Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Schluss.

Treten wir in die Freiburger Vorhalle ein, so ist unter dem mannigfachen umfangreichen Skulpturenschmuck, der uns allseits umgiebt, diejenige Statue, welche Auge und Sinn am meisten auf sich lenkt, doch die der Madonna, im Mittelpunkt des Ganzen am Pfosten des Portales. Wir sahen, dass wir einen direkten begrifflichen Zusammenhang zwischen ihr und dem festbestimmten Gedankenkreis der Statuenreihen an den Seitenwänden nicht anzunehmen haben; und doch erscheint sie uns fast wie unentbehrlich an dieser hervorragenden Stelle, wo sie den Eintretenden als begrüssende Herrin des heiligen Hauses empfängt, als segenspendende Schutzgöttin den Austretenden entlässt. Nicht nur die Gewohnheit, ihr Bild an eben jener Stelle bei allen gothischen Kirchen zu sehen, ist es, die sie uns hier unentbehrlich und wichtig erscheinen lässt, es ist eben diese Gewohnheit selbst, die Gestalt der Maria mit ihrem Kinde an so ausgezeichneter Stelle anzubringen, welche uns in jedem Falle tiefbedeutungsvoll entgegentritt. Wir begannen die ikonographischen Betrachtungen dieses Kapitels mit den Motiven der Passion, von der wir ausdrücklich zu betonen hatten, dass sie das eigentliche Hauptthema von deutscher Mystik und Kunst ausmachte. Mit einer kurzen Betrachtung des Motives der Maria mit dem Kinde möchten wir endigen. Werden wir durch das Leiden eingeführt in die Tiefen mystischer Lebensauffassung, dorthin, wo die Ueberzeugung bis an jenen Abgrund geführt wird, der das Nichtleben und das Nichtsein bedeutet, so ist uns das Bild der heiligen Maria mit ihrem göttlich-reinen Kinde jenes Zeichen, das uns wieder in das, durch sie verklärte Leben zurückweist. Nicht mit Unrecht hat sie so ihre Stelle am Eingang des Gotteshauses gefunden.

Ohne ihr Bild wäre auch der Symbolschatz der Mystik unvollkommen. Ist die Passion der Grundakkord dieser Gefühlsund Denkungsweise zu nennen, so ist das Motiv der Gottesmutter und der tiefste Sinn desselben einer aus jenem Akkord gestalteten Melodie vergleichbar, die erst wirkliches Leben und Bewegung wird und erst mitteilbares allumfassendes Fühlen in Tönen enthält und überträgt. Ueber dem Leiden schwebt die Liebe, sie belebt, was jenes zu töten, verbindet, was jenes zu trennen schien. Das Leiden trifft den Einzelnen für sich. Zwei Wege hat aber eigentlich die deutsche Mystik: der eine ist das Streben nach Vereinigung der Seele des individuellen Menschen mit dem Göttlichen, von dem sie einen Teil überhaupt in sich schon entdeckt. Nur durch Leiden geht dieser Weg zum Ziel höchster Erlösung. Askese und Ekstase sind die wirksamsten Mittel. Doch nicht allein im tiefsten Grund seiner Seele erkennt der weiterschauende Mystiker das Göttliche; nein er spürt seinen Hauch allüberall, im gesammten Sein. Sich hingeben dem Göttlichen, ebenfalls aufgehen in ihm, schon auf Erden möglichst eng und innig mit beseligendem Bewusstsein, das würde es heissen, wenn man sich dem gesammten Sein, dem Sichtbaren und Unsichtbaren, Sinnlichen und Uebersinnlichen hingiebt in reiner selbstloser Liebe. Das ist der andere Weg. Auch auf ihm ist höchste mystische Erkenntnis und höchste mystische Gotteinigung möglich. Nur die Liebe, die allumfassende, selbstüberwindende ist hier der Weg. Sie schenkt den Menschen der Welt und die Welt dem Menschen; ein inniges Gefühls Verhältnis verbindet Beide. Das vereinigende Element wird die Gottheit genannt. Das Symbolbild ist die Maria mit dem Kinde!

