„Deutsch-Amerikas“ Mission

Von George B. McClellan, Professor der Universität Princeton und Ex-Mayor von New York.

Mit aufrichtiger Genugtuung begrüsse ich das Wiedererscheinen von „Deutsch-Amerika“. Der Einfluss einer guten illustrierten Zeitschrift ist von grosser Bedeutung und Tragweite, wenn er auch naturgemäss hinter dem einer grossen Tageszeitung wie die „Staats-Zeitung“ zurückstehen muss. Die illustrierte Zeitung, das Bild, ist ein Sendbote, der mit einer nur ihm eigenen Kraft und Sicherheit seinen Auftrag verkündet und durchsetzt.

Gerade jetzt ist eine liberale, amerikanische Zeitschrift in deutscher Sprache nicht nur ein erfolgverheissendes Unternehmen, sondern eine Notwendigkeit.

..Deutsch-Amerika“ wird in den Vereinigten Staaten und in Deutschland verbreitet sein; es wird mithelfen, Deutschland in Amerika und Amerika in Deutschland ein Fürsprecher zu sein, und in diesem Bestreben wird es der ungemein wesentlichen Aufgabe dienen, das gegenseitige Verständnis und die guten Beziehungen zu fördern.

„Deutsch-Amerika“ wird dem Vaterlande so vieler unserer besten und patriotischsten Mitbürger, einem Lande, mit dem wir Gott sei Dank wieder in Frieden leben, der Künder der Freundschaft und Güte aller Amerikaner sein, denen die wahren Interessen der Vereinigten Staaten und mehr noch der ganzen Menschheit am Herzen liegen.

Diesen Interessen können wir nicht dienen, die Welt kann an ihr Werk des nach krieglichen Wiederaufbaus nicht einmal die erste Hand legen, wenn sich nicht alle Nationen zusammenfinden in dem Gedanken eines wahren Friedens, der sich auf die internationale Zusammenarbeit und den Grundsatz „Leben und Lebenlassen“ aufbauen muss.

Unsere Erde ist durch die heutige Zivilisation so klein geworden, dass eine Einsiedler-Nation, ein Volk, das sich von den anderen abschliesst, nicht länger möglich ist. Wir mögen uns noch so sehr gegen die Erkenntnis sträuben: die Geschicke der Vereinigten Staaten sind unlösbar mit denen der übrigen Welt verknüpft, und ganz besonders mit dem Schicksal Europas.

Sollte Europas Zivilisation zusammenbrechen, dann wäre auch die unsrige ernstlich gefährdet. Elend und Unzufriedenheit können nicht in einem Teile Europas herrschen, ohne dass man die Folgen sofort überall spüren würde. Ein zahlungsfähiges und gedeihendes Deutschland ist für das Wohl der anderen Nationen der Welt genau so wichtig, wie das Wohlergehen ihrer intimsten Freunde.

Deutschland leidet unter der Kurzsichtigkeit und Unwissenheit jener, die anscheinend nicht verstehen können, dass das Unmögliche nicht durch einen einfachen Befehl erzwungen werden kann. König Kanut befahl den Wassern des Meeres still zu stehen . . . unbekümmert um des Königs Befehl stiegen die Wasser, und der König musste froh sein, das eigene Leben in unrühmlicher Flucht retten zu können.

Die Folgen des Vertrages von Versailles, dazu noch die vier Jahre des Krieges und die Blockade haben Deutschland in ein Elend gestürzt, das hart an das Unerträgliche streift. Eine demokratische Regierung hält tapfer dieser Lage stand; sie versucht die durch den Vertrag auferlegten Verpflichtungen zu erfüllen und bemüht sich, ihrem Volk über die Schrecken dieses Winters hinwegzuhelfen.

Aber Deutschland ist kraftlos zusammengebrochen . . . Wie es sich wieder aufrichten kann, wenn ihm die Alliierten nicht diese Möglichkeit gönnen, übersteigt alle menschlichen Begriffe.

