseits des Flusses verband. Man begreift die stolzen Worte Nebukadnezars: „Ist das nicht die große Babel, die ich erbaut habe zum Königssitz in der Macht meiner Stärke und zur Ehre meiner Majestät?“ Der baulustige König hatte recht: dieses neue Babel, das sich phönixgleich aus den Ruinen der Assyrer zu neuem Glanz erhob, wenn auch von seinem Vater Nabupolassar angelegt, war zum größten Teil sein Werk. Marduk schenkte ihm dafür eine lange, acht Lustren überdauernde Regierung. Als der Perserkönig Cyrus 20 Jahre später die Stadt kampflos nahm, verbot er jede Plünderung und Zerstörung. Sosehr beemdruckte ihn die stolze Stadt, daß er sie als Winterresidenz Susa vorzog. Und sein Grabmal in der von ihm gegründeten Sommerresidenz Pasargadae oben am iranischen Plateau baute er in der Gestalt einer Miniatur-Ziggurat, ein Giebelhaus auf einem sechsstufigen Unterbau, umgeben von einem Park — ein kleiner Etemenanki.

Babylonien erlebte zwei große Glanzzeiten, die erste unter Hammurabi (1947—1905), die zweite unter Nebukadnezar (604 — 562), der eine Renaissance der ihm historisch wohl-bekannten Hammurabizeit anstrebte. Fast anderthalb Jahrtausende liegen dazwischen, mit den Einfällen der Hettiter und der Kassiten und der assyrischen Oberherrschaft, ein Zeitraum gleich dem zwischen Kaiser Augustus und Karl V. Allein so fest begründet war beider Reiche, des römischen und des babylonischen, Organisation, daß sie die jahrhundertelange Fremdherrschaft überdauerten und sich beide in glänzenden Renaissancen erneuerten. Ja, diese beiden Weltstädte des alten Europa und des alten Asien hatten manches gemeinsam. Sie waren beide gleich erfolgreich im „Nehmen“ wie im „Geben“. Sie erfanden nicht, aber sie organisierten das schon Geschaffene. Ihre Kraft lag im Organisieren und Zivilisieren. Sie assimilierten die älteren Kulturen der Iranier und Sumerer, der Etrusker, Punier und Griechen und bauten daraus weltbeherrschende Zivilisationen auf. So übernahmen die Babylonier die sumerische Keilschrift, die sonst wahrscheinlich eine Lokalschrift geblieben wäre, und verwendeten sie zur Niederschrift ihrer eigenen Sprache, die eine Weltsprache wurde.

Die Tontafelfunde von Tell-el-Amarna in Ägypten zeigten, daß um die Mitte des 2. Jahrtausends v. d. Zw. der gesamte vordere Orient sich der sumerischbabylonischen Keilschrift bediente und daß ein mißhandeltes Babylonisch in der Art des heutigen Levante-Französisch oder Pidgin-Englisch als lingua franca der orientalischen Völker diente. So übernahmen sie die altsumerischen Rechtsgrundsätze und machten daraus den Codex Hammurabi, der auf einer Dioritstele in dreitausend sechshundert Zeilen zweihundertachtzig Gesetzesparagraphen aufzeichnete, ein Vorgänger und Vorbild des Codex Justinianus und des Codex Napoleon.

Ein Einfluß wie der Babylons auf sämtliche anderen alten Kulturen der Erde, dessen Erkenntnis vor vier Jahrzehnten zur Theorie des „Panbabylonismus“ führte, steht in der Geschichte der Menschheit einzig da. Wie ist er zu erklären? Zunächst daraus, daß schon in einer weit zurückliegenden, prähistorischen Zeit reger Verkehr zwischen den Stämmen und Völkern der Erde stattgefunden hat, der erklärt, wieso wir schon bei den nichtschreibenden, sogenannten „Naturvölkern“ an allen Ecken und Enden der Erde Reste anderer Kulturen finden, so daß eigentlich primitive Völker heute nicht mehr zu finden sind. Nehmen wir dazu die natürliche Gleichheit der menschlichen Geistesanlage und der menschlichen Einstellung zu den kosmischen Vorgängen und Elementarereignissen und suchen wir nun eine Kultur, die dieses Verhältnis des Menschen zur Natur in einer jahrtausendelangen steten Arbeit in ein folgerichtiges System gebracht hat, so ist die Verbreitung eines solchen Systems auf benachbarte Völker und von diesen weiter zu den nächsten und so um den Erdball erklärlich.

