Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister

Für die Zugehörigkeit der Wassergeister zu den Elben spricht folgende Sage des 8. Jhdts. (Vita Galli 27):

Als der Erwählte Gottes Gallus einst die Netze in die klare Flut während der Stille der Nacht senkte, hörte er einen Berggeist nach seinem Genossen rufen, der sich in den Abgründen des Sees befand. Auf dessen Antwort: „hier bin ich!“ entgegnete der Berggeist: „Mache dich auf zu meiner Hilfe! Siebe, Fremdlinge sind gekommen, die mich aus meinem Tempel geworfen haben; komm, hilf uns diese aus dem Lande treiben.‘ Der Wassergeist erwiderte: „Siehe, einer von ihnen ist auf dem See, dem werde ich aber niemals schaden können. Denn ich wollte seine Netze zerreiben, aber besiegt trauere ich. Mit dem Zeichen des Gebetes ist er stets umgeben und niemals vom Schlafe überwältigt.“ Als der heilige Gallus dieses hörte, schützte er sich allenthalben mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes und sprach zu ihnen; „Im Namen Jesu Christi befehle ich euch, weichet aus dieser Gegend und unterfanget euch nicht, irgend jemand hier zu verletzen.“ Er teilte seinem Abte das Erlebnis mit, und dieser rief die Brüder durch den Ton der Glocke in die Kirche. Aber noch ehe man das Gebet erhob, ließ sich ein schreckliches Geheul und Gebrüll durch die Höhen der Gebirge hören, und der Dämon entwich trauernd. — Noch ein zweites Zusammentreffen des heiligen Gallus wird in seiner Lebensbeschreibung erzählt: Als sein Diakon das Netz auswarf, erschienen ihm zwei Geister in Weibergestalt, die nackt am Ufer standen, wie wenn sie sich baden wollten, und indem sie ihm ihren entblößten Körper wiesen und Steine gegen ihn schleuderben, riefen sie: „Du hast jenen Mann in diese Wildnis geführt, einen ungerechten und neidischen Menschen, der uns immer übermächtig ist bei unseren bösen Taten.“ Vor dem Gebete des Gallus entflohen dann die* Geister durch den Lauf des Flusses bis zu dem Scheitel des Berges. Aber als sie die Netze ans Land zogen, hörten sie vom Gipfel des Berges Stimmen gleichsam zweier Weiber, die über den Tod der Ihrigen klagten und jammerten, daß sie fortan weder unter Menschen noch in der Wildnis leben dürften. Kurz nachher vernahm der Diakon zu dreimalen die Geister mit Geschrei von einem Berge fragen, ob Gallus noch in der Wildnis wäre oder sich fortbegeben hätte. — Wie hier die Seefrauen, die sich in das Gebirge zurückziehen, mit Steinen werfen, so schleudert der Nix nach seinem Opfer eine Keule. Ein siebenjähriger Knabe spielte mit seiuen Schwestern am Flußufer. Da stieg aus dem Wasser ein häßlicher, rauhhaariger Mann hervor, trat unter die Spielenden und sagte: „warum stört ihr mich hier?“ Alle flohen entsetzt, dem Knaben aber, der langsamer als die übrigen lief, warf er seine Keule in den Rücken, tötete ihn und sprang dann wieder in die Flut zurück (Thom. Cantiprat.).

Ein freundliches Geschick hat uns überhaupt verschiedene Nixensagen aus der heidnischen Zeit bewahrt.

