Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen

Die Riesen hausen auf Felsen und Bergen oder im hochragenden Gebirgswalde; sie sind belebte Steinmassen oder versteinerte, früher lebendige Geschöpfe. In den Gedichten der deutschen Heldensage finden Riesenkämpfe gewöhnlich im Walde statt. Dietrich schilt sie Bergrinder, Waldbauern, Waldhunde (Laur. 2625, 534, 2624. Sig. 97, 13, 114). Bergriesen sind die zwölf schätzehütenden Riesen Nibelungs und Sehilbungs, der den Zugang zu Kriemhild und dem Drachensteine bewachende Kuperan und der Riese Wikram, der Dietrich auf dem Wege nach Virginals Märchenpalast tückisch mit seiner Keule bedroht. Zahlreich sind die Sagen von frevelhaft lästernden oder unschuldige Mädchen verfolgenden Jägern und Riesen, die im Gewitter versteinern. Der Riese Zottelbock, bei dessen Nahen das Wasser wie vom Winde aufgehetzt emporsteigt, fällt bei der Verfolgung der See-Else zu Boden und erfüllt den See mit seinem Blute. Die Zwerge türmen sein Grab über ihm und leiten den Bach darüber, der rauchend auf der Wiese rinnt, weil er durch des Riesen heißes Herz läuft. Sic vertragen wie die Zwerge das Tageslicht nicht (8. 116) und werden heim ersten Sonneiistrahle zu Stein. Die deutsche Sage gibt einen allgemein sittlichen Grund solcher Versteinerungen an, großen Übermut oder gottlose Grausamkeit.

Allbekannt im bayerischen Hochlande ist der Watzmann. Er war ein Riesenkönig, der für seine blutige Wildheit mit Weib und Kind zu dem vielzackigen gewaltigen Bergstock verwünscht ward. Auf gleiche Weise ist die Riesenkönigin Frau Hütt bei Innsbruck verzaubert (D. S. Nr. 233). Im Silltale in Tirol ist der Riese Serles wegen seines Wütens mit dem gleichgesinnten Weibe und dem getreuen Rate zu den drei Felszacken versteinert, die über der Brennerstraße aufsteigen; wie beim Watzmann hört man noch immer in Sturmnächten das Kläffen seiner Hunde, und bei Gewitter sieht man oft Blitze auf die versteinerten Riesen niederfahren.

In einem nicht recht klaren Blutsegen des 11. Jhds. wird ein stummer, gefühlloser Steinriese, Tumbo, angerufen, der die Wunde gefühllos, schmerzlos machen soll:

Tumbo (der Stumme) muß im Berge, mit stummem Kind im Arm.

Stumm hieß der Berg, stumm hieß das Kind:

Der heilige Stumme segne diese Wunde.

Der in Stein erstarrte Kiese Tumbo (got. dumbs, ags. clumb, ahd. mhd. tump = stumm) halt auf hohem Bergrücken sein gleichfalls versteinertes Kind im Arme: in irgend einer seltsam geformten Felsengruppe mochte die kindliche Phantasie diese Gestalten zu sehen glauben. Wie an dem gefühllosen Bergriesen kein Leben, keine Bewegung mehr walir-zunehmen ist, so soll auch das rinnende Blut erstarren. Man vermißt freilich die bei solchen Zaubersprüchen unentbehrliche symbolische Handlung.

Einen starken Wald riesen Baldemar, der die Plage des ganzen Landes ist, erschlägt Wolfdietrich. Der Kiese Widolt (Holzwalter) oder Widolf (Waldwolf) ist so wild, daß er weder Menschen noch Tiere schont; er rauscht, daß die Erde bebt, und sein Halsberg klingt, wenn er über die Sträuche springt (Kot. 5051, 4201). Man schlug ihm Eisenringe um Hals, Arme und Schienbeine und hielt ihn an einer langen Eisenkette. Ward er zornig, so brach er alle seine Bande und schlug mit einer mächtigen Eisenstange alles Lebendige, das ihm in den Weg kam, bis man ihn wieder fesselte (Thidrekss. 27, 34, 38, 144). Dieser „Waldwolf“ ist ein lebendiges Bild des entfesselt losbreelienden, durch die Waldungen rasenden Sturmes. In Oberbayern tritt auch der Getreidewolf mit einer Kette an die Wand des Hauses gefesselt auf. Als Runses Sohn wird Weiderich genannt, und eine noch lebende Tiroler Sage erzählt von einem Riesen Wälder, der ob Gnadenwald in tiefer Höhle neben einer steilen Felswand haust. Auch die Schar der wilden Männer, Waldleute und Holzleute trägt oft riesisches Gepräge. Der Riese Hidde wird von Karl dem Großen zum Vogt seiner Wälder und Bäume gemacht (D. S. Nr. 322).

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen

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