Der stärkste, erschütterndste Eindruck auf die primitive Menschheit war der gestirnte Himmel. Die Erklärung seiner ebenso wunderbaren wie furchterregenden Phänomene war der natürliche Ausgangspunkt für die Entwicklung eines „Weltbildes“. Ein solches nun wurde von den Babyloniern zuerst entwickelt, und zwar so klar und folgerichtig, daß sich kein anderes Volk jener Zeit seinem Einfluß entziehen konnte. Ausgangspunkt des babylonischen Weltbildes und damit der babylonischen Kultur war die Entwicklung der Himmelskunde. Wie weit sie zurückreicht, wissen wir ebensowenig, wie wir wissen, woher ihre Urheber, die Sumerer, gekommen sind und wann sie in das Euphrattal einwanderten. Ihre Geschichte beginnt erst nach 3500, und da war das astrale Religionssystem in seinen Grundsätzen schon ausgebüdet. Die Sumerer waren die Schöpfer des Gestirnkultes, ihre Götter waren die Gestirne, die Grundlage der Gottverehrung war der Kult von Sonne, Mond und Sternen, in denen sich die Götter offenbarten. Die Entwicklung dieses Kultes zielte auf eine planmäßige, feste und zuverlässige Bindung des menschlichen Schicksals an das göttliche. „Wie oben, so auch unten!“ Was die Götter tun, müssen auch wir tun! Wir sind der Mikrokosmos jenes Makrokosmos am Himmelszelt! Diese freiwillige Unterwerfung unter den Willen der Götter befriedete die Menschen, gab ihnen das Gefühl der Geborgenheit, beruhigte ihre Welt- und Lebensangst und damit eines der Urgefühle aller Menschen. Ein solches Weltbild, zur Religion erhoben, war dazu angetan, Schule zu machen und fand daher weltenweite Verbreitung. Es verdrängte das ursprünglich totemistische System der Ägypter und machte seinen Weg nach Indien, China und Zentralamerika: es wurde ein planetarisches Weltbild. Mit ihm verbreitete sich auch seine mythologische Einkleidung und die von den Himmelsvorgängen vorgeschriebene Kalenderkonstruktion. Damit war der Ablauf der Zeit organisiert und der Eintritt in die Geschichtlichkeit ermöglicht. Die Astronomie war also die kulturgründende, vornehmste Wissenschaft der Sumerer und Babylonier und ihre praktische, mantische Anwendung lehrte die Astrologie.

