Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt

Die Seele, die den Leib verlassen hat, ist zum  Geist geworden. Menschen, denen die Rufe der Vierfüßler und Vögel wie menschliche Sprache erscheinen und ihre Handlungen, wie wenn sie von menschlichen Gedanken geleitet wären, schreiben ganz logisch den Tieren so gut wie den Menschen Seelen zu. Wie das Tier gleich dem Menschen von Mut, Kraft und Schlauheit beseelt ist, muß es auch von einer Seele belebt sein, die nach dem körperlichen Tode ihr Dasein fortsetzt. Diese Seele kann auch ein menschliches Wesen bewohnt haben, und somit kann das Geschöpf ihr eigner Ahne oder ein einst vertrauter Freund sein. Hierin beruht die Vorstellung, daß, da alles in der Welt lebendig ist, auch alles Lebendige seine Gestalt wechseln, sich verwandeln kann. Der Mensch kann auf einige Zeit zum Tiere werden, das Lebendige kann auch zum Steine oder Baume werden, scheinbar starr und leblos erscheinen, aber dennoch seine lebendige Menschheit im Innersten der unbeweglichen Masse bewahren. Die Märchen und die mythischen Sagen der kultiviertesten Völker bezeugen diesen Totemismus aller Orten.

Unter den Tiereu, in die sich die Seele verwandelt, nimmt die Schlange einen hervorragenden Platz ein. Ihr geräuschloses Gleiten, ihr stummes Züngeln, ihr plötzliches Erscheinen und Verschwinden, ihre stete Verjüngung, als welche die Ablegung der alten Haut und deren Ersetzung durch eine neue erschien, hatten etwas Geheimnisvolles und riefen die Vorstellung hervor, daß sie Alter und Tod nicht kenne, daß sie eine Art göttliches Wesen wäre. Ihr Leben in der Dunkelheit, das sie mit den spukhaften Seelen teilte, ihre Vorliebe für Schlupfwinkel, die sie in der Nähe der

Gräber wie in die Wohnungen der Lebenden führte, konnte dazu führen, die Schlange als die endlich vom Leibe ganz entwichene Seele zu betrachten, sie als den Wohnsitz der Seele anzusehen.

Der fränkische König Guntram war eines gar guten, friedliebenden Herzens. Einmal war er auf die Jagd gegangen, und seine Diener hatten sich hierhin und dahin zerstreut; bloß ein einziger, sein liebster und getreuster. blieb noch bei ihm. Da befiel den König große Müdigkeit; er setzte sich unter einen Baum, neigte das Haupt in des Freundes Schoß und schloß die Augenlider zum Schlummer. Als er nun entschlafen war, schlich aus Guntrams Munde ein Tierlein hervor in Schlangenweise, lief fort bis zu einem nahe fließenden Bach, an dessen Rand stand es still und wollte gern hinüber. Das hatte alles des Königs Gesell, in dessen Schoß er ruhte, mit angesehen, zog sein Schwert aus der Scheide und legte es über den Bach hin. Auf dem Schwerte schritt nun das Tierlein hinüber und ging hin zum Loche eines Berges, da hinein schloff es. Nach einigen Stunden kehrte es zurück und lief über die nämliche Schwertbrücke wieder in den Mund des Königs. Der König erwachte und sagte zu seinem Gesellen: „Ich muß dir meinen Traum erzählen und das wunderbare Gesicht, das ich gehabt. Ich erblickte einen großen, großen Fluß, darüber war eine eiserne Brücke gebaut ; auf der Brücke gelangte ich hinüber und ging in die Höhle eines hohen Berges; in der Höhle lag ein unsäglicher Schatz und Hort der alten Vorfahren.“ Da erzählte ihm der Gesell alles, was er unter der Zeit des Schlafes gesehen hatte, und wie der Traum mit der wirklichen Erscheinung übereinstimmte. Darauf ward an jenem Orte nachgegraben und in dem Berg eine große Menge Goldes und Silbers gefunden, das vor Zeiten dahin verborgen war (Pis. Diac. 3, 34; D. S. Nr. 428).

Anstatt eines Kindes wird eine Schlange geboren, diese aber solange mit Ruten gestrichen, bis sie sich in ein Kind verwandelt; es soll aber oft geschehen, daß die Schlange verschwindet, und alsdann findet sich kein Kind mehr. In einer adeligen Familie kamen alle Kinder mit einem Schlangengesicht oder in Schlangengestalt zur Welt. Sobald aber das Kind zum erstenmale gewaschen wurde, legte es das Schlangengesicht ab und entdeckte seine menschliche Gestalt. Denn solange das germanische Kind die heidnische Wassertaufe noch nicht erhalten hatte, mit der die Namengebung verbunden war, galt es als Seele; der Körper wurde als Gewand erdacht, das die Seele anzieht; durch einen Ring oder ein Seil wird nach deutschen Sagen die Verbindung zwischen Körper und Seele hergestellt. Man darf eine Schlange nicht töten, das bringt Unglück und kann das Leben kosten. Der Zisterzienser-Prior Cäsarius von Heisterbach (13 Jhd.) weiß, daß die Schlange als Schutzgeist mit dem Kinde zur Welt kommt, und daß das Leben des Neugeborenen an das ihre geknüpft ist. Im Spreewalde sagt man: jedes Haus hat zwei Schlangen, eine männliche und eine weibliche; aber sie lassen sich nicht eher sehen, als bis der Hausvater oder die Hausmutter stirbt; dann teilen sie ihr Los.

