Deutsche Mythologie – Vorstellungen vom Anfang und Ende der Welt – Die Einrichtung der Welt

Die von den Menschen bewohute Erde ist nach urgerm. Auffassung in der Mitte der Welt gelegen. Da im got. Midjungards, ahd. Mittilgart, as. Middilgard, ags. Middangeard, an. Midgardr den mittleren, eingehegten Raum bedeutet, herrschte bei allen Germanen dieselbe Vorstellung. Wald war ihnen die natürliche Grenze und Umgebung ihrer Niederlassungen und Gebiete; so war auch das Mittelgart überall von dichten Wäldern umgeben. Der gewölbte Himmel (ahd. ufhimil), wo die Götter herrschen, wo Wodan sein goldenes Haus hat, war die zweite Welt; die dritte war unterhalb der Erde gedacht. Dunstige schlammige Seen, Höhlengewässer und Brunnen galten als Eingang in die Unterwelt. Von gewissen Brunnen glaubt das Volk, daß sie der Eingang zur Hölle seien oder daß sie bis zur Hölle hinabgehen. Manche Brunnen heißen die Hölle. In dem Gedichte Heinrichs des Gleichsners Reinhart Fuchs (865 ff.) wird bei einer Äffung des Wolfes durch den Fuchs die Tiefe des Brunnens als das Himmelreich der Verstorbenen vorgespiegelt. In dem Märchen von Frau Holle ist der Brunnen der Einfahrtsschacht zur geheimnisvollen Unterwelt (K. H. M. Nr. 24). Ein See bildet den Eingang zu dem unterirdischen Reiche der Nerthus. Das dem Wasser entsteigende Nebelgewühl schuf die Vorstellung einer neblichen Unterwelt. In dieser Wasser- und Nebelhölle hausen die Nebelsöhne, die Nibelungen. Im Innern der Erde ist der Aufenthaltsort der geschiedenen Seelen. Für die guten Seelen war die Unterwelt kein Strafort, sondern ein Freudenaufenthalt. Aber den Seelen der bösen Menschen wurde in der Unterwelt die verdiente Strafe zu teil. Es entspricht dem ausgebildeteu Rechtssinn unserer Vorfahren, daß Verbrecher, die der irdischen Gerechtigkeit entgangen waren, nach dem Tode bestraft wurden. Nach deutscher Anschauung mußte der Übeltäter über eiue ungeheuere, mit Dornen wie eine Hechel dicht ,besetzte Heide wandern und einen Fluß von unendlicher Länge und solcher Breite durchwandern, daß keines Hornes Schall hinüberreicht; eiserne Spitzen oder Schwerter ragen aus seinen Wellen hervor und – zerfleischen den Leib. Die Germanen kannten also eine Wasserhölle, keine Feuerhölle. In heißen Ländern, wo alles nach Kühlung lechzt, ist glühende Hitze das Hauptmittel der Bestrafung; das Durchwaten grimmig kalter Ströme aber war in dem wasserreichen Germanien, wo es keine Brücken oder Fähren gab, außer der kurzen Sommerzeit wirklich eine Höllenqual. Nach den eiskalten, schneidenden Wogen, die wie Gift und Schwerter stachen, hießen Flüsse und Bäche in Deutschland Eiträ, Eitraha, Eitarbach. Es ist weitverbreiteter Volksglaube, daß sich vor diesem Flusse eine Wiese ausbreitet, ein schönes lachendes Gefilde, worin Blumen und Früchte wachsen, die zum Pflücken einladen (K. H. M. Nr. 24, Nr. 121). Eiue überaus breite und anmutige Linde erhebt sich in ihr, die über und über mit Schuhen behängen ist; mit den schützenden, ihm ins Grab mitgegebenen Schuhen überschreitet der Tote den Fluß und die Moorumgebung (Visio Godescalci; S. 33). Im Heliand wird der Aufenthaltsort der Seligen, das Himmelreich auf schöne, aber ganz heidnische Weise, als „Waldwiese“ (wang) bezeichnet: das Himmelreich die grüne Gottesaue, die Himmelsaue. Ebenso heißt im ags. das Paradies die grünen Wohnsitze. Die „Paradiesauen“ und die „himmlischen Gefilde“ haben wir bis auf diesen Tag beibehalten, freilich oft nur als poetischen Schmuck.

Das Reich der Riesen war im hohen Norden gelegen (S. 157). In die idg. Urzeit reicht die Vorstellung des Weltalls als eines ewig grünen Baumes zurück, mit einer Quelle am Fuße. Dieser mythische Baum hatte seine Abbilder im Kultus. Auf Bergen und Höhen, wo heilige Bäume standen, flössen heilige Brunnen. Der Missionar Pommerns, Bischof Otto von Bamberg, fand 1124 in Stettin eine große, vom Volke verehrte Eiche und unter ihr eine heilige Quelle, als Wohnung eines göttlichen Wesens. Im Schatten altverehrter Bäume fanden noch in später Zeit die Volksgerichte statt. Von der Irmensül, die Karl der Große 772 zerstörte, heißt es ausdrücklich, daß sie „eine allgemeine Säule war, die gleichsam das All trägt“, und sie bestand aus einem unter freiem Himmel in die Höhe gerichteten, in die Erde eingegrabenen Baumstamme von bedeutender Größe (S. 413). Man nimmt gewöhnlich an, daß dieser Weltenbaum sich aus einem Wolkengebilde entwickelt habe, dessen Zweige den ganzen Himmel bedeckten, oder aus dem Sonnenlichte, wie es sich mit der Morgenröte in den Wolken zu verzweigen beginnt. Aber die Erklärung dürfte weit einfacher und natürlicher sein. In der Urzeit schlug man seine Hütte unter einem laubreichen, schattenspendenden Baum auf, der so mitten in die Wohnung zu stehen kam: aus der an. Wölsungeu Sage (Kap. 3) und Wagners Walküre ist diese wundersame, stimmungsvolle Szenerie bekannt. Dieser Wohnungs-Baum wurde durch eine leicht verständliche und ganz natürliche Entwickelung zum allgemeinen Weltenbaume.