Es gibt keinen denkenden Menschen, der sich nicht im innersten Herzen der absoluten Unmöglichkeit der Durchführung des Versailler Vertrages bewusst ist . . . der nicht weiss, dass selbst der Versuch, auf dem Buchstaben dieser Bedingungen bestehen zu wollen, gleichbedeutend ist mit der wirtschaftlichen und politischen Vernichtung Deutschlands und der Ueberantwortung des Reiches an die rote Anarchie.

Die Welt darf nicht zu sicher auf den entschlossenen gesunden Menschenverstand und die Ordnungsliebe des Deutschen Volkes rechnen. Auf dem durch die Tiefen führenden Pfad des Elends gibt es eine Niederung, in der die Unglücklichen die Ordnung vergessen und den gesunden Verstand verlieren . . . die Hungernden treibt die Verzweiflung zum Aeussersten. Wenn man Deutschland jede Möglichkeit der Kräftigung versagt, wenn man es zur Einsicht zwingt, dass alle seine besseren Bemühungen zur Wiederherstellung seiner Ehre umsonst sind, dann nimmt man dem Deutschen Volk den Ansporn, die Gesetze zu achten, nimmt ihm auch den Willen zur Arbeit.

Ein Zusammenbruch der deutschen Zivilisation könnte in seinen Auswirkungen nicht auf das Reich beschränkt werden, das vermöchten nicht einmal die Bajonette aller Armeen der Welt selbst unter den Befehlen der Völkerliga. Als die Wasserflut sich nicht dem Worte König Kanuts fügte, konnte er sich durch die Flucht retten — Europa wäre vielleicht in einer weniger glücklichen Lage. Eine Umwälzung in Deutschland würde direkt die Nachbarstaaten in Mitleidenschaft ziehen, sie würde rückwirkend selbst hier gefühlt werden.

Moralisch, politisch und wirtschaftlich wäre ein prosperierender deutscher Nachbar für Frankreich ein Gewinn; es würde sich ohne eine Mark Gutmachungsgelder besser stehen, als wenn es den letzten Pfennig der Kriegsentschädigung und alle Kohle und alles Eisen des Reiches einstreichen könnte auf Kosten des Unterganges des Deutschen Volkes.

Ob Deutschland die Möglichkeit der Wiederaufrichtung gegeben werden wird oder nicht, hängt ganz von dem Wege ab, den die Alliierten in den nächsten Monaten einschlagen werden. Deutschland kann nur gesunden, wenn die Entschädigungssumme auf einen Betrag reduziert wird, den Deutschland zu zahlen imstande ist ohne zum Bankerott getrieben zu werden. Diese Wahrheit, die so selbstverständlich erscheint und die von den Liberalen aller Länder allgemein anerkannt wird, wird in vielen Kreisen immer noch verleugnet.

Die Vereinigten Staaten besitzen die Macht, seihst die schlimmsten Reaktionäre Europas zu überzeugen, die Zugehörigkeit zur Völkerliga ist dabei nicht einmal Vorbedingung. Alles was unsererseits zu tun nötg wäre, ist, unsere ungeheure Autorität als reichste und erfolgreichste Nation der Erde, und als Hauptgläubiger unserer Bundesgenossen im Kriege geltend zu machen.

Die öffentliche Meinung unseres Landes tritt mehr und mehr dafür ein, dass das amerikanische Volk die Sache der Vertragsrevision moralisch unterstütze — ohne diese Unterstützung dürfte leider eine entsprechende Revision sehr unwahrscheinlich sein.

„Deutsch-Amerika“ wird für die Sache der Humanität eine unschätzbare Hilfe sein, indem es uns hier die Lage in Deutschland und die Not der Deutschen im Bilde zeigen und sichtbar vor Augen führen wird. Es wird den Deutschen die Botschaft Amerikas, seiner Freundschaft und seines Wohlwollens übermitteln. Es wird das Deutsche Volk anspornen, auszuharren und den Mut nicht sinken zu lassen, sondern tapfer weiterzukämpfen gegen alles Missgeschick, in dem Bewusstsein, dass das unserem Volke eigene, zeitweilig schlummernde Gerechtigkeitsgefühl, wenn es erst einmal erwacht ist, ihnen zu Hilfe kommen wird.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik

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