Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube

Mit dem Seelenglauben hängt der Marenglaube aufs engste zusammen. Die Erscheinungen des Traumlebens werden durch den Alpdruck zu wahrhaft erschreckender Lebhaftigkeit gesteigert. Die Seele des Verstorbenen lebt nicht nur fort und tut sich dem Lebenden im Schlafe kund als luftiges Gebilde oder als körperliches Wesen in Tier- oder Menschengestalt, sondern es gibt auch Menschen, deren Seele plagen und drücken geht, während der Leib zu Hause bleibt, und diese Irrfahrt kommt dem Menscheu beim Erwachen wie ein Traum vor. Oder die Trude läßt ihren Körper draußen vor dem Hause stehen, und wenn man ihn anredet oder anrührt, so fällt er zusammen, und die Trudenseele in dem Hause stößt einen furchtbaren Schrei aus. War der Tote einem Lebenden feindlich gesinnt, so mußte er auch über das Grab hinaus ihn zu schädigen suchen. Diesen Angriffen stand der Mensch im Schlafe wehrlos gegenüber; er fühlte im Traume, wie eine grauenvolle Macht, gegen die er sich nicht schützen konnte, ihm die Kraft der Glieder verrenkte, sich auf ihn stürzte und ihn quälte und drückte, so daß er matt und blutlos dahinsiechte. Dieses Wesen hatte wie die Seele des Toten die Fähigkeit, verschiedene Gestalten anzunehmen; oft genug trug die nächtliche Erscheinung die Gesichtszüge und die Gestalt von Bekannten, um desto sicherer das wehr- und arglose Opfer zu überfallen; oder ein wildes Ungeheuer, ein Bär, ein Igel, eine Katze, eine Schlange hockte auf der Brust des Träumenden und sog gierig seinen Atem ein. Man sah, fühlte und hörte, daß diese Erscheinung wirklich und persönlich da war, daß es ein fremdes, meist feindliches, zuweilen buhlerisches Wesen war, und so entstand neben dem Seelenglauben die Vorstellung einer quälenden, würgenden, tötenden oder minnenden, kosenden Macht; denn Männer werden von Frauen und Frauen von Männern gedrückt. Im Traumleben wurzelt also dieser Glaube, aber nicht in dem gewöhnlichen, sondern in dem bei weitem lebhafteren Alptraum. Alle Erzählungen, die den nächtlichen Besuch des Alps und der Mare bei einem Schläfer schildern, sind als Wiedergabe einer Traumbegebenheit ohne weiteres verständlich, und von der Wahrheit dieser Berichte kann sich noch heute jeder überzeugen, der an Alpdrücken leidet. Die volkstümliche, mythische Anschauung und die rationalistische Erklärung des Alptraumes gibt Rosegger in humorvoller Weise iu seinem Novellenkranze „Sonderlinge aus dem Volke der Alpen“ (1881, S. 36):

Zwischen einem Bauernmädchen und einem studierten Stadtherrn entspinnt sich folgendes Gespräch: „Die Trud hat mich gedrückt. „Der Alp? „Ist die halbe Nacht auf mir gelegen — ein schauderhaftes Getier, und gemeint hab’ ich, ich müßt’ ersticken. „Das ist ja gar kein Getier gewesen, lachte der Herr, und dann fuhr er ernsthaft fort: „Der Alp oder die Trud, wie Ihr sagt — auch Nachtmahr wird die Erscheinung genannt — ist weder ein Körper, noch ein Gespenst, sondern das Produkt einer Atemnot. Das Alpdrücken wird erzeugt, wenn auf Mund oder den Nasenöffnungen die Bettdecke, das Kissen oder dergleichen zu liegen kommt. Diesen Beschwerden gesellen sich sofort beängstigende Träume bei, welche solange währen, bis es dem Schlafenden gelingt, durch eine kräftige Bewegung die Respirationsöffnungen wieder zu befreien. „Der Herr kann gewiß ein Trudenkreuz? fragte das Mädchen weiter, „aber sieben Ecken muß es haben. Mit fünf Ecken kanns der Peter auch, aber die helfen nichts. — Noch ausführlicher ist die Beschreibung und Erklärung des Alptraums, die Wieland gibt (Oberon, 3, a. E. 4, 11 f). Ein holdes Weib ist Hüon im Traume erschienen, er sinkt liebestrunken an ihre Brust und will sie an sich pressen, da wird sie plötzlich aus seinem Arme gerissen und verschwindet in den Fluten des nahen Stromes:

„Er hört ihr ängstlich Schrein, will nach — o Höllenpein!

Und kann nicht! steht, entseelt vor Schrecken,

Starr, wie ein Bild auf einem Leichenstein.

Vergebens strebt er, keucht, und ficht mit Arm und Bein;

Er glaubt in Eis bis an den Hals zu stecken . . .

Und kann nicht Schrein.“

„Herr!* ruft ihm der treue Scherasmin zu, da er sein banges Stöhnen vernimmt, „erwacht! ein böser Traum schnürt euch die Kehle zu . . « . . Ihr lagt vermutlich wohl zu lange auf dem Rücken ….

„Mir selbst ist oft in meinen jungen Jahren,

Wenn mich der Alp gedrückt, dergleichen widerfahren.

Da, zum Exempel, läuft ein schwarzer Zottelbär . . .

Mir in den Weg; ich greif im Schrecken nach dem Degen Und zieh’, und zieh’ — umsonst! Ein plötzlich Unvermögen Strickt jede Sehne mir in allen Gliedern los;

Zusehens wird der Bär noch siebenmal so groß,

Sperrt einen Rachen auf so gräßlich wie die Hölle;

Ich flieh und ängst’ge mich, und kann nicht von der Stelle.

Ein andermal . . . und eine Nase guckt heraus

So lang als euer Arm. Ihr sucht, halb starr vor Schrecken,

Ihr zu entflieh’n . . .

Ein jedes Haar auf euerm Kopfe kehrt

Die Spitz’ empor, zur Flucht ist jeder Weg verwehrt . . .

Stets frost’ger wird die Hand, die Nase immer länger. Dergleichen, wie gesagt, begegnet oft und viel;

Allein, am End ist’s doch ein bloßes Possenspiel . ..