Für die Entstehung des ersten Menschen aus Bäumen fehlt jedes alte Zeugnis. Völlig abzuweisen ist die Meinung, daß die Worte des Tacitus, der „Ursprung der Erminonen ist vom Semnonenhaine ausgegangen“ (Germ. 39), die Herkunft der Semnonen aus Waldbäumen andeuten. Merkwürdig ist allerdings, daß unser Wort „Leute“ mit got. liudan = wachsen zusammenhängt (vgl. pöpulus Volk und pöpulus Pappel). Im 13. Jhd. brachte das älteste Zeugnis, Gervasius von Tilbury, der zur wissenschaftlichen Unterhaltung des Hohenstaufen Friedrich II. seine otia imperialia verfaßte, den Namen Germanen mit lat. germiuare = sprossen, knospen, keimen zusammen. In Rollenhageus Froschmäuselern soll Aschanes mit seinen Sachsen aus dem Harzfelsen im Walde bei einem Springbrunnen herangewachsen sein, und das bekannte Handwerksburschenlied läßt noch heute in Sachsen die schönen Mädchen auf den Bäumen wachsen (D. S. Nr. 428). In Siebenbürgen werden die Kinder unter einem großen, dicken Baume im Walde hervorgegraben oder aus einem Brunnen hervorgezogen, der sich unter einem großen Baume befindet. In Ostfriesland kommen die Kinder aus einem alten hohlen Baume tief im großen Walde. Vom „heiligen Baum“ in Tirol werden die neugeborenen Kinder, besonders Knaben geholt, in Hessen von einer schönen, großen Linde.

Text aus dem Buch: Deutsche mythologie in gemeinverständlicher darstellung (1906), Author: Paul Herrmann.

Siehe auch:
Deutsche Mythologie – Seelenglaube und Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Der Seelenglaube
Deutsche Mythologie – Die Seele als Atem, Dunst, Nebel, Schatten, Feuer, Licht und Blut
Deutsche Mythologie – Die Seele in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die Seele in Menschengestalt
Deutsche Mythologie – Der Aufenthaltsort der Seelen
Deutsche Mythologie – Der Seelenkultus
Deutsche Mythologie – Zauberei und Hexerei
Deutsche Mythologie – Der Maren- oder Alpglaube
Deutsche Mythologie – Schicksalsgeister
Deutsche Mythologie – Der Mütter- und Matronenkultus
Deutsche Mythologie – Naturverehrung
Deutsche Mythologie – Naturerscheinungen in Tiergestalt
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Elfen und Wichte
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Zwerge
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Hausgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Wassergeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Waldgeister
Deutsche Mythologie – Die elfischen Geister – Feldgeister
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Name und Art der Riesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Luftriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Berg- und Waldriesen
Deutsche Mythologie – Die Riesen – Wasserriesen
Deutsche Mythologie – Der Götterglaube
Deutsche Mythologie – Name und Zahl der Götter
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise
Deutsche Mythologie – Mythenansätze und Mythenkreise – Der Feuergott
Deutsche Mythologie – Mythenkreise – Licht und Finsternis. Gestirnmythen.
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Tius
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Foseti
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Wodan
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Donar
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Balder
Deutsche Mythologie – Die einzelnen Götter – Deus Requalivahanus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen
Deutsche Mythologie – Die Mutter Erde
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nerthus
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Nehalennia
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Tanfana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Hludana
Deutsche Mythologie – Die Göttinnen – Haeva
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Frija
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Ostara
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Baduhenna
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Walküren
Deutsche Mythologie – Die himmlischen Göttinnen – Schwanjungfrauen
Deutsche Mythologie – Der Kultus
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Gottesdienst, Gebet und Opfer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferspeise
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Opferfeuer
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Wirtschaftsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst itn Staatsverbande
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst im Kriege
Deutsche Mythologie – Der Kultus – Der Götterdienst des Einzelnen im täglichen Leben
Deutsche Mythologie – Das Priesterwesen
Deutsche Mythologie – Wahrsagerinnen und Priesterinnen
Deutsche Mythologie – Das Erforschen der Zukunft
Deutsche Mythologie – Ort der Götterverehrung
Deutsche Mythologie – Tempel
Deutsche Mythologie – Tempelfrieden
Deutsche Mythologie – Tempelschatz
Deutsche Mythologie – Götterbilder
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    30. August 2015
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