Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister

Da alles Leben in der Natur beseelt gedacht wurde, schrieb man auch den im Erdinnern wirkenden Geistern das Wachstum und die Entwickelung der Vegetation zu. Der Wind rauscht in den gewaltigen Waldriesen und streicht über die weiten Grasfiächeu dahin. Die elbischen Wesen, die im Winde, in der Luft und in den Wolken hausen, müssen auch in den Bäumen des Waldes, in dem grünen Weidelande und in den wogenden Saatfeldern ihren Wohnsitz haben. Sind schon an und für sich die Übergänge zwischen den einzelnen elfischeu Geistern kaum bemerkbar, so sind die Wald- und Feldgeister oft gar nicht von einander zu unterscheiden. Wie die Hausgeister, helfen die Holzfräulein in Thüringen und Franken, die wilden Leute in Baden, die Saligen in Tirol zur Erntezeit den Arbeitern, treten in den Dienst des Menschen, besorgen das Vieh im Stalle und segnen Vieh- und Vorratskammer. Der Schrat ist Kobold und Waldgeist. Wie alle Elbe streben die Waldfrauen nach der Verbindung mit sterblichen Männern, den Waldmann verlangt nach schönen, christlichen Frauen. Die Waldgeister rauben kleine Kinder oder ziehen sie an sich und töten sie; oft sieht man die Geraubten grüngekleidet in ihrer Gesellschaft (D. S. Nr. 50). Der den Wald erfüllende Nebel oder weiße, an den Bergen hangende Wölkchen gelten als die Wäsche der Waldfrauen. Wenn im Frühlinge und Herbste zerrissenes Nebelgewölk vom Gebirge aufsteigt, wenn „der Wald raucht“, dann kocht das Buschweibchen: die Nebelstreifen sind der Rauch von seinem Herde (S. 118). In der norddeutschen Tiefebene vertreten die Unnererdschen und weißen Weiber die Waldgeister des deutschen Südens. Sie wohnen unter der Erde oder unter schönen Bäumen und krausen Büschen, auf freiem Felde oder in kleinen Erdhügeln, aber auch in Waldlichtungen oder unter den Wurzeln alter Bäume. Die Holz- und Moosfräulein wohnen als Waldgeister in hohlen Bäumen oder Mooshütten, betten ihre Kinder auf Moos oder in Wiegen von Baumrinde, schenken grünes Laub, das sich in Gold verwandelt, und spinnen das zarte Miesmoos, das oft viele Schuhe lang von einem Baume zum andern gleich einem Seile hängt. Aber man warf ihnen als Feldgeistern auch beim Leinsäen einige Körner in die Büsche des nahen Waldes, ließ bei der Ernte drei Hände voll Flachs für sie auf dem Felde liegen oder ließ bei der Heu- und Kornernte einige reife Ähren, einen Büschel stehen, als dem Holzfräulein, dem Waldfräulein zugehörig. Das ‘Holzfräulein sitzt zur Erntezeit, in Flachshalme eingewickelt, auf einem Baumstumpfe im Walde. Den saligen Fräulein wurden nach dem äJtesten Zeugnisse, das auch ausdrücklich ihre Namen nennt, des Abends Speisen auf den Tisch der Wohnstube bei offenen Fenstern gestellt (Berthold von Regensburg).

Die wilden Männer sind einmal die Geister der wilden Natur des Waldes und des Gebirges, die der Kultur trotzt, dann aber sind sie auch die Geister des grünenden Lebens, des Wachstums. Die ersteren werden als wilde Wesen gejagt und getötet, die letzteren werden beim Nahen des Frühlings im Walde gesucht, und die gefundenen werden freudig begrüßt, im Triumph in das Dorf eingeführt und auf dem Anger mit Wasser begossen; denn das Pflanzenleben bedarf der befruchtenden Kraft des Wassers. Darum wird auf Münzen und Wappenbildern des 16. Jhds. der wilde Mann nackt oder behaart mit Schilf- oder Laubkrone auf dem Kopfe und Laubumhüllung um die Lenden abgebildet, in der Hand einen entwurzelten aber noch grünen Baumstamm tragend. An die braunschweigisch• luneburgischen Wildemannsmünzen und an die Schildhalter des preußischen Wappens, „eine Wildschnur um die Lenden, eine Kiefer in der Faust“, sei erinnert.