Ein frühe zu Walde ziehender Mann ließ sich seine Morgenkost vorher segnen, ehe er sie zu sich nahm. Als er in der Mitte des Flusses war, den er auf seinem Wege zu durchschreiten hatte, hörte er eine Stimme rufen: „schnell, schnell, tauch ihn unter!“ Aber eine andere Stimme antwortete: „Auch ohne diese Ermahnung hätte ich getan, was du begehrst, aber das Geweihte wiedersteht meinen Versuchen ; wisse, er ist durch den Segen des Priesters geschützt, daher kann ich ihm nichts anhaben“ (Greg, v. Tours, glor. conf. 31). Bei Hildesheim war ein schrecklicher Sumpf; bei Tage und bei Nacht ließen sich hier gräuliche, gespensterhafte Erscheinungen hören und sehen, die das Volk erschreckten. Godehardus aber drang mit dem Kreuz und den Reliquien der Heiligen in den Sumpf, gründete eine Kapelle und vertrieb so die feindlichen Wassergeister (V. Godehardi4).

Der alte Name des Wassergeistes ist Nix. Der Nix oder die Nixe (nich-us, nic-or, nich-esa) ist eigentlich ein am Baden sich ergötzender Seegeist (skr. nij, gr. vinxuv, waschen); die Nixe (nichesa) ist die Wäscherin, das Plätschern des fließenden Wassers rief die Vorstellung des Waschens bei den geisterhaften Weibern hervor. Die ahd. Glosse „crocodilus nichus“ beweist, daß man sich den Wassergeist auch in Tiergestalt dachte. Er hat nicht nur Roßgestalt — denn das springende und sich bäumende Roß ist das Bild der hoch auf rauschenden Woge (S. 104) — sondern auch der Fisch ist eins der Tierbilder für den Wassergeist. Sagen und Märchen kennen den Wassermann oder Nix als Fisch (D. S. Nr. 54; K. H. M. Nr. 19, 85).

Bei Magdeburg sitzt der Nickerkater im Wasser. Halb Fisch, halb Mensch ist der Nickelmann, der rohe Fische frißt, gleich dem Fischotter. Daher erscheinen auch die Nixen entweder in ganz menschlicher Gestalt, oder von oben Weib, unten vom Nabel ab geschuppter Fisch mit Schwanzflossen. Melusine, ursprünglich eine Luftelbin (ahd. Melusind == Staubfahrerin) ist von einem Grafen im Bade überrascht und dann geheiratet. Jede Woche schließt sie sich einmal in ihre Kammer ein. Ihr Gemahl kann der Neugier nicht widerstehen, aber als er sieht, daß der Leib der badenden Frau in einen Fischschwanz endigt, stößt er einen lauten Schrei aus, und Melusine verschwindet wie der Alp, hinter dessen Geheimnis man gekommen ist. Aus der tierischen Gestalt, dann aus der gemischten Bildung, halb Fisch, halb Mensch, ist die Nixe in volle Mädchengestalt übergegangen.

Dem ahd. niccbessa (Nixe) entspricht mhd. merwip, merkint, merwunder, mermeit (Gudr. 109, 112). Der männliche Wassergeist heißt auch Wassermann, Hakemann, weil -er die Kinder ins Wasser zieht, Seemensch, Nicker, Nickel, Nickelmann. Die weiblichen Wassergeister heißen in Schlesien Lissen oder Wasserlissen, eigentlich Lixen, Seejungfer, Seeweiber, auch Muhme, Wassermuhme. Eine Merminne, die in einem Berge die Zwerge beherrscht, wird „liebe muome“ angeredet; das Meerweib Sigelind, dem Hagen das Sckwanen-hemd geraubt hat, sagt von seiner Gefährtin Hadburg: „Meine Muhme hat dich der Kleider wegen belogen“ (N. L. 1479); einige von Nixen bewohnte Seen heißen Mummelsee (D. S. Nr. 59, 331). Auch mehrere Eigennamen entstammen dem Glauben an Wasserelbe, doch berühren sie sich wie die Meerweiber des N. L. mit den Wolken- und Schwanjungfrauen: Triuloug ist die im Walde badende, auch die rauhe Else, Wolfdietrichs Geliebte, das Waldweib, badet sich in einem Jungbrunnen, legt ihr rauhes Gewand ab und wird die reizende Sigeminne, die schönste über alle Lande, und trägt jetzt den Namen einer Schlachtenjungfrau. Wächbild ist das Wogenmädchen, Seoburg, Meridrüd, Meriburg bedeutet dasselbe. Welthrüd, Wieldrüd mag die Quelljungfrau bezeichnen. An den sandigen Ufern der Flüsse und Bäche bekommt man sie zu sehen: Sand hilt, oder auf feuchtem Boden: Wasahilt, auch auf Wiesen: Wisagund. So beweisen auch die Namen die Verwandtschaft der Wassergeister mit den andern elfischen Wesen. Auch der Name Ilse ist die Bezeichnung eines weiblichen Wassergeistes. Von einem solchen stammt das von Heine besungene Flüßchen im Harz und auch der Mädchenname Ilse, der sich als Else mit der Abkürzung des hebräischen Elisabeth vermischte (D. S. Nr. 316, s. u. Waldgeister, Ellusii).

