Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.

Der Tag wird allnächtlich von der Nacht verschlungen, um zur Zeit der Morgendämmerung wieder freigelasscn zu werden. Sagen und Märchen von einem Helden oder einer Jungfrau, die von einem Ungeheuer verschlungen und später wieder befreit werden, haben sich in der Volksmythologie erhalten. Wenn sieh das Licht der Sonne oder des Mondes verfinsterte, dann glaubte man, der klaffende Rachen eines Wolfes drohte sie zu verschlingen. Überreste dieses alten Glaubens bekunden sich vornehmlich in dem lärmenden Geschrei, das zur Verteidigung der gefährdeten Gestirne und zum Abschrecken des Verfolgers erhoben wird, auch durch Waffen suchte man den Bedrängten zu Hilfe zu kommen. Die Bekehrer griffen den heidnischen Aberglauben an und verboten, solche Rufe auszustoßen und „siege Mond“ (vincc liiua) zu schreien, um dem Monde in seiner großen Bedrängnis beizustehen (Primin, Indiculus Nr. 21), oder Mondfinsternisse durch Kübel- und Kesselsehlagen zu vertreiben (Burchard). „Hast du die Überlieferungen der Heiden beobachtet“, heißt es in Burehards Beiclit-spicgel, „die sieh bis auf den heutigen Tag von Vater auf den Sohn gleichsam erblich fortpflanzen, das ist, daß du die Elemente verehrst, die Sonne, den Mond, den Neumond oder die Mondfinsternis? daß du durch dein Geschrei oder deinen Beistand ihm das Licht wiedergeben zu können glaubtest, als wenn nämlich von den Elementen dir oder ihnen von dir geholfen werden könnte?“ In alten Kalendern war das Bild von der Sonne oder dem Monde im Rachen eines Drachen ein Symbol zur Bezeichnung von Finsternissen. „Und stracks verschlingt den Tag die fürchterlichste Nacht“, heißt es in Wielands Oberon (Ges. V).

Auf ursprüngliche Naturmythen weist wahrscheinlich das Märchen von Rotkäppchen zurück (K. H. M. Nr. 26). Man ist geneigt, das Märchen von der kleinen süßen Dirne, die alle Leute so lieb haben, die mit ihrem schimmernden roten Samtkäppchen samt der Großmutter von einem Wolfe verschlungen wird, bis der Jäger dem schlafenden Tiere den Bauch aufschneidet und beide wieder gesund und heil herausspringen, als einen volkstümlichen Mythus von dem alten Gegensätze zwischen Licht und Finsternis, Sonnenaufgang und Untergang anzusehen. Nur darf man nicht den Jäger, der den Verschlinger, die Nacht, erlegt, als den Sonnengott auffassen, oder die Flasche Wein, die Rotkäppchen im Korbe trägt, als das belle Naß der Wolke deuten, das erquickend auf die Fluren niedertropft, oder das Schnarchen des Wolfes auf das ferne Rollen des Donners zurückführen. Im 10. Jhd. bereits wird von einem kleinen Mädchen erzählt, das eine rotgefärbte Kappe zum Geschenke erhielt und von einem Wolfe im Walde den Jungen zum Fräße vorgeworfen wurde; aber diese spielten mit ihm und streichelten ihm den Kopf. Das Mädchen sagte: „Zerreißt mir ja nicht diese Kappe, ihr Mäuse, denn die hat mir mein Rate geschenkt, als er mich aus der Taufe hob.“

Nahe verwandt ist das Märchen „der Wolf und die sieben Geislein“ (K. H. M. Nr. 5). Es erzählt, wie der Wolf die Geislein mit Ausnahme des jüngsten verschlang, das sich in dem Kasten der Wanduhr versteckt hatte. Wie im Rotkäppchen der Jäger, schneidet hier die heimkehrende Mutter dem Wolfe den Bauch auf und füllt ihn mit Steinen. Der Erzähler scheint nicht an wirkliche Zicklein und an einen wirklichen Wolf gedacht zu haben, sondern an die Tage der Woche, die von der Nacht verschlungen werden. Wie sollte er sonst auf den Einfall gekommen sein, daß er nur das jüngste nicht habe finden können? Es ist das Heute, dem er nichts anhaben kann. Der Uhrkasten ist natürlich junge Einfügung; er ist erst nach Erfindung der Uhren in das Märchen gekommen. —

Bei vielen Völkern, nicht nur hei den Indogermanen, wird das Verhältnis des Himmels zur Erde als ein bräutliches oder eheliches aufgefaßt. Im rauschenden Gewitterregen vollzieht sich ihre Vermählung. Der Dichter Logau gibt dieser Vorstellung in seinem bekannten Epigramm vom Mai Ausdruck:

Dieser Monat ist ein Kuß, den der Himmel gibt der Erde,

Daß sie jctzund eine llraut, künftig eine Mutter werde.