Am Fastnachtstage zu Nürnberg, in dem das Frühlingsfest feiernden Aufzuge der Metzger, dem sogenannten Schönbart-(Masken-)Laufen der Metzger treten seit 1521 unter andern Mummereien auch ein wilder Mann und ein wildes Weib auf. In Thüringen wird zu Pfingsten der wilde Mann aus dem Busch gejagt. Ein Bursche hat sich in Laub und Moos gehüllt und versteckt, die übrigen ziehen aus, ihn zu suchen, finden ihn, führen ihn als Gefangenen aus dem Walde und schießen mit blindgeladenen Gewehren nach ihm. Dann fällt er wie tot zu Boden, wird aber wieder ins Leben gebracht, festgebunden und ins Dorf gefahren. Anderswo verbirgt sich ein in Laub und Blumen verkleidetes Paar, der Maigraf, Maikönig, und seine Braut oder Frau im Walde und hält wie die große Erdgöttin Nerthus (Germ. 40) seinen feierlichen Einzug in das Dorf. Dabei werden andere, in Moos gehüllte Personen, die letzteu Nachzügler des Winters, verfolgt und von der grünenden Flur vertrieben. Auch in dem dramatischen Wettkampfe, den Sommer und Winter aufführen, erscheint der Winter in Moos und Stroh vermummt, der Sommer in Efeu und weiße Gewänder gehüllt. Diese winterlichen Personen könnte man als die dritte Art der wilden Männer bezeichnen. Das einem Schembartbuche entnommene Bild zeigt den wilden Mann als einen in Moos gekleideten Greis, der in der rechten Hand einen grünen Baum mit Wurzeln trägt (Abbildung 4).

Die Wildleute, wie sie heute das Volk noch nennt, hießen früher Scrato, got. Skohs (an. skögr Wald), ags. Wuduaelf oder Wudewase, Elsleute und in noch älterer Zeit die Ellen oder Ellusier. Am Schluß seiner Germania erwähnt Tacitus zwei fabelhafte Völker, die Etionen und Hellusii (Germ. 46). Die Etiones sind die gefräßigen Riesen, die Menschenfresser. Mit ihnen sind die Ellusii oder Illeviones durch den Stabreim verbunden (Plin. 496). Die Schilderung, die Tacitus von beiden entwirft — tierische Leiber mit Menschengesichtern — stimmt völlig zu dem Bilde der rauhen Else, die wie ein Bär auf allen Vieren dem Wolfdietrich naht; auch die Waldfrauen in Tirol sind von ungeheurer Größe, und ihr Name Stutzemutze (Stutzkatze) läßt auf ihre Tiergestalt schließen. In Dänemark heißt der Waldgeist Eis. Die Wurzel el (griech. iXavvW) el&etv) drückt das Wilde, Stürmische der Waldgeister aus, auch der Name des ungestümen Bergbaches Ilse im Harze ist von ihr gebildet (S. 136). Im Walthariliede (V. 763) vergleicht Eckefried höhnisch den stattlichen, aber in langer Waldwanderung an Aussehen verwilderten Walther mit einem Waldschrat. Wie der Alp ist der Schrat sowohl zwerghaft, als von riesischer Gestalt gedacht (S. 69). Die Waldgeister heißen in Mitteldeutschland, Franken und Bayern Holz- und Moosleute, Waldmännlein, Moosmännlein; im Riesengebirge Rüttelweiber, im Böhmerwald und in der Oberpfalz Holzfräulein, Waldfräulein, Wald weiblein, im Orlagau und Harz Moosweiblein, Holzweibel, um Halle Lohjungfern (löh = lucus Gebüsch), in Westfalen Busch Weibchen, die wilden Leute in der Eifel, Hessen („Wilde Weiber“ schou im 11. Jhd.) und Tirol, die Waldfrauen und Waldmänner in Böhmen, Fanggen, Fänken, selige Fräulein in Tirol. Ihre Gestalt ist bald riesig groß, bald zwerghaft klein (D. S. Nr. 168).