Das Schlangenpaar, das als Schutzgeist im Hause wohnt, sind die Seelen des Ahnherrn und der Ahnfrau des Geschlechts, die in dem Hause der Familie geblieben sind. Darum ist die Schlange von der Schweiz bis Niederdeutschland ein erwünschter Gast im Hause, den man nicht töten darf, soll dem Hause nicht großes Unglück widerfahren; vielmehr muß man sie mit Spenden, besonders mit Milch und Brot gewinnen. Auf der Türschwelle darf man nach bayerischem und voigtländischein Aberglauben nicht Holz spalten, weil die Hausotter darunter liegt.

Als die Seele, die ihren Schatz nicht hergeben will, ist die Schlange die Hüterin des Grabschatzes; nach süddeutschem Glauben trägt sie daher ein Schlüsselbund am Halse, im deutschen Märchen kehrt als ähnliches Symbol die Krone des Otternkönigs wieder. Gelingt es, der Schlange dieses Krönchen zu entwenden, so hat man entweder an diesem selbst einen unerschöpflichen Schatz, oder man zwingt den Schatzwächter zur Auslieferung eines solchen.

Aus dem Seelenglauben ist also ein Teil der Schatzsagen zu erklären. Dem Toten werden reiche Schätze mit in sein Grab gegeben; bei späteren Geschlechtern erwacht die Gier nach den nutzlos vermodernden Kleinodien; der Mensch überwindet das Grauen, steigt in das Grab hinab und holt sich den Schatz. Die gewaltige Scheu vor der lebhaft gebliebenen Vorstellung, durch das Einringen in sein Haus und in seinen Frieden die Seele des mächtigen Toten zu beleidigen, war es, die in Wirklichkeit den Schatz hütete; aber ihr mit menschlichen Waffen entgegenzutreten, war das Verwegenste, das die Phantasie erfinden konnte. Die Seele bewacht als Schlange oder in jeder anderen Tie’rgestalt den Hort, wie schon die alte Sage von König Guntram erzählt; um das ungeheure Wagnis hervorzuheben, werden die grellsten Farben aufgetragen, das Tier verwandelt sich in Drachen, Bären und andere Spukgestalten, und nur selten gelingt das Abenteuer. Nach jüngerer Sagenform erscheint die Seele selbst dem Menschen im Traume, nennt ihm den Ort im alten „verwünschten“ Schlosse, wo der Schatz liegt, sagt ihm voraus, wie alles kommen werde und bittet ihn, sich nicht zu fürchten. Sie werde als Schlange unter dem grauen Steine hervorkriechen, sich um ihn ringeln und ihn küssen wollen, und wenn er das ruhig ertrüge, so werde sie erlöst sein, ihm aber solle der Schatz gehören. Der Mensch verspricht alles, aber wenn der kalte Kuß nach ihm züngelt, schreit er laut auf; dann bleibt der Schatz ungehobeu, und die Seele wartet auf einen anderen Erlöser. Auch hier klingt noch das natürliche Schaudergefühl vor dem Toten nach. Besteht aber der Mensch die Probe, so daß die Seele erlöst wird, dann erhält er zum Danke den Schatz, und oft beschenkt ihn die schöne Jungfrau, die in die Schlange verwandelt war, auch mit ihrer Hand. Diese Sagen, in denen die Erlösungssehnsucht einer Seele so scharf ausgeprägt ist, verraten deutlich christlichen Ursprung, gehen aber wohl in die Zeit zurück, wo die Lehre vom Erlöser den heidnischen Deutschen zuerst bekannt wurde. Von einem zweiten Teile der Schatzsagen, der im Traumleben seine Erklärung findet, wird später die Rede sein.

Dieselbe Rolle wie die Schlange spielt auch wegen ihres Aufenthaltes in der Erde die Kröte. Noch vor 50 Jahren wurde ein Knabe, als er eine solche Kröte erschlagen wollte, .mit den Worten zurückgehalten: Du kannst nicht wissen, ob es nicht deine Großmutter ist. Zu Sylvester haben die armen Seelen Erlaubnis, zur Erde zu kommen, man darf dann keine Kröten und Frösche töten, weil es „verwunschene“ Seelen sind.

Zu einem Kinde kam täglich eine Hausunke aus einer Ritze hervorgekrochen, senkte ihr Köpfchen in die Milch und ah auch von dem Brote mit. Als aber die Mutter das gute Tier tötete, verlor das Kind seine schönen roten Backen und magerte ab. Nicht lange, so fing der Totenvogel an zu schreien, das Rotkehlchen sammelte Zweiglein und Blättlein zu einem Totenkranze, und das Kind lag auf der Bahre (K. H. M. Nr. 105).

C ä s a r i u s von Heisterbach berichtet eine der Sage vom Binger Mäuseturme völlig gleiche Erzählung:

Zu St. Gereon in Köln liegt ein Wucherer bestattet, dem das den Armen vorenthaltene Almosen sich in lauter Kröten verwandelte. Als ihm der Beichtvater auftrug, sich nackt in die Kiste zu legen, ward er bis auf die Gebeine aufgezehrt. Seitdem aber kam keine Kröte mehr über die Schwelle. Ursprünglich sind es die Seelen der betrogenen Armen, die den Geizhals zu Tode quälen.

