Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott

Die rohe Verehrung des Barbaren für die wirkliche Flamme, die ihm beweglich, heulend und verzehrend wie ein wildes Tier erscheint, hat nichts zu tun mit der höheren Auffassung, die jedes besondere Feuer als Tätigkeit und Offenbarung eines allgemeinen Elementarwesens, des Feuergottes, betrachtet. Von dem geistervertreibenden Zauberfeuer ist das Feuer zu trennen, das zur Übermittelung von Gaben an die Götter dient und dem selbst eine Spende gebracht wird. Die Verehrung der Lichtgötter scheint den eigentlichen Feuerkult übernommen zu haben; weil man in dem irdischen Feuer ein Abbild des himmlischen Sonnenfeuers sah, wurde es gewissermaßen ein Symbol des Ilimmelsgottes. An Stelle der alten Feuergötter traten erhabenere schönere Göttergestalten.

Die älteste germanische Bezeichnung für den steinernen Herd ist das Wort Ofen (got auhns, ahd. ovan, an. ön), dessen Grundbedeutung „Schleuderstein, harter Stein, Felsstück“ ist. Der Herdstein galt als ein von dem Gotte vom Himmel auf die Erde geschleuderter Stein; der Blitz, der rasselnd wie Steine durch die Wolken fährt, erscheint als Stein verkörpert auf der Erde und zwar als Donnerstein. Im Blitzfeuer stieg der Gott auf die Erde, um am Herde Wohnung zu nehmen; darum durfte das Feuer niemals erlöschen, das auf dieser heiligen Stätte brannte. Nur einmal im Jahre ließ man es ausgehen und zündete neues an, das nach uraltem Brauche durch Drehung zweier Hölzer hervorgerufen wurde: dann wurde die Gottheit neu geboren. Wenn ein Ehebündnis geschlossen wurde, schlug der Priester über dem Haupte des jungen Paares Feuer an, um mit diesem Symbole anzudeuten, daß von ihnen, ebenso wie von dem Steine die Funken, neues Leben ausgehen sollte. Noch heute wird in Norddeutschland die junge Frau dreimal um den Herd geführt, auf dem ein frisches Feuer brennt, wenn sie ihr neues Heim betritt. Doch galt später auch der Gewittergott als Herdgott und Beschützer des Hauses. In Brandenburg und Westfalen wird die Braut an den Herd geleitet, auf einen Stuhl gesetzt und ihr Zange und Feuerbrand in die Hand gegeben. Der Kärntner Bauer pflegt das Feuer zu füttern, um es freundlich zu stimmen, indem er Speck oder Fett hinein wirft, damit es in seinem Hause nicht brenne. Weim das Feuer im Ofen braust, wirft man im Fichtelgebirge Mehl und Brosamen hinein. In der Oberpfalz werden zur Stillung des Brandes Katzen in das Feuer geschleudert. Ähnliche Gebräuche ßnden sich in der Schweiz, im Elsaß, in Bayern, Hessen, Schlesien und England. Ags. Gesetze um 1030 verbieten, heidnische Götter zu verehren und zählen neben der Sonne ausdrücklich das Feuer auf. Auf die Flamme des Herdes oder des Ofens zu achten verbietet der Indiculus (Nr. 17 de observatione pagana in foco), weil man dem Feuer und dem Rauche heilende und weissagende Kraft zuschrieb. Ebenso verbietet die Kirche, Wasser auf den Herd zu schütten, d. h. Trankopfer zu bringen. Vielleicht gehört auch hierher das Beschütten des Holzes auf dem Herde mit Früchten und Wein (Mart. v. Brat. 10; Primin 22; Burchard.). Besonders lebendig tritt das Feuer in alten Beschwörungen und Segen auf. Es wird angeredet:

„behalt dein Funk und Flammen“

oder:

„Feuerglut, du sollst stille stehn“

oder:

„Brand, du sollst nicht brennen, Brand, du sollst nicht sengen.“

Nach Cäsars Zeugnis kannten die Germanen einen Feuergott, den er mit Vulcanus wiedergibt (6,21). Die niederdeutsche Wielandsage, die sich aus den verschiedensten mythischen Elementen zusammensetzt, in der Erinnerungen an die Elbe, Zwerge und Schwanjungfrauen enthalten sind, hat auch Züge des deutschen Feuergottes auf Wieland übertragen. In allen germanischen Landen begegnet seit früher Zeit ein Bildner kunstvoller Waffen; berühmte Brünnen und Schwerter sind Wielands Werk (Beov. 455, Waltharius 965, ags. Waldere). Im Mittelalter werden die Schmiedewerkstütten „Wielands Häuser“ genannt, und Verbindungen in Ortsnamen wie Welantes gruoba, Wielantes heim, tanna, stein, Wielandes brunne (825), Welandes stocc (903), smidde (Schmiede 955), aus Walter Scotts Roman Kenilworth bekannt, kommen vor; in einer Urkunde von St. Gallen tritt ein Zeuge Vvielant auf (864). In Berkshire wohnte nach der Volkssage des 18. Jhds., die aber, wie der Ortsname Wielands Schmiede zeigt, in die ags. Zeit zurückreicht, ein zauberhafter Schmied Wieland. Wenn das Pferd eines Reisenden ein Hufeisen verloren hatte, brauchte man es nur dorthin zu bringen, ein Stück Geld auf den Stein zu legen, wo der unsichtbare Meister wohnte, und nach kurzer Zeit war das Pferd neu beschlagen. Eine alte Chronik des 12. Jhds. bezeichnet die Stadt Siegen in Westfalen als Wielands Werkstätte, und nach niederdeutscher Überlieferung ist der Berg Ballova, das Städtchen Balve im westfälischen Sauerland, der Schauplatz von Wielands Lehrlingszeit, wo er von den Zwergen unterrichtet wird, ln Niedersachsen leben zahlreiche merkwürdige Schmiedesagen fort und zeigen, wie tief die sagenumwobene Gestalt des kunstreichen Schmiedes in nd. Anschauung wurzelt. Übereinstimmend mit der Sage, die von Wayland smith in Berkshire ging, berichtet eine niedersächsische Erzählung: In einem Berge hei Münster wohnte ein Schmied, der den Leuten alles verfertigte, was sie brauchten; sie legten das Eisen an einen bestimmten Ort, und am nächsten Morgen war das Gewünschte fertig. In der Nähe der alten Abtei Iburg wird dieselbe Sage von einem Schmiede erzählt und noch der Eingang zu einer Höhle gezeigt, auf den man das Geld legen mußte. Dieser ganz ursprüngliche Schmiedemythus, der im Volke noch heute fortlebt, war von den Deutschen auf Wieland „den in der Anfertigung von Kunstwerken geschickten“ (welwand) bezogen, noch ehe die Angelsachsen ihre neue Heimat aufsuchten, und da das Feuer die Bedingung des Schmiedens ist, wurden auch Züge des Feuergottes auf ihn übertragen.

Wieland hat einer Schwanjungfrau das Gewand geraubt und neun Jahre mit ihr in glücklicher Ehe gelebt, bis sie ihr göttlicher Herr, Wodan, wieder zurückberuft. Einsam bleibt er zurück und arbeitet kunstvolles Geschmeide, faßt Edelsteine in rotes Gold und wartet auf die Wiederkehr der holden Frau. Als er in süßer Erinnerung an die Geliebte tief in Gedanken versunken dasitzt und Träume ihn umfangen, wird er von König Nldhad, „dem Neider, Hasser“, überfallen und der Schütze beraubt, die Sehnen der Kniee werden ihm durchschnitten, damit er nicht entfliehen könne. Auf einsamer Stätte muß er, in Sorge und Sehnsucht sich verzehrend, dem Könige Kleinode mancherlei Art schmieden. Zu langsam verstreicht dem Hachebrütenden die Zeit. Endlich findet er Gelegenheit, dem Nldhad sein winterkaltes Elend und seinen Kummer zu vergelten. Wie im Märchen vom Machandelbaum (K. II. M. Nr. 47) die Stiefmutter den Knaben tötet, so schlägt Wieland mit dem fallenden Deckel seiner Schatztruhe die Häupter der beiden Königssöhne ab und fertigt aus ihren Schädeln Becher für den Vater an, und aus ihren Gebeinen Schmucksachen für Nidhads Tochter Baduhilt. Diese spielt ihm selbst einen wunderbaren King in die Hand, der Flugkraft und Verwandlung in Schwanengestalt verleiht, wird durch einen Zaubertrank verführt und erliegt seiner wilden Begier und Rache. Lachend schwingt er sich in die Luft und entschwebt, froh der wiedererlangten Freiheit.

