Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – III Mystische Subjektivität bei den vorsokratischen Naturphilosophen.

Der lyrische Zeitgeist.

Nun aber beginnt erst das eigentliche Hauptproblem: ist diese gefundene Deutung der Naturphilosophie aus der Mystik oder doch aus der Einheit mit der Mystik anwendbar auf die Antike, speziell die vorsokratische, also auf die erste klassische Periode der Naturphilosophie, also auf ihre eigentliche Entstehung? Gilt für sie die Parallele mit den beiden anderen Hauptepochen der Naturphilosophie ? Zunächst gibt sich die eine, die Renaissance ja ausdrücklich als Erneuerung der Antike. Man hat hier bei der Antike Plato und Aristoteles zu beherrschend in den Vordergrund geschoben. Ich glaube, die Zeit war diesen gerade am wenigsten verwandt. Dilthey hat in seinen bedeutsamen Aufsätzen über Auffassung und Analyse des Menschen im 15. und 16. Jahrhundert (Archiv f. Gresch. d. Philos. IV f.) auf tiefliegende, stoische (und daneben epikureische) Einflüsse hingewiesen. Man sollte nun auch die Erneuerungen der Vorsokratiker (auf die ja Stoa und Epikur selber zurückweisen) untersuchen. Wie viele allein wollen damals dem Pythagoras und seiner symbolischen Zahlenweisheit folgen: Gemistos Plethon und Marsilius Ficinus, Reuchlin und Agrippa, Patritius und Campanella. der ein Lehrgedicht über pythagoreische Philosophie schreibt, und viele andere blicken auf ihn zurück. Wichtiger noch ist, dass Kopernikus sein Weltsystem ausdrücklich als eine Erneuerung des pythagoreischen findet, wie es als solche auch von der Kirche verdammt wurde und wie andrerseits Bruno und Kepler die pythagoreische Astronomie preisen. Die italienische Naturphilosophie erhebt sich in Grossgriechenland wie eine Auferstehung der dort begrabenen Vorsokratiker. Telesius darf von Bacon der Wiederhersteller des Parmenides genannt werden, den ausser ihm sich schon Plethon und noch Bruno zum Vorbild nehmen. Bruno überhaupt fühlt sich stolz als Geistesgenosse seiner eleatischen Landsleute und des Empedokles. Campanella beginnt eine Wiederherstellung des Empedokles, und sein Freund Naudee rühmt von ihm, dass er im Vaterland des Parmenides, Philolaos und Zenon geboren ihnen auch an Charakter geglichen habe. Und endlich hat man jetzt beachtet, wie weit sich Galilei mit Demokrit berührt, den er über Aristoteles stellt.

Diese Andeutungen mögen genügen, aber sie genügen eine bewusste Beziehung, doch nicht eine so weitgehende Parallele zu erweisen, dass man skrupellos weiter folgern dürfte. Zweifellos beweist die Erneuerung der Antike irgend eine Seelengemeinschaft mit ihr. Zweifellos andrerseits bestehen tiefliegende Unterschiede, die alle Vergleiche zwischen Antike und Neuzeit gefährlich machen; aber darum auf Vergleichung verzichten heisst auf Erkenntnis verzichten; wir verstehen die Antike, nicht indem wir sie citieren, sondern indem wir sie übersetzen. Die Unterschiede hebe man warnend heraus, wo es auf sie ankommt. Es fehlt, wie gesagt, der Kultur und speziell der Wissenschaft der Griechen der starke praktische, technische Zug der Neuzeit. Doch dieser Zug hat eben, da er nicht auf Einheit und Unendlichkeit der Natur, nicht zur kosmischen Auffassung führt, die Naturphilosophie nicht geschaffen, auch nicht die der Neuzeit; er hat nur nachher die mechanistische Auffassung geschärft, während die erwachende Naturphilosophie vitalistisch ist. Das praktische England steht in der Naturphilosophie der Renaissance weit zurück hinter dem künstlerischen Italien und dem religiös beschaulichen Deutschland, und doch hat schon Jahrhunderte bevor der grosse Bacon die Naturerkenntnis mechanistisch auf das praktische Prinzip der Erfindung begründete, sein Landsmann Roger Bacon von grossen Schiffen geträumt, die ein Mann lenkt und rasch bewegt, von Flugwerkzeugen und Automobilen. Auch hier also ist der Wunsch der Vater des Gedankens, der Traum und Trieb der Vorläufer der Erfahrung und Erkenntnis.