Die hessischen Wildmänner gehen entweder baumgroß über die Berge und rütteln an den Wipfeln des Waldes, oder sie wandeln, sich klein machend, zwischen den Schachtelhalmen einher. Ihre Frauen steigen oft in Mondnächten in die Lüfte. Ihre Kleidung ist grün und rauh, moosbewachsen, gleichsam zottig, ihr Haar lang und aufgelost, ihr Rücken hohl wie ein morscher Baumstamm oder ein Backtrog, die Brüste können sie über die Schulter werfen. Man sieht, daß die Yolksphantasie zu ihrer Ausstattung bei den Bäumen eine Anleihe machte. Oder sie sind fast ganz unbekleidet, wie Tiere am ganzen Körper behaart. Wie die Fangga sich in Wildkatzenfelle kleidet und Stutzkatze heißt, so sitzen die Holzfrftulein als Eulen auf den Bäumen, und die Tiroler Seligen Fräulein beschützen in Geiergestalt die Gemsen und sind den Jägern feind, den Hirten freund. Auch Gänsefüße tragen die vom wilden Jäger gejagten, ganz in Moos gekleideten Moosweibchen. Die Tiroler Wildfrauen sind ungeheuere Gestalten, am ganzen Körper behaart, ihr schwarzes Haupthaar hängt voll Baumbart; ihr Wams besteht aus Baumrinde, und ihre Schürze bildet ein Wildkatzenfell. Sie sind an den Wald gebunden und gehen mit dem einzelnen Baume zugrunde (S. 21); sie führen daher Namen wie Hochrinde, Rauhrinde, Stutzföhre. Ihre Männer sind riesenhaft und fahren, einen entwurzelten Baumstamm in der Hand tragend, im Sturme durch die Lüfte. Wie die hessische Waldfrau und das Scbneefräuleiu in Tirol zu Tode kitzelt, reibt die Fangga, kommen kleine Kinder in ihre Gewalt, diese an alten dürren Bäumen, bis sie zu Staub geraspelt sind. Ein Pfarrer ging bei Köln durch den Wald. Da faßte ihn plötzlich eine nie empfundene Angst. Er erblickte einen langen Mann von überaus häßlichem Aussehen, der an einen Baum gelehnt war. Je länger der Pfarrer den Mann ansah. desto riesiger wuchs dessen Gestalt empor, bis sie die höchsten Bäume überragte. Zugleich erhob sich ein schrecklicher Wirbelwind, und dieser verfolgte den Pfarrer, so sehr er auch lief, bis in sein Dorf (Cäsarius von Heisterbach).

Durch das wogende Korn, über den rauschenden Wald fährt der Wind dahin: im Feld wie im Forst treiben die Geister ihr Wesen. Es zittert die Ähre, es schwankt der Halm, es bebt das Laub unter dem brausenden Sturmwinde, aber keines vermag seiner Gewalt zu entgehen. In Wirbelwind und Sturm streben die Wald und Wiesen bewohnenden Geister dahin, gejagt und verfolgt von den Sturmdämonen.

Dietrich von Bern hört im Walde eine klägliche Stimme, und ein wildes Fräulein kommt auf ihn zugerannt und bittet ihn, sie vor Vasolt zu bergen, der sie mit zwei Jagdhunden in wilder Fahrt jagt (Eckenliet 161—201). Zwei Knaben hüteten eines Abends in Mecklenburg Pferde und sahen zwei weißgekleidete Frauen vorübergehen, während vom Berge her der Wauld hörbar war. Der Lärm der wilden Jagd brauste heran, und auf großem, kohlschwarzem Pferde, von großen und kleinen Hunden umgeben, stand der wilde Jäger plötzlich vor ihnen. Er fragte die Knaben, ob sie nicht zwei weiße Frauen gesehen hätten. Diese bestätigten es und fügten hinzu, die eine hätte gesagt, „laß ihn nur jagen, er hat sich noch nicht gewaschen*. Darauf befahl er, ihm einen Topf mit Wasser zu bringen und wusch sich darin. Bald kam die wilde Jagd zurück; quer über dem Hengste hingen, mit den Haaren zusammengebunden, die beiden Frauen (D. S. Nr. 47, 48, 270).

In Tirol jagt der wilde Jäger die Saigfräulein. Er heißt hier aber der wilde Mann, gleicht von weitem einer ganz mit Moos überkleideten Fichte und trägt bei schönem Wetter einen Mantel. Wenn er auf dem Wege eines Stockes bedarf, so reißt er einen Baumstamm aus, und der Wurzelstock dient als Staggel unten dran. So ficht auch Vasolt, der das wilde Fräulein hetzt, mit Baumästen; er bricht sich einen Ast vom Baume und greift dann nach einem andern, er geberdet sieb so, wie wenn er den Wald laublos machen will, und eine halbe Meile weit hört man das Krachen (V. 184). Wer dem wilden Manu, wenn er wie die Windsbraut daherstürmt, zuruft: „halt und fang! mir die Halba und dir die Halba!“, dem braust bald der Wind mit fürchterlichem Toben um seine Hütte, er vernimmt ein herzzerreißendes Wehgeheul in den Lüften, und die erbetene Hälfte eines seligen Fräuleins hängt ihm am Türpfosten. Nur wenn sie sich auf einen im Fallen des Stammes schnell durch zwölf Axtschläge mit drei Kreuzen bezeichneten Baumstrunk setzen können, finden die Seligen vor dem wilden Manne Schutz.