Ihre Stellung als die wichtigste Wissenschaft nicht nur in Babylonien, sondern bei allen alten Kulturvölkern erklärt sich zwingend aus der Stellung des Menschen zu den Gestirngöttern. Wollte man ihren Willen erfahren, so mußte man die Sterne genau und dauernd beobachten. Ein ethisches Verhältnis zur Gottheit war den alten Kulturen noch unbekannt, ebenso wie der Begriff der Sünde. Wichtig war nur die genaueste Befolgung der durch die Gestirne und ihre Konstellationen gewiesenen und daher vorgeschriebenen „Etikette“, wie sie vornehmlich durch die Astrologie gelehrt wurde, vergleichbar dem Hofzeremoniell, das ebenfalls an den babylonischen Höfen, deren Könige Söhne und Abbilder der Götter waren, seinen Ursprung hatte und das bis heute genau befolgt wird, soweit Könige noch existieren. Das irdische Leben wurde als eine Widerspiegelung des überirdischen gestaltet und nach den festen Normen eingerichtet, die von den berufenen Auslegern des göttlichen Willens, den Priestern, vorgeschrieben wurden. Die Religion maßte sich die Funktion an, das ganze menschliche Leben zu regeln, das geistige und das materielle, da ja die Erde und ihre Bewohner als Widerspiegelungen der himmlisch-geistigen und der kosmisch-materiellen Erscheinungen aufgefaßt wurden. Das Wohlergehen des Menschen war abhängig von seiner Anpassung an die vorausbestimmten Regeln des Weltenlaufes, die durch den Lauf der Gestirne offenbart wurden. Die vornehmsten Repräsentanten des Himmels, Dolmetscher des göttlichen Wollens, waren die Planeten, Merkur, Venus, Mars, Jupiter, Saturn, Mond und Sonne, die sich in der Bahn des Tierkreises bewegen. Wie die Erde, so bestand auch der Himmel aus den drei Reichen Luft, Erde und Wasser (Ozean), die von Norden nach Süden angeordnet vorgestellt wurden, entsprechend der Lage Babyloniens mit den himmelstürmenden Bergen im Norden und dem Meer im Süden. Der zwischen dem Luft- und Wasserreich gelegene Teil war im Himmel der „Himmelsdamm“, der der Erde entspricht. Wie in der babylonischen Elußlandschaft Dämme als Verkehrsstraßen dienten, so wandelten oben, über dem durch den Tierkreis markierten „Himmelsdamm“, die Planeten.

War so der Himmel ein Abbild der Erde im großen, so mußten nun auch die einzelnen Länder Abbilder himmlischer Bezirke sein. Und nur solche Länder, die diesen Nachweis bringen konnten, galten als „Land“, d. h. ein in sich geschlossenes Ganzes, dessen König den Anspruch auf die Herrschaft hatte, wie der Gott im entsprechenden himmlischen Land, den ja unten der König verkörperte, dessen Ursprung göttlich, der „von Gottes Gnaden“ König war. Diese Entsprechung hat sich, bis in unsere Zeit herab, in mehreren asiatischen Reichen, in Birma, Siam, China und Japan, erhalten, solange sie selbständig waren oder Kaiser hatten, was heute nur mehr in Japan der Pall ist. Dieses letztgenannte Reich aber ist ein lebendiges Beispiel für die dynamische Kraft, die ein Volk aus dem Glauben an seine himmlische Sendung ziehen kann. Jedes Kind dieses Inselreiches wächst mit der unerschütterlichen Überzeugung auf, daß Japan das einzige göttliche Land, Japans Kaiser der einzige göttliche Kaiser, Japans Volk das einzige göttliche Volk sei und daß deshalb Japan berufen sei, das Licht der Welt zu sein.

Diese Überzeugung ist so alt wie Japan, lebte wohl schon im prähistorischen Land. Die älteste historische Verkündigung dieses Standpunktes wird dem Kaiser Jimmu in den Mund gelegt, der bei der Gründung des japanischen Kaiserreiches vor 2600 Jahren gesagt haben soll: „Wir wollen unsere Hauptstadt weltbeherrschend gestalten und die ganze Welt uns untertänig machen“, wozu das moderne japanische Militärtextbuch bemerkt: „Dieser Ausspruch wurde uns als ein ewig geltender kategorischer Imperativ gegeben…“ So fühlte einst auch Babylonien und nach ihm der welterobernde Islam.

Der babylonische Himmel also stellte im großen wie im kleinen ein Abbild der Erde dar. Auch oben flössen ein Euphrat und ein Tigris, auch dort lagen alle die großen babylonischen Städte, deren jede der Sitz eines der großen Götter war, die im himmlischen Babylon, Sippar, Eridu, Nippur herrschten, wie ihre Stellvertreter in deren irdischen Abbildern. Jede der großen Städte und besonders wieder ihre Tempel stellten also auf Erden einen kosmischen Ort dar.

