Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister

Auf einfachem Grunde erhebt sich das düster erhabene Bild der Schicksalsfrauen. Um den Alp zu besänftigen, der den Schläfer drückte und sein Blut aussaugte, stellte man Speise und Trank auf deu Tisch. Fand der Alp die angerichtete Mahlzeit vor, so verschonte er den Menschen mit seiner Verfolgung. Daraus entstand der Glaube, daß des Hauses Glück und Unglück an der Bereitung des Mahles hänge. Da mit besonderer Vorsicht die kleinen Kinder vor den Angriffen des Alps geschützt wurden, erweiterte sich der Glaube an die Macht des Alps über Glück und Unglück zu der Vorstellung, das den Glücksgeistern gerüstete Mahl sei von Bedeutung für das Schicksal des Neugeborenen wie für das ganze Leben des Kindes. So wurde die Mahr zur Verwalterin von Glück und Unglück. Sie besaß die Gewalt, die Seelen ihrer Bestimmung, Mensch zu werden, zu entfremden und in der Gemeinschaft der Seelen- und Alpwesen zurückzu halten. Daß in diesem Glauben die Vorstellung von den Schicksalsweibern ihre tiefste Wurzel hat, lehrt das Zeugnis Burchards von Worms. „Hast du geglaubt“, lautet eine Beichtfrage, „was einige zu glauben pflegen, daß jene, die im Volksglauben Parcae heißen, wirklich bestehen und bei der Geburt eines Menschen ihn zu dem bestimmen können, was sie wollen, nämlich daß ein solcher sich, wenn er will, in einen Wolf verwandeln kann, was die Torheit der Menge Werwolf nennt, oder in irgend eine andere Gestalt?“. Und eine andere Frage lautet: „Hast du getan, was einige Frauen zu gewissen Zeiten des Jahres zu tun pflegen, nämlich in deinem Hause einen Tisch angerichtet und Speise, und Trank mit drei kleinen Messern auf den Tisch gelegt, damit, wenn jene drei Schwestern kommen, die des Altertums Verkehrtheit und Torheit Parcae nannte, sie dort sich labten, in dem Glauben, daß diese drei Schwestern dir dann oder in Zukunft nützen könnten?“

Die älteste Tätigkeit der Schicksalsfrauen bestand also darin, dem Menschen bei seiner Geburt zu verleihen, daß er sich nach Belieben in einen Werwolf oder in eine andere Gestalt verwandeln könne, d. h. den Neugeborenen nicht zu einem richtigen Menschen werden zu lassen. Der Kultus, bestehend in Speiseopfern, bezweckte, die Schicksalsfrauen vom Kinde abzulenken. Norddeutsche Sagen dienen zur Erläuterung: Drei alte Weiber verwünschten einen Täufling zur Mahre; die eine sprach: das Kind soll eine Mahre werden und die Baumspitzen drücken. Die zweite stimmte ein, meinte aber, es solle den Dornbusch drücken. Die dritte aber sagte: nein, Wasser und Eis soll es billig martern (d. h. mährten). Ein Mann, der diese Reden zufällig belauschte, sagte es eiligst dem Vater de9 Kindes. Da wurden die drei Weiber vom Taufzuge ausgeschlossen, und das Kind war gerettet. — In Ostfriesland sagt man, von sieben Mädchen, aus einer Ehe unmittelbar aufeinander geboren, ist eins ein Werwolf. In Norddeutschland heißt es: die Mährte sei ein von den Paten verwünschter Mensch, und: wenn sieben Knaben oder sieben Mädchen in einer Familie sind, so ist eins davon ein Nachtmahr, weiß aber nichts davon hören. Ihr Gespinst ist Wöchnerinnen hilfreich, bringt aber auch den Tod. Das tötende Seil führt besonders die eine unter ihnen; sie gilt als die böse, als die grimme und trögt den Namen Held (Umhüllung, Umnachtung). Ihr Aussehen ist schwarz, das der anderen hell und weiß. So sind auch die Tage des menschlichen Lebens bald licht, bald dunkel. Zwölf weise Frauen erscheinen bei Dornröschens Geburt, jeder wird ein goldener Teller vorgesetzt. Sie beschenken das Kind mit ihren Wundergaben, Tugend, Schönheit und Reichtum, als die dreizehnte, die nicht geladen ist, zürnend hereintritt und den Fluch ausspricht, sie solle sich in ihrem fünfzehnten Jahre an einer Spindel zu Tode stechen. Die Zwölfte mildert den Tod in einen hundertjährigen Schlaf (K. H. M. Nr. 50).