Obwohl der Hing ein altes mythisches Kleinod ist (S. 11), wird doch der Kern der alten Sage gewesen sein, wie sie schon auf dem Festlande ausgebildet war, daß Wieland ohne fremde Hilfe sich befreit. In einem ags. Gedichte, in der auf nd. Überlieferung beruhenden Thidrekssage und einem der ältesten Eddalieder, das gleichfalls deutschen Ursprungs ist, treten als die Hauptpunkte der Sage hervor: Wielands Sehnsucht nach der entflohenen Gattin, der nächtliche Überfall, die Lähmung, die furchtbare Rache und Befreiung; deutlich zeigt sich überall die halb göttliche, halb tückische Natur Wielands. Alt mag auch der Zug der nd. Sage sein, daß Wieland das erste Schiff erfindet. In frühester Zeit ward ein Nachen dadurch hergestellt, daß ein Baumstamm mit Feuer ausgebrannt wurde, um die Höhlung zu gewinnen. Für seine Silber- und Goldarbeiten bedurfte Wieland der Hilfe des Feuers, ebenso für die Schwerter, die er in seiner Esse schmiedete. Alles das kennzeichnet Wieland als Schöpfer von Kunstgebilden mit Feuers Hilfe, als Dämon oder Gott des Feuers. Auch seine Lähmung und Fesselung mag irgendwie damit Zusammenhängen. Andererseits gemahnt in dem Bilde des verschlossenen, scheu gemiedenen, in verhältnismäßiger Unabhängigkeit und außerhalb des Hauses des Herrn arbeitenden, doch an die Scholle gefesselten Schmiedes manches an den N älteren, vertriebenen, zwerghaft eil Urbewohner, besonders seine Bosheit und sein Zaubertrug (S. 122/3).

Die Verbindung der Wielandsage mit der vom Raube der Sehwanenjungfrau ist vielleicht nicht ursprünglich, war aber sicher bereits im 5. Jhd. vollzogen, und Wielands Beziehungen zu ihr wie zu Baduhilt entsprechen dem Wesen des Feuergottes. Aus dem weißen Nebel der irdischen Gewässer stammen die lieblichen Gestalten der Schwanenmäd-clien; daß dieser Teil der Sage schon vor der Übersiedelung nach England hinzugetreten ist, zeigen das ags. und an. Gedieht, und die Ortsnamen Wielandsbrunnen und Wielandstann, denn um Wald und Weiher schweben die holden Göttinnen, und eine von ihnen fängt Wieland im Bache. Der Dampf der Schmiedeesse führt zu dem Nebel des Wassers. Ohne Luft und Wasser ist das Feuer des »Schmiedes machtlos. Die verheerende, tückische Natur des Feuers spiegelt Wielands Rache an Nidhads Kindern wieder. Sein Aufenthalt endlich im Berge, bei den Zwergen, zeigt ihn gleichfalls als Herrn des irdischen Feuers; denn auch das Erdinnere birgt Feuer, und die schmiedenden Zwerge schaffen an der Bereitung des Erzes, das wir dem Innern der Erde entnehmen.

Der Kirche mußte die Person des tückischen Schmiedes willkommen sein, um an ihr den* christlichen Begriff des Bösen zu veranschaulichen. Schmied und Teufel haben im späteren Volksglauben zahlreiche Züge gemeinsam. Der Teufel ist der „svarze meister“ in der rußigen Hölle, treibt unsichtbar seine Arbeit, schmiedet und baut wie Wieland und ist vor allem Hinkebein, ags. hellehinca.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise

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