Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana

Bei den Istwäonen waren die Marsen Hüter und Pfleger des Bundesheiligtums. Neben dem flammenden Himmelsgotte Tiwaz Istwaz verehrten sie seine Gemahlin, die Tanfana. Tacitus erwähnt nur das Fest und den Tempel der Göttin, wie bei der Beschreibung des ingw. Nerthusumzuges; aber er wie der röm. Feldherr erkannten die Wichtigkeit des Stammesheiligtums sehr wohl.

Nach dem Tode des Augustas drohte bei den unterrheinischen Legionen offene Empörung auszubrechen, die durch den aus Gallien herbeigeeilten Germanicus nur mit Mühe unterdrückt wurde. Patrouillen hatten ihm gemeldet, daß die Germanen um diese Zeit des Nachts ein frohes Fest begingen und bei feierlichem Mahle sich dem Spiele hingaben. Darauf baute er seinen Plan. Er wußte, daß, wenn es ihm gelänge, die Festversammlang za überfallen und das Heiligtum zu zerstören, er dem Stamme den durch Religion und Alter geheiligten Halt und Mittelpunkt nehmen würde. Er überschritt den Rhein, sandte auf beschwerlichen, aber vom Feinde unbewachten Umwegen den Cäcina mit den Leichtbewaffneten voraus, um dem Gros der Legionen den Weg zu bahnen, und rückte in sternenheller Nacht auf die Gehöfte der Marsen zu. Seine Berechnung, die Germanen mitten im Frieden des Festes zu überraschen, hatte ihn nicht getäuscht; froh hatten die Deutschen die Nacht bei Gelagen nnd fröhlichen Gesängen zugebracht. Wie bei der Nerthusfeier die Waffen ruhten, so waren hier nicht einmal die gewöhnlichsten Vorsichtsmaßregeln getroffen, keine Nachtposten waren aufgestellt. Noch lagen sie sorglos ihren Rausch verschlafend auf Bänken nnd neben den Tischen umher, an denen sie geschmaust und gezecht hatten, als Germanicus hervorbrach. Um einen möglichst breiten Landstrich zu verwüsten, teilte er die Legionen in vier keilförmige Haufen. Zehn deutsche Meilen in die Runde zerstörte er alles mit Feuer und 8chwert; alt und jung, Mann und Frau wurden niedergehauen, Gehöfte und Heiligtümer, auch der von diesen Völkerschaften am höchsten und heiligsten verehrte Tempel der Tanfana dem Erdboden gleich gemacht. Vergebens zogen die Bructerer, Tubanten und Usipeter zur Rache herbei und überfielen den Nacbtrab des zurück-mar8chierenden Heeres, das sich langsam durch die Waldgebirge hindurchwand (Ann. 151).

Die Zeit des Überfalls muß der Spätherbst gewesen sein, die Zeit, wo die Sachsen ihr herbstliches Sieges- und Totenfest feierten, und die Erminonen im heiligen Walde zusammen kamen (Germ. 39; 220). Um Tius und seiner Gemahlin, der Erdgöttin Tanfana, für die glücklich beendete Ernte zu danken, war das Volk aus allen Gauen zusammen geströmt. Galt die ingw. Nerthusfeier uud das ermin. Isisfest dem Wiedererwachen des Frühlings, so fand das Tanfanafest Ende September oder Anfang Oktober statt, es fiel mit dem Ende und Anfang des Jahres bei den Germanen zusammen. Mit der absterbenden Vegetation zogen sich die Geister der Abgeschiedenen in das Innere der Erde zurück. Toten- und Erntefeier war ein Fest, die Gottheit war Herr über Leben und Tod. Das heidnische Totenfest wurde in eine Kirchenfeier verwandelt, die in der sogen. Heiligen gemeinen Woche, d. i. der Woche, die mit dem Sonntag nach Michaelis beginnt, fast durch ganz Deutschland begangen wurde. Die läudlichen Erntefeste und Kirchenmessen finden noch heute zu derselben Zeit statt. Der Oktober und November hieß bei den Angelsachsen und Schweden Opfermonat, bei den Niedersachsen, Friesen, Niederländern, Dänen und den istw. Völkern Schlachtmonat, ein junger Ersatz für Opfermonat.

Der Beiname der Erdgöttin, Tanfana, bedeutet die „Opfergöttin“; Tanfana = Tabana gehört zu ahd. zebar, ags. tiber, tifer, zur idg. Wurzel dap = teilen, verteilen (gr. dslnvov, Senag, lat. daps) und ist gebildet wie ddnavog, dandvrj. Wie der lateinische Landmann vor der Ernte zum Jupiter dapalis betete, so dankte der Deutsche nach der glücklich eingebrachten Ernte der Tanfana, die zu Ende des Winters beim großen Erntefeste ihre Opfer empling, wie die röm. Gottheit ihre daps. Die Übersetzung von Tanfana „Nahrung verleihend, Ernte spendend“, ändert sachlich nichts. Liest man für das überlieferte Tanfana Thambana, so bedeutet das Beiwort „die Göttin der Fülle und des Reichtums, des Ackersegene“ (aisl. J>9mb Schwellung, got.  Fülle, norweg. temba füllen, stopfen).

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia

Auch interessant:
Nordische Göttersage – Sammelkarten
Kunstwerke aus der altnordischen Mythologie
Germanische Schöpfungsgeschichte
Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen

One Comment

  1. […] Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – […]

    30. August 2015

Comments are closed.