Die Hauskröte, Unke, auch Muhme genannt, wohnt im Hauskeller und hält die hier verwahrten Lebensmittel in gutem Zustande. Dadurch kommt Wohlstand ins Haus, sie heißt daher auch Schatzkröte und wird darum als schützender Hausgeist mit Milch gefüttert.

Dieselbe Sage, die von König Guntram erzählt wird, kehrt bei einem Landsknechte wieder: nur ist es ein klein, weiß Tierlein, gleich einem Wiesel, das aus dem offenen Munde des Schlafenden herauskriecht; ,,die Landsknechte konnten erkennen, daß, was sie mit den Augen gesehen, ihm wirklich im Traume vorgeschwebt hätte“ (D. S. Nr. 455). In einer hessischen Sage ist die Gestalt der ausfahrenden Seele gleichfalls ein weißes Wiesel; in einer niedersächsischen schwebt die Seele als schattenhafte Maus umher. In Thüringen bei Saalfeld auf einem vornehmen Edelsitze zu Wirbach hat sich anfangs des 17. Jhd. folgendes begeben:

Das Gesinde schälte Obst in der Stube, einer Magd kam der Schlaf an, sie ging von den anderen weg und legte sich abseits, doch nicht weit davon, auf eine Bank nieder, um zu ruhen. Wie sie eine Weile still gelegen, kroch ihr zum offenen Maule heraus ein rotes Mäuselein. Die Leute sahen es meistenteils und zeigten es sich untereinander. Das Mäuslein lief eilig nach dem gerade geklefften Fenster, schlich hinaus und blieb eine Zeitlang aus. Dadurch wurde eine vorwitzige Zofe neugierig gemacht, so sehr es ihr die anderen verboten, ging hin zu der entseelten Magd, rüttelte und schüttelte an ihr, bewegte sie auch an eine andere Stelle etwas fürder, ging dann wieder davon. Bald danach kam das Mäuselein wieder, lief nach der vorigen bekannten Stelle, da es aus der Magd Maul gekrochen war, lief hin und her und wie es nicht ankommen konnte, noch sich zu recht finden, verschwand es. Die Magd aber war tot und blieb „mausetot“. Jene Vorwitzige bereute es vergebens. Im übrigen war auf demselben Hof ein Knecht vorhermals oft von der Trud gedrückt worden und konnte keinen Frieden haben, dies hörte mit dem Todo der Magd auf (D. S. Nr. 247).

Ein Mädchen, das viel unter dem Alpdruck zu leiden hatte, beschloß, den Gegenstand zu fangen, der sie immer quälte. Sie legte sich daher jede Nacht so hin, duß sie die Hände über den Kopf zusammen hatte; ihre Mutter hielt im Nebenzimmer Wache. Als sie ihre Tochter ächzen hörte, ging sie mit einem Lichte in ihr Zimmer; das Mädchen, von dem Lichte erschreckt, ließ die Hände niedersinken und griff in der Gegend der Herzgrube ein kleines Tier. Ohne es zu besehen, steckte sie es in einen Strumpf und verschloß diesen. Bald darauf erfuhr sie, daß ihr Bräutigam gestorben wäre. In der Kirche, während der Leichenrede, wo der offene Sarg stand, zog sie zufällig den Strumpf aus der Tasche, den sie aus Versehen eingesteckt hatte, und aus demselben sprang eine weiße Maus; die lief hurtig in den Mund des Toten, und dieser wurde wieder lebendig. — Nach alemannischem Aberglauben muß man, wenn ein Kind mit offenem Munde schläft, ihn schließen, sonst möchte die Seele in Gestalt einer weißen Maus entschlüpfen. Jedem steht der Tod bevor, der von weißen Mäusen träumt; läßt sich eine weiße Maus im Wohnhause blicken, kündet sie hier einen Sterbefall an.

In der Sage vom Bingcr Mäuseturme siud die Mäuse, die Tag und Nacht über Bischof Hatto laufen und an ihm zehren, die durch den Rhein schwimmen, den Turm erklimmen und den Bischof lebendig auffressen, die Seelen der verbrannten armen Leute (D. S. Nr. 241). Die Sage ist über die ganze germanische Welt verbreitet, wird zuerst beiThietmar von Merseburg (Anfang des 11. Jhd.) erwähnt und ist im 14. Jhd. an Bischof Hatto und den Binger Wasserturin geknüpft. Andere Erklärer denken an den uralten Brauch, bei eintretendem öffentlichem Unglück (z. B. Hungersnot durch Mäusefraß) die Götter durch Opferung der Landeshäupter vermittelst Hängens zu versöhnen, oder an eine aus dem Orient eingeschleppte Hautkrankheit: die Wunden, die sich bildeten, wurden im Volksmunde als Mäusefraß erklärt, weil sie so aussahen. Der Rattenfänger von Hameln lockt durch sein zauberisches Pfeifen die als Ratten vorgestellten Kinderseelen hinter sich her und verschwindet mit ihnen im nahen Koppenberge (D. S. Nr. 244). Spätere Zeit hat statt der Seelen in

Tiergestalt die Kinder selbst zum zweiten Male eingesetzt und ein neues Motiv, das der Undankbarkeit der Bürger und der Rache des Pfeifers, dazu erfunden. Das Pfeifen des Seelenfängers kann auf den Wind Bezug haben, in dem die Seelen dahin fahren. „Den Mäusen pfeifen“ heißt „den Seelen ein Zeichen geben“, um von ihnen abgeholt zu werden. Möglich ist aber auch, daß seit dem 14. Jhd. die dramatischen und bildlichen Darstellungen von Totentänzen eingewirkt haben, bei denen der musizierende Tod den ihm verfallenen Menschen voraustanzt. Der geschichtliche Auszug der Bürger von Hameln zu einer unglücklichen Schlacht ist mit dem mythischen Zuge der Seelen zusammengeschmolzen, die ein dämonischer Spielmann in sein Totenreich, den Berg, lockt.

