Deutsche Mythologie – Tempelschatz

Das den Göttern Geweihte, dem Menschen Heilige und für sie Unverletzliche wurde durch das Wort „heilig“ bezeichnet, es bedeutet sacrum und sacrosanctum (S. 329). Heilig war das Kultusgerät, wie der Tempelschatz. Bewegliches und unbewegliches Gut war den Göttern eigen. Unter dem Schutze der Götter stand und ihnen gehörte der Kult- und Stammesbesitz; seine Verwaltung und Aufbewahrung kam den Königen und Priestern zu.

Bei Pietroassa in Rumänien wurden 1837 22 Goldgefäße und Schmuckgegenstände des wertvollen westgotischen Tempelschatzes aufgefunden. Als die Goten am Ende des 4. Jhds. dem vereinigten Anstürme der Hunnen und Alanen unterlagen und sich nach Westen zurückzogeu, verbargen sie den heiligen Schatz unter einem Felsblocke. In einen mit Edelsteinen geschmückten Ring ritzten sie die Runen ein: Gutanio wi hailag d. h. „das gotische unverletzliche Tempel gut“.

Die Inschrift sollte den Finder daran mahnen, daß er es mit geheiligtem Gute zu tun habe, das als solches unantastbar sei, und dessen Verletzung die Götter an ihm strafen würden. Sie war nicht nur für den Ring, sondern den ganzen Goldschatz bestimmt. Durch Unredlichkeit der Finder aber und durch wiederholte Diebstähle sind nur noch 12 Gegenstände davon erhalten, die im Museum zu Bukarest aufbewahrt werden; die Edelsteine sind ganz geschwunden, und der Ring selbst ist zerhackt.

Auch bei den Sachsen und Friesen werden Tempelschätze an Gold und Silber erwähnt.

Karl der Gr. zerstörte 772 die Eresburg an der Diemel und die (bei Altenbeken stehende) Irminsnl, die in einem Tempel innerhalb eines heiligen Haines stand. Nachdem er drei Tage lang die Zerstörung fortgesetzt und die in dem Tempel aufbewahrten Schätze von Gold und Silber erbeutet hatte, gelobten ihm die Sachsen Frieden (über den Silberfund von Hildesheim vgl. S. 368). Liudger wird 778 aus Utrecht abgesandt, um die Tempel der fries. Götter zu zerstören, und nimmt aus dem von ihm zerstörten Tempel reiche Schätze.

Reben dem Tempelgute erwähnt bereits Tacitus die schneeweißen Rosse in den heiligen Hainen und Wald triften (Germ. 10). Wie diese durch keine irdische Arbeit entweiht werden dürfen, so weiden bei dem Heiligtume des Foseti heilige Herden, die niemand anrühren darf. Heilige Bäume und Wälder, Fluren und Felder, Gold und Silber, Herden, Quelle, Teich und Tempel gehören zum altgerm. Heiligtum.

Im Nerthushaine neben dem Tempel der Göttin rauscht der geheimnisvolle See, in dem die zum Opfer bestimmten Menschen ertränkt werden (Germ. 40). Bei der heiligen Donarseiche sprudelt ein Quell (S. 260). Auf der dem Foseti geheiligten Insel quillt ein Born, aus dem man nur schweigend das Wasser trinken darf: als der Gott seine Axt aufs Land warf, wo er die Friesen das Recht lehren wollte, sprang der Axeborn bereor (S. 227). Brunnen und Baum treffen wir auch bei den christlichen Kirchen und Kapellen an (vergl. S. 401).

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden

Auch interessant:
Nordische Göttersage – Sammelkarten
Kunstwerke aus der altnordischen Mythologie
Germanische Schöpfungsgeschichte
Walhall – Germanische Götter- und Heldensagen