Die Holzfräulein, die Seligen, die Fanggeu gehen eheliche Vereinigungen mit den Menschen ein. Der Gesang und die schöne Gestalt der Seligen und wilden Weiber lockt Jünglinge und junge Männer an ihre Seite. Die von den Goten vertriebenen Zauberweiber verbanden sich mit den Waldleuten und brachten das wilde Geschlecht der Hunnen zur Welt (Jord; D. S. Nr. 377; S. 55). Bei Burchard von Worms heißt es: „Hast du geglaubt, daß die Waldfrauen sich nach Belieben ihren Liebhabern zeigen, sich mit ihnen ergötzen und nach Belieben sich verbergen und verschwinden können?“

In einer Höhle am Rodenstein (Baden) wohnten zwei wilde Weiber. Die eine war sehr schön. In sie verliebte sich ein Jäger, und sie gebar ihm bald ein Kind. Eine wilde Frau kam oftmals aus dem Unterberge in das nächste Dorf und machte sich auf dem Felde in die Erde Löcher und Lagerstätte. Sie hatte so schöne lange Haare, daß sie ihr bis auf die Fußsohlen herabfielen. Ein Bauersmann aus dem Dorfe sah diese Frau öfter ab- und zugehen und verliebte sich in sie, hauptsächlich wegen der Schönheit ihrer Haare. Er konnte sich nicht erwehren, zu ihr zu gehen, betrachtete sie mit Wohlgefallen und legte sich in seiner Einfalt ohne Scheu zu ihr. In der zweiten Nacht aber fragte die wilde Frau den Bauern, ob er nicht selbst eine Frau hätte? Der Bauer aber verleugnete seine Ehefrau und sprach nein. Diese aber machte sich viel Gedanken, wo ihr Mann abends hingehe und nachts schlafen möge. Sic spähete ihm daher nach und traf ihn auf dem Felde schlafend bei der wilden Frau. ,0 behüte Gott, sprach sie zur wilden Frau, deine schönen Haare! was tut ihr da mit einander? Mit diesen Worten wich das Bauersweib von ihnen, und der Bauer erschrak sehr hierüber. Aber die wilde Frau hielt dem Bauern seine treulose Verleugnung vor und sprach zu ihm: „Hätte deine Frau bösen Haß und Ärger gegen mich zu erkennen gegeben, so würdest du jetzt unglücklich sein und nicht mehr von dieser Stelle kommen; aber weil deine Frau nicht bös war, so liebe sie fortan und hause mit ihr getreu und untersteh dich nicht mehr, daher zu kommen. Nimm diesen Schuh voll Geld von mir, geh hin und sieh dich nicht mehr um (D. S. Nr. 50).

Echte, altertümliche Züge der Wildfrauensage hat das in Bayern um 1221 verfaßte zweite Lied im Wolfdietrich aus der Volksanschauung in die Episode der rauhen Else übertragen (V. 305—342).