Auch Hexen nehmen daher Mausgestalt an. Peucer, Melanchthons Schwiegersohn, war durch die allgemeine Anschauungsweise seiner Zeit zu dem Glauben verleitet, er selbst habe bei einer besessenen Weibsperson den Teufel in Gestalt einer Maus unter der Haut hin und her laufen sehen. In der Walpurgisnacht sagt Mephistopheles zu Faust:

Was lässest du das schöne Mädchen fahren,

Das dir zum Tanz so lieblich sang?

und Faust erwidert: ,

Ach! mitten im Gesänge sprang

Ein rotes Mäuschen ihr aus dem Munde.

Als Faust stirbt, beklagt sich Mephisto darüber, daß es jetzt so viele Mittel gebe, dem Teufel die Seelen zu entziehen. Früher war es mit der Seele einfacher:

Sonst mit dem letzten Atem fuhr sie aus,

Ich paßt ihr auf und, wie die schnellste Maus,

Schnapps! hielt ich sie in fest verschlossnen Klauen.

War einmal der Gedanke der Verwandlung einer Seele in ein Tier geläufig geworden, so konnte diese Vorstellung bald auf alle Tiere und selbst auf Bäume und Blumen ausgedehnt werden. Da es im Grunde überall dieselbe Vor-stelluug ist, kann sich die Darstellung auf einige alte und besonders merkwürdige Beispiele beschränken.

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In Thüringen und im Voigtlande sind die den Herd bewohnenden Heimchen Kinderseelen; Heimchen ist eine Ableitung von Heim und bedeutet Hausbewohner. Man nimmt an, daß das todweissagende Heimchen als Hainemännchen oder Hainchen für Claudius den Anstoß gegeben habe, den Namen der Verkleinerungsform zu entkleiden und seinen Freund Hain daraus zu bilden (s. u. Wodan Henno). Lärmen sie im Hause, so stirbt bald jemand; aber sie bringen auch Glück und Reichtum. Die Totengöttin Perchta ist von Heimchen, den Seelen der Gestorbenen, umgeben.

Auch als Katze erscheint die Seele in der Volkssage (D. S. Nr. 249).

Wegen ihres schnellen Entschwindens wird die Seele geflügelt, als Vogel oder Insekt gedacht. Althochdeutsche Glossen kennen den durch seinen schauerlichen Ruf einen nahen Sterbefall ankündigenden Vogel, der gern auf Friedhöfen weilt, die wilde Holztaube (got. hraiwadubo Leichentaube) und die E u 1 e. Hölzerne Tauben, auf Stangen gesteckt, die, wenn einer in der Fremde gestorben war, nach jener Richtung hin Kopf und Schnabel drehten, wo der Tote begraben lag, errichteten die Langobarden auf ihrem Grabfelde außerhalb der Stadt Pa via (Pis. Diac. 5, 34). Aschenbrödel pflanzt ein Reis auf der Mutter Grab, netzt es mit ihren Tränen, bis es ein schöner Baum wird, geht alle Tage dahin, weint und betet; und allemal kommt ein weißes Vöglein auf den Baum und wirft herab, was sie gewünscht hat (K. H. M. Nr. 21). Nicht der Baum beschenkt, sondern die ihn bewohnende Seele der verstorbenen Mutter; mit dem Vogel läßt sich die Seele der Mutter auf das Bäumchen des Grabes nieder; sie kündet auch dem Königssohn an, wer die rechte Braut ist. „Ein Vogel heißt Caradrius (Brachvogel); mit ihm kann man erfahren, ob ein Kranker sterben oder genesen wird. Wenn er sterben wird, kehrt sich der Caradrius von ihm; wenn er aber genesen wird, kehrt sich der Vogel zu dem Manne und nimmt des Mannes Unkraft an sich“ (ahd. Physiologus). Ahd. holzrüna, holzmuoja, holzfrowe bedeuten weibliche Waldgespenster; holzmuoja (got. raawi Mädchen), übersetzt, aber auch in ahd. Glossen die Eule (holzmowa), die als Unheil und Tod verkündender Vogel auch holzrüna hieß. Wenn ausdrücklich dabei von ihrer einer alten Frau ähnlichen Stimme die Rede ist, so weist das auf einen volkstümlichen Namen wie „Klagemuhme, Klagemutter“ oder bloß „Wehklage“ hin. Läßt sich die „Klagemutter“ abends sehen, so muß sterben, wer sie angreift. Die „Klage“ erscheint als ein den Tod vorhersagendes Gespenst; am Lechrain führen Eule und Käuzchen den Namen Holzweibl. Das bewegte abergläubische Gemüt glaubt bei ihrem Geschrei die Worte zu hören: „Komm mit! geh mit!“ Das Käuzchen setzt sich wochenlang vor des Kranken Fenster und ruft klagend „komm mit“, bis dem Sterbenden der letzte Atem ausgegangen ist. In Braunschweig geht das „Klageweib“ nächtlicherweile in Sturm und Regen auf den Wiesen um, ist in Linnen gehüllt und hat glue Augen; schwebt es mit klagender Stimme über ein Bauernhaus weg, so stirbt dort bald ein Insasse. Die Klagemutter, die auch als Eule erscheint, ist also die das Haus beschützende Ahnfrau, darum wird sie im Münchener Nachtsegen beschworen: „Klagemutter, gedenke mein zum Guten!“ Darum fliegt auch die Eule dem wütenden Heere vorauf; in Schwaben und Thüringen heißt sie Tutosei, Tuturschel, am Harz Ursula (D. S. Nr. 311), in Tirol Vogel vom Röschner (= Fuhrmann, Roßknecht); ihre Zugehörigkeit zur wilden Jagd ist also augenscheinlich. Im Märchen vom Machandel boom (K. H. M. Nr. 47) wird das von der Stiefmutter ermordete und verscharrte Kind in einen Vogel verwandelt, und Gretchen singt:

Mein Schwesterlein klein,

Hub auf die Bein,

Da ward ich ein schönes Waldvögelein.

Der Storch hieß ahd. odebero, mhd. odebar; das Wort wird als der Seelenbringer erklärt (ahd. atum, nhd. Odem) oder als der Glücksbringer (ahd. öt, Glück, Reichtum). Ein sehr alter Aberglaube, der schon von Gervasius von Tilbury (3, 73) erwähnt wird, ist der, daß die Störche nur bei uns in Vogelgestalt leben, in den fernen Gegenden aber, nach denen sie im Herbste abziehen, Menschen sind, die sich alle Jahre auf einige Zeit verwandeln. Dieser Glaube herrscht noch jetzt in Ostpreußen, Westfalen und in den Niederlanden. Fast allgemeiner Kinderglauben ist, daß der Storch die kleinen Brüder und Schwestern bringt; er holt sie mit seinem langen Schnabel au3 dem Wasser, dem Aufenthaltsorte der Seelen, und trägt sie den Menschen zu. Auf Rügen muß das Geschäft des Kinderbringens gewöhnlich der Schwan verrichten.

In Tirol sagt man für „Du hast damals noch nicht gelebt“ „Du bist noch mit den Mücken herumgeflogen“. Noch 1479 wurden die Insekten vom Bischof nach Bern vor Gericht geladen und es wurde ihnen ein Advokat gestellt. Als die Beklagten nicht erschienen, wurden sie dazu verurteilt, bei Strafe der Exkommunikation das Land zu räumen; sie wurden also wie Menschen behandelt. Die älteste Erzählung dieser-Art stammt aus dem 8. Jhd. (Pis. Diac. 6, 6; D. S. Nr. 404).

Außerordentlich weit verbreitet ist der Glaube, daß die Seele, die immer bereit ist, fortzufliegen und in einen anderen Körper zu fahren, sich in einen Schmetterli ng verwandele. Aber während er uns als holder Frühlingsbote lieb und willkommen ist und als ein Sinnbild der Fortdauer nach dem Tode erscheint, war es alter Volksglaube, daß Hexen und andere seelische Wesen die Gestalt von Schmetterlingen annehmen und in dieser Verhüllung einem ihrer Hauptgeschäfte, dem Verderben der Milch- und Buttervorräte, nachgehen. Schmetterling ist vielleicht abgeleitet vou nhd. Schmetten, Milchrahm, weswegen er auch Schmantlecker heißt. Auch seine anderen Namen stehen mit Milch, Butter, Molke in Beziehung. Er heißt Molkentöver (Molkenzauberer), Molkendieb, Milchdieb, Butterlecker; wegen seiner angeblichen Leidenschaft, die Milch aus den Eutern der Kühe zu ziehen oder von der Butter zu naschen, hat er auch den Namen Buttervogel, Butterfliege, wenn man auch später den Namen besonders auf die gewöhnliche gelbe Art (Zitronenfalter) beziehen mochte. Ein feindliches Wesen dieser Art meint der Züricher Segen gegen Verzauberung des Hausviehes; sobald sein Name genannt ist, wird es wie der Alp unschädlich :

„Wohlan, Wicht, daß da weißt, daß du Wicht heißest; daß du weder weißt noch kannst attssprechen Kuhbezauberung.“

Der Schmetterling heißt auch Ketelböter, Kesselheizer, weil er als nächtliches Wesen das unter dem siedenden Kessel brennende Feuer scheut. Schon im 6. Jhd. wird den suevi-schen Bauern in Asturien verboten, den Motten und Mäusen au einem bestimmten Tage Zeug und Brot auszusetzen, um sie für das ganze Jahr abzuspeisen und sie ,,wie einen Gott zu verehren“. (Martin von Bracara [Residenzstadt der suebischen Könige, Braga in Portugal], in seiner Bauernpredigt [de correctione ad rusticos K. 11], zwischen 572 und 574; s. u. Gottesdienst im Wirtschafts verbände). In Niedersachsen und am Niederrhein wird im Frühjahre das Gehöft dreimal umschritten, mit hölzernen Hämmern an die Pfosten geklopft uiid der Sommervogel, Süntevügel (geschwinder Vogel ?) oder Sullevogel (der an der Schwelle sitzende Vogel), d. i. der Schmetterling unter Hersagen eines altertümlichen, abwehrenden Spruches nebst den Schlangen und Molchen vertrieben. Die Schmetterlinge erscheinen als Verkörperungen der feindlichen Geister, die sich im Winter in Haus und Hof eingenistet haben und nun bei beginnendem Frühjahr in feierlicher Weise verjagt werden. Der Landraann sieht in ihnen verwandelte, Milchstehlende Hexen, und unterbliebe der Brauch, so würden sich im Sommer die Molkentöver bei den Milchnäpfen versammeln und das Haus würde von allem möglichen Ungeziefer geplagt werden.