Die Nase samt der Angst verschwindet im Erwachen.“

Schon das Mittelalter erklärte das Alpdrücken aus schweren, durch Stockung des Blutumlaufes entstandenen Träumen (Ger v. v. Tilb. 3, 86. 93).

Noch heute wie vor Jahrtausenden stellt jeder Alptraum den Grausen und Lust bringenden Unhold mit gleicher greifbarer Deutlichkeit und leibhaftiger Nähe den Sinnen dar. Es ist erwiesen, daß die Alpvision sich besonders gern da einstellt, wo viele Menschen in engem Raume gedrängt schlafen. Der Alptraum muß also in einer Zeit etwas durchaus Gewöhnliches gewesen sein, da noch die Wand einer raucherfüllten Hütte die ganze Familie einschloß. Die Traumwelt war nicht minder wirklich als die Welt der wachen Sinne. Von dem tatsächlichen Vorhandensein dieser Gestalt der Traumphantasie war der Mensch ebenso überzeugt wie von der Wirklichkeit seines eigenen Leibes, er sah, fühlte und hielt den Alp in seinen Händen, er kannte sein Gebaren wie das der Nebenmenschen aus der Anschauung, er erzählte von dem nächtlichen Erlebnis unter Verschweigen des natürlichen Hintergrundes, und dieser Bericht vom Alptraum war ein Mythus. Er suchte sich gegen den unheimlichen Gast zu wehren und traf Maßregeln zu seiner Vertreibung, er setzte seinen Glauben in Handeln um, und so entstand ein Kultus, dessen Zweck und Ziel naturgemäß die Abwehr war. Er verglich seine Erzählung mit der Wiedergabe anderer und fand, daß sie im wesentlichen übereinstimmten; so bildeten sich typische Formen der Alpsage. Es lag nahe, besonders hervorzuheben, daß sich den Männern weibliche, den Frauen männliche Geister zugesellten. Wurde dieser Umstand betont und von der Phantasie weiter ausgeschmückt, so war ein unerschöpflicher Reichtum an Mythen gegeben, der zur poetischen Gestaltung locken mußte und das Bewußtsein der Traumsituation allmählich verdrängte. Bei den zahlreichen Abstufungen und mannigfachen Verschiedenheiten der Berichte wie der Traumvorgänge mußte sich eine gewisse Kunst bilden, und wie im Götterglauben Mythus und Dichtung zusammengehören, so war in der Alpsage gegen die sprunghaften, anekdotenartigen Erzählungen aus dem Seelenglauben ein unleugbarer Fortschritt gegeben.

Folgende Typen lassen sich als die wichtigsten aufstellen:

Wer jemals auf der Schulbank gesessen hat, dem ist auch die nächtliche Szene wohl bekannt, daß er wieder vor seinen gestrengen Lehrern steht und Fragen vorgelegt erhält, die er trotz aller gewaltsamen Anstrengung nicht beantworten kann; er ringt nach Worten, die Angst ist ins Unermeßliche gesteigert, eine dumpfe Beklemmung läßt die Pulse aussetzen oder wild schlagen. Endlich findet er die ersehnte Antwort, ein unartikulierter Schrei entringt sich seinen Lippen, er erwacht, in Schweiß gebadet, am ganzen Leibe zitternd, und die Angsterscheinung ist entflohn. Es ist derselbe Vorgang, den die griechische Sage von Ödipus und der „Würgerin“ Sphinx erzählt. Mit treuestem Anschluß an die Wirklichkeit erfand die mythische Dichtung den Sagentypus von der gefährlichen Begegnung mit dem Fragedämon.

Ein Bauernmädchen lag im Grase und schlief. Ihr Bräutigam saß bei ihr, allein sein Herz war anderwärts und sann, wie er sich ihrer entledigen könnte. Da kam das Mittagsgespenst einhergeschritten und fing an, dem Burschen Fragen vorzulegen, aber soviel er auch antwortete, immer warf es neue Fragen auf, und als die Glocke Eins schlug, da stand sein Herz still: das Gespenst hatte ihn zu Tode gefragt. — Ein junger Mensch wird auf dem Felde von einem Dämon angehalten, der ihm sagt: sieh hin, diese Gründe und Herden und Schlösser sollen dein sein, wenn du mir auf meine Rätselfragen richtig antwortest; wo nicht, so fresse ich dich. Die Rätselwette geht in der Nacht vor sich; der Drache verliert, weil seine Fragen richtig beantwortet werden und zieht fluchend davon, der Jüngling ist aber Herr der Schätze.

Das Ende des peinlichen Verhöres wird durch den Aufgang der Sonne oder den Schrei des Hahnes herbeigeführt der Morgen, der die Schläfer weckt, verscheucht eben dadurch die Alpgespenster. Darum sagt Burchard von Worms: Man solle nicht vor dem Hahnenkrat das Haus verlassen, weil die unreinen Geister vor diesem Rufe mehr Macht zu schaden hätten als nachher, und weil der Hahn mit seinem Schrei jene besser zu vertreiben und zu bändigen vermöge als selbst das Kreuzeszeichen. Dieselbe Wirkung hat das Abschütteln des Zungenbannes und der Klang der eigenen Stimme oder der Zuruf einer wachen Person. Mythisch wird das so ausgedrückt: Wenn der Heiragesuchte die auf ihm hockende Tiergestalt mit dem Namen der Person anspricht, die in solcher TierverWandlung den Alpdruck ausübt, so steht diese in ihrer eigenen Gestalt vor ihm und kann nicht mehr schaden. Wenn man beim Kommen der Trude sogleich einen heiligen Namen ausspricht, muß sie fliehen. Vermutet man ohngefähr, wer es sei, den man auf sich liegen fühlt, so muß man ihn beim Namen rufen, und die Mahre entweicht. Gut ist es aber auch, sich gar nicht auf den geistigen Ringkampf eiuzulassen. Jemand hörte in der Nacht seinen Namen rufen, er antwortete „Ja“, und sogleich begann ihn die Mahre zu drücken; wäre er still gewesen, so hätte sie ihn nicht gefunden.

Zur nächtlichen Stunde als Nachtalp, in der Sonnenglut als Tagalp überfällt der Unhold die Leute, die während der größten Hitze im Freien arbeiten oder wandern. Die mittelalterlichen Legenden kennen wie die Kirchenschrift‘ steiler des 6. Jhds. den Mittagsteufel, daemon meridianus, als Krankheitsdämon, gewissermaßen als den personifizierten Sonnenstich. Seinetwegen wurden die Kirchen, die sonst den ganzen Tag bis zum Abendläuten offen stehen sollen, in der Mittagsstunde zugeschlossen.

Eine Frau stürzt auf dem Heimwege von der Feldarbeit plötzlich zusammen und kann kein Wort mehr hervorbringen, der daemon meridianus hat sie gepackt. — Zwei Knaben stehen um die Mittagszeit auf der Straße» ein heftiger Wirbelwind fährt über sie hin, sie werden wie toll und kennen die Ihrigen nicht mehr, aber St. Martin und St. Jovin helfen ihnen vom daemon meridianus.

Im Kloster zu Heisterbach hat man gar wohl gewußt, daß der daemon meridianus Buhlgeist und Todesdämon zugleich ist Als eines Mittags im Sommer sich die Laienbrüder schlafen gelegt hatten, kam der Teufel in Gestalt einer Nonne und ging an den Betten hin, hier verweilend, dort vorübergehend. Über einen Schläfer beugte er sich, faßte ihn in die Arme, küßte ihn und verschwand. Ein Frater, der mit Entsetzen Zeuge des Vorgangs gewesen war, fand den Mönch mit verschobenen Kleidern daliegend. Als es Zeit zum Aufstehen war, konnte der Arme sich nicht erheben, ward auf die Krankenstube gebracht und starb nach dreien Tagen (Cäsarius 5, 33).

Der Alp nimmt auch Tiergestalt an, und das Tier wieder, meist eine Schlange, verwandelt sich in einen Menschen. Zahlreiche Erlösungs- und Schatzsagen gehören zu diesem Typus; sie verlaufen genau so wie die, die im Seelenglauben ihre Erklärung finden (S. 12, 27). Aber der Boden, auf dem sie entstanden sind, ist der Schlafzustand. Sträubt sich der Mensch gegen den ihn umfangenden Traum, so sinkt er aus der Traumwelt in die wache Wirklichkeit zurück; überläßt er sich ihm weiter, so nimmt der Traum wohl holdseligere Formen an, aus der Schreckensgestalt wird eine schöne Jungfrau, und die Pracht und Herrlichkeit am Schlüsse ist nichts anderes wie das poetisch ausgeschmückte, behagliche Nachgefühl des lieblich endenden Traumes. Die Sagen, in denen der Alp nach Loslösung seines natürlichen Wesens trachtet und unglücklich über seinen mörderischen Beruf ist, setzen ein bei weitem feiner entwickeltes Gefühl voraus und verdanken jüngerer Zeit ihre Entstehung. Im übrigen steht der Ringkampf, der entweder zugunsten des Menschen oder des Alps endet, völlig dem geistigen Ringen der Rätselwette und der peinlichen Frage parallel.

Schou im Gedichte von Lanzelot (7837 ff.) kommt das Küßen an den Mund des Drachen vor, der sich hernach in ein schönes Weib verwandelt. Des Königs von Thule Tochter Elidia war verwünscht worden, ein „Wurm“ zu sein, bis zu der Stunde, daß sie des besten Ritters Mund küsse. Die Schlange hauste in einem Walde und flehte die durchziehenden Ritter um Erlösung an, aber sie ergriffen die Flucht. Erst Lanzelot bewies, daß er der beste Ritter war; denn, mochte was immer daraus werden, er küßte den unholdesten Mund, der ihm je vorkam. Alsbald eilto der Wurm nach einem Wasser, badete darin seinen rauhen Leib (wie die rauhe Else.im Wolfdietrich) und ward zum schönsten Weibe, herrlich gekleidet.

Die Vorstellung von der Vielgestaltigkeit des Alps ist in der Natur des Alptraumes begründet. Je nach der äußeren Beschaffenheit des Gegenstandes, der die Atemnot des Schläfers verursacht, bildet die Traumphantasie das Bild eines zottigen oder glatten Tieres, unter dessen Drucke man leide. Im Aargau ist der Alp, oder wie man dort sagt, das Schrätteli, wie ein Blutegel, bald zusammengezogen wie ein Knäuel, bald ausgedehnt wie ein Kiese; zusammengeballt in scheußlich borstiger Igelgestalt hockt es zentnerschwer auf dem Schläfer. Darum haben ahd. Glossen pilosus (rauh, behaart) scraaz, pilosi scrazzun neben incubitor scrato, pilosi incubi monstri i. e. ags. maerae scrazza, incubus waltschrato; Luther übersetzt den behaarten Waldgeist (Jes. 13,21) mit „Feldgeist“. Bei Seb. Franck (1531) heißt es: Meisterwurzöl wehret die schweren Schläf, als das Schrättelein und Nachttrutten. Vint-ler aber weiß:

Das Schrätel sei ein kleines Kind

Und sei so leicht wie der Wind,

Und sei ein verzweifelter Geist;

und Martin Be heim bezeugt: Etliche haben den Glauben, jedes Haus habe ein Schreczlin; wer das ehrt, dem gebe es Gut und Ehre; auch findet man, daß man in der Berchten-nacht seinen Tisch richte.

Ein dem Tristanfortsetzer Heinrich von Freiberg zugeschriebenes Gedicht „Das Märe vom Schretel und Eisbär* erzählt von einem Norweger, der im Aufträge seines Königs dem Könige von Dänemark einen „weißen Wasserbären* als Geschenk zu bringen hat und unterwegs in einem Hofe Herberge nimmt, ans dem sich der Besitzer durch nächtlichen Spuk hat verdrängen lassen. Da kommt um Mitternacht ein Schretlein herein, kaum drei Spannen lang, mit einer roten Kappe auf dem Kopfe, brät sein Fleisch am Feuer und beginnt Streit mit dem müden Bären. Bald lag das Schretel oben, bald der Bär; sie bissen und kratzten sich, bis gegen Mitternacht der nächtliche Gast entfloh. Am andern Morgen, als der Normane mit seinem Tiere abgezogen ist und der Bauer zu Acker fährt, tritt ihm das Schretlein mit ganz blutigen Beinen entgegen und fragt nach der großen Katze. „J&, jä, min gröziu katze, dir ze trutze und ze tratze lebt si, du boesez wihtel, noch“, erwidert der Bauer und fügt hinzu, sie habe ihm fünf Junge gebracht. Da erklärt das Schretlein, Zeit seines Lebens wolle es sich nicht wieder blicken lassen, und verschwindet. In Norddeutschland, Meißen und Schlesien hat die Yolkssage diese Geschichte festgehalten, daß der Alp durch einen stärkeren Unhold vertrieben wird.

Seit der Völkerwanderung, wo die Hauskatze zu uns kam, fühlt und sieht der Mensch den Trauingast auch als Katze. Als ein Knecht, der viel von den Mahren zu leiden hatte, im Heuschuppen schlief, kam ein anderer hinzu und sah vier bunte Katzen bei dem Schlafenden sitzen; er sprang weg, um einen Stock zu holen, aber bis er wiederkam, waren sie verschwunden. — Zu dem Jungen, der auszog, das fürchten zu lernen, kommen gegen Mitternacht aus allen Ecken und Enden des Schlosses schwarze Katzen und Hunde. Aber er packt sie beim Kragen, hebt sie auf die Schnitzbank und schraubt ihnen die Pfoten fest (K. H. M. Nr. 4). — Der Volksglaube sieht darin natürlich wirkliche Katzen; darum soll man nicht mit Katzen zusammen schlafen: sielegen sich auf die Brust, trinken den Atem oder schnüren mit ihren Krallen die Kehle des Menschen zu. — Auch Schmetterlingsgestalt nimmt der Alp wie die Seele und Hexe an. In der Schweiz .heißt nicht nur der Alp, sondern auch der Nachtschmetterling Toggeli, d. i. Drückerlein. Noch im 17. Jhd. wurde der rötliche Saft, den die Schmetterlinge au die Bäume ansetzen, für das Blut der vom Teufel verfolgten und verwundeten Schretlein gehalten, und noch heute gilt ein Mensch als Alp gekennzeichnet, dessen Augenbrauen zusammen wachsen, als ob seine Seele wie ein Schmetterling entschwebe, um in irgend einen andern Körper einzugehen. Solche Leute können andern, wenn sie Zorn oder Haß auf sie haben, den Alp mit bloßen Gedanken zuschicken. Er kommt dann aus den Augenbrauen, sieht aus wie ein kleiner, weißer Schmetterling und setzt sich auf die Brust des Schlafenden (D. S. Nr. 80). Oder die Mahre verwandelt den Schläfer in ein Roß, muß aber dann selbst Pferdegestalt annehmen und liegt am andern Morgen mit Hufeisen an Händen und Füßen im Bette (S. 52).

Wenn die Mahre keinem Menschen beikommen kann, muß sie* allerhand anderes, Tiere, Steine, Bäume reiten.

Ein Mann, der viel von ,Walridersken* geplagt wurde, erhielt den Rat, der Mahre zuzurufen: ich wünsche, daß du alle Nacht auf einem Besenstiele reiten mögest. Er aber änderte den Spruch und rief: ich wünsche, daß du alle Nacht auf dem höchsten Mastbaum reiten müßtest, der in der See ist. Da klagte eine jammernde Stimme: o, was hast du mich angeführt! Aber die Walridereke ist nie wieder gekommen. — Auf Rügen hatte einer die Nachtmahr gefangen, weigerte sich aber, sie frei zu lassen, da er keiner lebenden Kreatur die Qualen gönne, die sie ihm angetan, er wolle sie vielmehr auf ein fühlloses Wesen aufweisen, das könne sie reiten in alle Ewigkeit Sie bat flehentlich, sie nur nicht auf Stein und Wasser zu bannen; da verwies er sie auf einen Eichbaum, der seit der Zeit verkümmerte. Seine Äste zitterten beständig, wenn auch so stilles Wetter war, daü kein Blatt sich regte; allmählich vertrocknete er und ging endlich ein.

So ward der Alp aus seinem natürlichen Bereiche vertrieben und ihm sein Aufenthalt in Wald und Feld, Wasser und Luft, Haus und Hof gegeben. Der Alp, den die Sage im Wasser hausen läßt, zeigt natürlich eine andere Erscheinung und andere Gewohnheiten, wie der im Walde oder Hause wohnende; unwillkürlich stattet ihn die Dichtung mit Zügen aus, die mit der Alpnatur als solcher nichts zu tun haben, und die so entstandenen Gestalten glichen sich von selbst den Naturgeistern au, die dieselben Elemente verkörpern, nach denen sich der Alp umgewandelt hatte. Eine Sonderung der aus dem Seelenglauben und Alptraum oder aus der Naturvergötterung stammenden Züge ist um so schwieriger, als die Sprache selbst beide Gattungen mit einem Namen bezeichnet. Das zahllose vielnamige Heer der Elbe, der in der Luft, im Wasser, in Haus und Feld, Berg und Wald, Heide und Ackerland, auf und unter der Erde hausenden Dämonen wird unter derselben Bezeichnung zusammengefaßt, von der das Alpdrücken seinen Namen hat. Doch scheint erst gegen Ende des Mittelalters die Bezeichnung Alp als Verkörperung des Alptraumes auf die Naturdämonen übergegangen zu sein. Die englische „Legende des Erzengels Michael“, die eine eingehende Darstellung vom Wesen und von der Wirksamkeit der bösen Geister bietet, stellt den Alp oder Nachtmahr, der zur Nacht die Menschen reitet, unmittelbar neben die Elfen, die bei Tag im Walde, des Nachts auf hohen Hügeln hausen, und die man oft auf geheimnisvollen Wegen in großer Zahl tanzen und springen sieht. Die Zwerge, die Verkörperungen der still webenden Kräfte der Natur, sind vielleicht nach dem nächtlichen Drücken genannt, vom mhd. zwergen „drücken“, die Drücker, oder sie gehören zu der Wurzel, von der die Draugen gebildet sind (S. 26), und sind die schädigenden Unholde, oder die Trugbilder, oder sie gehören zu oegyos „Insekt“, ir. dergnat „Floh“. Die in der deutschen Sage so häufige Helkappe der Zwerge, die man ihnen abschlageil muß, damit sie sichtbar werden, tragen als unsichtbar machendes grünes Mützchen die steierischen Truden: gelingt es einem, solch ein Käppchen zu erhaschen, so kann er die Trud sehen. Im Elsaß sagt man von einem, den der Alp drückt, das Letzekäppel sitze ihm auf der Brust; der Unhold hat sein Käppchen immer verkehrt („letz“) auf, und wer den Mut hat, ihm’s abzunehmen und recht aufzusetzen, der ist von ihm befreit. In der Schweiz bezeichnet Doggeli, d. i. Drückerlein, nicht bloß den Alp, sondern auch die Elbe oder Zwerge.