Verschiedene Nixensagen sind durch den Nebel beeinflußt, der aus dem Wasser emporsteigt.

Auf den Saalweiden trocknen die Nixen bei heiterem Wetter ihre Wäsche; sie setzen sich dann in den Wipfel der Weiden, breiten ihre Hemden und Röcke an den Zweigen rings um sich aus, und wenn alles trocken ist, nehmen sie es ab und steigen wieder damit ins Wasser. Ein Fuhrmann sah, wie die Nixe blendendweifie Wäsche am Rande einer Quelle ausbreitete, daneben saß sie selber und wiegte ihr Kind. Sie lud ihn ein, es zu wiegen und schenkte ihm dafür einen goldenen Peitschenstecken. Einen andern aber, der mit seiner dreckigen Peitsche ihre Wäsche beschmutzte, riß sie in das Wasser hinab. Das Wäscheaufhängen bedeutet Wolken oder Nebel. Der Wassermann und das Wasserweibchen haben zuweilen Nebelgestalt. Ein Fischer ging früh vor Tago hinaus, ,zu fischen, fand aber zu seinem Ärger einen, der ihm zuvorgekommen war; wie er näher kam, ward die Gestalt immer dünner und loser und zuletzt wie ein Nebel, und wie er hinsah, war sie ganz fort. Das war der Wassermann gewesen. Das Tiroler Wasserweibele schwebt wie perlmutterfarbiger Silbernebel über den See, wächst hoch, macht sich klein und bringt gutes Wetter. Aber während die reinen Nebelwesen sich frei und ungebunden bewegen, ist die dämonische Gewalt der Nixen bedingt durch die Nähe des Wassers; sie können einem gehaßten Menschen nichts anhaben, so lange er sich vom Wasser fernhält, dafür ist aber auch die kleinste Lache am Wege, den der Unvorsichtige wandelt, genügend, ihn in die Gewalt der feindseligen Geister zu liefern. Eine beleidigte Nixe schüttet zwar als Luftelbin Platzregen über ihren Feind, kann ihn aber doch erst packen und unter heiserem Kichern das Genick drücken, wenn er ausglitscht und in eine Pfütze stürzt (vgl. auch D. S. Nr. 52).

Der Wassermann wird gewöhnlich schon ältlich und langbärtig vorgestellt, als ein kleines, graues Männchen. Seine Haare sind lang und grün, er trägt einen grünen Rock und Hut, und wenn er den Mund bleckt, sieht man seine grünen Zähne (D. S. Nr. 52). Zuweilen hat er geschlitzte Ohren (D. S. 63), seine Füße läßt er nicht gern sehen (D. S. 66). Die Nixen aber sind an Gestalt völlig den Menschen gleich. Lange goldene Haare hüllen wie ein Schleier den weißen Leib ein (K. H. M. Nr. 181). Sie kleiden sich wie die Menschen, aber der nasse Zipfel der Schürze oder der nasse Saum des Gewandes, oder ihre göttlichen Augen verraten ihre Herkunft (D. S. 59, 60), oder sie erscheinen nackt, mit Schilf und Moos behängen. Sie lieben wie alle elbische Wesen Gesang und Tanz. Auf den Wellen sieht man die Nixen tanzen (D. S. 61), oder sie finden sich auf den Tanzplätzen der Dörfer ein und knüpfen Liebschaften mit den Burschen an (D. S. 58). Mancher hat an den Ufern der Bäche ihren Reigen belauscht und ist in heißer Liebe zu den schönen Tänzerinnen entbrannt. Selten endet die Liebe eines Menschen zu den Wassergeistern glücklich (D. S. Nr. 58—60).

