Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Der Welt Lohn und der minnenden Seele Heil

(veranschaulicht in der Vorhalle des Freiburger Münsters).

Die obige Beschreibung ist ein glänzendes Beispiel, wie die Mystiker religiöse Begriffe und die ganze Welt heiliger Gestalten von dem engen Bereich theologischer Systeme befreien, sie in poetische Phantasien auflösen und diese wiederum zu künstlerischer Anschauung verdichten. Von dem beschränkten Verstandesmässigen und Begrifflichen entfernt sich die Mystik, ihrer Natur entsprechend, möglichst weit, um statt dessen dem Künstlerischen nahe zu kommen. Die Kunst selbst kann so, nach allem, was wir gehört haben, freilich nur in gewissem Sinne, die Vollendung mystischer Weltanschauung genannt werden, jedenfalls wohl als ihr wahrnehmbares Produkt oder als ihre ins Schaffen umgesetzte Bethätigung; sie wird sich also, sofern sie wahre und echte Kunst ist, hüten, auf den Weg, von dem die Mystik schon abbog, auf den Weg des nackten Verstandesmässigen und Begrifflichen wieder zurückzukehren. So hat sich denn die spätere mittelalterliche Kunst wohlweislich — obgleich sie stets in Berührung mit der Kirche blieb — fern gehalten vom Kirchlich-Dogmatischen, Lehrhaften.

Allegorie und Symbolik wurden, so sahen wir schon, von der, des Einflusses der Mystik teilhaftig gewordenen Kunst nur insoweit und in der Weise verwendet, dass sie den rein künstlerischen Eindruck nicht störten. Solcher Kunstwerke, denen ein gedankenhaftes Programm mit theologisch-didaktischer Absicht zu Grunde liegt, giebt es in der spätmittelalterlichen Kunst nur sehr wenige. In Deutschland ist uns eigentlich nur eine einzige Schöpfung dieser Art von Bedeutung bekannt, die der deutschen Mystik gleichzeitig; aber auch diese ist an sich betrachtet von so hohem rein künstlerischen Wert, dass der Betrachter gern vergessen möchte, wie Besteller und Verfertiger ausser den künstlerischen noch andere Zwecke im Auge hatten. Wir meinen den umfangreichen Skulpturencyklus der Vorhalle des Münsters zu Freiburg i. Br., der in seiner Folge plastischer Figuren ja unzweifelhaft einen begrifflichen Zusammenhang repräsentiert und einem religions-philosophischen Gedanken bewussten Ausdruck verleiht. Während fast alle Werke mystischer deutscher Kunst auch zu dem modernen Betrachter noch unmittelbar, weil rein künstlerisch, sprechen, kommt einem gerade hier in dieser Freiburger Vorhalle die Kluft zwischen mittelalterlichem und modernem Denken zum Bewusstsein trotz des hohen künstlerischen Wertes dieser Statuen, weil es dem modernen Besucher nicht sofort gelingen will, das Gedankenhafte dieser Schöpfung zu erfassen und zu verstehen. Wir sind genötigt, zu sinnen und zu klügeln, Stück für Stück zu deuten und dann zusammenzureimen. Ein gedankenhaftes Element liegt diesen Werken, wie gesagt, zu Grunde, auch für die damaligen, den Erfindern und Künstlern zeitgenössischen Betrachter, doch müssen wir annehmen, dass jene Zeitgenossen so vertraut mit dem in Frage stehenden Gedankenkreis waren, dass ihnen das Verständnis weit leichter und einfacher war wie uns, so dass für die damalige Welt auch in diesem Falle der Widerstreit zwischen Künstlerischem und Gedankenhaftem nicht so gross war.

Die moderne Litteratur hat sich mit diesem Cyklus noch nicht sehr viel beschäftigt ; einzelne Erklärungen sind gegeben worden, die sich aber teilweise nur mit Andeutungen begnügen und nicht auf der rechten Fährte zu sein scheinen. Wir sind unsererseits zu der Ueberzeugung gelangt, dass eine befriedigende Deutung nur gegeben werden kann unter Berücksichtigung der Denkungsart der Mystiker und dass, wenn sich auch einige Figuren ebensogut aus scholastischen Schriften belegen lassen, das Ganze doch ohne Mystik nicht zu verstehen ist. So gehört eine Auslegung dieses bedeutenden Skulpturencyklus mit in den Rahmen der vorliegenden Arbeit und werden wir es uns im Folgenden angelegen sein lassen, eine Deutung vorzubringen, die dem schon von Mystik durchsetzten Geist der Entstehungszeit durchaus entspricht.

Dem heutigen Besucher des Münsters ist das Verständnis des geistigen Zusammenhangs des Figurencyklus dadurch noch erschwert worden, dass die Statuen offenbar nicht mehr in ihrer ursprünglichen richtigen Reihenfolge stehen. Bei einer oder mehreren der verschiedenen Restaurationen, die der Vorhalle und ihrem Schmuck im Laufe der Zeiten zuteil geworden sind, scheinen die Figuren herabgenommen gewesen und dann ohne Verständnis in falscher Ordnung wieder aufgestellt worden zu sein. Es ist schon von verschiedenen Seiten auf diesen Umstand hingewiesen worden; so nehmen auch wir deshalb unbedenklich das Recht in Anspruch, eine, unserer Deutung angemessene Umwechslung einiger Statuen vorzunehmen. Erst weiter unten werden wir über diese Umänderungen nach unserem Vorschlag Rechenschaft ablegen; bei der erklärenden Beschreibung, die wir im Folgenden geben, nehmen wir einstweilen an, dass die Figuren schon in unserem Sinne an geordnet sind.

Das eigentliche Portal des Münsters bringt nicht viel Ausser-gewöhnliches; es zeigt die an grossen gothischen Kirchenportalen fast immer beliebte Ausstattung mit bestimmten plastischen Darstellungen, bloss in ganz besonders reicher Auswahl und Zusammenstellung. An dem Mittelpfeiler der doppelten Pforte ist die Statue der Madonna mit dem Kinde angebracht, die ja bei fast keinem gothischen Portal an dieser Stelle vermisst wird. Sie hält in der Hand eine blühende Rose; unter ihren Füssen sieht man die zusammengekauerte Gestalt des schlafenden König Salomoms, der mit seinem gebeugten Rücken das kleine Postament trägt, auf dem die Jungfrau steht; eine alte symbolische Anspielung: auf der sicheren Stütze der Weisheit des alten Bundes erhebt sich, zu irdischem Leben erweckt die Verkörperungen der «göttlichen ewigen Weisheit* des neuen Testaments. In gleicher Höhe mit der Maria stehen an den Pfeilern der, gegeneinander abgestuften, der Thüre vorgelagerten Bogenöffnungen links die heiligen drei Könige, die sich mit ihren Geschenken zur Jungfrau und ihrem Kinde hinwenden; rechts sieht man zunächst den Engel Gabriel, welcher sich zu der am nächsten Pfeiler angebrachten Figur der Jungfrau wendet, ihr die Verkündigung zuteil werden lassend. Es folgt dann an derselben Seite die Scene der Heimsuchung, deren zwei Figuren zusammen auf ein Postament und unter einen Baldachin gesetzt sind; weiterhin, an erster Stelle des Portals, wie häufig, rechts und links die Bildnisse von Kirche und Synagoge. Ueber diesen Statuen erheben sich dann in den Bogenlaibungen unter kleinen Baldachinen übereinander angebracht die Reihen von Angehörigen des «himmlischen Staates» und zwar diesmal nur Vertreter des alten Bundes, die Altväter, Richter und Helden, die Könige und die Propheten, sodann die Schaar der Engel. Im Tympanon erblickt man die grosse, ausführliche Reliefkomposition des jüngsten Gerichtes, zusammen mit Scenen aus dem Leben des Erlösers. Das Ganze dieser Darstellungen eine leichtverständliche Uebersicht über die gesammte Geschichte des Heils.

Oben, hoch über dem Tympanon, dort, wo die Spitzbogen der Portalöffnung sich treffen, sind noch vier kleine Darstellungen angebracht, von denen zwei bis jetzt noch nicht genügend erklärt sind und auch von uns nicht gedeutet werden können. Ohne Weiteres verständlich ist an höchster Stelle die Figur des segnenden Christus und in der Mitte die Auspülung des Jonas aus dem Rachen des Walfisches, eine uralte Allegorie auf die Errettung der Seele; weiterhin aber zwei rätselhafte Gestalten, von denen die eine eine grosse goldene Sonne mit aufgemaltem Gesicht, die andere, aus Wolkengebilden hervorragend in den Händen je ein blankes Schwert hält.

Man hat nun meist den Versuch gemacht, den Figurencyklus der, diesem Portal vorgebauten Vorhalle in direkte Beziehung zu bringen zu den soeben betrachteten Darstellungen des Portals selber. Wir sind der Meinung, dass eine solche ganz direkte Beziehung zwischen diesen an jener Stelle durchaus gewohnten Portaldarstellungen zu jener entschieden ganz neuen und ungewohnten Statuenfolge der Vorhalle gar nicht anzunehmen ist, und dass man also nicht einen langen Ideenfaden zu spinnen hat, der von den ersten Vorhallenfiguren beginnend zu verfolgen wäre bis zu der Darstellung des Jüngsten Gerichtes oder bis zur Madonnenstatue am Mittelpfeiler des Portals als seinem Zielpunkt. Ein Netz von topologischen, allegorischen und symbolischen Bezügen und Anspielungen vermögen wir nicht zu erkennen.

Es wird uns genügen zu finden, dass die beiden Statuenfolgen der Vorhalle, — die übrigens noch nicht einmal mit jenen grossen Statuen an den Portalpfeilern auf selber Höhe stehen und mit ihnen also keine fortlaufende Reihe ausmachen, — unter sich einen bedeutenden geistigen Zusammenhang haben. Wenn wir dabei merken sollten, dass dieser geistige Inhalt seinerseits indirekte Beziehung zu jener am Portal versinnbildlichten Heilslehre hat, um so besser. — Doch begeben wir uns an den Eingang der Vorhalle, in der man also, so nehmen wir an, einige Figuren nach unserer Anordnung schon umgewechselt hat.

Rechts und links erblicken wir je eine Reihe von Statuen in halber Höhe angebracht, am Eingang beginnend, sich bis zum eigentlichen Portal hinziehend, auf jeder Seite 14 grosse Figuren. Wir blicken zur ersten Gestalt rechts aufwärts: ein fürstlich gekleideter Mann, der in der einen Hand einen Geldbeutel hält, in der anderen eine Blume, mit der er uns, freundlich lächelnd, zuwinkt, gleichsam als wolle er uns einladen, gleich zu ihm auf seine Seite zu kommen, wo er uns liebenswürdig aufzunehmen und zu geleiten verspricht. Schon wollen wir ihm folgen, da fällt unser Blick noch auf einen Engel, der unter dem Postament dieser Statue angebracht ist, und der uns ein Schriftband mit der ernsten Warnung; «Vigilate et orate» mahnend entgegenhält. Wir stutzen; wir sehen uns den freundlich winkenden Herrn oben noch einmal näher an und entdecken schaudernd, dass seine angenehme Vorderseite durchaus nicht entspricht seinem entsetzlichen Rücken, denn dieser ist über und über bedeckt mit Würmern und Ungeziefer. Wir sehen «Fürst Welt» vor uns, eine in der damaligen Poesie unter dieser schauderhaften Gestalt bekannte Personifikation des gleissenden und äusserlich verlockenden weltlichen Lebens in Glanz und Reichtum, das aber innerlich hohl und von Lastern und Gebrechen angefressen ist. Wir wenden uns ab von ihm, kehren uns um und blicken zur ersten Statue der anderen Seite. Welch freundlicher Anblick! Ein liebenswürdiger Engel. Ihm wollen wir uns gern anvertrauen und uns bemühen, auf die Worte Acht zu geben, die er uns auf seinem Spruchband entgegenhält: «Ne intretis», und die wir zu ergänzen haben: «ne intretis in tentationem». Also die Fortsetzung des Spruches, den jener gütige Warner auf der anderen Seite begann: «Vigilate et orate, ne intretis in tentationem». Kaum bedarf es noch der Bitte, die der kleine Engel, der unter dem Postament dieses grossen Engels angebracht ist, entsprechend jenem Warner unter dem «Fürsten Welt», vorträgt: «Nolite exire». Wir gehen nicht hinaus, sondern bleiben auf dieser Seite, um zu sehen, welche Welt uns hier offenbaret werden soll, die so beschaffen ist, dass wir nach überirdischem Rat, einmal drinnen, nicht wieder hinaus sollen. Der Engel am Eingang lässt uns fast ein Paradies erwarten. In der That, die Vertreter dieser Welt, die uns nun nacheinander entgegentreten, sind alle geeignet, unser Vertrauen zu erwecken und unser Verlangen, zu vernehmen, was sie uns zu künden und zu raten haben. Wir erblicken unter ihnen drei alttestamentarische Gestalten: Abraham, im Begriffe seinen Sohn nach göttlichem Willen zu opfern, den Hohepriester Aaron und eine weibliche Gestalt. Man hat die Letztere als Sarah gedeutet; mit welchem Rechte bleibt dahingestellt, da sie durch nichts näher gekennzeichnet ist, weshalb auch wir keine bessere Bezeichnung mit Sicherheit vorzubringen wagen. Weiterhin sieht man Johannes den Täufer, Maria Magdalena und zwei weibliche Heilige : Sancta Margaretha mit dem Drachen und Sancta Katharina mit einer Palme. Also alles heilige Gestalten, die uns insofern als Vorbild dienen können, als sie, taub gegen die Lockungen des «Fürsten Welt», sich Gottes Willen gelassen und im Sinne des göttlichen Willens gewirkt haben. Das «Sich-lassen» in den göttlichen Willen, nachdem man die Welt überwunden, ist aber die erste Bedingung zur Erreichung des Zieles der ganzen Mystik: der unmittelbaren Vereinigung der Seele mit dem Göttlichen. Soll der «göttliche Funken im tiefsten Seelengrund lauter wirken», dann gilt es zunächst, zu «entwerden», d. h. abzusehen von allem, was nicht göttliches Gefühl ist. Wer sich aber diesem Leben im Göttlichen ergeben hat, der ist nicht fern von der Vereinigung mit der Gottheit selbst. Und siehe da, wir erblicken fünf hehre Beispiele von solch gottgelassenen Wesen, denen es gelungen ist, sich der «ewigen Weisheit» bräutlich zu vermählen: die Statuen der fünf klugen Jungfrauen sind es, die zum Schlüsse aufgestellt sind und zwar dargestellt in dem Moment, wo sie ihrem Bräutigam folgen zur hochzeitlichen Vereinigung. Christus selbst steht als Letzter da und erwartet seine «Geminnten».

Wir haben in dieser Darstellung der klugen Jungfrauen nichts anderes zu sehen als wieder eine Ausgestaltung des von uns schon so eingehend besprochenen Motivs der «minnenden Seele», in welchem der Hauptsinn alles mystischen Strebens bildlich gefasst ist. Die Verwertung des biblischen Gleichnisses zu diesem Zweck lag ja auf der Hand und findet sich auch in mystischen Predigten. Auch in der bildenden Kunst giebt es noch andere Beispiele, wo die biblische Erzählung ganz in diesem mystischen Sinne vorgetragen wird. Wir erinnern z. B. an die Darstellung auf der Predelle des Tiefenbronner Altares von Lukas Moser. Dort sind die Jungfrauen als Visionärinnen gedacht, denen Christus selbst erscheint: mitten unter den weltlich Gekleideten, aber ekstatisch dreinschauenden auf Wolken in einer Vision.

Uns ist kein Zweifel, dass wir auf diese einfache, dem Inhalt fast jeglicher mystischen Schrift oder Predigt sich eng anschliessenden Weise Sinn und Bedeutung der Statuenfolge auf der linken Seite (von der Kirche aus der rechten) hinreichend und recht erklärt haben. Die Versuche, scholastische Spitzfindigkeiten hier herauszulesen, scheinen uns ganz unnötig.

Ebenso einfach gelingt uns nun dementsprechend die Deutung der anderen Seite. Sahen wir soeben den Weg zur mystischen Vereinigung und die Vereinigung selbst, so werden uns hier nun die Irrwege, die nicht zum Ziele führen, gezeigt. «Fürst Welt» sahen wir schon; ihm folgt als Begleiterin die Sinnenlust, die Wollust als nacktes verführerisches Weib mit einem Bocksschädel, der ihr am Fell über dem Arm hängt. Den fünf klugen Jungfrauen drüben entsprechen hier die fünf thörichten am Ende der Reihe; ihnen winkt kein himmlischer Bräutigam, keine Hoffnung auf hochzeitliche Vereinigung ihrer Seelen mit Gott erhellt ihre betrübten Züge; zu spät haben sie eingesehen, dass der Weg der Welt ein falscher ist. Zwischen ihnen und dem verführerischen Paar am Anfang erblicken wir zuletzt als die noch fehlenden sieben Statuen die Gestalten der sieben freien Künste. Sahen wir im «Fürst Welt» und in der «Wollust» die Personifikationen des weltlichen Lebens nach der Seite des Materiellen und Sinnlichen, so werden uns nun in diesen weltlichen Wissenschaften noch die menschlichen Thätigkeiten und Beschäftigungen vorgeführt, welche vom Geiste ausgehen, die zwar nicht direkt sündhaft sind, aber doch nicht im geringsten zur mystischen Erhebung der Seele und ihrer Vereinigung mit der Gottheit beizutragen imstande sind. Sie beruhen nur auf der unvollkommenen Thätigkeit des Verstandes, sind dem Gefühle und der Hingabe an seelische Empfindung eher hinderlich als dienlich und müssen so dem Mystiker, der nur in der Seele höchste Kraft und höchsten Wert erkennt, als Irrwege erscheinen.

Mit ihnen haben wir die beiden Statuenreihen und damit den ganzen Darstellungscyklus der Vorhalle vollständig besichtigt und, so dünkt uns, auf einfache und einleuchtende Art gedeutet. Weitere Erklärungen scheinen uns unnötig, unsere Deutung spricht für sich selbst; nur in Betreff eines Punktes, nämlich des zuletzt berührten, dürften vielleicht noch einige Belege erwünscht sein. Dass wir nämlich die weltlichen Wissenschaften, die nach dem Brauche der Zeit in den Gestalten der sieben freien Künste verkörpert sind, so ohne Weiteres mit unter die Irrwege der Welt und im nächsten Zusammenhang mit «Wollust» und «Fürst Welt» selber setzen, mag Manchem, der mit mystischem Denken nicht vertraut ist, doch bedenklich erscheinen. Gerade in unserer modernen Zeit mit ihrer Beschäftigung mit der Wissenschaft, mit ihren grossen «Errungenschaften» auf diesen Gebieten und mit ihrer Hoffnung auf das «Heil», das daher zu erwarten steht, könnte Vielen, die in die einseitige Denkungsart unseres Jahrhunderts verstrickt sind, eine derartige Auffassung thöricht erscheinen. Dies ist sie jedoch durchaus nicht und braucht sie auch für einen ernsten und tiefer denkenden modernen Menschen nicht zu sein. Jedenfalls entspricht sie durchaus dem Geiste des Mystikertums, und während wir die Frage nach der Allgemeingültigkeit dieser Auffassung dem Erkenntnisvermögen jedes Einzelnen überlassen müssen, haben wir jetzt noch die Aufgabe, zu belegen, dass dieselbe eine der mittelalterlichen Mystik durchaus geläufige war.

Schon die erste deutsche Mystikerin, die heilige Hildegard von Bingen, lehnt es ausdrücklich ab, eine gelehrte Frau zu sein und zu heissen, obgleich sie in der That nach unserem Begriff einen solchen Titel in ihrer Zeit verdiente. Alle ihre Kenntnisse, in Betreff der lateinischen Sprache, der Bibel, der Natur- und Heilkunde, der Schreibkunst u. s. w. will sie nicht als durch weltliche Bemühungen erworben und als der Welt dienend angesehen wissen, sondern bloss durch göttliche Eingebung, und im Dienste der Verbreitung der göttlichen Offenbarung will sie sie ausüben.

Ausdrücklich verwahrt sie sich gegen «scientia acquisita» und will nur die «scientia infusa» gelten lassen. Jedoch als solche lässt sie die Wissenschaften noch gelten und schreibt ihnen Wert zu. Hildegard steht da im Scholasticismus, der ähnlicher Ansicht ist. Die Mystik ging weiter und wurde in ihrer Art immer freier und kühner in der Auffassung. Von der Nonne Gertrud aus dem Kloster Helfta heisst es in den «Insinuationes divinae pietatis», dass sie bis zu ihrem 25. Lebensjahre eifrig und mit Erfolg den freien Künsten ergeben gewesen, dass sie aber durch diese Beschäftigung mit den Wissenschaften «im Lande der Ungleichheit noch viel zu weit von Gott» gewesen wäre. «Ueber die Mass», so heisst es, «war sie auf die freien Künste versessen; darum sie dann bis auf diese Stund’ die Schärfe ihres Herzens zu göttlichen Erleuchtungen in keinem Weg tauglich gemacht hatte. Sie verstund dabei und erwog nicht ohne Seufzer des Herzens wie vieler teils Tröstungen, teils Erleuchtungen der göttlichen Weisheit sie sich unterdessen beraubt hatte, indem sie mehr als zuviel in menschlicher Wissenschaft erlustigt wurde. Daher ihr dann alles sichtbarlich und äusserlich verächtlich ward. Und zwar nicht, unbillig.

In dem mystischen Gedicht

«die Tochter Zion»

liest man wie die

«Tochter Zion», d. h. die Seele, den Trieb in sich fühlt, zu lieben; sie sendet deshalb die Erkenntnis in die Welt aus, gleichsam zur Brautschau. Die Erkenntnis aber kehrt ohne Erfolg zurück; sie kann der Sehnenden nichts bringen; sie hat bloss gefunden, dass alles eitel ist.

Tauler ruft aus:

«Kinder, ihr sollt nicht fragen nach grossen hohen Künsten; gehet einfältig in eueren Grund inwendig und lernet euch selber erkennen in Geist und Natur!»

Und an anderer Stelle heisst es bei ihm:

«Deswegen will ich euch, Geliebte im Herrn, vermahnet haben, dass ihr euer Disputieren einstellen und dargegen einfältig glauben, und also Gott auch ganz und znmal ergeben wollet: welcher in euch nicht vernünftiger sondern wesentlicher Weise, nicht im äusserlichen Mund, sondern im innerlichen Grund des Herzens geboren wird.»

Und noch ein ander Mal:

«Denn obschon alle Lehrer tot und dahin und auch alle Bücher, die in der ganzen Welt sind, verbrannt wären, so würden wir doch, an seinem, des Herrn Christi heiligem Leben, Lehre und Bericht genug, wie wir uns in unserem ganzen Leben uns verhalten sollen, antreffen und finden: sintemal er selbst der Weg, die Wahrheit und das Leben ist.» —

In sehr drastischer Weise führt der mystische Prediger Nicolaus von Strassburg den Gedanken aus:

«Hätte der einvaltigöste gebüre (Bauer), der in eime dorfe ist m£ minne und dömüetikeit denne der wiseste pfaffe der ze Paris ie geirrt wart: so si in daz öwige leben kaemen, er g6be im nit sehs pfennige umb alle sine kunst, wan unser s61ikeit lit an minne und an d&nüetikeit, wan die gänt vor aller der weite wisheit.» —

Uebrigens ist an einer der Freiburger Figuren selbst ein, wie uns scheint, untrüglicher Beweis dafür zu finden, dass die weltlichen Wissenschaften hier als etwas für die Erreichung des mystisch-religiösen Zieles Nutzloses, ja Verderbliches hingestellt sind: während die Personifikation der Arithmetik ander-weits meist als Attribut einen Rechenschieber in der Hand hält, ist sie hier verächtlich gemacht worden dadurch, dass man sie Geld zählen lässt; bei welchem Anblick man sich gleich daran erinnert, dass der «Fürst Welt» in der einen Hand als Lockmittel einen Geldbeutel hält.

So erscheint uns die Absicht der Verächtlichmachung, zum Mindesten die Betonung der eigentlichen Bedeutungslosigkeit der Wissenschaften überhaupt in diesem Falle ganz augenscheinlich. — Sollte nicht über zwei Jahrhunderte später Albrecht Dürer aus einer, dieser Anschauung aufs Engste verwandten Stimmung seine «Melancholie» geschaffen haben? —

Nehmen wir die von uns vorgeschlagene Deutung des Freiburger Vorhallencyklus an, so finden wir auch in diesem Falle, dass, obzwar ein gedankenhaftes Programm zu Grunde liegt, doch die Kunst sich nicht mit starrem Dogmatismus verbunden hat, sondern bloss wieder eine Vermählung mit dem schlichten Gedankenkreis und dem edlen Gefühlsinhalt deutscher Mystik eingegangen ist. Die italienische Kunst hat sich in vielen Fällen, wir erinnern an die «Spanische Kapelle» — der Bethörung von Seiten der Scholastik nicht erwehrt. —

Die Ausführung des ganzen Statuencyklus wird in die zweite Hälfte des 13. Jahrhunderts, etwa um das Jahr 1270 verlegt, also in eine Zeit, wo die deutsche Mystik ihrer höchsten Blüte entgegenreifte. Berücksichtigen wir dabei, dass gerade Freiburg in der Geschichte der Mystik stets eine hervorragende Rolle gespielt hat, dass gerade in Freiburg der so durchgängig mystische deutsche Dominikanerorden höchst einflussreich war und dass gerade um jene Zeiten bedeutende Mystiker in Freiburg ihren Wohnsitz hatten, so dürfte auch von dieser Seite alles danach angethan sein, der hohen Wahrscheinlichkeit eines mystischen Sinnes dieser hervorragenden Kunstschöpfung und damit unserer Deutung das Wort zu reden. Genaueres über den Erfinder des Programmes wird wohl nicht mehr festzustellen sein; am ehesten ist wohl anzunehmen, dass die Idee des Ganzen dem mystischen Sinnen eines gelehrten Dominikaners zu verdanken ist. Eine alte Tradition nennt Albertus Magnus als den Erfinder, den ja die Sage in so mannigfache bedeutende Beziehung zur deutschen Kunst bringt. Wir wissen von ihm schon, dass er, hauptsächlich im Dienste des kirchlichen Scholastiker-tums thätig, doch der deutschen Mystik sehr nahe stand. An der Aussenseite des Turmbaues sind die in Stein gehauenen Bildnisse zweier Dominikaner sichtbar, welche sicher nicht angebracht worden wären, wenn die Dargestellten nicht hervorragenden Anteil am Bau des herrlichen Münsters und besonders an seiner Ausschmückung mit bedeutungsvollen Skulpturen gehabt hätten.

In einer anderen Statue an der Aussenseite des Münsters erkennt man das Bildnis Konrads von Würzburg, des Minnesängers, der sich eben um diese Zeiten von seinem Weltleben zurückzog, um sich im stillen Dominikanerkloster zu Freiburg mystischem Denken, Sinnen und Dichten zu ergeben. Ihm die Erfindung der Idee unseres Statuencyklus zuzuschreiben, wäre schon in Anbetracht dieser seiner Lebensumstände verlockend. War er doch einer, der das wahre Aussehen von «Fürst Welt» und auch die eigentliche Nichtigkeit alles weltlichen Wissens erkannt und der sich darum von alledem abgewandt hatte, um sich auf den Weg zur Erreichung des Zieles mystischer Sehnsucht zu machen. — Schwer ins Gewicht fallen dürfte zweifellos auch der Umstand, dassKonrad von Würzburg ein Epos «der Welt Lohn» geschrieben hat, in welchem die Welt mit ihrem Treiben und ihrem Trug in derselben Weise bildlich vorgestellt ist, wie in der Figur der Vorhalle, nur dass das Gedicht statt des Fürsten, eine Fürstin Welt nennt, wie es überhaupt auch sonst üblich war. Der letztere Unterschied lässt sich jedoch leicht erklären, wenn man bedenkt, dass im Epos Konrad, der Dichter selbst als Bewerber um diese Fürstin eingeführt wird, während man sich, wie wir sehen, in dem Gedankenkreis der Vorhalle die «minnende Seele» als auf der Suche nach dem Bräutigam vorzustellen hat.

Uebrigens wird auch in diesem Epos die Beschäftigung mit weltlichen Wissenschaften durchaus als züm Kreise des Weltlebens gehörend, betrachtet. —

Zum Schlüsse sind wir noch Rechenschaft schuldig über die Umstellung von Figuren, die wir im Interesse unserer Deutung für nötig erachteten. In der Hauptsache handelt es sich eigentlich bloss um je zwei Statuen von jeder Seite, die wir untereinander austauschen. Die beiden weiblichen Heiligen, Margaretha und Katharina stehen jetzt an der rechten Seite der Vorhalle (von der Kirche aus links) an erster Stelle gleich beim Eingang; sie wünschten wir also umgetauscht Zusehen gegen «Fürst Welt» und «Wollust», die augenblicklich ganz sinnlos auf der anderen Seite zu Beginn stehen, gefolgt von dem Engel und den alttestamentarischen Gestalten. Dem Engel weisen wir den ersten Platz am Eingang an, wo er, unserer Erklärung gemäss, dann also den Gegensatz zum lockenden «Fürsten Welt* ihm gegenüber bilden würde. Auf der «weltlichen* Seite könnte dann das Weitere so stehen bleiben, wie es jetzt steht; für die andere Seite würde sich wohl am besten die Reihenfolge empfehlen, wie wir sie bei unserer Beschreibung und Deutung angenommen haben, was mit Leichtigkeit herzustellen wäre.—

Text aus dem Buch: Deutsche Mystik und deutsche Kunst (1899), Author: Alfred Peltzer.

Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Einleitendes und Litterarisches
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Historisches.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunst der Visionen.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunstpflege in den mystischen Klöstern.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die spekulativen Mystiker in ihrem Verhältnis zur Kunst.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Mystik als Wesensausdruck des Bürgertums und die bürgerliche Kunst.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Der Künstler und die Mystik.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Schlussbetrachtung.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Mystik, Religion und Kunst.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die Passion Christi.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die «minnende» Seele
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Mystik, Kunst und weltliche Dichtung.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Symbolik
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die Engel und Teufel.

2 Comments

  1. […] Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Einleitendes und Litterarisches Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Historisches. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunst der Visionen. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunstpflege in den mystischen Klöstern. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die spekulativen Mystiker in ihrem Verhältnis zur Kunst. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Mystik als Wesensausdruck des Bürgertums und die bürgerliche Kunst. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Der Künstler und die Mystik. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Schlussbetrachtung. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Mystik, Religion und Kunst. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die Passion Christi. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die «minnende» Seele Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Mystik, Kunst und weltliche Dichtung. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Symbolik Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die Engel und Teufel. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Der Welt Lohn und der minnenden Seele He… […]

    27. September 2015
  2. […] – Symbolik Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die Engel und Teufel. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Der Welt Lohn und der minnenden Seele He… Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – […]

    27. September 2015

Comments are closed.