Durch das von den Schicksalsfrauen gesponnene Seil wurde eine Grenze gesetzt, innerhalb der das Leben, das Glück, der Besitz des Menschen sich zu bewegen habe, über die er nicht hinauskönne. Der Körper war ein bloßes Gewand der Seele. Die Verbindung zwischen Geist und Körper wurde erst durch ein goldenes Seil, eine goldene Kette, einen goldenen Ring, kurz, durch ein Band gefestigt, das dem neu-gebornen Menschen die Schicksalsfrauen spannen. Diese bestimmten, ob das Kind zur vollen Körperlichkeit durchdringen oder die Fähigkeit der Seele behalten sollte, den Körper nach Gefallen zu verlassen und zu wandeln. In dieses Schicksalsseil, das sie um den Neugeborenen schlangen, wurden Glücksgüter und Eigenschaften für den von nun an sich bildenden Charakter des jungen Erdenbürgers eingewunden. Darum war es noch lange Sitte, an Geburtstagen jemanden mit einem Bande zu binden oder ihm ein Geschenk an den Körper zu binden. Das Patengeschenk heißt auch Eingebinde, allgemeiner ist die jüngere Bezeichnung Angebinde.

Von denselben Reichenhaller Jungfrauen, die bei der Geburt eines Kindes ins Haus traten und sangen, erzählt die Sage: Oft war vor ihrer Höhle weiße Wäsche aufgehängt; dann sagten die Leute, die Frauen haben ihre Wäsche aufge-hftugt;* jetzt wird es schönes Wetter. — Die drei verwunschenen Fräulein auf dem Hargeustein spannten ein Seil bis nach dem Ehrenberg. Auf dem Seile hängten sie weiße Tücher auf. Wenn das die Leute bemerkten, sagten sie, es wird gut Wetter, die Fräulein hängen die Wäsche auf. — Zwei weiße und eine halb schwarze Jungfrau wohnten auf dem Rochel-berg. Bei der Nacht sahen die Leute daselbst oft die von ihnen in der Laube auf Seilen aufgehängte Wäsche. — Die schneeweißen Gewänder, die wie weiße Wölkchen schweben oder an den Sonnenstrahlen aufgehängt sind, die sich durch dichtes Waldlaub oder Felsenklausen stehlen und die gutes Wetter verkünden, sind durchleuchtete Nebelstreifen oder lichturasäumte Wölkchen, worin man das Werk der drei Jungfrauen zu erkennen meinte. Damit ist eine Anschauung aus der Naturverehrung in die Vorstellung von den drei Schicksalsfrauen gedrungen, die ihnen ursprünglich nicht eigen war. Wie die altgermanische Frau Spindel und Spule, Webschiff und Weife in den Händen hält, so weben, knüpfen und spinnen die drei übermenschlichen Frauen die Fäden für das menschliche Schicksal, sie schlingend und ordnend. Aus solcher Vergleichung mag das Bild der Schicksalspinnerinuen hervorgegangen sein, und daher mag das Seil rühren, das die Verbindung zwischen Körper und Seele herstellt. Aber die irdische Tätigkeit fand ihr Widerspiel in himmlischen Erscheinungen. Statt der aufgehängten Wäsche, dem Gespinste der drei Jungfrauen, tritt häufig ein Seil ein, das die Schwestern von einem Felsen zum andern spinnen. Die Vorstellung eines Wolkenzuges oder eines Nebelbandes liegt zugrunde, das zwischen zwei Bergkuppen zu hängen scheint. Aber an dieses Ausspannen des Seiles ist das Geschick des Menschenlebens nicht geknüpft, so wenig wie wir in deutschen Sagen die griechische Vorstellung vom Spiuneu und Abschneiden des Lebensfadens finden. Die Schicksalsgeister gehen in die göttlichen Wolkenfrauen über. Als deren Gespinst gilt der Altweibersommer, die flatternden weißen Fäden, die im Frühling und beim Beginne des Herbstes meist an nebeligen Morgen auf Stoppeln und Wiesen, Sträuchen und Zäunen hängen und schweben, das Gewebe kleiner Spinnen. Das Volk nennt sie Metten, Mettjes, Sommermettjes, Mädchensommer, Altweibersommer. In Ditmarschen sagt man, wenn Felder und Büsche oft ganz voll davon hängen: die Metten haben gesponnen. Mette ist nicht Frühmesse, Frühe überhaupt, sodaß der Volksausdruck meint „die Frühe hat das Gespinst hervorgebracht“, sondern die „Abmessende“ (ahd. mezan, as. metan; as., an. metod „der abmessende Schöpfer“; ags. gramen mettena = die grausamen Parzen). Das umherfliegende Gewebe wurde also als Arbeit der kunstreich spinnenden, das Schicksal abmessenden Jungfrauen angesehen, und darum bringt es auch Glück, wenn ein solcher Faden an den Kleidern häugen bleibt. Auf dieselbe Vorstellung weist der Ausdruck Mädchensommer, Altweibersommer. Im Englischen heißt das Gespinst gossamer d. i. gods samar, „Gottes Schleppkleid“. Sommer ist also nicht die Jahreszeit, sondern geht auf samar, Schleppkleid, zurück. Das Bild einer aus der Ferne gesehenen Wolke liegt zugrunde, die wie ein Schlepp-kleid schwer auf die Erde sich senkt. Die alten Weiber des Altweibersommers sind also Wolkenfrauen, die mit den Schicksalsfrauen verschmolzen sind. Volksetymologische Umdeutung nannte ihr Gespinst, das zumeist beim Scheiden der freundlichen Witterung und Jahreszeit umherschwebt, fliegender Sommer, etwa gleichbedeutend mit fliehender Sommer, auch Sommerflug, Sommerseide.

Die Drei zahl der Schicksalsfrauen ist über ganz Deutschland verbreitet. Neben den ags. grimmen Messerinnen stehen die drei Weirdsisters in Shakespeares Macbeth, die engl. Volksglauben entstammen; im Friesischen, in Norddeutschland, in Tirol, der Oberpfalz, Franken, Elsaß und der Schweiz die drei Weiber, drei Schwestern, drei Jungfrauen, in Bayern die drei Heilrätinneu, in Hessen die drei Muhmen. Seltener ist die Zahl zwei, sieben, zwölf oder dreizehn. Aus der Schar der Schicksalsgeister tritt als Führerin besonders Wurd hervor (as. wurd, ahd. wurt, ags. wyrd, an. urdr). Wurd gehört vielleicht zu dem idg. Stamme vert (vertere) = drehen, wenden die „Spinnerin“ oder ist abstrakt das „Geschick“, dann die „Schicksalswalterin.“ Im ags. heißt es: mir wob das Wurd.

Alte sächsische Formeln schildern, wie die Schicksalsweberin Wurd kanipfgrimm in die Schlacht schreitet, dicht an den Helden herantritt, hart und haßgrimm ihn täuscht, verführt und in den Tod reißt. Der alte Hildebrand aber ruft, als sein Sohn ihn zum Kampfe reizt: „Wohlan, waltender Gott, Wehwurt geschieht!“

Unter ihrem alten Namen sind die drei Schicksalsfrauen von der Kirche in Süddeutschland aufgenommen, Ainbet, Warbet, Wilbet. Ainbet (Aginbete) ist die Gebieterin des Schreckens (ahd. agi, mhd. ege Schreck; mhd. bite heißen, befehlen), oder die ausgezeichnete Gebieterin, die Hauptgebieterin; Warbet ist die Gebieterin der Verwirrung, der Zwietracht, Wilbet die Gebieterin des Gewollten, Gewünschten.

Die drei süddeutschen Frauen führen wie die Eumeniden einen euphemistischen Namen, die Heilrätinnen (auch an. heilrddr), d. h. sie beraten, beherrschen das Glück des Menschen. Sie wurden in christlicher Zeit als Pestpatroninnen verehrt.

In ahd. Glossen wird parca mit sceffara, scepentha, — parcae, fata mit scefentun, schepfentun wiedergegeben. Bei dem Marner, einem Fahrenden, der auch mit der deutschen Heldensage wohlbekannt ist (13. Jhd.), heißt es:

Zwö schepfer vlähten mir ein seil,

dä bi diu dritte saz,

diu zebrachz, daz was min unheil.

Daraus geht hervor, daß die Schicksalsfrauen nicht als die Schöffinnen aufzufassen sind, die das Urteil sprechen, das einem jeden zukommt, sondern gaskapjan wird zur Festsetzung des Lebensschicksals gebraucht und zur Namengebung, da diese nach altgermanischem Glauben ein Stück Schicksalsfügung darstellte. Der Tiroler Hans von Vintler hat in seiner Blume der Tugend das alte Wort und die alte Vorstellung bewahrt (Anfang des 15. Jhds.):

Und ist des Unglaubens soviel,

Das ich es nicht gesagen kan.

So haben etlich Leut den Wan,

Das sew mainen, unser Leben,

Daß uns das die Gächschepfen geben Und daß sew uns hie regieren,

Auch sprechen etlich Dieren (Dirnen),

Sie erteilen (richten Ober den) dem Menschen hie auf Erden.

Das Wort Gachschepfe muß in das graueste Altertum zurückreichen, gäskepfa, gäskapjö. In der Innsbrucker Wal-tharius Handschrift steht über den Worten: „Es spinnen das Ende des Fadens schon die Parzen“ (V. 851) übergeschrieben: „die schepfen“, statt fila legunt heißt es ligant. Die Schicksalsfrauen legten die mit Runen versehenen Losstäbchen aus (Germ. 10), das Resultat dieser Auslegung (ahd. urlag, as. orlag, ags. orlaeg, an. ertyg) war die Schicksalsfügung einer höbern Macht. Vielleicht ist die alte Bedeutung noch in unserm „auferlegen“ erhalten, d. h. eigentlich die Stäbe so „erlegen“, mit dem Erfolge legen, daß auf den Betreffenden etwas Schweres fällt. Im Heliand heißt das Schicksal wurdi-giscapu (Festsetzung der Wurd) und im Beowulf Wyrda geling (Gericht der Wurd); ags. Vyrdstaef ist das Losstäbchen der Wurd.

Vom Kultus der Schicksalsfrauen ist wenig bekannt. Bei ihrem Erscheinen wurden sie bewirtet (S. 83, 85). In Süddeutschland opferte man ihnen bei der Ernte drei Ähren oder drei schwarze Pfennige. Sie wurden besonders in Höhlen, auf Bergen und an Brunnen verehrt. Die Nägel der Menschen waren ihnen^geweiht, vermutlich weil die Schicksalsfrauen in der Schlacht oder an das Bett des Menschen herantreten und mit grausamer Hand ihr Opfer ergreifen. Der Nagel, das Symbol der tötenden Schicksalsfrauen, wurde ein ihnen geheiligtes Glied. Alter, weitverbreiteter Aberglaube findet so seine Erklärung. Weiße Punkte auf den Nägeln der rechten Hand, „Blühen der Nägel“ bedeuten Glück, man bekommt Geld oder neue Kleider; ‚auf der linken Hand bedeuten sie Unglück, oder sie zeigen, daß der Mensch lügt, oder sie bedeuten auf den einzelnen Fingern vom Daumeji an: Glück, Unglück, Ehe, Liebe, Freundschaft; oder an der rechten Hand: bescheukt, gekränkt, geehrt, geliebt, gehaßt; dunkle Flecken bedeuten Unglück.

Merkwürdig ist ein durch fast ganz Deutschland verbreitetes Kinderlied. Drei Jungfrauen — Marien, Nonnen oder Döckchen genannt (Puppen? Doggele?) — schauen aus einem goldenen Hause:

Die eine spinnt Seiden,

Die andre flicht Weiden,

Die dritte schließt den Himmel auf. — oder:

Ais (eine) windet Side,

’s ander schnätzlet Chride (Kreide),

’s dritt schnidet Haberatrau,

B’büet mer Gott mis Chindli au. — oder:

’s dritt stot ann-der Wand,

Hett e Glöggli inn-der Hand;

Wenn das Glöggli schlot,

So si-mer (sind wir) alli dod,

Und wenn das Glöggli chlingled,

So si-mer alli im Himmel.

In diesen wie ein Gebet klingenden Liedern scheint die deutsche Mutter noch heute das Andenken an die altgermanischen Gebieterinnen des Menschen-, besonders des Kinderlebens zu bewahren, deren wuuderbare Tätigkeit auch im Spinnen, Flechten, Schnitzeln, Schneiden und Zerreißen bestand.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube

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