Geibel singt:

Der Himmel selbst ist tief herabgesunken,

Daß liebend er der Erde sich vermähle.

Hatte zunächst der Wechsel von Tag und Nacht die Einbildungskraft des Menschen beschäftigt, so lag es nahe, diese Anschauung zu erweitern und auf Sommer und Winter zu übertragen; so gehen auch in der Sprache die Bezeichnungen für Tag und Sommer in einander über: germ. *dagaz „Tag“, preuß. dagas „Sommer“. Die feindlichen Dämonen, die in ewigem Kampfe mit dem Tagesgotte liegen, werden die Widersacher des Natur- oder .Jahresgottes; sie trachten danach, ihm seine Macht und seine Gattin, die mütterliche Erde, zu entreißen. Die Dürre des Winters, oder seine unaufhörlichen Regengüsse, die starre Herrschaft von Frost und Eis werden je nach dem Klima die räuberischen Freier, die die Geliebte des Jahresgottes zur Zeit seiner Abwesenheit buhlen oder den Gott selbst gefangen halten, ursprünglich gewiß auch töten. Wenn aber die ersten Zeichen des Lenzes sich melden, erscheint der Gott wieder, wirft die Fesseln der Knechtschaft und das armselige Gewand der Flucht und Gefangenschaft ab, erschlägt im ersten Frühlingsgewitter die frechen Buhler und vereinigt sich wieder mit der harrenden Gemahlin. Bei der Dürftigkeit der deutschen Überlieferung ist es besser, sich mit diesen allgemeinen Andeutungen zu begnügen, als geistreichen Theorien zu Liebe Mythen zu erdichten und weittragende Schlüsse zu ziehen, die vor dem hellen, kalten Lichte nüchterner Forschung nicht bestehen können.

Ganz unsicher sind die Spuren von Sternenbildermythen. Bei den sächsischen Stämmen hieß die Milchstraße Iringsweg (s. u. Tius), und schon in alter Zeit scheinen die Germanen ein glänzendes Sternbild nach einem Helden Orendel benannt zu haben. Die frühzeitige weite Verbreitung dieses Namens vom 8.—11. Jhd. (ahd. Örentil, langobard. Auriwandalus 720, ags. Eärendel, an. Aurvandill, dän. Horvendil); das Vorkommen eines Heiligen Orentil und eines nach ihm benannten Sant Grendels sallc in der Grafschaft Hohenlohe; Ortsnamen wie Orendileshüs und Orendel-stein; endlich die Bemerkung der Vorrede zum Heldenbuche, „Orendel sei der erste Held, der je geboren wurde“, weisen auf alte mythische Beziehung hin. Bei den Angelsachsen heißt der Morgenstern Eärendel und im Norden ein Stern Aurwandils Zeh. Der Name bedeutet nicht den Flutenwaller, den auf der See hin und her Schweifenden (an. aurr „Feuchtigkeit“, sondern den Glanzliebenden, Morgenfrohen oder Glanzwandler (skr. vas, gr. ijotg, lat. aurora, ags. eär und von „sich freuen“, an. vanr „gewöhnt“); auch sein Vater Oeugel (ahd. ouga „Auge“, ougan „vor die Augen bringen, zeigen, weisen“) scheint der Zeiger oder Weiser zu sein, der als Gestirn den Weg weist. Ob und wieviel mythische Überlieferung in einem niederrheinischen Spiclmannsliede von König Orendel um 1130 bewahrt ist, oh es einen Mythus gegeben hat, nach dem Orendel auf einer Seefahrt ins Kiesenland hei Ise in Knechtschaft geriet, sich dort eine Jungfrau erwarb und mit ihr hcinikehrte, ist zurzeit völlig zweifelhaft. Eine deutsche Odyssee darf man jedenfalls nicht mehr rekonstruieren; denn es ist erwiesen, daß der Spielmann Motive des hellenistischen Koraancs, besonders des Apolloniusromans neben der Legende vom heiligen Rock’und allerhand Kreuzzugsanekdoten zusammengeschweißt hat. Vorläufig muß mau sich mit der nackten Tatsache bescheiden, daß die Verwendung und Bedeutung des Namens Orendel auf ein Sternbild gehen.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott

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