Nicht der praktisch-technische, aber andere Mängel der hellenischen Geisteskultur drohen jene Parallele zu verbieten, weil es gerade Mängel sind, die die mystische Erklärung der Naturphilosophie auszuschliessen scheinen. Mystik ist religiöser Subjektivismus. Aber gerade an religiöser Kraft steht ja die klassische Antike weit zurück wie hinter dem Orient so hinter den Zeitaltern Böhmes und Schellings, und gerade das subjektive Bewusstsein erscheint in der Antike so schwach entwickelt, dass der philosophische Subjektivismus so ziemlich die einzige moderne Richtung ist, die keine antike Parallele hat, wie es ja auch den Griechen an einer wirklichen Benennung und Wertung des Gefühls (gegenüber den objektiven und niederen ) fehlt. Und nun soll gerade eine Kombination dessen, was der Antike mehr oder minder fehlt, sie zur Schaffung der Naturphilosophie befähigen? Durch die beiden Faktoren der Mystik, den subjektiven und den religiösen d. h. aus der gleichzeitigen Betonung von Seele und Gott steigt das Bewusstsein der Natur auf, — so zeigte es sich und alle anderen Erklärungen versagten. Es bleibt nur übrig noch einmal das Verhältnis des griechischen Geistes zu diesen beiden Faktoren der Mystik zu prüfen.

Das subjektive Bewusstsein zunächst ist ja gewiss nicht die Stärke des Orients (wenigstens des im griechischen Horizont stehenden) — sind nun nicht demgegenüber die Griechen das Volk der Selbständigkeit und Selbsterkenntnis, der vielen Persönlichkeiten, des hochgesteigerten Individualismus ? Aber individuell und subjektiv fallen ja nicht zusammen; selbständig, eigenartig heisst noch nicht gefühlsmässig. Der griechische Individualismus war ja der Entwicklung mancher Gefühle wie der sozialen nicht eben günstig. Und doch die schwellende Subjektivität weckt Individualität, und sie kann wiederum nicht schwellen ohne Anlage zur Individualität. Es muss in Griechenland eine Epoche gegeben haben, da beide einig waren, da die Individualität subjektiv erwachte, da der Selbständigkeitsdrang noch nicht kritisch gegen die Gefühle wurde, da er subjektiv, gefühlsmässig sich aussprach — und eine solche, kurz gesagt, lyrische Epoche des griechischen Geistes hat es ja gegeben und gerade in dieser seiner subjektivsten Epoche schuf er die Naturphilosophie.

Es scheint ein sonderbar zeitliches Zusammentreffen, die Blüte der Lyrik und das Erwachen der Naturphilosophie, — wir wissen jetzt von den Parallelen, dass es nicht zufällig, sondern tief begründet ist und sehen eine Bestätigung in diesem Zusammentreffen. Wer sind denn die Erwecker des Natursinns in der Neuzeit? Der lyrischste Geist der Renaissance, Petrarca, die mystische Lyrik eines Suso und andere Naturlyriker, dann im achtzehnten Jahrhundert Haller, der Lyriker und Naturphilosoph, und sein Schweizer Landsmann Rousseau, der Philosoph des „Herzens“, und endlich wird ja der Urlyriker Goethe Naturforscher grossen Stils. Epiker, Dramatiker, Didaktiker leben in historischen, höfischen und städtischen, kurz sozialen Welten; der Lyriker fühlt sich allein mit der Natur; sie ist ihm das Nächste als Stoff, Bild, Echo. Die poetische Feier der Natur ist ja an sich schon lyrisch, und das Früblingslied ist wohl so alt und ursprünglich wie die Poesie überhaupt. Lyrik gab es immer und überall, aber es gab vielleicht nie ein Volk, das eine so ausgesprochene lyrische Epoche hatte wie Hellas im 7. und 6. Jahrhundert. Wie dieses Volk alle geschichtlichen Formen reiner zeigt, so ja auch die Folge des epischen, des lyrischen und des dramatischen Zeitalters. Damals nun schwollen die Gefühle, drängten zur Aussprache und daran — so darf man sagen — erwachte die griechische Seele, erwachte die nur griechische Fülle der Individualitäten. Die Lyrik ward zur bewussten Kunstform, die, wie sie ja weit beweglicher und formreicher ist als das Epos, in tausend echt griechischen Agonen die Persönlichkeiten in ihrer Eigenart und ihrem Können hervor-und emportrieb und immer schärfer und bewusster ausprägte.

Je schärfer und bewusster sie wurden, um so kritischer. In der Lyrik zuerst spricht sich das Selbstbewusstsein aus, in ihr zuerst wird die Welt, das Leben als das grosse andere zum Ich gefühlt, gewertet, erfasst. So lange das Ich sich des Lebens freut, einig ist mit der Welt, bleibt das Gefühl in seiner natürlichen Einheit und bei seiner rein lyrischen Aussprache. Das Dissonanzgefühl aber treibt über sich selbst hinaas zar Reflexion. Leidet das Ich an der Welt, dann stellt es sich die Welt gegenüber, das Gefühl zersetzt sich, wird kritische Vorstellung. Die klagende Lyrik ist werdende Philosophie, der Pessimismus zersetzte Lyrik: Wie die Lyrik die Poesie, so ist der Pessimismus die Philosophie der Jünglingsjahre, auch der des griechischen Volkes (vgl. über das Dichterische und Jugendliche der Pessimisten meine Philosophenwege S. 202 f.) Die griechische Lyrik, die sich so bedeutsam als Elegie entwickelt, zeigt früh schon in einem auffallend pessimistischen Zuge den Drang zur Reflexion. Den bekannten immer wiederkehrenden lauten Klagen der griechischen Lyriker über die Vergänglichkeit der Lebensblüte liegen Vergleiche mit der Natur nahe genug (vgl. als neu sich bietendes Beispiel die Naturparallele des ja auch pessimistischen Bakchylides III 87), und es spricht darin jenes intensive Lebensgefühl und jener erweckte Sinn für die Macht der Wandlung, die für die Naturphilosophie der Renaissance sich so grundlegend zeigten. Dm Naturgefühl, das der Naturerkenntnis vorangeht, kommt zuerst gerade in der Lyrik zum bewussten lauten Ausdruck. Vgl. das Bekannte hierüber bei Bergk, Griech. Literaturgeschichte II, 109 f.: „Dass es den Griechen an Sinn und Empfänglichkeit für die Schönheit der Natur nicht fehlt, beweisen gerade die noch erhaltenen Überreste der lyrischen Dichter. Allerdings ist die Naturschilderung niemals Selbstzweck, auch sind ausgeführte Beschreibungen der landschaftlichen Umgebung nicht gerade häufig; man begnügt sich mit wenigen aber sprechenden Zügen, und meist wird das Naturbild vorgeführt als Abbild der Stimmung des Gemüts“. Also ähnlich wie bei Petrarca. Wir greifen hier bei den Griechen eben jenes Gefühl einer Einheit von Seele und Natur, das sich als Hauptmotiv der Renaissancephilosophie ergab.

„Die Naturschilderung ist der Punkt, von dem aus das lyrische Gefühl sich weiter verbreitet“ —

Bergk verweist auf die Alkäusfragmente 34. 89. 45. als Beispiele —

„Es drängt den Dichter, das innige Naturgefühl, das er empfindet, kund zu geben.“

Und mitten in diesem Zeitalter der von Naturgefühl geschwellten Lyrik entsteht nun die Naturphilosophie. Und wie die Lyrik zur Naturbetrachtung hinlenkt, so trägt andrerseits die Naturphilosophie starke lyrische Züge und Spuren an sich. Zunächst tritt diese Naturphilosophie ja z. T. in poetischer Form auf, und wenn wir ihren Ursprung und Charakter nicht nach ihrem Ausläufer Demokrit beurteilen und nicht nach den nur indirekt oder in dürftigen Fragmenten bekannten Denkern beurteilen, so gibt sie sich in weitem Masse als Poesie. Es wird niemand die Versdichtung des Xenophanes, Pannen i des, Empedokles, von denen wir neben Heraklit gerade die meisten Bruchstücke haben, für zu-zufallig, für leere Form halten. Xenophanes, von dem ja die beiden anderen abhängig, istRhapsode, und es ist doch nicht gleichgültig, dass dieser erste griechische Philosoph, der in grösseren Fragmenten zn uns spricht, der weithin nachwirkende Vater einer Hanptrichtnng der „Naturphilosophie“, die Poesie von Berufswegen pflegt und seine Weisheit vorbringt im Bewusstsein der Konkurrenz mit anderen Dichtern. Man sage nicht, die dichtenden Naturphilosophen seien ja Epiker. Abgesehen davon, dass gerade Xenophanes ja auch Lyrik (lleyefas xal idfxßov?Laert. Diog. IX 18) gibt, macht doch der Hexameter nicht das Poetische. Die ionischen Naturphilosophen schreiben nicht in Versen, und doch ist die Prosa des Heraklit poetischer noch als die Poesie des Parmenides. Woher diese Unzerstörbarkeit des Poetischen auch in der verslosen Sprache? Episches, Dramatisches, Didaktisches lassen sich ganz in die Prosa des Erzählens, Darstellens, Lehrens auflösen, Lyrisches nicht. Dort ist ein selbständiger Stoff, ein objektiver Inhalt, der sich in seiner poetischen Form vom Dichter selbst ablösen lässt, hier in der Lyrik aber ist gerade das Verhältnis des Dichters zum Stoff, das Verhältnis des Subjektes zum Objekt, des Ich zur Welt das Wesentliche. Aber eben dies gilt ja auch für den Naturphilosophen. Welchen Eindruck ihm die Welt macht, wie sie ihm erscheint, und was sie ihm bedeutet, das sagt der Lyriker und der Naturphilosoph, denn Naturphilosophie ist mehr als Naturbeschreibung, ist Deutung der Natur, durch die sie dem Geiste und seinem Bedürfnis näher gebracht wird.

In dreifacher Weise bekundet die antike Naturphilosophie, dass hier ein Ich seine Beziehung zur Welt sucht, sein Weltverhältnis erfassen will, dreifach bekundet sie also ihren stark subjektiven Charakter, darin ihre Gemeinschaft mit der Lyrik. Alle drei Momente kehren in der RenaisBancephilosophie wieder, zielen mehr oder minder auf die mystische Einheit der Seele mit der Natur und gehören überhaupt zum Wesen der Mystik.

Text aus dem Buch: Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik (1903), Author: Karl Joël.

Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – I. Der kosmologische Anfang der Philosophie und seine Erklärungen
Der Ursprung der Naturphilosophie aus dem Geiste der Mystik – II. Die Naturmystik der Renaissance.

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    29. September 2015

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