Die drei Reiche wurden verkörpert durch Anu, den nördlichen Himmel (Uranos), mit dem Polarstern als Sitz; Bel, den Herrn des himmlischen „Festlandes“, also des Tierkreises, und „Herrn der Länder“ (Kronos), und Ea, den Gott der Wassertiefe, Poseidon. Aber weniger diese — nach dem Sturz der oben in der Schöpfungsgeschichte erwähnten „Titanen“ — erste Generation der Götter, als vielmehr die zweite, Sin, der Mondgott, Schamasch, der Sonnengott, und Ischtar, der Planet Venus, waren von aktueller Bedeutung und die eigentlichen Regenten des Weltalls. Als Bel in seiner Herrschaft von feindlichen Mächten bedrängt wurde, setzte er die drei ein, um den „Himmelsdämm“ zu regieren. Daher regieren sie auch dessen irdisches Abbild, die Erde, und ihr Kult nimmt deshalb überall die erste Stelle ein. In Babylon wurde Marduk für Schamasch substituiert. Ihre Abzeichen, die drei Scheiben von Mond, Sonne und Venusstern, stehen an der Spitze jeder konstellatorischen Darstellung. Zu diesen drei Hauptplaneten kamen die vier anderen, den vier Sonnenvierteln entsprechend, Marduk-Jupiter als Frühjahrsgott bis zur Sonnenwende; Ninib-Mars, der Sommergott, von der Sonnenwende bis zum Herbstpunkt, Nebo-Merkur, die Herbstsonne, bis zum Wintersolstitium, und Nergal-Saturn, die Wintersonne. So ergibt sich die Siebenzahl der siebentägigen Woche, deren Tage noch heute die alten Planetennamen führen.

Diese Sie benereinteil ung ist aber nur eines der babylonischen Zahlensysteme, deren weitere wir hier nicht erörtern können, die aber alle bis heute ihre Geltung behalten haben. In das Fünfersystem gehören die fünf Planetenfarben, blau, schwarz, gelb, weiß und rot, der vier kleinen Planeten und der Venus, die auch an den Stockwerken der Stufentürme verwendet wurden, wo sie durch das Silber und Gold von Mond und Sonne die Siebenzahl der Stufen erreichten. Der Fünfzahl waren ferner die Minerale und Metalle unterworfen, nebst vielen anderen Dingen des Alltags und Lebens. Ein anderes, bis heute bestehendes babylonisches System sumerischen Ursprungs ist die Sexagesimalrechnung, nach der wir bis heute die Stunde in 60 Minuten und diese in 60 Sekunden, den Kreis in 360 Grade einteilen.

Der eigentlich schicksalhafte Einfluß aber der Babylonier auf die westliche Menschheit war ganz anderer Natur: es war der hinfort in das Leben von Millionen tief einschneidende Fluch des Aberglaubens. Mehr oder weniger harmlos, soweit er sich in der Astrologie auslebte, wirkte er verheerend in den Formen der Zauberei und des Hexenwahnes. Von dem unter Nebukadnezar in Baby lon sich blähenden Gezücht der Sternseher und „Weisen“, Zauberer und „Chaldäer“ wußten wir seit jeher aus dem Buche Daniel des Alten Testaments. Aber erst nach Babylons Untergang begann die Afterweisheit der babylonischen Astrologie und Wahrsagerei auch die mediterrane Welt zu vergiften. Rom stand jahrhundertelang unter ihrem Bann, und wir Menschen von heute bekommen Horoskope der törichtesten Art noch in den Tageszeitungen vor gesetzt, wenn auch nicht mehr in Deutschland, so doch in den Vereinigten Staaten von Amerika, und bis vor kurzem wurden sie noch zum Preis von einer Mark auf der Straße verschleißt! Der Ursprung des folgenschweren Hexenwahnes war die Ohnmacht der babylonischen Ärztekunst gegen die Krankheiten und Seuchen, die die Menschen oft so plötzlich überfielen.