Auch Pflanzen und Bäume sind der Wohnsitz der dem Menschenleibe entrückten Seelen.

Die Seelen Liebender oder unschuldig Gemordeter wandeln sich in weiße Lilien und andere Blumen, die aus dem Grabe oder aus dem hinströmenden Blute hervorsprießen. Aus dem Munde eines in der Schlacht gefallenen Königs wuchs eine stattliche Eiche hervor. König Marke läßt das treue Liebespaar Tristan und Isolde in zwei Särgen bestatten,

Doch eine Rose, einen Reben
Sah man sich aus den Gräsern heben
Und innig sich verschlingen.

Aus dem Grabe eines Erschlagenen erwuchs ein Rohrstengel; den schnitt ein Schäfer ab und machte eine Flöte. Aber wie er darauf blies, sang sie: 0 Schäfer fein, o Schäfer fein, du bläst auf meinem Beinelein, und so kam der Mord an den Tag (vgl. K. H. M. Nr. 28).

Harte Strafen waren den Baumschälern angedroht; denn der Wipfel stellte den Kopf, die deckende Rinde die Haut, der umwickelnde Bast die Eingeweide des Baumes, als eines beseelten, menschenartig empfindenden Wesens dar. Der frevelnde Mensch mußte mit dem entsprechenden Teile seines Körpers gut machen, was er an jenem gesündigt hatte. Heilige Bäume und andere Pflanzen bluten bei Verletzungen, als wären sie leibhafte Menschen. Walther Teil (III, 3) fragt seinen Vater, ob es wahr sei, daß die Bäume bluten, wenn man einen Streich drauf führt mit der Axt, und daß dem Frevler die Hand zum Grabe herauswachse. Allgemein herrscht der Glaube, daß der Hieb in den Baum und in den Leib des Ruchlosen zugleich gehe; ja, daß die Wunde am Leibe nicht eher heile, als der Hieb am Baume vernarbe. Umgekehrt können Gebrechen des Menschen durch den Baum ausgeglichen werden. Schon im 7. Jhd. eifert Eligius (588— 659) gegen den Brauch, durch einen hohlen Baum zu kriechen oder Tiere zu treiben. So zieht man noch heute ein krankes Kind durch ein Weidenstämmchen und verbindet den Spalt wieder; sobald er verwächst, wird das Kind gesund. Für den so Geheilten ist es fortan gefahrvoll, wenn der mit ihm in Sympathie gebrachte Baum abgehauen wird; sein Leben geht mit dem des Baumes zugrunde. Stirbt der Mensch zuerst, so geht sein Geist in jenen Baum über, und wird der letztere nach Jahren zum Schiffsbau benützt, so entsteht aus dem im Holze weilenden Geiste der Klabautermann, d. h. der Kobold oder Schutzgeist des Schiffes und der Schiffsmannschaft. Ist die Seele des Verstorbenen in den Baum übergegangen und hat sie ihn gleichsam mit menschlichem Leben erfüllt, so daß Blut in seinem Geäder umläuft, so läßt sie sich zugleich aber noch außerhalb des Baumes, in dessen Nähe, als Schatten in Tier- oder Menschengestalt sehen. Ihr Anschauen verursacht Krankheiten und Plagen, wiederum verhüllte Anblick von Geistern stets Gefahr bringt. Wird sie durch Vernichtung des Baumes frei, so vereinigt sie sich mit dem Winde und tobt in der wilden Jagd daher. Darum nimmt der Schutzgeist des Einzelnen wie der ganzer Geschlechter in einem Baume Wohnung. Dem jungen Paare werden bei der Hochzeit grüne Bäume vorangetragen, und ein grüner Baum prangt auf dem Wagen, der die Aussteuer der Braut in die neue Heimat führt: es ist der Schicksals- oder Lebensbaum der jungen Leute, der aus dem heimatlichen Boden verpflanzt künftig auch in dem neuen Wohnsitze grünen, wachsen und Früchte bringen soll. Der Fortreisende verknüpft sein Leben sympathetisch mit einer daheirableibenden Pflanze.

Im Märchen von den zwei Brüdern (K. H. M. Nr. 60) stößt der fortziehende sein Messer in den Baum vor der Tür des Vaterhauses: solange es nicht roste, sei das ein Zeichen, daß er selbst gesund sei wie der Baum. Im Märchen von den Goldkindern (K. H. M. Nr. 85) lassen die beiden Jünglinge, als sie ausziehen, um die Welt zu sehen, ihrem Vater ihre beiden Goldlilien zurück: an ihnen kannst du sehen, wie es uns ergeht; wenn sie frisch sind, befinden wir uns wohl; wenn sie welken, sind wir krank; wenn sie abfallen, sind wir tot.