Wenn der Bursche seine Tänzerin heimgeleiten will, und er sie plötzlich im Wasser verschwinden sieht, erschrickt er so, daß er in drei Tagen stirbt. Öfter aber zieht ihn die Nixe mit hinab in das Wasserhaus, und er muß nun immer bei ihr bleiben oder kommt erst nach Jahren zu den Seinen zurück. Meistens erzählt die Sage von der grausamen Strafe, die der Nix an der Ungehorsamen nimmt. Denn er ist menschenfeindlich und will nicht leiden, daß die Wasserfrauen sich mit den Menschen verbinden. Darum achtet er streng darauf, daß die Stunde innegehalten wird, die der

Nixe zum Besuch der Oberwelt gestattet ist. Wenn sie eich von dem Tanze und dem Geliebten nicht trennen kann und die Zeit der Rückkehr überschreitet, dann ahnt sie selbst ihr trauriges Ende und jammert, daß ihr Leben verwirkt sei. Wenn Milch aus dem Wasser aufspringt, ist es ihr geschenkt, springt dagegen Blut, so ist das ein Zeichen ihres Todes (D. S. Nr. 60). Gewöhnlich aber sieht der Bursche, der die Nixe bis an das Wasser geleitet, einen Blutstrahl aufsteigen und erfährt damit den Tod der Geliebten (D. S. Nr. 49, 58, 59, 60, 304, 306, 818, 1).

Die Wasserfrau ist im allgemeinen freundlicher gesinnt als der Wassermann. Sie bedarf menschlicher Hilfe bei der Geburt, belohnt aber den Beistand mit reichlichen Schätzen (D. S. Nr. 49, 58, 65, 66, 68, 304; K. H. M. Nr. 79). Ihre Gegenwart bei der Hochzeit bringt der Braut Segen.

In Luthers Tischreden heißt es, daß die Frau Doktorin einmal erzählt habe, wie eine Wehmutter zu einer Frau geführt sei, die in einem Loche im Wasser an der Mulde gewohnt habe; aber das Wasser habe ihr gar nichts geschadet, sondern sie wäre in dem Loche gesessen wie in einer schönen Stube. — Dietrich von Bern verfolgt den Helden Witticb, nur eines Rosses Länge trennt ihn noch von dein Fliehenden, und Wittich selbst bangt um Leib und Leben; denn vor ihm breitet sich das unendliche Meer aus. Da taucht aus den Fluten Wittichs Ahnfrau, Wächilt hervor, führt den starken Recken samt seinem guten Rosse mit sich hinab auf des Meeres Grund und rettet ihn so vor dem Berner. Bis an den Sattelbogen schlugen Dietrich bereits die Wogen, vergebens schleuderte er seinen Speer hinterdrein, der Gegner, den er so grimmig haßte, war auf ewig verschwunden (Rab. 964-74).

Aber die alte wilde Natur der Wasserfrauen, die aus der unheimlichen, oft verderblichen Gewalt der Wasser entspringt, zeigt sich darin, daß Mädchen, die von ihnen ins Wasser gezogen sind, in Nixen verwandelt werden und Nixen bleiben müssen, wenn sie nicht ein Glied ihres Leibes lösen. Für Blut und Fleisch gibt die Nixe Gold, aber sie sucht es wieder zu gewinnen. Berührt Wasser das Gold, so kehrt dieses zur Nixe zurück. Auch Kinder rauben die Nixen und legen dafür Wechselbälge hin; sie tun dem vertauschten Kinde alles an, was man ihren eigenen erweist (D. S. Nr. 81, 82).

Der Wassermann ist hart, wild, blutdürstig und grausam. Er duldet nicht, daß der Mensch in seine Wohnung eindringt oder ihm sein freies Element versperrt.

Als man, um eine Wasserleitung zu bauen, große Pfähle in den Fluß schlug, konnte man bald nicht weiter. Man sah einen nackenden Mann in der Flut stehen, der mit Macht alle eingesetzten Pfähle ausriß und zerstreute, so daß man den vorgenommenen Bau wieder einstellen mußte (D. S. Nr. 57). Jeden Versuch, die Tiefe des Wassers durch ein hinuntergelassenes Seil zu ergründen, vernichtet er (D. S. 111, 59). Dem Fischer raubt er seinen Kahn und versteckt ihn auf einer hoben Buche (D. S. 55). Den Schwimmer zieht er hinab, aber er ertränkt ihn nicht nur, sondern man sagt auch „der Nix hat ihn gesogen*, denn die Leiche ist ganz von Blut unterlaufen, und man kann leicht die Narben erkennen, die ihm der Nix oder Wassergeist gemacht (D. S. 54, 57; vgl. 49, 53, 60, 65, 69).

Der Kampf mit den Wasserunholden galt daher als eine besondere Heldentat.

Die Kimbern sprangen bei hereinbrechender Flut mit voller Rüstung in das empörte Element, um gegen die Dämonen des Meeres den väterlichen Grund und Boden zu verteidigen, aber zuletzt mußten sie doch hoffnungslos der Götterstärke weichen und griffen schließlich zum Wanderstabe (Strabo VII, 292).

Die Kimbern sprangen bei hereinbrechender Flut mit voller Rüstung in das empörte Element, um gegen die Dämonen des Meeres den väterlichen Grund und Boden zu verteidigen, aber zuletzt mußten sie doch hoffnungslos der Götterstärke weichen und griffen schließlich zum Wanderstabe (Strabo VII, 292).

Als die Langobarden nach Süden zogen, wollten ihnen walkürenartige Meerfrauen den Übergang über einen Fluß verwehren. Da wurde ausgemacht, daß ein auserwählter Held der Langobarden mit einer der Frauen in dem Flusse schwimmend fechten sollte: würde ihr Kämpfer besiegt, so sollte das Heer zurückweichen, unterläge die Meermaid dem Helden, so sollte ihnen der Übergang gestattet sein. Diesen Kampf bestand der tapfere Lamissio und erwarb sich durch seinen Sieg großen Ruhm, seinen Landsleuten aber freien Zug durch den Strom (Pis. Diac. I,5; D. S. Nr. 392b). Um seine Befähigung zu dem bevorstehenden Kampfe mit dem Dämon der zerstörenden Gewässer, Grendel, zu beweisen, erzählt Beowulf, daß er schon einmal des Nachts in den Wogen die Nixe erschlagen und trotz großer Not die grimmen Feinde zerrissen hat (V. 421 ff.). Als Beowulf mit Breca den Schwimmwettkampf unternahm, batte er nur das nackte Schwert in der Hand, das harte, um sich gegen die mächtigen Meertiere zu wehren. Neun der Nixen fällte er mit dem Schwerte. Nie hat man unter des Himmels Wölbung von einem härteren Kampfe vernommen, noch in den Meeresffuten von einem beklagenswerteren Manne (V. 539 ff.).

Weil der Nix mit einem Haken die Menschen ins Wasser zieht, heißt er Hakemann.

Schon ein Zeugnis des 7. Jbds. weiß, daß man, wenn man ein von den Unholden bewohntes Wasser betrat, plötzlich von geisterhaften Stricken umschlungen wurde und so grausam sein Leben verlor (V. Sulpicii). Ein Knabe fiel bei der Moselbrücke ins Wasser. Ein junger Mann, der dies sah, warf seine Kleider ab und sprang hinterher; aber ein böser Wassergeist, den sie Neptun nennen, entriß ihm zweimal den Knaben; erst als er den Namen eines Apostels anrief, bekam er den Toten zu fassen (Miracula Matthias K. 43).

In der Mark und in Niedersachsen zieht der Wassergeist mit einem Netze die Menschen in sein kühles Wogenreich.

In Österreich spannt der Wassermann ein unsichtbares Netz über den Fluß, es ist so fein, daß man es mit freiem Auge gar nicht sehen kann; wer hineinkommt, ist auf ewig verloren. Aus altem Volksglauben stammt das Netz, das in des Strickers Artusroman „Daniel vom blühenden Tal“ erwähnt wird (V. 4128, 7459).

Durch seinen Ruhm angezogen besucht eines Tages ein Meerweib, das Königin ist über alle Meerwunder, den Herrn vom blühenden Tal. Beim Abschiede läßt sie ihm drei wunderbare Gaben zurück, die der Dichter unmittelbar der volkstümlichen Überlieferung entnommen hat. Die erste Gabe ist eine wunderbare Haut, die er an seinem Leibe tragen soll; darunter ist er so gut behütet, daß ihn keine Waffe verwunden kann. Sie war einer Meerfrau aus dem Leibe geschnitten und im Blute eines Drachen gebeizt (S. 104; Laurin 185). Die zweite Gabe ist ein unsichtbares Netz, in dem sich der stärkste Mensch und das wildeste Tier verwickelt und verfängt. Die dritte Gabe, eine Salbe, verleiht den Augen eine wunderbare Kraft, vermöge deren sie auch das Netz erkennen. Dieses Netz wird später am Eingänge des Landes aufgestellt und der Ort, den es versperrt, wird noch durch Wasser geschlossen. Es soll dazu dienen, die fahrenden Ritter gefangen zu nehmen. Denn ein Unhold, der das Land beherrscht, leidet an einem Siechtum und kann nur geheilt werden, wenn er ein Jahr lang jede Woche ein Bad von Männerblut nimmt. Auf sein Geheiß kommen Alt und Jung, Sieche und Gesunde scharenweise herbei, um sich gebrauchen zu lassen. Nur noch dreißig Männer sind übrig; um die Zahl der Opfer zu vermehren, wird das unsichtbare Netz aufgestellt.

Ein Zauberhemd, als Gabe der Meerfrau, erwähnt auch das mhd. Gedicht „Abor und das Meerweib“. Abor kommt zu einem Jungbrunnen, in dem sich ein Meerweib zu baden pflegt (wie die rauhe Else. S. 136). Sie findet ihn, nimmt ihn mit sich auf ihre Burg und liebt ihn. Auf einem unzugänglichen Berge gräbt ihm das Meerweib eine kräftige Wurzel, durch deren Genuß er alsbald die Sprache der Vögel, der wilden Tiere, Fische und Würmer versteht. Aber nach kurzer Zeit muß ihn das Meerweib entlassen, weil es die Rückkehr des Gatten fürchtet, es schenkt ihm beim Abschiede noch ein unverwundbar machendes Hemd.

Mit dem herrlichen, lockenden oder klagenden Gesänge, mit dem die Wasserfrauen den Menschen in den Teich ziehen, ist oft die Gabe der Weissagung verbunden.

Badende Meerweiber verkünden Hagen das Geschick der Burgunden in Etzels Lande (N. L. 1473 ff). Auch Wächilt verkündet dem Wittich, daß er Dietrich leicht hätte umbringen können, denn dessen Stahlgeschmeide * sei schon erweicht gewesen; jetzt aber sei es zu spät (Rab. 964 —74). Morolt empfängt von seiner Muhme, der Meerminne weisen Rat (40 b, 40 a S. 135). Eine andere „weise“ Meerminne, hat zehntausend Frauen unter sich, die auf einem Berge am Meere hausen, in ewig blühendem Lande (Lanz. 196), also zugleich Berg- und Waldgeister sind. Nach einer mecklenburgischen Sage kündet die Wassermuhme die Todesstunde eines Knaben vorher an. Als man die Tiefe des Zarrentiner Sees erforschen wollte, schaute ein Haupt aus dem See, und man vernahm in schauerlichen Tönen die Worte: „Wehe, wehe, wehe! Wenn dieser Frevel noch einmal versucht wird, wird ganz Zarrentin untergehen wie diese Menschen“ (D. S. Nr. 110). Meistens ist aber in der Volkssage die prophetische Gabe der Wasserfrauen dahin abgeschwächt, daß ihr Erscheinen anderes Wetter, meist Sturm verkünden soll. Das Steigen, Fallen oder Versiegen einzelner Quellen und Teiche zeigt fruchtbare oder unfruchtbare Zeiten an (D. S. Nr. 104).

Nur selten erscheint der Wassergeist als heilkundig:

Eine Nixe, die ein krankes Menschenkind heilt, wird zur Strafe dafür vom Wassermann getötet. Als Dietrich Ecke getötet hat, trifft er im Walde bei einem Brunnen eine schlafende Frau, die heilkundige Meerkönigin Babehild; er weckt sie, sie streicht eine heilkräftige Salbe auf seine Wunden und verbindet sie. Beim Abschiede warnt sie ihn vor den Gefahren, die ihm noch bevorstehen.

Die Verehrung der Wassergeister bei langer Dürre bringt den ersehnten Regen. Noch im 6. Jhd. warfen die Bauern Wolle, Käse, Honig und Brot in den See, schlachteten Tiere und schmausten drei Tage. Am vierten Tage entlud sich infolge der dem Geiste des Sees dargebrachten Opfer ein furchtbares Gewitter (Greg. v. Tours). Wer aber das heilige Gebiet der Wassergeister verletzt, ruft Sturm und Unwetter hervor. Wirft man in den Mummelsee Steine, so trübt sich der heiterste Himmel, und ein Ungewitter mit Schloßen und Sturmwinden entsteht (D. S. Nr. 59). Aber man bedient sich auch der Steine als Opfergabe für die Elbenwelt. Jeder, der beim Hinuntergehen in den Brunnen auf dem Tomberg (Rgbz. Köln) nicht fallen will, muß einen Stein hineinwerfen. In Tirol warf man, um ein krankes Kind zu beruhigen, eine Puppe in die Ziller und rief: „Nachtwuone, da hast du dein Kind!“ Aus den Wirbeln der Flüsse weissagten die alten Germanen (Plutarch, Caesar 19). Die Alemannen verehrten die Stromschnellen und gefährlichen Wirbel und brachten Opfer dar (Agathias 17), die Franken und Sachsen hielten besonders die Quellen heilig.

Auch die Verbote der Kirche, an Quellen heidnische Gebräuche zu begehen und Lichter anzuzünden, lassen eine Beziehung auf die Wassergeister zu. Das Konzil von Arles 452, Martin von Bracara und Eligius verbieten das Lichterbrennen an Felsen, Bäumen, Kreuzwegen und heiligen Quellen, sowie das Hineinwerfen von Brot; Papst Gregor III. verbietet 731 in seinem Erlaß an die Fürsten und an das Volk der germanischen Provinz die Quellenweissagungen, Karl d. Gr. in seinem Kapitulare von 789, Bäume und Quellen zu beleuchten, der Indiculus die Quellopfer (Nr. 11). Burchard von Worms fragt, ob jemand Lichter oder Fackeln an den Quellen, Steinen, Bäumen oder Kreuzwegen angezündet, Brot oder sonst eine Spende dort dargebracht oder geschmaust habe. Bonifatius duldete nicht einmal Kreuze an Brunnen und auf den Feldern.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister

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