Die Traumphantasie führte zu der Vorstellung, daß der Alp seine Gestalt beliebig wechseln könne. Die kindliche Logik der Sage meinte, auch noch eine Bestätigung aus der gemeinen Wirklichkeit bringen zu können: das Haar, das einer der Mährte ausgerissen, erweist sich beim Erwachen als eine Handvoll Stroh, das Weib, das er im Arme hielt, als Bettdecke oder Kopfkissen. Gehören die Tiere dem Traumbild an, so gehören Halm und Feder dem Erwachen an. So entstand die Vorschrift: halt den Alp fest trotz aller Verwandlungen, schließlich nimmt er Menschengestalt an. Denn die Mährte will sich nicht fangen lassen, sie entschlüpft alsbald, wenn das Hindernis ihrer Flucht beseitigt wird, wenn sie ihr Tuch oder ihr Gewand wieder erlangt (vgl. D. S. Nr. 114).

Der Alp kann‘ sich nur auf demselben Wege entfernen, auf dem er gekommen ist (S. 7); verstopft man daher das Loch, durch das er geschlüpft ist, so ist er gefangen. Eine dem Wesen, in das sich der Alp verwandelt hat, widerfahrene Verstümmelung geschieht der den Alpdruck ausübenden Person selbst. Brennt man z. B. den Strohhalm am Lichte an, so hat diese verbrannte Finger, prügelt man ihn, so bekommt die Hexe Schläge, zerhackt man ihn, so ist sie am Morgen tot, sperrt man ihn in eine Kiste, so findet man entweder darin ein nacktes Frauenzimmer, oder sie ist erstickt; macht man aber die Kiste bald wieder auf, so fliegt der Strohhalm oder die Feder wieder in den Mund der Person, von der sie ausgegangen sind. Vielleicht stammt daher der Aberglaube, daß man Besuch bekommt, wenn sich ein Strohhalm in der Stube findet.

Das Aufhocken, Drücken und Treten des Alps wird auch als ein Reiten aufgefaßt. Auf Rügen reitet der Mahr den Menschen; er kommt von den Füßen langsam herauf und legt sich auf die Brust des Schlafenden, daß dieser stöhnt und ächzt und von Schweiß so naß wird, wie wenn er aus dem Wasser gezogen wäre. In Mecklenburg heißt das Alpdrücken „Marriden“. Wenn „dei Mor“ einen reiten will, kommt er durch ein Astloch in der Wand und setzt sich rittlings auf den Schlafenden; als aber einmal ein Pfropfen in das Wandloch geschlagen wurde, konnte der Mahr nicht wieder wegkommen und ist ein hübsches Frauenzimmer gewesen. Im ahd. heißt das Fieber rito (rnasc.); rito gehört zu ritan, reiten; das Fieber wurde wie ein Alp betrachtet, der den Menschen reitet, rüttelt und schüttelt und in Schweiß bringt. Im Oldenburgischen nennt man den Alp auch die Walriderske, die Pferdemahr, Ridimoir, Rittmeije, in Westfalen Walriesken, in Ostfriesland Walriders. Die Walriderske bedient sich bei ihrem nächtlichen Ausritte bestimmter Pferde in fremden Ställen, die sie so gut füttert, daß die übrigen dagegen dürr und mager bleiben; zuweilen stehen sie aber auch morgens erschöpft und schweißbedeckt im Stalle. Man erklärt die Walriderske als die Totenreiterin, die Mährte, die den Menschen zu Tode reitet (an. valr = die Leichen, Toten). Die friesischen Ridimoirs reiten wie die Hexen und Zaunreiterinnen auf einem Besenstock. Da altfries. walu — wale — (ags. walu) Stock bedeutet, kann die Walriderske die Stockreiterin sein; oder sie entspricht genau der Zaunreiterin, da in den niederdeutschen Küstengegenden der das Feld umgebende Wall dieselbe Rolle spielt wie anderswo der Zaun. Der Münchener Nachtsegen zählt eine ganze Reihe von Schandtaten auf, die der Unhold ausübt. Der Schläfer wehrt sich dagegen, daß ihn die Mahre drücke oder beschreite oder reite, daß die Trude ihn zupfe, daß der Alp mit seiner krummen Nase ihn anblase (S. 65). Der haarige Alp soll nicht über seinen bloßen Leib kriechen und ihn nicht anhauchen; die Wichtelein sollen ihr Tasten nach ihm sein lassen. Die Gespenster des Alptraums sollen ihn nicht berühren, verwirren, der Sinne berauben, den Fuß abschneiden und das Herz aussaugen (S. 54, 55). Er will natürlich lieber Herr des Alps sein, als sich von ihm quälen lassen: es ist besser dich zu treten als dich zu tragen.

