Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Mystik, Religion und Kunst.

1. Mystik, Religion und Kunst.

Jede mystische Philosophie liebt Symbole, bildliche Vorstellungen und äussere, oft geheime, oft aber auch jedem Sehenden und Empfänglichen offenbare Zeichen und Bilder. Sehr begreiflich. Alle übrigen Philosophieen sind ja Ergebnisse des Verstandes und der Vernunft allein und können sich begriffsmässig durch Worte mitteilen. Der Mystik ist dies nicht ebenso sehr möglich, da sie sich nicht bloss auf die Verstandesthätigkeit und auf Begriffe der Vernunft gründet, sondern auch, und zwar oft in noch höherem Masse, auf das Gefühl, das empfindende Gemüt, und von da aus ihre Anregungen, ihre Eingebungen empfängt. Was man tiefinnerlich erlebt und durch Gefühlserhebung als wahr erkennt, das auszudrücken durch Worte ist schwer, manchmal unmöglich; so sieht sich denn also die Mystik genötigt, will sie sich verständlich machen, zu Symbolen, zu Bildern zu greifen, welche durch Einwirkung auf die Sinne das Gemüt empfänglich machen. Es liegt deshalb entschieden ein künstlerisches Element in jeder Mystik; sie drängt zur Kunst, mindestens nähert sich ihre Sprache der Poesie. Die, sich nur in Bildern bewegende, tief mystische Brahmanenweisheit des alten Indiens, die religiösen Symbole der Aegypter, die Mysterienspiele Eleusis, die Zeichen des Pythagoras und seiner Schule, die Anschauungen der Neupythagoräer und der Neuplatoniker beweisen es uns deutlich und geheimnisvoll zugleich.

Von der antiken Mystik ging manches in das frühe Christentum über, wie dieses sich ja auch eng an die Logoslehre der griechischen Philosophie anschloss. Auch die mittelalterliche Mystik knüpfte in Manchem an die antike an; kann ja doch der sogenannte Dionysius Areopagita in dieser Beziehung als ein direkter Vermittler bezeichnet werden.

In den Geschichten der christlichen Kunst wird stets mit Recht ausdrücklich darauf hingewiesen, dass das frühe Christentum eigentlich der Kunst abhold war, und, da es genötigt war, sich in Gegensatz zu den Gewohnheiten des kunstfreudigen Heidentums zu setzen, auch ganz naturgemäss abhold sein musste. Die Frage aber, wie denn doch eine grosse christliche Kunst entstanden ist, scheint uns bis jetzt noch nicht hinreichend beantwortet. Wir möchten die Vermutung aufstellen, dass wir es den mystischen Elementen des frühen, in dieser Hinsicht noch mit der späteren Antike sich berührenden Christentums zu danken haben, wenn wir sehen, dass die neue Religion dennoch binnen Kurzem der Kunst eine bleibende Heimstätte einräumte.

Mehrere Beobachtungen sprechen für unsere Annahme. Der Darstellungskreis, welcher sich in den Katakombenmalereien vorfindet, setzt sich zum grössten Teil aus Symbolen zusammen, die Bezug nehmen auf die Unsterblichkeit der Seele, in einer Art, wie sie sich ähnlich auch bei antiken mystischen Kulten findet. — Für die altchristliche und die ganze mittelalterliche Ikonographie wird sodann von ganz bestimmender Bedeutung die Vorliebe für die typologischen Zusammenstellungen von einzelnen Scenen der heiligen Schrift, besonders die Juxtaposition des alten und des neuen Testamentes, deren einzelne Vorgänge in innere allegorisierende Beziehungen zu einander gesetzt werden. Es schliesst sich dieses Vorgehen auf das Engste an jene gewissen Bestrebungen der späteren antiken, besonders der alexandrinischen Philosophie, die darauf ausgingen, die Gedankenkreise alter Zeiten mit denen der neueren zu verbinden und altantike mystische Philosophien mit den neuplatonischen, das Judentum mit dem Christentum zu vermischen, um aus allem ein einziges mystisches System zu machen. Das historische Bewusstsein schwand bei diesen Bemühungen vollständig, und alle Lehren, alle berichteten Vorgänge und alle geschichtlichen und sagenhaften Persönlichkeiten wurden nur insoweit benützt und zurechtgelegt, als sie für den beabsichtigten mystisch-philosophischen Zweck dienlich sein konnten. Der ganzen christlichen Typologie liegt derselbe Sinn zu Grunde, und erscheint sie nur wie eine Fortbildung jener hellenistischen und spätrömischen Mystik; ebenso wie also auch die Katakomben Symbole an manche Dinge erinnern, die in den vielen mystischen Sekten der Kaiserzeit in Brauch waren, welche sich ihrerseits meist in ihren Anschauungen von der Mystik Aegyptens und Asiens genährt hatten. Auch die ganze mittelalterliche Mystik kannte keine andere Auffassung der biblischen und legendarischen Vorgänge als jene von allem Historischen absehende und nur das innerlich Bedeutungsvolle erfassende. Mit Recht sagt Preger in seiner «Geschichte der deutschen Mystik» von dieser :

«Die Schrift selbst mit ihrem historischen Inhalt wurde ihr, weit vorherrschender noch als es früher nach dem Vorgänge des Origines der Fall war, eine einzige Allegorie, welche die Kräfte des inneren Lebens, den Weg der Seele zu Gott, die Vereinigung mit ihm zur Aussage bringt.» Wir brauchen hierzu unsererseits nur mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass auch die ganze deutsche Kunst des Mittelalters und der Renaissance durchaus keine andere Auffassung hat; in Betreff ihrer hat man nur zu sagen: ihr den geheiligten Historien fand und brachte sie zum Ausdruck das reinmenschliche Gefühlsleben. Doch damit griffen wir schon vor. Noch weitere Beweise für den Einfluss antiker und frühchristlicher Mystik auf die Entwicklung der christlichen Kunst finden wir. Es sind ganze Gestalten der antiken Mythologie, die zu mystischen Kulten in Beziehung standen ganz einfach und unbedenklich in den frühen christlichen Stoffkreis aufgenommen worden, indem man ihnen nur eine, im Sinne der neuen Religion etwas abgeänderte symbolische Bedeutung unterlegt hat. Finden wir doch auf christlichen Bildwerken Orpheus, Eros und Psyche; sodann einige symbolische Gegenstände und Tiere, die dem bacchischen Kreise entlehnt sind! Recht bezeichnend ist die Thatsache, dass der Kaiser Alexander Severus in seiner Hauskapelle neben das Bild Christi dasjenige des Orpheus aufgestellt hatte. — Die ersten bildlichen Darstellungen Christi, von denen wir überhaupt Kunde haben, waren solche im Besitze von Gnostikern, welche die selben zugleich mit solchen von Pythagoras, Plato und Aristoteles verehrten!

Die Geschichte lehrt uns, wie sehr jedoch diese mystischen, kunstfreundlichen Elemente im Laufe der Zeiten für ihre Anschauungen und für die Kunst, deren sie so sehr bedurften, haben kämpfen müssen: die erbitterten sogenannten Bilderstreite, namentlich im Osten der christlichen Lande, zeigen es. In ihnen, so möchte man fast sagen, macht sich schon derselbe Gegensatz zweier grundverschiedener Weltanschauungen geltend, der dann im späteren Mittelalter in Mystik und Scholastik zu Tage trat; wie wir denn mit vollem Rechte behaupten können, dass die strenge scholastische Theologie nie, zu keinen Zeiten ihrer Herrschaft als ein die Kunst innerlich förderndes, oder gar künstlerisches Prinzip angesehen werden kann. — Schon allein ganz äusserlich hatte sich die kirchliche Dogmatik von Anfang an den Weg zur Kunst eigentlich versperrt. Denn indem sie das Christentum auf die Grundlage des Judentums stellte und die volle Gültigkeit des alten Testamentes anerkannte, — wie es ja noch heute die christlichen Bekenntnisse thun, die vielen tiefgreifenden Widersprüche und Gegensätze verkennend — hatte sie ja auch die zehn Gebote in sich aufgenommen und bis auf den heutigen Tag beibehalten. Dort aber stand: Du sollst dir kein Bildnis machen! Dem kunstlosen Judentum, welches überdies durch seinen Abscheu vor dem Bilderdienste seiner Nachbarn Anlass fand, seinen Mangel und sein Unvermögen als Vorzug anzusehen, fiel es leicht, ein solches Gesetz aufzustellen und zu halten. Wie aber verhielt sich die christliche Welt des Abendlandes dazu? Eine christliche Kunst erblühte also doch; doch gab es Bilder, selbst solche, die das Heiligste darstellten. Das Verbot aber wagte man nicht einfach als ungültig und unnütz über Bord zu werfen. So war man genötigt, sich mit Umschreibungen und recht sonderbaren willkürlichen Auslegungen zu helfen. Wir verweisen in Betreff dieser Frage auf die interessanten Darlegungen in dem Werke von Geffcken: «Der Bilderkatechismus des 15. Jahrhunderts und wollen unsererseits nur einige bezeichnende Thatsachen bringen. Ein in der mittelalterlichen.Litteratur besonders beliebtes naives Auskunftsmittel in diesem Falle war, zu sagen, dass in früheren Zeiten allerdings die Herstellung von Bildern verboten gewesen sei; aber damals sei eben Gott noch nicht Mensch geworden und man habe deswegen kein Bild von ihm machen können. Der geistvolle Albertus Magnus giebt dem ganzen Verbot eine vollständig andere Wendung, indem er es nicht gegen das Bildermachen in Materie sondern gegen ein solches im Geiste gerichtet sehen will, d. h. er wendet es gegen die Ungläubigen und Ketzer, die sich selbst mit krauser Phantasie einen willkürlichen Gottesbegriff zurechtmachen. Kühnere Geister aber, wie es eben die Mystiker waren, lassen dieses Verbot einfach aus. So that es schon Berthold von Regensburg, wenn er in seinen Predigten die zehn Gebote brachte; und so that es dann Tauler; wie denn überhaupt die deutschen Mystiker bisweilen in kühner und freier Weise gegen Judentum und altes Testament und ihre innerlich unbegründete Anerkennung von Seiten des Christentums Stellung nahmen. Auch die vielverbreiteten Bilderkatechismen des späteren deutschen Mittelalters, die ihrerseits mit den Bestrebungen der volkstümlichen Mystik in Beziehung stehen, Hessen dieses Verbot aus, wie sie denn ja überhaupt schon in ihrer eigenen Existenz einen Widerspruch dagegen ausmachten.

Die Kirche selbst hatte keine Interesse daran, in diesem Falle auf dem Buchstaben zu bestehen; sie hatte bald eingesehen, wie sehr sie sich die Kunst ihren Zwecken dienstbar machen konnte. Aus den Bilderstreiten war schliesslich die Kunst mit ihrer Anhängerschaft siegreich hervorgegangen und erblühte nun im Laufe der Jahrhunderte in wunderbarer Weise. Zu gleicher Zeit waren aber nicht jene religiösen Elemente mystischer Art zur allgemeinen Herrschaft gekommen, welche, wie wir glauben, von Anfang an die eigentlichen Förderer der Kunst gewesen waren. Das strenge Dogma, die hierarchische Theologie hatten sich auf einen Thron gesetzt und ein irdisches Scepter in die Hand genommen; Kirche und Klerus herrschten nun und machten Gesetze und Regeln. Aber die Mystik lebte immer fort. In entscheidenden Momenten schickte sie Erscheinungen aus, um der Welt, der sehnsuchtsvollen, zu zeigen, dass es doch noch mehr Dinge zwischen Himmel und Erde giebt, als sich die «Schulweisheit» träumen lässt. Und nach solchen Erscheinungen geht es dann immer für eine Zeit lang wie ein mächtiges helles Aufleuchten durch die Kulturbewegungen. Franz von Assisi und sein Einfluss auf die italienische Kultur und Kunst ist bekanntlich das glänzendste Beispiel.

In den romanischen Ländern bleiben diese Erscheinungen jedoch mehr oder minder vereinzelt. Zu einem ununterbrochenen Strom vereinigt, der sich lange Zeiträume hindurch er-giesst, der stetig aus dem ganzen Bereich des Volkes und seiner Seele seine Zuflüsse erhält und dafür seinerseits beständig die ganze Kultur befruchtet, sind sie bloss in Deutschland geworden. Nur hier finden wir die Mystik des Mittelalters ganz heimisch, nur hier entwickelt sie sich zu einem vollständig ausgebauten philosophischen System und nur hier durchdringt sie alle Lebenserscheinungen des Volkes als ein Ausdruck allgemeinen und angeborenen Empfindens und Denkens. So ist es denn auch nur in Betreff Deutschlands möglich, den Einfluss der Mystik auf die Kunst und die Verwandtschaft beider an der Hand eingehender Untersuchungen nachzuweisen.

Der nächste Versuch, den wir zu diesem Zwecke unternehmen werden, ist eine Nachforschung, ob sich in dem StofTkreise der deutschen Kunst Elemente finden, die aus den Anschauungen der Mystiker zu erklären sind oder gar von da aus beeinflusst oder ins Leben gerufen waren. Eine ikonographische Untersuchung in dem Sinne, wie man sie in Bezug auf die altchristliche und frühmittelalterliche Kunst anstellt, kann natürlich hier nicht in Frage kommen. Die Zeiten, mit denen wir es hauptsächlich zu thun haben, und welche die Periode der höchsten Blüte der deutschen Kunst einschliessen, waren künstlerisch so frei und selbständig, dass wir nicht mehr einzelne Typen und Motive in Bezug auf ihre Herkunft und ihre Entwicklung verfolgen können und brauchen. An bestimmte Schemata waren die Künstler ja nicht mehr gebunden. So wird sich diese «ikonographische» Untersuchung im Allgemeinen damit begnügen können, die einzelnen diesbezüglichen künstlerischen Darstellungen und Motive herauszugreifen und zu ihnen die entsprechenden Analogieen in der Litteratur der Mystiker zu suchen.

Wir sahen schon im vorigen Kapitel, dass sie, die Mystiker es waren, die durch ihre weitgreifende Thätigkeit, durch ihre Predigten und ihre Schriften das ganze Fühlen und Denken des Volkes beeinflussten; jetzt werden wir des Weiteren und noch genauer erkennen, wie sie der Phantasie und der künstlerischen Gestaltungskraft öfters ganz bestimmte Richtungen, Anregungen und Vorbilder lieferten. Dass die Mystiker ihrerseits nicht aus der Kunst her ihre Vorstellungen und bildlichen Anschauungen entnahmen, wie man vielleicht vermuten könnte, ist, von einzelnen Fällen abgesehen, nicht anzunehmen, da sie meistens Dinge bringen, die in die künstlerische Erscheinung erst treten, nachdem wir sie schon lange vorher in der Litteratur auftauchen sehen, wovon wir im vorigen Kapitel, als wir auf die Visionen zu sprechen kamen, überraschende Beispiele schon sahen. Uebrigens sei an dieser Stelle überhaupt mit Nachdruck auf die Ausführungen und Belege hingewiesen, die wir, vorgreifend, schon im vorigen Kapitel in Betreff des Einflusses der Visionen auf die Kunst brachten. — Zu bemerken wäre vielleicht noch, dass, wenn wir im Folgenden litterarische Belege und Paralell-stellen bringen, diese in fast allen Fällen als Beispiele für eine sehr grosse Menge gleicher und ähnlicher anzusehen sind, so dass man von einem Ausspruch immer auf das Vorhandensein der gegebenen Anschauung in der gesammten mystischen Litteratur zu schliessen hat.

Endlich wollen wir betonen, dass es uns fern liegt zu behaupten, alle die im Folgenden vorgeführten künstlerischen Darstellungen und Motive wären in ihrer Erfindung direkt abhängig von der vorbildlichen Anregung der mystischen Litteratur gewesen und in ihrem Vorhandensein nur durch diese bedingt. In vielen Fällen kommt es bloss darauf an, die innige Verwandtschaft der Vorstellungen, einerseits der Mystik, andererseits der Kunst, aufzudecken; wie denn schon zu Beginn des ersten Kapitels als unsere Absicht hingestellt wurde, ausser die Beeinflussung der Kunst durch die Mystik überhaupt die geistige Verwandtschaft beider Kulturerscheinungen nachzuweisen. Schon dort an jener Stelle wurde als den gemeinsamen Urquell beider die germanische Volksseele genannt; da nun aber deren religiöses Fühlen und Denken und deren Weltanschauung als mystisch bezeichnet werden darf, so glaube ich mich berechtigt, im Interesse unserer Untersuchung das Wort «mystisch» zu gebrauchen auch dann, wenn nicht eigentlich die spekulative Mystik im engeren Sinne gemeint ist, sondern ganz allgemein jene besondere Weltanschauung, die in der Mystik eines Ekhart, Tauler, Suso u. a. ihren philosophischen Ausdruck erhalten hat. —

Text aus dem Buch: Deutsche Mystik und deutsche Kunst (1899), Author: Alfred Peltzer.

Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Einleitendes und Litterarisches
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Historisches.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunst der Visionen.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunstpflege in den mystischen Klöstern.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die spekulativen Mystiker in ihrem Verhältnis zur Kunst.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Mystik als Wesensausdruck des Bürgertums und die bürgerliche Kunst.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Der Künstler und die Mystik.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Schlussbetrachtung.

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  1. […] Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Einleitendes und Litterarisches Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Historisches. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunst der Visionen. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunstpflege in den mystischen Klöstern. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die spekulativen Mystiker in ihrem Verhältnis zur Kunst. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Mystik als Wesensausdruck des Bürgertums und die bürgerliche Kunst. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Der Künstler und die Mystik. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Schlussbetrachtung. Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Mystik, Religion und Kunst. […]

    27. September 2015

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