Wiederholt war die Rede davon, daß die Seele, die den Körper verlassen und Tiergestalt angenommen hat, die Zukunft kennt. Noch heute glaubt man z. B., daß der Hund besonders den Tod wittert, den Leichenzug sieht und durch sein Heulen bevorstehendes Unglück des Hauses anzeigt. Wenn das Pferd die Mähne sträubt und ängstlich tut, sieht es einen Leichenzug. Ein über den Weg laufender Hase oder eine Katze bedeutet Unglück, eine begegnende Schafherde Glück.

Ein alter Zug in den Märchen ist, daß die Tiere, besonders die Vögel, sprechen und die Zukunft vorauswissen. Fast unübersehbar ist die Reihe der hierher gehörenden abergläubischen Vorstellungen. Aber das Volk weiß nicht mehr, daß die Seele des Verstorbenen, die in Tiergestalt erscheint, Glück und Unglück bringen kann, sondern schreibt den Tieren selbst den Einfluß auf den Menschen zu.

Auch im Traum erscheint die Seele, die den Leib verlassen hat, dem Menschen in Tiergestalt und offenbart ihm die Zukunft.

Kriemhild träumt, ehe sie noch von Siegfried etwas vernommen hat, wie ein schöner, starker Falke, den sie gezogen, von zwei Aaren (Günther und Hagen) ergriffen wurde. Ihre Mutter Ute deutet dieses auf einen edlen Mann, den Kriemhild bald verlieren werde (N. L. 13 ff.).

In dem ältesten deutschen Romane, dem Ruodlieb (um 1030), siebt die Mutter des Helden im Traume zwei Eber und eine große Anzahl von Säuen mit ihren Hauern drohend auf Ruodlieb eindringen, doch er tötet sie alle. Dann sieht sie ihn auf einer hohen, breitwipfligen Linde sitzen, umgeben von den kampfbereiten Seinen. Da kommt eine schneeweiße Taube, d. h. die Seele der ihm bestimmten Königstochter, bringt Im Schnabel eine kostbare, edelsteingescbm&ckte Krone und setzt sie Ruodlieb auf das Haupt. Obwohl die Mutter wußte, daß damit Ehre verkündigt wäre, fürchtete sie doch, da sie aufgewacht war, ehe der Traum zu Ende war, daß sie vor seiner Erfüllung sterben müßte (17, 85—128). Die Verkündigung des Geschickes im Traum ist ein beliebtes Motiv der mhd. Dichtung; oft ist es ein Engel, der dem Träumenden Befehle gibt, ihn warnt, an seine Pflicht erinnert und gutes Ende voraussagt. In ganz Deutschland Anden sich noch heute auffallend übereinstimmende Traumdeutungen. Läuse und anderes Ungeziefer bedeuten Geld, ein Wagen mit Schimmeln, oder Schimmel überhaupt, weiße Mäuse bringen Tod. Leichen bedeuten eine Hochzeit, eine Hochzeit hingegen Leichen, und zwar sterben die, die man als Brautleute gesehen hat.

Der Glaube, daß sich gewisse Menschen durch natürliche Begabung oder durch magische Künste auf eine Zeitlang in wilde Raubtiere verwaudeln können, ist über die ganze Welt verbreitet. Der Werwolf, das uralte Geschöpf westarischer Phantasie, lebt bis auf den heutigen Tag im europäischen Volksglauben fort. Es ist dieselbe Vorstellung, die wir bei den Naturvölkern Asiens und Afrikas vorfinden, nur daß hier statt des Wolfes das Raubtier ihrer Heimat, meist der Tiger oder die Hyäne eingesetzt ist. Mit dem Glauben, daß eine Seele nur vorübergehend den Menschen verläßt, um in der Zwischenzeit in einem Tiere ihren Sitz zu nehmen, und mit der Meinung, daß die Menschen nicht eingestaltig sind, sondern in Tiere verwandelt werden können, scheint eine Art Geisteskrankheit, die Lykanthropie, zusammen zu häugen. Der von dieser wahnsiunigen Täuschung Ergriffene wähnt sich zum Wolf verwandelt, ahmt tierische Bewegungen und Laute nach und fällt mordsüchtig lebende Wesen an.

Ahd. Weriwolf, in Passauer Urkunden des 9. Jhd., ags. werewulf, engl, werewolf bedeutet Mannwolf: der Werwolf ist ein in Wolfsgestalt gespenstisch umgehender Mann. Die neueste Erklärung ,,Kleidwolf Wolf, der es erst durch sein Gewand geworden ist“ (nhd. wariwulf, got. wasjan. as. werian, kleiden) ist nicht haltbar. Bonifatius verbietet, an Hexen und Wölfe zu glauben, die nur in der Einbildung leben. Bei Bure har d, Bischof von Worms (f 1025), heißt es von den Schicksalsgöttinnen, daß man glaube, sie könnten einen Menschen zu dem bestimmen, was sie wollten, daß nämlich ein solcher sich nach Belieben in einen Wolf verwandeln könne, was die Torheit der Menge Werwolf nennt, oder in irgend eine andere Gestalt. Ein oberdeutscher Beleg des 13. Jhd. findet sich bei Berthold von Regensburg, der unter den Vergehen wider das fünfte Gebot auch die Taten des Werwolfes aufzählt. Gervasius von Tilbury sagt: wir haben oft Menschen sich in Wölfe verwandeln sehen, welche Menschen die Gallier „gerulfi“ nennen, die Angeln aber ,,werewolf“; denn were bedeutet auf englisch einen Mann, ulf den Wolf; er gibt also bereits eine Erklärung des Namens, und diese älteste Deutung wird auch die richtige sein. In den Gesetzen König Knuts (11. Jhd., Nr. 26) wird den Priestern befohlen, die Herde vor dem Werwolf (gemeint ist der Teufel) zu hüten.