Alle unsere obigen Betrachtungen führten uns vor Augen, wie deutsche Mystik und Kunst, nachdem sie einmal die Bedeutung des Leidens gewürdigt hatten, sich diesem Gefühlsverhältnis zum gesammten Sein mit ganzer Seele hingaben: das Göttliche wurde im Natürlichen erschaut und das Natürliche durch das Heilige wieder verklärt. So entstand in der deutschen Kunst eine göttliche Welt des Scheines, die ihren höchsten Wert und ihre höchste Schönheit darin suchte, ein, durch die Lichtstrahlen der liebenden Seele vermitteltes Spiegelbild der wirklichen Welt zu sein. Unter dem Zeichen der Liebe steht die deutsche Kunst, mehr denn jede andere, jener Liebe, die alles, auch das kleinste umfasst und zu höchster Bedeutung erhebt. Wieder betonen wir es: nur so ist der Naturalismus der deutschen Kunst zu verstehen. Es ist das mystische Gefühls Verhältnis zum gesammten Sein, welches alle Schöpfungen dieser Kunst belebt, welches einzig und allein so manche Sonderlichkeiten, ja manche scheinbare Disharmonien erklärt. In den ergreifendsten Darstellungen der Passion finden wir häufig neben dem furchtbarsten Leiden Züge genrehafter, ja humoristischer Art! Jenes mystische Gefühlsverhältnis gleicht alles aus; das Mitleid erweitert sich zur Liebe auch zum Geringsten !

Verfolgt man die Madonnendarstellungen in der deutschen Kunst, von jenen Statuen an gothischen Portalen bis zur mannigfachen Verwendung des Motives in späteren Tafelbildern und hauptsächlich auch auf den populären, intimeren Charakter tragenden, und gerade für die deutsche Kunst so bezeichnenden Holzschnitten und Kupferstichen, so erstaunt man immer wieder über den Reichtum an origineller Erfindung, mit dem auch dieses Thema ausgenutzt worden ist. Man erkennt den Zug zum Reinmenschlichen, zum Natürlichen und, damit Hand in Hand gehend, das unbewusste Streben nach Verklärung dieses Natürlichen durch das darin hineinbezogene Göttliche. Auch die italienische Kunst zeigt ein verwandtes Streben, wie mehr oder minder die ganze christliche Kunst. Während man aber in Italien die Verklärung des Irdischen in der idealisierenden Schönheitsgestaltung suchte und fand, sah der Deutsche, inniger und unmittelbarer, das Göttliche in jedem Realen, welches er nur mit dem Hauche seelischer Stimmung zu überstrahlen brauchte, um sich mit ihm in künstlerischer Selbstentäusserung zu vereinigen. Und wenn wir in der deutschen Kunst eine Verwandtschaft mit der Weltanschauung der deutschen Mystik erkennen dürfen, so ist es im Vergleich hiermit sehr bezeichnend, dass die Künstler und Kunstkenner der italienischen Renaissancezeit ganz bewusst ihre Kunstphilosophie in Verbindung brachten mit der Ideenlehre Plato’s. Gerade in den Mariendarstellungen entfaltet diese Weltanschauung der deutschen Volksseele und ihrer Kunst ihre reichste und mannigfachste Bethätigung. So erklärt sich der entschiedene Zug ins Genrehafte, den wir in der Entwicklung der deutschen Mariendarstellungen ersehen, besonders in den meisten vollendeten Schöpfungen Dürer’s. — Schon die Mystik schlug diese Richtung wiederum ein. Ertönt in den Predigten der Mystiker hauptsächlich der Grundakkord der Passion, so bewegt sich in der mystischen Poesie die süsse Melodie des Marienmotivs.

Es ist bekannt, wie die mystischen Dichter sich in Sprache und Anschauungen an die weltliche Minnepoesie anschlossen und wie sie ihr Verhältnis zur himmlischen Geliebten Maria nicht sinnlich genug ausmalen konnten.

Nicht ohne Sinn, so dünkt uns, schliessen wir so unsere Ausführung mit dem Hinblick auf das Bild der Madonna, dasselbe in gewisser Weise zu symbolischer Bedeutung erhebend auch für die durch unsere Arbeit gewonnene gesammte Erkenntnis; indem wir zu gleicher Zeit die Art der Verwendung dieses Motives in der deutschen Kunst für typisch erachten für die Weise, wie überhaupt diese Kunst schaut und schafft.

Eine Frage ist es noch, die sich uns gerade nun am Schlüsse all’ dieser Betrachtungen aufdrängt: Was ist es, kurz zusammengefasst, das uns, abgesehen von den eigentlichen philosophischen und religiösen Ergebnissen, die deutsche Mystik darbringt; was danken wir der von der Mystik beeinflussten Kunst ? Die Belebung jenes von der scholastischen Theologie missbrauchten und zu einem für jedes tiefere religiöse Gefühl und jede echte Weltanschauung durch starren Dogmatismus wertlos gemachten Systems von göttlichen und heiligen Begriffen, Personen und Gestalten zu einer, jedem reinmenschlichen Gefühl sofort verständlichen künstlerischen Anschauung; man könnte sagen, die Verdichtung desselben zu einer Mythologie, die nicht Gegenstand eines Kirchenglaubens sein will, sondern weit mehr: das verklärte Spiegelbild der Welt und des menschlichen Wesens; jener Welt und jenes menschlichen Wesens, in dem man das göttliche Sein erkannt hatte! Dies die Antwort. Und in diesem Sinne darf uns die geschilderte deutsche Kunst als gleichwertig erscheinen mit der, ebenfalls mystischem Urgründe entstiegenen Götterwelt Homers und der griechischen Bildner. Etwas Gleichwertiges — und doch nicht dasselbe. Im Vergleich zum hellenischen hatte der germanische Geist auf der einen Seite ein Zuwenig, auf der anderen ein Zuviel erwiesen. Ein Zuwenig in der Fähigkeit typisierender Stilbildung und in der Sicherheit des Verdichtens und Gestaltens, aus welchen Eigenschaften die harmonische Schönheit hellenischer Schöpfungen erblühte; — ein Zuviel an Gedanken und vor allem an drängendem, überfliegendem Gefühl, das sich von der Welt der Materie loslösen und nur sich als das Wahre anerkennen möchte. Mit der Welt der Materie aber rechnet die bildende Kunst. So kommen wir wieder auf denselben Punkt, den wir schon am Schlüsse des vorigen Kapitels erstiegen hatten; wieder erkennen wir: erst in der Musik fand der deutsche Geist die ihm ganz entsprechende Kunst. Der befreite überquellende Strom der Gefühle ergoss sich in Tönen. Hier erst wird dem deutschen Geist die Befreiung, die der Hellene in der bildenden Kunst schon finden durfte. Auch hier erkennen wir ein verklärtes Spiegelbild der Welt; doch jetzt, so zeigte uns Schopenhauers mystische Kunstauffassung, das Spiegelbild der «Welt als Wille». Wieder das Höchste im Reinmenschlichen, Natürlichen, doch diesmal losgelöst vom Zufälligen, Materiellen.

Und sehen wir hier den Deutschen in seinem Kunstdrange das Streben nach Selbstentäusserung im höchsten Masse kundgeben, so wird uns nun, von diesem Standpunkte zurückgesehen, offenbar, wie auch die deutsche bildende Kunst, trotz allem Naturalismus die Worte spricht:

«Alles Vergängliche

Ist nur ein Gleichnis!»

Meister Eckart sagt:

«Swenne ich predien, so pflige ich ze sprechende von abegescheidenheit unt daz der mensche lidig werde sin selbes unt aller dinge.»

Text aus dem Buch: Deutsche Mystik und deutsche Kunst (1899), Author: Alfred Peltzer.

Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Einleitendes und Litterarisches
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Historisches.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunst der Visionen.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Kunstpflege in den mystischen Klöstern.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die spekulativen Mystiker in ihrem Verhältnis zur Kunst.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Die Mystik als Wesensausdruck des Bürgertums und die bürgerliche Kunst.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Der Künstler und die Mystik.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Schlussbetrachtung.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Mystik, Religion und Kunst.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die Passion Christi.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die «minnende» Seele
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Mystik, Kunst und weltliche Dichtung.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Symbolik
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Die Engel und Teufel.
Deutsche Mystik und deutsche Kunst – Ikonographisches – Der Welt Lohn und der minnenden Seele Heil

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    28. September 2015
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    28. September 2015

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