Wolfdietrich hat sich auf einem grünen Anger im Walde auf dem Sattelbogen zum Schlafen niedergelegt, denn er ist lange im wilden Gebirge umhergeirrt. Da kriecht auf allen Vieren, wie ein Bär, ein ungeschlachtes behaartes Waldweib, die rauhe Else, herbei; sie ist aus dem Meere emporgestiegen uud begehrt, hinter einem Baume verborgen, seine Minne; sie weiß bereits von seinem Geschick. Da er sie entrüstet zurückweist, verzaubert sie ihn, so daß er in derselben Nacht zwölf Meilen läuft, bis er unter einem schönen Baume die rauhe Else abermals trifft. Sie wiederholt ihr Verlangen, er die Weigerung. Da wirft sie zornig einen stärkeren Zauber auf ihn, so daß er schlaftrunken auf den grünen Plan niedersinkt und sie ihm zwei Haarlocken vom Kopfe und die Nagelspitzen von den Fingern schneiden kann. Jetzt ist er ihr verfallen. Sie macht ihn zu einem Toren, so daß er ein halbes Jahr ohne Besinnung im Walde „wild laufen“ muß und Kräuter von der Erde als Speise aufrafft. Endlich gebietet ihr Gott durch einen Engel, die Verzauberung rückgängig zu machen, widrigenfalls ihr der Donner in dreien Tagen das Leben nehmen werde. Alsbald stellt sie sich Wolfdietrich wiederum dar, und jetzt willigt er ein, so bald sie getauft sein werde. Sie führt ihn zu Schiffe über Meer in ein Land, drin sie als Königin schaltet, läßt sich da in einem Jung brunnen taufen, legt in ihm ihre rauhe Hauts ab. steigt mit dem neuen Namen Sigeminne aus ihm als die schönste aller Weiber hervor und stärkt den Helden wunderbar. Die Verchnstlichung der Sage knüpft an das Wasserbad im Jungbrunnen an, in ihrer älteren Gestalt berichtete sie, daß die Waldfrau zugleich Wasserweib war und vielleicht in einem Weiher gefangen wurde (S. 136). Auch Züge aus dem Alpmythus mögen untergemischt sein. Else kriecht heran und wirft sich über ihn, wie der Alp auf dem Schläfer hockt und wollüstige Träume hervorruft. Daß sie ihm zwei Locken vom Haupte und die Nagelspitzen abschneidet, erklärt sich aus dem Aberglauben, es 3ei gefährlich, Nägelabfälle oder Haare fortzuwerfen; denn dadurch gebe man fremder Zauberkraft einen Anhalt zu schaden.

Dieselbe Volkssage findet sich auch im Lanzelot wieder (S. 68) und in den Artusromanen des Pleiers „Tandarois“ und „Meieranz“.

Tandarois reitet in das wilde Gebirge, verirrt sich und muß sein müdes Roß am Zügel nachziehen. Endlich gelangt er am Abend an ein rauschendes Wasser, das eine schöne Aue mit einem einsamen, leeren Hause durchströmt. Da naht ihm plötzlich Albinn, die Königin von den wilden Bergen, die die wilden Männer und Weiber und Zwerge dieses Landes beherrscht (S. 126). Sie bewirtet ihn köstlich und klagt ihm den Raub eines ihrer Mädchen. Der Held rüstet sich gegen den Entführer, trifft, überwindet ihn und sendet ihn seiner Geliebten. In dem anderen Romane des Pleiers reitet Meieranz in den Bergen irre, wie Wolfdietrich und Tandarois, zieht wie diese sein Roß an der Hand und kommt auch auf einen Anger mit einer schönen Linde. Drei Jungfrauen fliehen vor ihm, trotz seines Rufes, von einem Brunnen fort. Als er sein Pferd an den Baum gebunden hat, erblickt er im Bade die Königin von Kamerie; sie ist nach der zwischen Tünnen- und Höllengebirge sich erstreckenden Kämmerei, dem Salzkammergute oder nach dem am Kammeraee gelegenen Schlosse Kammer benannt. Auch sie ist der Zukunft kundig, schilt zwar den Ritter, was er auf ihrem Plane zu suchen habe, nimmt ihn aber doch freundlich auf, und beide entbrennen in heftiger Liebe zu einander. Deutlich spricht heimische Überlieferung, die Salzburger Seegegend mit ihren Sagen, und es kann nicht zweifelhaft sein, daß die Verfasser des Wolfdietrich, des Lanzelot (Ulrich von Zazikhoven) und der Artusromane deutsche volkstümliche Mythen ihren Heldengedichten ein verleibt haben. Während Albiun Herrin über Waldgeister und Zwerge ist, die also befreundet und gleichartig gedacht sind, befreit Dietrich nach dem jüngeren Sigenotliede einen jämmerlich schreienden Zwerg, den ein wilder Mann entführen will (S. 126). Dieser wilde Mann ist durch ein Zauberkraut unverwundbar.

Denn die Waldgeister kennen naturgemäß die Kräuter des Waldes gut und verstehen Krankheiten zu heilen. Wate hat von einem „wilden wibe“ die Heilkunst gelernt und heilt mit guten Wurzeln die Wunden auf der Walstatt (Gudrun 529). Auch im Eckenliet gräbt das von Vasolt gejagte „wilde vrouwelin“ eine Wurzel, zerreibt sie in der Hand und bestreicht damit den wunden Dietrich und sein Roß, davon das Weh verschwand und alle Müdigkeit wich (174—176). Die Waldfrauen wissen, wozu die wilden wreißen Heiden und die wilden weißen Selben (Salbei) gut sind, und wenn die Bauern das wüßten, würden sie mit silbernen Karsten hacken.