Da man weder ihre Ursache noch Mittel dagegen kannte, schrieb man sie der Wirkung böser Dämonen und Teufel zu, die den Menschen entweder unmittelbar oder durch das Medium von Weibern quälen und vernichten. Durch einen auf acht Tafeln verzeichneten Keilschrifttext, der „Verbrennung“ betitelt ist, ist der babylonische Ursprung dieser Geißel der Menschheit dokumentarisch festgestellt. „Die Hexe kann durch ihr Zauberwort, ihren Blick, ihren Speichel über Körper, Haus und Habe des Menschen jegliches Unheil jählings heraufführen. Sie treibt sich auf den Straßen umher, dringt in die Häuser, raubt dem Manne die Zeugungskraft, dem Weibe die Empfängnis, hindert beide in ihren ehelichen Pflichten, sie behaftet den Menschen mit Krankheit, vertreibt den guten Gott aus seinem Leibe und setzt den Teufel an seine Stelle. Schon ein Bild des betreffenden Menschen, das sie aus Ton, Wachs oder sonst welchem Stoffe bildet, genügt ihr, jenen zu schädigen, zu vernichten, indem sie es einem Toten mit in den Sarg gibt, in einem Torweg, auf einer Brücke niederlegt, wo es die Menschen zertreten usw. Nur ein Mittel gibt es, die unheilvolle Wirkung der Hexe aufzuheben: da ist das Feuer. Da es aber selten gelingen will, die Hexe auf frischer Tat zu fassen, so genügt es dem Babylonier zumeist, sie in effigie zu verbrennen. Die meisten der babylonischen Hexenverschwörungen gipfeln in einem Gebet an den Feuergott, dem die Hexe überantwortet wird, nachdem ihr in aller Form der Prozeß gemacht worden“.

Während man sich in Babylonien zumeist mit der Verbrennung des Bildes der Hexe begnügte, führte dieser Aberglaube in Europa unter der Führung der Kirche zum grausamen Tod auf dem Scheiterhaufen. Während in Babylonien schon Hammurabi im § 2 seiner Gesetzessammlung jeden, der jemanden unschuldig der Hexerei anklagt, mit dem Tode und der Konfiskation seiner Güter bedroht, wurden im Abendland Millionen von unschuldigen Opfern auf dem Scheiterhaufen verbrannt, darunter Persönlichkeiten wie Huß, Giordano Bruno und Jeanne d’Arc. Haben die Hexenverbrennungen seit der „Aufklärung“ in Europa aufgehört, so lebt der Teufelsglaube in den Kirchenreligionen unverändert fort…

Die in den Ruinenhügeln Babylons gefundenen Tontäfelchen vermitteln uns nicht nur Worte der Könige und Hymnen der Priester, Kaufverträge und Prozeßakte, sie geben uns auch Einblick in das Gefühlsleben und das Ressentiment des Durchschnittsbürgers. „Ich bin ein Mann aus niedrem Stande, den Vater hat das Geschick überwältigt, die Mutter, die mich gebar, ist zurückgekehrt ins Land ohne Heimkehr.“ „Unter meinem Fluche liege ich gebeugt, mich, den gemeinen Mann, verachtet der Reiche und Üppige. Der Starke ist weise, Besitzer der Besonnenheit; knurrt dein Leib, behandelst du den Gott ungerecht! Das Herz Gottes ist wie die Mitte des Himmels weit entfernt … Paß auf, mein Freund! Erfahre meinen Rat! Behalte meinen erlesenen Spruch! Man hält hoch das Wort des Angesehenen, der morden gelernt hat, man erniedrigt den Schwächling, der nicht gesündigt hat. Man zeugt für den Bösewicht, dessen Frevel schwer ist, man verfolgt den Rechtschaffenen, der den Rat Gottes sucht, man füllt mit Pasallu die Tasche dessen, dessen Name Räuber ist, es leeren die Gewaltigen den Beutel dessen, dessen Nahrung dürftig ist. Man gibt Macht dem Siegreichen, dessen Gerichtsversammlung, Frevel ist, man vernichtet den Schwachen, ihn verfolgt der Reiche. Auch mich, den Geschwächten, verfolgt der Herzog.“ „Schaust du hin, so sind die Menschen insgesamt blöde. Des Reichen Geist haben sie hochgehalten und zu einem gewaltigen gemacht. Den glänzenden Herrn des Reichtums, wer hat ihn je betrübt? Derjenige, der das Antlitz eines Gottes trägt, besitzt einen Schutzgott, den Betrübten, auch wenn er die Göttin fürchtet, schlägt das Grab nieder.“ Aus solchen Sätzen spricht das Babylon des Alltags, der Massen mit ihren Klagen, Geständnissen und Axiomen, die uns fast erschrecken durch ihre Zeitlosigkeit, vor der fünftausend Jahre zerronnen sind wie ein Tag, ohne an der Not des Menschen Wesentliches geändert zu haben. Dieses ist das Vermächtnis Babylons vom Menschen zum Menschen.

Als Ausläufer einer schon müde gewordenen Welt erscheint um 2000 in Mesopotamien Hammurabi.

Als Ausläufer einer schon müde gewordenen Welt erscheint um 2000 in Mesopotamien Hammurabi. Sein Gesetz faßt die Gewohnheiten und „Weistümer“ Vorderasiens zusammen. Einzelne Bestimmungen des Gesetzes sind wohl geeignet, Freudenfeuer auch in der Brust heutiger Juristen zu entzünden. So ist darin schon von einer Präklusivfrist die Rede, ferner von der Haftung des Tierhalters. Auch der Begriff der force majeure besteht schon. Der Schutz der Frau ist sehr ausgedehnt. Im allgemeinen ist das Gesetz zwar milde für die Sklaven, aber andrerseits recht kapitalistenfreundlich. So heißt es:

„Wenn jemand seinen Acker einem Bauern für Zins überlassen, und den Pachtzins erhalten hat, so trifft, wenn nachher Überschwemmung oder Mißernte einfällt, der Schade den Bauern.“

Eine kranke Frau darf der Mann nicht verstoßen, sondern muß sie unterhalten, solange sie lebt, dagegen darf er eine zweite Frau nehmen. Will dann die erste Frau, wie man wohl begreifen mag, nicht mit der zweiten zusammenhausen, so muß ihr der Mann die Mitgift zurückgeben. Besondere Genugtuung wird die Gegenwart über folgenden Spruch empfinden:

„Wenn ein Baumeister für jemand ein Haus baut, und seinen Bau so wenig fest aufführt, daß das Haus, so er gebaut hat, einstürzt, und den Hauseigentümer erschlägt, so wird ein solcher Baumeister mit dem Tode bestraft.“

Hammurabis Staat ist bis ins einzelne gut geordnet. Das alte Reich faßte noch einmal seine Kraft zusammen, um sich im Kampf ums Dasein zu behaupten. Den Verfall konnte jedoch Hammurabi nicht aufhalten. Nach ihm brach das Verhängnis mit voller Macht herein. Eine Völkerwanderung von gewaltiger Wucht und Ausdehnung ergoß sich über ganz Vorderasien und Ägypten. Die Völker gehörten der großen und weitverzweigten Rasse an, die man zweckmäßig die Kas nennt. Ihre heutigen Überbleibsel sind die Tscherkessen und Georgier des Kaukasus, die Basken in den Pyrenäen und die Berber am Atlas und seinem Vorlande. Die eigentlichen Kas besetzten das Zweistromland, die Hethiter errichteten einen Kriegerstaat in Kleinasien und die Hyksos eroberten Ägypten. Alles das seit 1800. Von dem unwiderstehlichen Sturm wurden auch die Vorfahren der Juden mitfortgerissen, deren Stammherr Abraham als Zeitgenosse des Amraphel, das ist des Hammurabi, gedacht wird.

„Da du lebtest, lebte auch ich,
Da hättest du gerne gefangen mich.
Nun bist du tot, nun hast du mich,
Und daß ich sterbe, was hilft es dich?“

Die Deutsche Mythology:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
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Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
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Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
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Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
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Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt