Des Königs Richterspruch

Gott offenbart sich nicht in übernatürlichen Wundern, sondern in der heiligen Ordnung der Natur.

Auf dem alten Richterstuhle Karls des Großen unter der Linde, unweit des Fleckens Rottweil, saß König Heinrich, umgeben von seinen Pfalzrichtern, und im weiten Halbkreis um ihn das Volk.

Auch etliche Bischöfe waren beim König, denn es war das erstemal, daß er ohne Beistand seines königlichen Richteramtes waltete. Ein Freisasse klagte wider einen Klosterbruder, daß der ihm seine Tochter mit Gewalt entehrt hätte. Zwölf Eidhelfer standen dem Freibauern zur Seite, zwölf Eidhelfer, die Klosterbrüder des Angeklagten, standen diesem zur Seite. Zwölf Eide hoben sich gegenseitig auf.

Üble Dinge waren dem Könige mitgeteilt worden über das Treiben der Klostermönche, und von seinem Richterstuhle aus konnte König Heinrich gar wohl bemerken, daß das Volk auf seiten des Bauern stand und daß nur die Achtung vor dem König es hinderte, gegen die Mönche Schmähungen auszustoßen.

Mit seiner Tochter an der Hand stand der Bauer und forderte Recht. Ihm gegenüber standen die zeternden Mönche und nannten das Mädchen eine Dirne. —

Ein grollendes Murren ging durch die Reihen des Volkes. Der Angeklagte war aus vornehmem Hause, und seine Sippe hatte kein Mittel unversucht gelassen, den Freisassen einzuschüchtern — mit Feuer und Schwert hatten sie ihn bedroht, wenn er seine Klage nicht zurückziehe. Aber der wackere Mann war stark geblieben und schaute seinem König frei und offen ins Gesicht und forderte sein Redit.

Der Mönch aber, wenn ihm der König ins Auge sah, senkte den Blick zu Boden. —

Da hieß der König das Mädchen nähertreten, und als es seine Scham überwunden hatte, sah König Heinrich schon in ihren Augen, daß es die Wahrheit sprach:

Der Pfaffe habe ihr die Beichte abgenommen, sagte die Dirn, und ihr dabei befohlen, zur Strafe für ihre Sünden an dem Grabe ihrer Mutter auf dem Friedhof bei der Klosterkirche zwölf Paternoster zu beten. Von dort habe er sie in seine Zelle gezwungen und ihr Gewalt angetan. Sie habe geschrien und sich gewehrt, aber kein Mensch im Kloster habe eine Hand gerührt. Am anderen Morgen habe der Abt sie zu sich führen lassen und ihr den Vorschlag gemacht, als Magd im Kloster zu bleiben. —

Ihr Vater aber sei mit einem Haufen Bewaffneter zum Kloster gezogen, worauf man sie habe laufen lassen. —

Da trat der Abt vor und verschwor sich bei allen Heiligen, daß die Dirne lüge. Aber Gott werde der Wahrheit schon zum Siege verhelfen, und Gott solle das Urteil anheimgegeben werden. Der angeklagte Bruder sei bereit, sich der Feuerprobe zu unterziehen. Unmutig aber rief der junge König: „Wie lange werden die Menschen noch an solchen Zauber glauben?“

Entsetzt blickten sich alle an, die das Wort gehört hatten, und die Bischöfe rückten erschrocken vom König ab. König Heinrich, der gemerkt hatte, daß er zu weit gegangen war, sagte: „Glaubest du, daß der ewig Gott werd ein Wunder tun, so laß mich es sehen.“ Da brachten die zwölf Mönche eiserne Platten, die sie schon bereitgelegt hatten, vor König Heinrichs Thron. Zu zwei und zwei kamen sie daher, ein jeder eine einzelne Platte haltend, die Augen himmelwärts zum Gebet gerichtet. Ein Klosterknecht aber brachte einen Holzrost und legte ihn vor König Heinrichs Richterstuhl nieder.

Und sie beteten laut, daß Gott der Wahrheit zum Siege verhelfen und ihren unschuldigen Bruder aus den Krallen des Teufels erlösen möge. Unter dem Volke, das zuhörte, ober war eine große Aufregung, denn König Heinrichs unvorsichtiges Wort hatte die Menschen fürchterlich erregt. Dann kamen die Brüder wieder, und ein jeder trug ein gewaltiges Holzscheit, betend und die Augen zum Himmel erhoben. Und sie schichteten dus Holz und legten ein mächtiges Feuer an, das hoch emporloderte.

König Heinrich aber saß unbeweglich auf seinem Stuhle und tat, als höre er nicht das unmutige Raunen der Bischöfe und das erregte Gemurmel des Volkes. Die Mönche aber legten die eisernen Platten in das Feuer, und der Abt rief den allmächtigen Gott zum Zeugen an, daß der Bruder unschuldig und alles unwahr sei, was man über sein Kloster rede. —

Damit gedachte er zwei Mücken mit einem Schlage zu treffen und gleich das drohende Unheil von seinem Kloster abzuwenden, das er fürchtete. In König Heinrichs Augen aber blitzte es auf, denn er hatte das Vorhaben des Abtes durchschaut. Immer lauter betete der Pfaffe und beteuerte vor dem ewigen Gott die Unschuld seines Klosterbruders und bat den allmächtigen Richter, daß er es vor allen Menschen offenbar machen möge, daß der Kläger und seine Tochter vom Teufel besessene Lügner seien, das Mädchen aber vor allem des Feuertodes schuldig sei, weil sie einen frommen Bruder zu Unrecht beschuldigt habe.

Da rief König Heinrich: „Willst du des Königs Urteil an dich reißen. Pfaff? Gott hat den König zum Richteramt berufen und nie den Abt von Rottweil!“ Inzwischen waren die Platten glühend rot geworden, und damit alles Volk sehe, daß es mit rechten Dingen zugehe, bliesen zwei Klosterbrüder mit großen Blasebalgen in die Glut. Dann brachten andere einen Stuhl, und sie setzten den angeklagten Klosterbruder darauf und stellten seine Füße in eine Schale aus Zinn. —

Die war voll bis an den Rand, und der Abt sagte mit lauter Stimme, es tue not, daß der Bruder mit reinen Füßen vor seinen göttlichen Richter trete. König Heinrich aber sah, daß die Flüssigkeit in der Schale einen blauen Schimmer hatte. Als sie dem Bruder die Füße gewaschen hatten, ohne sie abzutrocknen, stand dieser auf und erhob beide Hände zum Gebet. Die Mönche aber nahmen Zangen und fußten damit die glühenden Platten und legten sie mit einem Schritt Abstand auf den Holzrost. Und sie waren so heiß, daß der Rost anbrannte und aufrauchte. Der Abt aber nahm den Bruder bei der Hand und führte ihn zu den glühenden Platten.

„Nun zeug es, ewiger Gott“, rief er, „daß unser Bruder unschuldig!“ Und der Angeklagte schritt über die glühenden Eisen, als wären es kühle Steine. Und alles Volk schrie auf, und am lautesten schrie das Mädchen. Der Freisasse aber riß seine Tochter, die zu Boden gestürzt war, auf und schrie, sie sei eine Dirne! Und die Mönche zeterten und brüllten, sie sei des Todes schuldig, und das Volk war starr und wußte nicht, was es denken sollte. König Heinrich aber zückte mit keiner Wimper und schaute bloß schweigend auf das Mädchen, das sich ihm zu Füßen geworfen hatte.

Dann rief er mit lauter Stimme: „Lasset sehen, ob Gott bei seinem Richterspruch beharret!“ „Du frevelst, König Heinrich!“ riefen die Bischöfe, und das Volk entsetzte sieh über den König, und einige Frauen schrien laut auf. —

„Machet die Platten zum andern Male heiß!“ rief König Heinrich. Aber keine Hand wollte sich rühren. Da traten die jungen Ritter, die immer um den König waren, hinzu, packten die Platten mit den Feuerzangen und warfen sie in die Glut, legten neues Holz zu und bliesen mit den Blasebalgen in das Feuer. Die Mönche aber zeterten und schrien, das sei ein Frevel vor dem ewigen Gott. Nur der Abt merkte, was der König wollte, und er wurde kreidebleich vor Schrecken.

„Ist Euch übel, Abt?“ fragte ihn der König. Der gab keine Antwort. Und die Bischöfe drangen in König Heinrich, daß er abstehe von seinem Frevel. —

„Gürte du dein Rock hoch!“ rief König Heinrich dem Mädchen zu. Und die jungen Ritter legten mit den Feuerzangen die Platten, die noch glühender waren als zuvor, auf den Holzrost, und sie waren so heiß, daß das Holz in blauen Flammen aufbrannte. Und zwei Mönche eilten hinzu und wollten das Mädchen führen, aber mit lauter Stimme rief der König: „Haltet ein! Nicht euer ist das Amt!“ Und er stieg von seinem Richterstuhle. nahm das Mädchen bei der Hand und rief: „Hat’s notgetan, daß der Pfaff mit reinen Füßen vor sein Herrgott ist getreten, so tuets nit minder not. daß die Dirn desgleichen tu!“

Und er hieß das Mädchen, sich auf den Stuhl setzen und stellte eigenhändig ihre Füße in die Schale aus Zinn. Dabei sah er, daß der Inhalt dickflüssig war und durchsichtig wie ein blauer Kristall. Die Menschen aber, die es sahen, zitterten vor Aufregung, und sie wußten nicht, was sie sagen sollten. —

Dann hieß der König die Bebende aufstehen und führte sie selber zu den glühenden Eisen. Und als sie angstvoll einen Augenblick zögerte, auf die erste Platte zu treten, sagte er gütig: „Ich weiß, daß du ohne Schuld, darum sei du ganz getrost!“ Da faßte sich das Mädchen einen Mut, und sie schritt über die glühenden Eisen, als wären es kühle Steine. Und als sie darüber hingeschritten war, zeigten ihre Füße nicht das geringste Bläslein.

Das Volk aber schrie auf, und die Mönche schrien auch auf. Diese aber wußten warum! Der Bauer aber riß sein Kind an sich und preßte es an die Brust, daß es fast ersticken wollte. Die Bischöfe aber staunten und wußten sich keinen Vers darauf zu machen. Von den Mönchen aber versuchten etliche durch die Menge des Volkes durcbzubrechcn. —

Aber der König rief mit lauter Stimme: „Haltet sie!“ Da packten ein paar beherzte Männer die Schwarzröckc und brachten sie wieder vor des Königs Richterstuhl. Dieser aber rief etliche Reiter und hieß sie auf die Mönche wohl achtgeben und befahl: „Machet die Eisen abermalen heiß!“

Da war alles starr vor Staunen, und niemand wußte, wo der König hinauswollte. — Auch die Bischöfe sprachen kein Wort mehr. — Die jungen Ritter machten die Platten zum dritten Male heiß. — Und Herr Heinrich ließ eine neue Schale holen voll frischen Wassers und sprach mit lauter Stimme: „Itz soll uns Gott sagen, ob der Abbet die reine Wuhrheit gesprochen! Und ein Bischof soll ihm mit Weihwasser die Füße waschen, daß er ganz rein trete vor Gottes Richterstuhl!“

Der Abt aber schrie auf vor Schrecken und weigerte sich und wehrte sich mit Händen und Füßen. Aber sie zwangen ihn auf den Stuhl, und einer von den Bischöfen wusch ihm mit frischem, geweihtem Wasser die Füße. Und ob er auch mit Händen und Füßen um sich schlug, so führten sie ihn doch mit Gewalt zu den glühenden Eisen, und als sein Fuß die erste Platte berührte, da stieg ein stinkender Rauch auf, und der Wind trug einen üblen Geruch von verbranntem Fleisch über die erregten Zuschauer hin. Der Abtaber schrie auf und fiel ohnmächtig zu Boden. Da warf sich der Mönch zu des Königs Füßen und bekannte seine Schuld. — Und der König sprach ihn des Todes schuldig. Den Abt und die andern Mönche aber ließ er mit Ruten aus dem Kloster peitschen. —

Das erschrockene Volk aber kniete nieder und betete. Und ob ihn die Bischöfe und späterhin noch manche Menschen bestürmten, er möge den Sachverhalt erklären, der König Heinrich schwieg. —

Die Kunde von dem Urteil aber flog durch das ganze Reich, Schrecken und Verwunderung erregend. —

Gott offenbart sich nicht in übernatürlichen Wundern, sondern in der heiligen Ordnung der Natur.

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