Als ein Bauer in Tirol das Wichteli, das ihm beim Streurechen und bei andern Arbeiten zu helfen pflegte, fing und band, warf es ihm seine Undankbarkeit vor: „ich würde dir Kräuter für Menschen und Vieh heilsam gezeigt haben, und du wärest ein großer Arzt geworden.“ Zur Zeit der Pest kamen die Holzfräulein aus dem Walde und riefen: „eßt Bimellen und Baldrian, so geht euch die Pest nicht an. Als in Graubünden die Pest unzählige Opfer forderte, starben keine wilden Weiblein und Männlein, und man kam zu dem Schlüsse, daß sie ein Geheimnis besitzen müßten. Da man es von ihnen nicht erfahren konnte, suchte man sie zur Mitteilung ihres Mittels gegen die Pest durch List zu bewegen, indem man sie berauschte. Ein Bauer füllte die Höhlung des Steines, aus dem das Fänken-männlein zu trinken pflegte, mit Wem. Es kam, kostete nach längerer Zeit neugierig und vorsichtig. Endlich lustig geworden, ward es von dem aus dem Verstecke Hervorspringenden überrascht und nach dem Heilmittel befragt. „Ich weiß es wohl, sagte es, Bibernell und Eberwurz, aber das sage ich dir noch lange nicht.“ Oder man füllte zwei Brunnentröge mit Wein, den einen mit rotem, den andern mit weißem. Der Waldfänke trinkt von dem weißen, da er die Farbe des Wassers hat, wird im Rausche gebunden und soll als Lösegeld seinem Peiniger die Kunst aus Milchschotten Gold zu bereiten oder ein anderes seiner Geheimnisse verraten. Losgebunden findet er sich schelmisch mit der Wetterregel ab:

Ists Wetter gut, so nimm dein Oberwamms mit,

Wirds dann leidig, kannst tun, wie du willst.

Auch dieser Sagentypus ist weitverbreitet, und wenn von einem Fengga Weibchen und einem schlauen Bauern, der sich listiger Weise Selb nennt, die gleiche Geschichte erzählt wird, die Homer an den Kyklopen Polyphem und Odysseus knüpft (S. 79), so müssen die Sagen von der Todankündigung, von der Gefangennahme im Weinrausche (Ovid, Fast. III, 285, 344. Plutarch, Num. 15) und von der Überlistung des Geschädigten durch den Namen Selb (Niemand) in die Urzeit zurückreichen.

Neben der Gabe der Heilkraft besitzen die Waldgeister die Gabe der Weissagung.

Der wilde Mann im Langtaufertal sah die künftige Witterung voraus und verkündete sie den Bauern. Bei schönem Wetter und Sonnenschein stand er in seinen Mantel gehüllt und vom breitkrämpigen Hute beschattet da, wie wenn er vor Frost zitterte, bei Regen und Unwetter saß er mit vergnügtem Gesicht ohne Hut und Mantel auf dem Steine. Wenn in der Gegend von Fulda jemand sterben sollte, kam das wilde Weib aus dem Wildfrauenloch heraus und zeigte sich wehklagend in der Nähe des Sterbehauses. — Ein Ritter zog nachts durch den Wald und hörte die Stimme eines singenden Weibes. Er ging hin und fand ein Weib, das mit er* hobenen Händen unter einem Baume stand und sang. Er sprach: .sage mir, ich beschwöre dich, wie wird es mir noch ergehen?“ Da weissagte sie ihm Sieg über seine Feinde und Tod im heiligen Lande (Thom. Canti-prat. [vgl. D. S. Nr. 168, 150]). Auch die rauhe Else, Albiun und die Meerkönigin von Kamerie wissen das Schicksal ihrer Helden voraus.

Die Volkssage kennt die Berg- und Waldfrauen, die weißen oder seligen Fräulein als wilde, schöne Geister des Waldes und Gebirges, die über und unter der Erde segnend wirken, hilfreich den Menschen, schützend die Tiere. Die Tiroler seligen Fräulein hat man mit Recht die lieblichsten Schöpfungen unseres Heidentums genannt. Deutlich zeigt sich bei ihnen der Einfluß, den die Natur des Landes auf die Ausprägung mythischer Gebilde ausübt.

