Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen

Keine der deutschen oder nordischen Benennungen für Priester ist mit einem gleichbedeutenden Worte der anderen idg. Sprachen verwandt, jede ist etymologisch leicht zu erkennen, mithin kann der gesonderte Begriff für Priester, für ein deutlich von anderen Ständen geschiedenes Priestertum nicht allzuweit in die Urzeit zurück reichen. Wie der Hausvater für die Sippe das Gebet verrichtete, opferte und weissagte, eo war für die Heiligtümer der Dorfgemeinde, des Gaues, des Stammes, der Angesehenste, der Häuptling, der König, Leiter der gottesdienstlichen Handlungen. Ganz richtig bemerkt Cäsar (b. g. 68l), daß es bei den Deutschen eine Priesterkaste nach Art der gallischen Druiden nicht gebe. Die Deutschen kannten keinen besonderen, erblichen Stand, der allein den Zutritt zu den himmlischen Mächten gewähren konnte. Wenn somit auch niemand, der den Göttern nahen wollte, eines Mittlers bedurfte, so war doch bei größeren Festen ein Priesterstand notwendig, d. h. man bedurfte Mftuner, die mit der Verwaltung der heiligen Bräuche vertraut waren. Der König, der seinen Ursprung von den Göttern ableitete, war der oberste Priester des Landes, er war Hüter und Pfleger des Heiligtums. Auch bei der kleineren Vereinigung der Gemeinde oder des Gaues war der leitende Beamte zugleich der Priester. Das in Thing und Heer versammelte Volk befehligte und weihte im Namen des obersten Befehlshabers, des machtvollen Tius, der König oder Häuptling. Wie eine ahd. Glosse lehrt, war die Bezeichnung cotinc (tribunus), die auf die Stellung des Priesters zu den Göttern geht (gud; minister deornm sagt Tacitus, Germ. 10), ganz zur Bezeichnung einer weltlichen Würde geworden. Während einige von den Häuptlingen den Heerbann in die Schlacht führten, mußten andere den Göttern für den Sieg opfern, die heiligen Feldzeichen hüten, deren Gegenwart das Dasein der Gottheit und damit den heiligen Frieden bezeugte, der über den bewaffneten Scharen ruhte, und jede Verletzung der religiösen Weihe durch Handhabung der Kriegszucht ahnden. Die Behörden, die nach Cäsar (b. g. 623) gewählt werden, mag ein Stamm angreifen oder sich verteidigen, in deren Händen die Leitung des Krieges steht, und die Gewalt über Leben und Tod haben, können nur Priester sein.

Der erste männliche Priester, dessen Name sich geschichtlich nacb-weisen läßt, der Priester der Chatten, Libes, war ein solcher Häuptling im priesterlichen Amte; er war im Jahre 15 als Opferpriester des chattischen Heeres gefangen genommen und wurde im Triumphxuge des Ger-manicus neben Segimuntus, dem Sohne des Segestes, Thusnelda, der Gattin Armins und anderen namhaften Feinden raitaufgeführt (Strabo 7,). Auch Segimuntus war ein Priestef und zwar bei dem Stammesbeiligtame der Ubier (Ann. 157, „). Als er von dem Aufstande seiner Stammesgenossen hörte, zerriß er — nach römischer Ausdrucksweise — die Priesterbinden und entfloh zu seinen Landsleuten. Hierbei erfahren wir, daß er durch Wahl Priester geworden war. Auch die Einheit des Stammes wurde durch einen Häuptling im priesterlichen Amte und durch das Heiligtum repräsentiert, das er verwaltete [nacerdoh civiUttit, Germ. 11). Solche Priester waren beim Heiligtums der Nerthus (Germ. 40) und bei den Alkis (Germ. 43). Bei den Burgunden löste sich die priestörliche Tätigkeit des Königs von dem geistlich-weltlichen Amte los. Neben dem Könige oder Hendinos, der bei einem Unglück im Kriege oder bei Mißwachs als Sühnopfer den Göttern geweiht ward, später aber nur noch abgesetzt wurde, findet sich ein Oberpriester unter dem Titel der Älteste (sinistus); er hat sein Atnt auf Lebenszeit und ist nicht jenen Zufällen unterworfen wie die Könige (Ammian. Marc. 2ö,8fl4; S. 354). Über die Stellung des ags. Oberpriesters bei König Edwin läßt sich nichts sagen (Beda, Hist. eccl. 2, 13).

Neben dem Opfern und Befragen der Lose hat der Priester noch eine andere Tätigkeit. Wo das Volk als Ganzes versammelt ist, sind die Götter gegenwärtig. Die Priester wahren den göttlichen Frieden. Über den Ruhestörer im Thing, wie den Brecher der Disziplin im Kriege haben sie das Strafamt, denn ein Vergehen gegen den heiligen Frieden, der übet Thing und Heer schwebt, war ein religiöses Verbrechen. Sie sind die Bewahrer und Hüter des göttlichen Gesetzes, des Rechtes, daheim wie im Felde. Diese doppelte Tätigkeit des altgermanischen Priesters lassen bereits die Angaben des Tacitus erkennen. Bei Beginn des Thinges (st publice consul-tetur, Germ. 10) bringt der mit diesem Amte für immer oder nur diesmal betraute Priester das Opfer dar, stellt fest, daß die Förmlichkeiten der Einhegung erfüllt sind, und fragt die Götter durch das Los, ob ihnen die Beratung genehm sei Dann erheischt er Schweigen (S. 364), gebietet den Thingfrieden und steht bei der nunmehr beginnenden Rechtsverhandlung als Ewart mit seiner Rechtskenntnis, kundig des Willens der Götter, dem Herzoge zur Seite. Er vollstreckt auch die Strafe, aber sie wurde nicht als solcho angesehen, nicht wie ein Befehl des Herzogs, sondern wie ein Verhängen der Gottheit (Germ. 7).

Nach seiner gesetzgebenden und gesetzschirmenden Tätigkeit heißt der Priester ahd. ewart, ewarto (Wart der E; dieses e ist unser leider vergessenes Wort für „religio“ = die herkömmliche, unvordenkliche göttliche Ordnung oder das Gesetz: Pfleger, Hüter des Gesetzes) oder ahd. esago, esagari, as. ösago, afries. ä-sega (sega Säger: Gesetzsager, Gesetzsprecher, Richter); in Friesland bedeutet Asega noch im 12. Jhd. Priester. Denn das Recht erschien den alten Germanen als göttlich, wie es auch mit dem Götterglauben eng zusammenhing. Der Gott, der es geschaffen, der allwaltende Tius kennt es allein vollständig, er lehrt es seine Diener, die Priester, nach der fries. Sage die 12 Asegen (S. 226).

Die andere Seite, seine Tätigkeit als Leiter des Opfers, hebt die ostgerm. Benennung (got. gudja), die skandinavische gode (gudi, godi) hervor, die mit gud Gottheit verwandt ist, also die Zugehörigkeit zur Gottheit aussagt, „Gottesmann“ oder „Gottesdiener“ (minister deorum Germ. 10; S. 380). Dem ostgerm. gudja, das schon Wulfila für iegevg gebraucht, entspricht die ahd. Glosse cotinc (tribunus) = goding; es läßt sich ein einfaches Coto annehmen, mit der Bedeutung Priester und Richter. Wenn aber „Gott“ ursprünglich Zauber oder auch Fetisch bedeutet, so tritt uns im Goden der Feticeiro und Schamane entgegen, er ist ursprünglich nur der „Berufer“, „Besprecher“, der Zauberer (S. 191). Ahd. harugari „Hainmann“ bedeutet den Hüter des von einem Steinzaune umschlossenen Heiligtums, des Tempels; paraivari ist der Vorsteher des gehegten Haines, pluostrari hieß der Priester, insofern er opferte. Der burgundische Titel „der Älteste“ (Sinistus, vgl. Siniskalk, der Altknecht, lat. senex) hebt die wirkliche Macht des Priesters hervor. Sinistus ist wie der arabische Scheik nicht der deu Jahren nach Älteste, sondern der Vornehmste, aus altem Adelsgeschlecht entsprossene. Aus dem Adel wurden bei den Goten Priester und Könige gewählt (Jord. 5); die Vornehmsten und Weisesten wurden Priester (Jord. 11). Wegen dieser engen Verbindung des Priestertums mit dem Adel richteten die Missionare ihre Bekehrungsversuche immer zunächst an den Adel; denn sobald dieser für das Christentum gewonnen war, hörte der Widerstand des Volkes auf. Noch Jahrhunderte lang nach dem Übertritte zum Christentum gelangen mit seltenen Ausnahmen nur Adelige in den Besitz der Bistümer und der höheren geistlichen Stellen; auch hier nahm die Kirche Rücksicht auf das gemeine Volk, bei dem ein Priestertum ohne Adel keine Achtung gefunden hätte. Als später diese Beweggründe fortfielen, erhielt sich die üblich gewordene Sitte. In der Slaven-schlacht am 18. Juni 992 fiel Thiethard, der Fahnenträger der Deutschen, ein Diakon der Verdener Kirche, und am 22. August desselben Jahres der Bremer Priester Halegred ebenfalls mit der Fahne der Deutschen (Aunalista Saxo ad a. 992).

Die Amtstracht war ein lang herabwallendes Gewand, bei den Goten von weißer Farbe (Jord. 10). Bei deu Naha-narvalen trugen sie Frauengewänder, vielleicht auch laug herabwallendes Haar mit einem Kopf- und Schleiertuche (Germ. 43). Die got. Priester trugen wie die Edeln Hüte auch während des Opfers (Jord. 5. 11). Den ags. Priestern war es verboten, Waffen zu tragen und auf Pferden zu reiten (Beda Hist, eccl. 213); auch die weißen Pferde des Himmelsgottes, die in den heiligen Wäldern und Hainen aufgezogen wurden, durften durch keine irdische Dienstleistung befleckt werden (Germ. 10). Gemeingermanisch war die Sitte, daß der Priester bei öffentlichen Handlungen, besonders bei den Thingen, die er hegen sollte, einen Eidring am Arme trug; beim Opfern wurde dieser in das Blut des Tieres getaucht, auf ihn wurde auch der Eid abgelegt.

Die Einkünfte der Priester bestanden aus Opfergaben, die er am Vorabende des kommenden Festes einforderte, teils als Opfergaben für die Götter, teils zu seinem eigenen Unterhalte. Es geschah im Namen der Gottheit, deren Fest gefeiert werden sollte, unter dem Absingen von Liedern.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
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Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
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