Ein Mann, der aus seinem Erbe vertrieben war, irrte in den Wäldern umher, und wurde aus Verzweiflung zum Wolf, verschlang Kinder und beschädigte auch Alte. Endlich wurde ihm einmal von einem Zimmermanne ein Fuß abgehackt, und sofort bekam er seine menschliche Gestalt wieder. Er versichert darauf öffentlich, daß ihm der Verlust des Fußes vom größten Heile sei, da ihn derselbe vom irdischen Elend und den jenseitigen Folgen seiner Tierverwandlung befreit habe (Gerv. v. Tilb.). Im Jahre 1589 gestand ein Mann aus der Nähe von Köln, zwanzig Jahre lang eine teuflische Buhle gehabt zu haben, diese habe ihm einen Gürtel geschenkt, durch den er zum Wolf geworden sei; in dieser Gestalt habe er fünfzehn Knaben, zwei Weiber und einen Mann gewürgt, jedoch nur das Gehirn von ihnen gegessen. — Ein Schäfer wurde von einem Wolfe angefallen und hieb ihm mit dem Beil in die Hüften. Darauf fand er im nächsten Busch ein Weib aus dem Dorfe, das ihm spinnefeind war, wie sie mit den Fetzen ihres Rockes eine starkblutende Wunde stillen wollte. Die Hexe wurde verbrannt (D. S. N. 213—215). — Einem Bauer in Niederselk begegnete auf dem Felde eine alte Wölfin, die sprang immer auf sein Pferd zu, um es am Halse zu packen. Da kam dem Bauer ihre Stimme bekannt vor und er rief: „Btist du dat, min olle Möhm, odder büst du dat nich?“ Da stand seine eigene alte Mutter in leibhaftiger Gestalt vor ihm und konnte kein Glied röhren. Der Bauer hob sie auf seinen Wagen und brachte 9ie nach Hause. Es dauerte aber nicht lange, so starb sie.

Noch in unseren Tagen sind Sagen vom Werwolf, besonders im Norden und Nordosten Deutschlands, lebendig. Der Gestaltenwechsel ist in naiv sinnlicher Art gedacht als das Hineinschlüpfen in eine andere Hülle, oder die Menschen legen einen Gürtel aus Wolfsfell an und werden zu diesen Tieren mit deren wilden Eigenschaften Die Verwandlung dauert gewöhnlich neun Tage, die mythische alte Zeitfrist. Wirft man am zehnten Tage Eisen oder Stahl über einen Werwolf, so wird er in seine nackte Menschennatur zurückgewandelt. Er wird auch wieder zum nackten Menschen, wenn man ihn dreimal bei seinem Namen ruft. Diesen Glauben berührt auch Goethes Zigeunerlied in der Bühnenbearbeitung des Götz (5. Aufzug).

Man erkennt einen Menschen, der ein Werwolf ist, daran, daß er Faseru zwischen den Zähnen hat (diese rühren von den zerrissenen Kleidern her) oder an den zusammengewachsenen Augenbrauen, oder er hat am Kreuz ein Wolfsschwänzchen oder auf dem Kopfe zwei Wirbel. Die Werwölfe hausen in den Zwölften; man darf in dieser Zeit den Wolf nicht mit seinem Namen nennen, sondern nur „das Gewürm oder Ungeziefer“, sonst wird man von Werwölfen zerrissen. Ein Bauer soll einmal sogar seinen Pfarrer, der Wolf hieß, in dieser Zeit „Herr Ungeziefer“ angeredet haben.

Eine Abart des Werwolfs ist der Böxenwolf; das ist ein Mensch, der mit dem Teufel im Bunde steht und durch Umschnallen eines Gürtels ein riesenstarker Wolf wird, um andere Leute zu quälen. Besonders liebt er es, wie die Mare oder der Alp, dem Menschen auf den Rücken zu springen und sich eine Strecke weit tragen zu lassen. In Westfalen, Hessen und im Schaumburgischen gibt es kein Dorf, wo sich nicht jemand fände, dem dies schon begegnet sein soll. Der Name scheint auf das plattdeutsche böxen — Hosen — zurückzuführen und einen Wolf zu bezeichnen, der Hosen trägt, also einen männlichen Werwolf.

Nicht immer ist der Werwolf ein verwandelter lebender Mensch, sondern ein dem Grabe in Wolfsgestalt entstiegener Leichnam. Der Werwolf hat im Grabe keine Ruhe und erwacht wenige Tage nach der Bestattung. Dann wühlt er sich, nachdem er das Fleisch von den eigenen Händen und Füßen abgefressen hat, um Mitternacht aus dem Grabe hervor, fällt in die Herden und raubt das Vieh, oder steigt in die Häuser, legt sich zu den Schlafenden und saugt ihnen das warme Herzblut aus; nur eine kleine Bißwunde auf der linken Seite der Brust zeigt die Ursache ihres Todes an. In diesen Sagen ist deutlich die Vorstellung von der Verwandlungsfähigkeit der Seele mit dem unheimlichen Glauben an den blutsaugenden Alp verbunden.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut

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    25. August 2015

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