Besonders gefürchtet ist der Besuch des Alps in der Wochenstube. Aus dem Alptraume der jungen Mutter ist die Wechselbalgsage entstanden. Solange das Kind noch nicht die heilige Wassertaufe erhalten hat, gilt es als Seele und ist den räuberischen Angriffen des Alps ausgesetzt (S. 11). Auch die Mutter, die krank im Bette liegt, ist den nächtlichen Unholden gegenüber schutzloser als sonst, und schwere Träume quälen und plagen sie. Die Sage faßt den Traum der Muttersorge als Wirklichkeit auf; aus der Furcht der Wöchnerin, ihr blühendes Menschenkind zu verlieren, entspringt die Vorstellung, daß ein fremdes Wesen an Stelle des eigenen Kindes untergeschoben, eingewechselt werde. Diese Wechselbälge kennt schon Notker als wihselinga (Ps. 17,46). Besonders die Zwerge, die Unterirdischen trachten danach, ihre eigenen Kinder, die natürlich klein und unansehnlich sind und ganz ,verzwergelta bleiben, den nährenden menschlichen Müttern unterzulegen und dafür die schönsten Erdenkinder zu rauben. Diese kielkröpfigeu, verkrüppelten, verhütteten Kinder bleiben fast immer im Wachstume zurück, auch wenn sie sich am Leben halten. Kielkröpfe heißen sie in Nieder- und Mitteldeutschland, nicht wreil sie aus dem Wasser gebracht sind und wieder ins Wasser geworfen werden (md. quil = Quelle), sondern wegen ihres Kropfes, der auf der Kehle kugelrund aufsitzt (Kiel == Kehle). In gebirgigen Gegenden sind solche Mißgeburten noch heute häufig (Kretinismus).

Einer Mutter war von den Wichtelmännern ihr Kind aus der Wiege geholt und ein Wechselbalg mit dickem Kopf und starren Augen hineingelegt, der nichts als essen und trinken; wollte. Die Nachbarin riet ihr, sie sollte den Wechselbalg in die Küche tragen, auf den Herd setzen, Feuer anmachen und in zwei Eierschalen Wasser kochen; das bringe den Wechselbalg zum Lachen, und wenn er lache, dann sei es mit ihm aus. Als die Frau die Eierschalen mit Wasser über das Feuer setzte, sprach der Klotzkopf:

„Nun bin ich so alt

Wie der Westerwald,

Und hab nicht gesehen, daß jemand in Schalen kocht.“

Und fing an darüber zu lachen. Indem er lachte, kam auf einmal eine Menge von Wichtelmännchen, die brachten das rechte Kind, setzten es auf den Herd und nahmen den Wechselbalg wieder mit fort (K. H. M. Nr. 39; vgl. D. S. Nr. 89).

Gewöhnlich merkt die Mutter daran, daß ein Kind nicht sprechen lernt, daß es ein vertauschtes ist und das rechte der Alp fortgenommen hat. Sie setzt alsdann einen Kessel voll Wasser ans Feuer, läßt das Wasser sieden und stellt sich an, als wolle sie das Kind hiueinwerfen. Sofort erscheint der Alp, bringt das gestohlene Kind und nimmt sein eigenes hinweg. Man verfährt also mit dem als Kind verkappten Alpwesen wie mit dem in einen Apfel, eine Feder, einen Strohhalm verwandelten Alp, den man nötigen will, seine rechte Gestalt zu zeigen. Burchard von Worms spricht von Frauen, die ihre Kinder in den Ofen stecken „zur Fieberkur“ oder „zu irgend einer andern Kur“ und erwähnt den Fall, daß ein Weib ihr Kind ans Feuer legte, über das ein Helfer den Wasserkessel hängte, und daß das Kind an den Folgen des Verbrühens starb. Das Fieber war völlig als ein Alp gedacht (S. 73). Wenn ein krankes Kind in den Ofen oder in heißes Wasser gesteckt wird, so kann dabei die Absicht sein, den im Kinde hausenden Krankheitsdämon zu sengen und zu brühen, vielleicht auch die Vorstellung mit unterlaufen, es müsse so ans Licht kommen, ob das kranke Kind nicht etwa ein Wechselbalg sei. Feuer, Wasser und Fegen sind beliebte Mittel, um die Seelen wesen abzuwehreu. Man läßt bei ungetauften Kindern über Nacht die Lampe brennen, sonst würden die „Unnerärdschen oder Kobolde“ das Kind stehlen, und man würde am andern Morgen einen Kobold in der Wiege haben.

Der Alptraum nimüit auch wollüstigen, geschlechtlichen Charakter an; Männer und Frauen werden in gleicher Weise vom Alp berückt. Das Mittelalter hielt diesen Glauben durchaus nicht für eine zwar häßliche, aber harmlose Vorstellung, sondern faßte sie als Teufelsbuhlschaft auf. Man unterschied Incubus und Succubus, von denen der erstere die Frauen, der letztere die Männer heimsuchte. Die Bulle des Papstes Innocenz VIII. vom 5. Dezember 1484 „Summis desiderantes* machte den nächtlichen Verkehr mit den Incubi und Succubi zu einer Hauptanklage gegen „viele Leute beiderlei Geschlechtes, die ihres Seelenheils vergessend, vom katholischen Glauben abgefallen sind*. Zahlreiche Scheiterhaufen loderten jetzt in Deutschland auf, und dieselbe Kirche, die früher die heidnischen Hexen geschützt hatte (S. 54), begann die fürchterlichsten Hexenverfolgungen, denen gegenüber die Barbarei des Heidentums als unverständige Kinderei erscheint. Der Hexenhammer (Malleus maleficarum 1489), die bluttriefende Dogmatik der Dominikaner Heinrich Krämer und Jak. Sprenger und des Job. Gremper von Konstanz, wurde von der Kölner theologischen Fakultät approbiert und galt den Gerichten und Richtern des 16. Jhd. als das Gesetzbuch über Hexenglauben. Und doch verdanken gerade so herrliche Sagen und Dichtungen wie Zeus und Semele, Lohengrin und Elsa, Raimund und Melusine, Faust und Helena, die Braut von Korinth u. a. in ihrem letzten Grunde der Mahrtenehe ihre Entstehung!

Entsprechend den sinnlichen Träumen wurde der Besuch des nächtlichen Geistes als Buhlschaft aufgefaßt, die um so kürzer währte, je eher der Mensch erwachte. Sucht der Mensch das liebliche Traumbild festzuhalten, so entstehen die Sagen von der Haft und Ehe des Alps, aus der er sich mit Gewalt zu lösen sucht. Das natürliche Bestreben des Alps ist auf das Drücken gerichtet; hat der Mensch ihn zum Bleiben gezwungen, die gefangene Mährte wie ein sterbliches Weib zur Ehe gezwungen, so sucht sie die Fesseln abzustreifen und in die Freiheit zurückzukehren.

Eineq, den das Doggeli drückte, behielt noch soviel Gewalt über seine Glieder, daß es ihm gelang, ein Messer nebenan in die Wand zu stoßen. Nun mußte das Doggeli dableiben und in seiner wahren Gestalt erscheinen. Es war eine Jungfrau, die ihm gefiel, und die er heiratete. Sie bekamen zwei Kinder. Oft bat die Frau, daß er das Messer entferne. Endlich gab er nach und zog es aus. Am andern Morgen war sie verschwunden und die beiden Kinder tot.

Der Mensch wird Herr des drückenden Alptraums, sobald er beim Erwachen einen Schrei ausstößt: der Alp muß fliehen, wenn man ihn bei Namen anruft oder einen heiligen Namen nennt. Aus diesem Verbote konnte leicht die Umdichtung werden, die Erkundigung danach und nach Heimat und Herkommen sei verboten gewesen:

„Nie sollst du mich befragen Noch Wissens Sorge tragen,

Woher ich kam der Fahrt,

Noch wie mein Nam’ und Art.“

In Hessen fand ein junger Edelmann auf der Jagd eine schöne Frau und beredete sie, sein Weib zu werden; sie bedang sich, daß er niemals fragte, „wer oder von wannen sie sei“. Aber in der Trunkenheit brach er einst sein Wort, und die Frau entschwand.

Die Lohengrinsage (D. S. Nr. 538) findet ihre Erklärung durch eine Sage von der Insel Rügen; beide haben dadurch ein eigenartiges Gepräge, daß statt des weiblichen ein männlicher Alp der Held ist.

Ein Mädchen von vornehmem Stande wurde von der Mahr geritten. Als sie das Loch in der Wand verstopfte, während sie von dem nächtlichen Gaste heiragesucht wurde, lag am andern Morgen ein schöner junger Offizier neben ihr. Er heiratete sie, und sie hatten mehrere Kinder. Nach Jahren bat der Mann seine Frau, ihm zu zeigen, wie er in jener Nacht zu ihr gekommen sei. Da zeigte sie ihm das Loch in der Wand, am nächsten Morgen aber war ihr Mann geschwunden. Doch alle Jahre in derselben Nacht ist er wieder in das Schlafgemach gekommen, hat seine schlummernden Kinder von Bett zu Bett angesehen und ist dann wieder fortgewesen. (Zimmer. Chron.; vgl. K. H. M. Nr. 55).

Vielleicht ist in dem Namen Loherangrin, Lohengrin eine Erinnerung an den Alpmythus enthalten. Ahd. *Lowar und Lawar könnte eine Bezeichnung des erschöpfenden, ermattenden, gliederlösenden Alps sein (von der Wurzel; nach anderer Erklärung ist der Lür ein mit halbgeschlossenen Augen aus dem Verborgenen hervorspähendes, bald schalkhaftes, bald arglistiges Wesen (lüren). Lohengrin ist der von den Luren kommende; auch der Kobold Hinzelmann sagt, es komme ihm der Name Lüring zu (D. S. Nr. 75). Der tirolische Zwergkönig Laurin oder Luarin ist die Verkleinerungsform; Lorelei bedeutet wie Wichtercheslei, Bergmänncheslei, den Elbenfels, den Zwergenstein.

Das Motiv vom buhlenden Alp ist mehrfach an sagenhafte Personen geknüpft.

Ein böser Geist legt sich zu der Gemahlin Dietmars, ehe noch ihr Knabe Dietrich geboren wurde, und verkündet ihr, daß ihr Sohn der „stärkste Geist“ werden würde, der je geboren Bei. Aber da der Erzähler Anstoß an der Abstammung des Helden von einem Teufel nahm, deutete er die Sage um und machte den Geist nicht zum wirklichen Vater Dietrichs (Anhang zum Held.-Buch). Ebenso ist Ortnit der Sohn Alberichs. Die Ehe der Eltern war lange kinderlos geblieben; als die Königin eines Tages weinend an ihrem Bette saß und sich ein Kindlein wünschte, stand Alberich plötzlich unsichtbar in ihrer Kemenate und bezwang sie; wie sehr sie sich auch wehrte, sie wurde doch sein Weib, denn er hatte Kräfte für zwei Könige (Ortnit 168). Nach niederdeutscher Überlieferung ist Hagen der Sohn eines Alben. Als König Aldrians Gattin im Blumengarten schlummerte, kam zu ihr ein Mann in Gestalt Aldrians und verschwand nachher wie oin Schatten. Hägens Antlitz aber war fahl wie das eines Gespenstes (Thidrekssaga K. 150). Hier hat die Sage sicherlich alte mythische Erinnerung bewahrt. Schon der Name Hagen weist auf seine geisterhafte Erscheinung (S. 8); die Nibelungen, die Nebelkinder, locken den Helden Siegfried in ihr unterirdisches Totenreich.

Der Alp entweicht bei Nennung seines Namens. Die unermüdliche Sage, die dem Alp auch Haus und Feld zum Aufenthalt an wies, dichtet weiter: wenn der verhängnisvolle Name mittelst einer Botschaft ins Haus gebracht wird, müssen die Geister gleichfalls verschwinden. Die Ursache der Flucht mußte in dieser Botschaft enthalten sein; welche Motivierung war aber schlichter und natürlicher als plötzlicher Todesfall? Und diese Todesnachricht konnte leicht zu einer für das ganze Elbenvolk bedeutsamen gesteigert werden. Von Zwergen, Kobolden und Waldgeistern wird diese Sage erzählt; oft ist es der Tod ihres Königs oder ihrer Königin, dessen Meldung den Abzug des Geistes bewirkt.

In einem Walde waren einst einige Bäume gefällt. Da ertönt aus dem Tannendickicht eine gebieterische Stimme: „Saget Stutzfärche (Föhre), die Rohrinde sei gefallet und tot.“ Dieser Ruf wurde einem Bauer mitge-teilt, der einst ein ganz behaartes weibliches Kind gefunden und auferzogen hatte, das später als Magd bei ihm diente, am liebsten aber im Walde war. Dieses Mädchen hörte in der Nebenkammer die Erzählung des Unbekannten, fing an laut zu jammern, lief in die Wildnis und war für immer verschwunden (vgl. die Sage vom Tode des großen Pan, des „Waldherrn“).

Ein letzter Typus der Alpsagen, der zugleich zeigt, wie man sich außer dem Namensrufe, dem Beschwören, der Anwendung von Feuer, Wasser und Fegen des Unholdes erwehren kann, ist der folgende: Kam es ursprünglich darauf an, dem durch Fragen quälenden Alp richtige Antworten zu gehen, so trat die Verschiebung ein, daß die richtige, rettende Antwort zugleich eine falsche, erlogene sein müsse. Auch diese Sagengruppe findet sich bei allen elfischen Geistern (vgl. Odysseus-Niemand und Polyphem).

Eine Frau ward oft von den Unterirdischen belästigt, die sie beständig zum Reden aufforderten. Am längsten pflegte immer einer zu bleiben, ihr Oberster, der wollte ihren Namen wissen. Die Frau gab an, sie hieße Selbstgetan, und übergoß ihn mit kochendem Wasser. Auf sein Wehgeschrei kamen die andern herbei und wollten den Namen des Täters erfahren. Als aber ihr Herr im Verscheiden sprach: Selbstgetan, versetzten sie: selbstgetan ist allezeit wohlgetan. Und damit verschwand der ganze Schwarm für immer.

Verschiedene Beschwörungsformeln zur Vertreibung des Alps sind erhalten, die alle auf eine Grundform zurückgehen. Um nicht vom Quälgeiste heimgesucht zu werden, wird dem Alp aufgegeben, auf alle Berge zu steigen, alle Wasser zu durchwaten, die Bäume abzublatten, die Ähren zu zählen (oder zu knicken) und die Sterne zu zählen. Bis er dieses vollbracht, wird der Hahn krähen und der Tag erscheinen. Dann hat das Nachtgespenst keine Macht mehr. Auf hohes Alter hat der Züricher Spruch gegen Steifheit Anspruch. „Mahr, entflieh! nirgends, wo Schutz war, war ein Mahr. Woher kamst du da? fahr in deine Gebirge, in deine Seen! dies dir zur Abivehr“. Dem entsprechen folgende jüngere Sprüche:

Drudenkopf,

Ich verbiete dir Haua und Hof,

Ich verbiete dir meinen Roß- und Kuhstall,

Auch verbiete ich dir meine Bettstatt,

Daß du nicht über mich trittst!

Tritt in ein ander Haus!

Bis du über alle Berge und Wasser steigest,

Über alle Zaunstecken eilest,

Über alle Wasser reitest —

So kommt der liebe Tag wieder in mein Haus!

Ein anderer Spruch verbietet der Trude und allen bösen Geistern Hab und Gut, Fleisch und Blut und alle Nagel* löcher in Haus und Hof (zura Hineinschlüpfen):

Bis ihr alle Berglein erklettert,

Alle Wftsserlein durchwatet,

Alle Läublein an den Bäumen zählet,

Und alle Sternlein am Himmel zählet,

Kommt der liebe Tag.

Dem Alp, „der geboren ist wie ein Kalb“, wird der Weg über Berge und Gründe und Wasser gewiesen, er soll alle Winkel durchstreichen, alle Kirchen meiden, die Grashalme einknicken, inzwischen wird’s wohl Tag. Der Münchener Nachtsegen beschwört den Alp bei Wasser und Feuer, er soll nicht länger hier bleiben, sondern über die Zäune entweichen und zum First hinausfahren über das Meer.

Derselbe Segen kennt eine vollständige Sippe der Alpgespenster, Alb und Elbelin, Albes Schwester und Vater, Albes Mutter, Truden und Mahren, Albes Kinder die Wihtelin, und Trut-ane, die Stammutter der Truden. Alp, Trude und Mahre bezeichnen dasselbe Wesen wie Lur, Schrat und Walriderske. In Mitteldeutschland überwiegt der Name Alp, der „Truggeist“ oder der „Greifer“, ja, er scheint bis zu Luthers Zeit dieser Gegend allein angehört haben; in Norddeutschland herrscht Mahr, Mar, Mart, Mährte vor, in Friesland Walriderske (S. 73), in Bayern und Österreich Trude, „die Treterin“, in der Schweiz und im Elsaß Boggele, im Schwäbischen Schrat, Schrettel, Schretzlein (der „Schreier“? oder überhaupt der „Lärmgeist?“). Die Bezeichnung Mare ist gemein germanisch, ahd., an. mara, mhd. mare, engl, (night-) mare; frz. cauchemar = Alpdrücken ist aus fränk. mara und lat. calcare = treten, pressen gebildet. Die Mare ist die „Presserin“ (got. marzjan ärgern, ahd. marren hindern), oder „der, die Tote“ (lat. mori), dann wäre sprachlich wie sachlich der Zusammenhang von Seelen-, Totenwesen und Traum bewiesen, oder das jedem Menschen „beigegebene“ andere Ich, seine Psyche.

Der so oft angeführte Münchener Nachtsegen stammt aus dem 13. oder 14. Jhd. Bei seiner Bedeutung für den deutschen Volksglauben verdient er ganz hierher gesetzt zu werden, zumal er den gesamten bis jetzt behandelten Stoff kurz zusammenfaßt. Der erste Teil beschäftigt sich mit den Hexen und Unholden (1—18), der zweite mit dem wilden Heer (—24), der dritte mit den Gespenstern des Alptraums (—40), der vierte geht auf einzelne Wesen, wie die Klagemutter, Herbrot und Herbrand und den Molkendieb näher ein (—50), der fünfte beschreibt ausführlicher die schädliche Wirkung aller dieser Geister (—58), der Schluß endlich enthält die aus heidnischen und christlichen Bestandteilen gemischte Beschwörungsformel. Da alles bereits besprochen ist, was zum Verständnis nötig ist, kann der mhd. Text selbst folgen.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei

Auch interessant:
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9 Comments

  1. […] einfachem Grunde erhebt sich das düster erhabene Bild der Schicksalsfrauen. Um den Alp zu besänftigen, der den Schläfer drückte und sein Blut aussaugte, stellte man Speise und Trank […]

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