Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Das Ende der Welt

Derselbe Fatalismus, der die germ. Krieger jauchzend in das Wetter der Speero trieb, der den Losorakeln im häuslichen Leben wie im öffentlichen Kultus eine solche Bedeutung beimaß, dehnte mit unheimlicher Konsequenz seine Anschauungen auch auf die Götter aus und faßte scharf und deutlich auch das letzte Schicksal der Welt und der Götter und die letzte Zukunft ins Auge. Wie der deutsche Mann kämpft und ringt und sich der Feinde erwehrt, so sind auch seine Götter in endlosem Streite gegen die finstern Mächte begriffen. Bei den Griechen lag der siegreiche Kampf der Olympier gegen die Titanen weit, weit in der Vergangenheit, der Germane dachte sich den letzten Kampf seiner Götter in der Zukunft, und nicht die Götter behaupten die Walstatt, sondern ihre Gegner. Und diese Anschauung von dem künftigen Weltuntergänge kann in der germanischen Welt nur in Form einer Verkündigung und Prophezeiung verbreitet gewesen sein; weise Frauen vor allem und tiefsinnige Dichter werden sich von Anfang an ihrer angenommen und sie in Zusammenhang mit der Entstehung der Welt besungen haben. Es ist eine erschütternde Tragik ohnegleichen, daß ein Volk seine Götter verdammt, die es nach seinem Bilde geschaffen und zu seinen Idealen erhoben hatte, weil sie ihm nicht mehr genügten. Solange die gegenwärtigen Zeitläufe bestehen, solange wird Unrecht auf der Erde wie im Himmel geschehen; auf der Idee der Sühnung beruht die germ. Vorstellung des Weltunterganges.

Schöpfungsgeschichten haben auch die andern Völker, aber nur deutscher Tiefsinn ahnte das Schicksal der Welt voraus, wie es in geläuterter und doch ähnlicher Gestalt das Christentum später verkündete. Denn mit der Vernichtung aller Dinge konnte das gewaltige Drama nicht abschließen, das uranfängliche Nichts konnte unmöglich wiederkehren. Schon bei den Germanen des Ariovist ist die Stärke des deutschen Unsterblichkeitsglaubens bezeugt; mutig und verwegen, die Wunden verachtend, gingen sie in den Tod, weil sie wußten, daß sie bei ihrem kriegerischen Himmelsgotte wieder auflebten (S. 243). Der Glaube an eine Wiedergeburt war allgemein verbreitet: die Seele eines Verstorbenen konnte in einem neugeborenen Kinde wieder erscheinen. Wie jedem Tode neues Leben, folgt jeder Nacht neues Licht. Die Gewißheit des wiederkehrenden Lebens und Lichtes, die Zuversicht auf persönliche Fortdauer macht wahrscheinlich, daß nicht nur die Nord-, sondern auch die Südgermanen mit gleicher Sicherheit auf eine Erneuerung der Welt rechneten, und zwar stellten sie sich diese als eine Welt vor, die keine Finsternis und keinen Tod mehr kennt, in der ewiger Friede herrscht. Die tiefe Sehnsucht der Germanen nach einer reinen Friedenswelt bezeugt der Namen Siegfried, d. h. „der Sieg und gefestigen Frieden besitzen soll“. Dem Christentum war durch sie der beste Boden vorbereitet. Das Christentum konnte mit der frohen Botschaft auftreten, der entzweiten Welt den ersehnten Frieden sogleich zu bringen. Eine Anknüpfung an die heidnischen Anschauungen und deren Läuterung, ein Weg innerer Bekehrung war damit gegeben, den einzuschlagen die Missionare nicht von sich weisen durften.

Die Anfrage des Bonifatius an Daniel und dessen sorgsames Eingehen auf heidnische Vorstellungen machen die Annahme wahrscheinlich, daß wenigstens die edelsten unter den Bekehrern sich mit den tiefsten Regungen der heidnischen Deutschen bekannt gemacht haben.

Die Vorstellung, daß Feuer und Lohe dereinst die Welt zerstören werde, ist uralt; sie muß entstanden sein, als noch die Kelten die unmittelbaren Nachbaren der Germanen waren. Denn Strabo (44) oder wohl schon Poseidonios weiß von den Galliern, daß nach ihrer Vorstellung einmal Feuer und Wasser die Oberhand bekommen würden. Da das den Weltuntergang durch Feuer bedeutende Wort durchaus germanisches Gepräge hat, ist es möglich, daß die Kelten diesen Glauben den Germanen entlehnt haben, sein hohes Alter ist dadurch gesichert. Dieses Wort heißt bei den Bayern im 8.—9. Jhd. müspilli, bei den Sachsen müdspelli, bei den Nordgermanen müspell. Im Heliand heißt es vom jüngsten Gericht: Müd-spelles Macht fährt über die Menschen (2592), Mütspelli kommt in düsterer Nacht (4360). Der biblische Weltuntergang trägt also heidnischen Namen. In dem bayer. Gedichte „Müspilli“ heißt es:

„Das hört ich sagen die weisesten Männer, daß der Antichrist wird mit Elias streiten. Wenn der Übeltäter [der Teufel) sich gewappnet hat, hebt an der Kampf. Die Kämpfer sind so tapfer, der Streit ist so groß. Elias streitet um das ewige Leben; er will den Frommen das Himmelreich sichern, und darum hilft ihm, der des Himmels waltet. Den beiden himmlischen Kämpfern Elias und Gott entspricht auf der feindlichen Seite der Antichrist und der Altfeind, der Satanas, der den Gott des Himmels besiegen will. Der Antichrist wird auf der Kampfstätte verwundet niederfallen und sieglos sein auf der Kriegsfahrt. Doch sind viele andere Gottesmänner auch der Ansicht, daß vielmehr Elias in dem Kampfe verwundet werde. Wenn da9 Blut des Elias auf die Erde träufelt, so entbrennen die Berge: Kein Baum bleibt mehr stehen auf der Erde, die Flüsse vertrocknen, das Meer verzehrt sich, es schwelt in Lohe der Himmel; der Mond fällt, Mittelgart brennt, kein Stein bleibt stehen. Dann fährt der Gerichtstag ins Land, er fährt daher mit dem Feuer, die Menschen heimzusuchen: dann kann kein Verwandter dem andern vor dem Müspilli helfen. Wenn dann die breite Rasenfläche ganz verbrennt und Feuer und Wind sie ganz wegfegen, wo ist dann die Feldmark, um die man immer mit seinen Verwandten Streit führte?“

Dem Dichter schweben deutlich noch Züge des heidnischen Weltuntergangs vor. Nicht nur die Wörter Mittilagart und Müspilli sind heidnisch, sondern das Betonen der Vernichtung durch die Flamme, der Umstand, daß durch das zur Erde triefende Blut des totwunden Elias alle Berge auflodern, daß der Mond herabstürzt und das Meer sich aufzehrt, ist biblischer Anschauung fremd und durchaus heidnisch. Ganz ebenso heißt es in der Edda: „Die Sonne wird schwarz, es sinkt die Erde ins Meer, vom Himmel fallen die heitern Sterne; Dampf tost und Feuer, zum Himmel leckt die heiße Lohe“ (Vsp. 57), und ein Volkslied lautet:

„Wenn der jüngste Tag wird werden,

Fallen die Sternlein auf die Erden,

Beugen sich der Bäume Spitzen,

Da die lieben Waldvöglein sitzen.“

Daß die Deutschen überhaupt den Glauben an einen Götterkampf- und Untergang gehabt haben, darf man daraus schließen, daß für die Kelten und Nordgermanen ein großer Kampf der Götter und Riesen als gemeinsame Vorstellung erwiesen ist: beide Völker glaubten, daß beim Weltabschlusse die feindlichen Heere der Götter und Riesen auf einem bestimmten Kampfplatze zusammenstießen, daß dabei der Götterkönig durch den Riesenkönig gefällt, aber durch seinen Sohn gerächt wurde, und daß der stärkste Gott und sein riesischer Gegner einander zugleich töteten.

Von den vielen Versuchen, das rätselhafte Wort zu erklären, verdienen zwei Beachtung. Der zweite Teil bedeutet wohl Zersplitterung oder besser Zerspaltung. Mit „der mott“ bezeichnet man noch heute in der Schweiz und im Elsaß das Ergebnis der Verbrennung von Rasen, Stoppeln und Gesträuch, wie sie im Herbste zur Düngung auf den Feldern stattfindet. Solche Feuer heißen noch heute Mott-, Muttfeuer. Mott bedeutet Kehricht oder Rasen, den man verbrennt, verbrannte Stoppeln und Stauden. In der Urzeit wurden zur Düngung der Felder Rasenstücke ausgehoben, wie sie nach der Brache vorhanden waren, dann mit den trockenen Stauden und Gesträuchen verbrannt und die Asche verstreut. Die Vegetation bot dem Feuer den eigentlichen Nährstoff. Auch im Muspilli entbrennen zuerst die Berge und die Bäume und dann die weite Rasenfläche, während das Sumpfland nicht mitbrennt, sondern nur sein Wasser verliert. Der Heide- und Waldbrand also, wie er sich aus den Feuern bei der Felddüngung leicht und oft entwickeln mochte, gab Anlaß zu der allgemein verbreiteten Vorstellung vom Weitende. Oder Muspilli wird als „Erdspaltung“ aufgefaßt (mü = Erdhaufen, Hügel, vgl. ahd. muwerfo): dann wären vulkanische Eruptionen des Erdfeuers die Ursache des die Erde überflutenden Feuermeeres.

Spuren dieses Mythus finden sich vielleicht auch in der vor einigen Jahren wiedergefundenen as. Genesis. Fünfzehn Verse geben die zwei Verse aus 1. Mose 1924,25 wieder:

„Der Tag brach an.

Da erhob sich gewaltig Getöse und drang bis zum Himmel,

Ein Brechen und Bersten; der Burgen jegliche Füllte mit Rauch sich; vom Himmel fiel Unendliches Feuer; die Todgeweihten ächzten,

Die leidigen Leute: die Lohe ergriff

All die breiten Burgsitze; alles zusammen brannte,

Stein und Erde, und mancher streitbare Mann Kam um und sank hin: brennender Schwefel Wallte durch die Wohnstätten, die Übeltäter erlitten Lohn für ihre Leidtat. Das Land sank hinein,

Die Erde in den Abgrund; ganz Sodomreich

Ward vernichtet, so daß nichts mehr davon übrig ist,

Und so in das tote Meer verwandelt,

Wie es noch heute steht, mit Fluten erfüllt.“

Die alten Vorstellungen vom Weltuntergänge und von der Welterneuerung lebten noch während des Mittelalters fort und haben sich im Glauben des Volkes bis heute erhalten. Sobald die aus der Fremde eingeführte Sage von einem apokalyptischen Friedenskaiser in Deutschland anfing bekannt zu werden und sich auf Kaiser Friedrich oder Karl d. G. die Hoffnung übertagen hatte, er werde vor dem Ende aller Dinge noch einmal zum Heile seines Volkes wiederkehren, mußte die Kaisersage mit volkstümlichen und mythologischen Elementen ausgeschmückt werden. Denu Fremdes, Unverständliches kann nur dann Volkssage werden, wenn es mit verwandten heimischen Anschauungen zusammentrifft und verschmilzt. Der oberste Gott, als der Wodan galt, war in den Berg gezogen. Waffen, Harnische und Schwerter schmückteu seine unterirdische Halle. Kaiser Friedrich im Kyffhäuser war an Wodan Stelle getreten, und die gleiche Verschmelzung des apokalyptischen Kaisers mit dem höchsten Gotte des deutschen Heidentums fand am Untersberg und in Kaiserslautern statt. Auf dem Walserfelde bei Salzburg oder auf dem Kirchhofe zu Nortorf in Holstein wird die letzte Schlacht geschlagen (D. S. Nr. 21—28). Der Antichrist erscheint, die Posaunen ertönen, der jüngste Tag ist angebrochen. Das Walserfeld hat einen dürren Baum, wie der Kirchhof zu Nortorf einen Holunder. Auch sonst weiß die Volkssago am Untersberge, am Kyffhäuser und an anderen Orten, daß die letzte Schlacht um einen Baum entbrennt, um eine Esche, Birke, Linde oder einen Dornstrauch. Wenn der Baum zu grünen beginnt, naht die schreckliche Schlacht, und wenn er Früchte trägt, wird sie anheben. Dann hängt Kaiser Friedrich seinen Schild an den Baum, alles wird hinzulaufen und ein solches Blutbad sein, daß den Kriegern das Blut in die Schuhe rinnt, da werden die bösen Meuschen von den guten erschlagen. Der dürre Baum, d. h. das Kreuz des Erlösers, an dessen Fuße der Kaiser zum Zeichen des Verzichtes auf sein Reich

Szepter und Krone nach der orientalischen Sage niederlegen sollte, nahm immer mehr den Charakter des aus den verdorrten Wurzeln neu ausschlagenden Weltbaumes an, und das Aufhöngen des Schildes bedeutet nicht mehr einen Verzicht auf die Krone, sondern einen entscheidenden Herrscherakt, sei es als allgemeines Friedenswirken, sei es als Aufgebot des Volkes zu Thing- und Heerfahrt. Der Kampf um das heilige Land wurde zur letzten Schlacht der Götter und ihrer Widersacher, und seit der zweiten Häfte des 17. Jhd. zu einem blutigen, aber siegreichen Kampfe für ein großes einiges, ein deutsches Vaterland.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
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Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
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Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
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Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
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Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
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Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
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Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
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Deutsche Mythologie – Tempel
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Deutsche Mythologie – Götterbilder
Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt
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Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt
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