Sie wohnen in den innersten Tälern und Berggegenden, ihre Behausung sind schimmernde Eis- und Kristallgrotten, die sich im Schoße der Berge zu prachtvollen Räumen erweitern und oftmals von grünen Wiesen umgeben sind. Hier hegen sie als ihr Hausgetier die Gemsen, schützen sie vor den Jägern und bestrafen deren Verfolgung (D. S. Nr. 800, 301. Vgl. Schillers Alpenjäger). Wo sie weilen und schaffen, stellt sich Segen und Überfluß ein. Aber sie verschwinden wie der Alp und mit ihnen Gedeihen und Reichtum, sobald man in ihrer Gegenwart flucht, nach ihnen schlägt, ihnen Speisen vorsetzt oder ihren Namen nennt; oder sie werden durch Ansagen eines Todesfalles unter den Ihrigen abberufen.

Kämpfe zwischen Rittern und wilden Männern müssen ein beliebter Spielmannsstoff gewesen sein. Im Jahre 1515 fand während der Zwölfnächte zu Greenwich vor Heinrich VIII. eine Schaustellung statt: aus einer Walddekoration sprangen acht wilde Männer heraus, alle in grünes Moos gehüllt, aber mit seidenen Ärmeln; sie hatten fürchterliche Masken und fochten mit häßlichen Waffen gegen acht Ritter, Mann gegen Mann. Nach langem Kampfe trieben die Ritter die wilden Männer aus der Halle heraus. Dann folgte das feine Gegenstück: ein Zelt öffnete sich, und sechs reichgekleidete Herren erschienen mit ebensoviel Ladies und tanzten eine lange Zeit. Auch Abbildungen des wilden Mannes sind nicht selten. Ein von einem abendländischen Künstler in der Alhambra ausgeftihrtes Gemälde (Mitte des 14. Jhuds.) zeigt einen wilden Mann mit Ausnahme von Händen und Füßen völlig behaart, mit fliegendem Haar, den die Lanze eines christlichen Ritters in die Brust trifft. Ein Wandteppich des 13. Jhds. auf der Wartburg schildert die Berennung und Verteidigung einer wildmännischen Königsburg durch feindliche Wildmänner. Aber die Pfeile tragen statt der Eisenspitzen Rosen und Lilien, und die in Felle gekleideten wilden Männer, sowie die Königin haben menschliche Gesichter, Hände und Füße. Ein anderer aus bunter Wolle gewebter Wandteppich aus dem Anfänge des 16. Jhds., im germanischen Nationalmuseum zu Nürnberg, stellt den Raub einer wilden Frau durch einen in einen Fischschwanz endigenden Ritter dar. Wehklagende, angreifende und flüchtige wilde Leute sind rings um ihn herum, der gerade im Begriffe ist, mit seiner Beute in einem Flusse zu verschwinden. Die Szene spielt vor und in einem von einem geflochtenen Zaune umgebenen Obstgarten, der den Mittelgrund einnimmt; den Hintergrund bildet eine Landschaft mit Städten und Ausblick auf das Meer. Die wilden Männer und Weiber gleichen ganz der rauhen Else (Abbildung 5).

Im Laufe des 15. Jhds. ging der wilde Mann in den Gebrauch der Heraldik als Wappenhalter über, vermutlich als Darstellung der durch Geist und Herrscherwillen des Menschen gebändigten und unterworfenen rohen Natur. In der Gegend von Saalfeld und im Harz bilden Drechsler noch heute die Holz- und Moosfräulein, sowie die wilden Männer als Püppchen und Tabakspfeifen; zu Weihnachten stellt man in Reichenbach noch kleine Moosmänner auf den Tisch. Auch in den Mummereien zur Fastnacht fehlten die Wildmännleinsmasken nicht. Beim letzten Schembartlaufen in Nürnberg 1539 trat ein Zug Holzmännlein und Holzfräulein auf. Auch ein Fastnachtspiel „von den Holzmennern“ hat den Streit zweier „Holzmenner“ um ein „Holzweip“ zum Gegenstand. Selbst noch 1897 ward in Oberstdorf im bayrischen Allgäu an einer Reihe von Sonntagnachmittagen der Wilderaännlestanz aufgeführt.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister

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Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen