Deutsche Truppen im Baltikum-Abwehrkämpfe gegen die Roten

Man diskutierte auch Alternativen zu einer Annexion des Baltikums durch Preußen: so wurde vorgeschlagen, dem Gebiet analog zum Verfahren im Fall Elsaß-Lothringen den Status eines Reichslandes zu verleihen und es so in den Besitz des deutschen Gesamtstaates zu überführen. Nach der Einnahme Rigas durch die deutschen Streitkräfte 1917 war von den Delegierten dieser Stadt derselbe Vorschlag unterbreitet worden. Die OHL hatte damals angeregt, man solle der deutschen Regierung eine Flut von Petitionen mit dem Wunsch nach einem Anschluß an das Reich unterbreiten. Zahlreiche Petitionen trafen ein, und es gibt keinen Grund, an ihrer Echtheit und Aufrichtigkeit zu zweifeln. Das Problem war nur, daß diese Petitionen ausnahmslos von Baltendeutschen verfaßt waren. Indessen war in einer Zeit wachsenden Nationalbewußtseins und der Forderungen nach dem Selbstbestimmungsrecht der Völker jeder Versuch einer Annexion von Kurland, Livland und Estland zum Scheitern verurteilt.

Die angestrengten Bemühungen, die Vorherrschaft der Baltendeutschen im politischen, wirtschaftlichen und sozialen Bereich, die sie seit dem Mittelalter innegehabt hatten, aufrecht zu erhalten, waren gleichfalls zur Fruchtlosigkeit verdammt. Die deutsche Okkupation hatte eine freilich unerwartete Folge: sie half den Litauern, Letten und Esten in den Jahren zwischen der zaristischen und der bolschewistischen Herrschaft, ihre eigenen Nationalstaaten aufzubauen. Gegen Ende des Krieges erkannte man schon bei der deutschen Regierung unter Max von Baden, daß die Weiterverfolgung des annexionistischen Kurses nicht zum Ziel führen würde; also richtete sich das Augenmerk auf die Schaffung solcher Beziehungen, die geeignet schienen, den wirtschaftlichen Einfluß Deutschlands im Baltikum sicherzustellen und die baltischen Staaten für die deutsche Seite zu gewinnen.

Anstatt die erwartete Selbstverwaltung in eigenen Angelegenheiten zu gewähren, unterdrückte das deutsche Besatzungsregime all solche Forderungen, ja mehr noch, es verstärkte die einseitige Unterstützung der Baltendeutschcn. Wie sich die Lage in bezug auf die slawischen Nachbarn für den baltischen Adel darstellte, spiegelt eine Petition wider, die der Baron von Stryk, einer der bekanntesten Politiker des deutsch-baltischen Adels, verfaßt hatte und in der es heißt, »daß es nunmehr keinem Zweifel unterliegen kann, daß die Gesamtbevölkerung Livlands und Estlands in ihrer überwiegenden Mehrheit, abgesehen vom Proletariat und den zahllosen… aus… Rußland stammenden Industrie- und Hafenarbeitern, die Loslösung von Rußland unbedingt erreichen will…«

Im Augenblick hatten die Deutschen einen Vorteil: ihre Truppen hielten das Land besetzt, und die Führer der nationalen Bewegungen in den baltischen Ländern mußten sich wohl oder übel mit ihnen arrangieren. Außerdem wirkte es sich zugunsten der Deutschen aus, daß die russische Revolution dort ähnlich wie in anderen Gebieten beachtliche bolschewistische Aktivitäten ausgelöst hatte, bereit und danach drängend, in die von anderen Kräften aufgegebenen Positionen nachzustoßen. Galten die Deutschen zunächst als die Befreier vom Zarismus, so wurden sie nun für den Mittelstand der betroffenen Länder zur einzigen Schutzmacht gegenüber dem Bolschewismus.

Die baltischen Gebiete erlangten für Deutschland erneut strategische Bedeutung, als infolge von Aufständen und Veränderungen in Galizien und Polen den deutschen Truppen die Verkehrswege abgeschnitten wurden, was sie zu einer Abänderung des Rückzugsweges in Richtung Norden nach Litauen. Kurland und Ostpreußen nötigte, von wo sie die Heimat zu erreichen gedachten. Bei der OHL lagen die genauen Pläne für einen Rückzug der Truppen aus demn Baltikum vor. Die Alliierten beschlossen, zur Eindämmung der bolschewistischen Bedrohung solange deutsche Truppen einzusetzen, bis sie selbst in der Lage wären, diese Aufgabe zu übernehmen.

Deutschland hatte wohl die Evakuierung des Baltikums vorbereitet und einen Verbleib der deutschen Truppen in diesen Gebieten bis zu dem Zeitpunkt angeboten, wo sie durch Truppen der Entente ersetzt werden konnten. Der Druck der Bolschewisten wurde jetzt so stark, daß die OHL das Auswärtige Amt ersuchte die Bitte an die Alliierten zu richten, Truppen zu landen oder wenigstens Flottenverbände in die baltischen Häfen zu entsenden, um die örtliche Bevölkerung zu schützen und den Abzug der deutschen Truppen zu ermöglichen.

Am 18. November 1918 wurde die unabhängige Republik Lettland proklamiert.

Indessen bildeten die Balten selber keine geschlossene Front: ein wenn auch nur kleiner Teil von ihnen hatte begriffen, daß die Zeit der baltischen Barone vorbei und eine Integration der Baltendeutschen in das neue Staatswesen von vorrangiger Bedeutung war. Der größte Teil liebäugelte mit der Idee eines baltendeutschen Staates in Kurland, wie ihn tatsächlich Deutschland am 15. März 1918 anerkannt hatte, und das brachte natürlich eine direkte Konfrontation mit Ulmanis und den Kräften, die ihn unterstützten. Daß sie darüber hinaus im Besitz des einzigen wirksamen Machtmittels, der Baltischen Landeswehr waren, machte sie auch zu einer unmittelbaren militärischen und politischen Gefahr. Letten und Esten waren nun gleichermaßen besorgt, daß die deutschen Truppen nicht abgezogen wurden, bevor sic eine eigene Verteidigung organisiert hatten, und Winnig drängte auf eine verstärkte Rekrutierung von Freiwilligen im Reich, mit denen man die sich zunehmenend auflösenden Formationen am Ort ersetzen konnte.

Als Truppe zum Schutz für die Nachhut des deutschen Rückzugs wurde das erste Kontingent von Freiwilligen rekrutiert: die Eiserne Brigade, die späterhin zur Eisernen Division werden sollte. Zusammen mit der Baltischen Landeswehr war sie zum damaligen Zeitpunkt die einzige zuverlässige deutsche Truppenformation im Baltikum. Dies war um so wichtiger, als die VIII. Armee unter den Augen ihres Kommandeurs sich aufzulösen begann. Sie war »nicht mehr geeignet, die nötige Sicherheit zu gewähren«, und weder Letten noch Esten hatten bis zu diesem Zeitpunkt ihre eigene Verteidigung organisiert. Deutschland war außerstande, die vorgeschriebenen Stellungen zu verteidigen, seine Truppen mußten den Bolschewisten weichen, die aus zwei Richtungen – von Norden entlang der Linie Dorpat-Riga und von Osten entlang der Düna – vorrückten. Obwohl es zunächst gelungen war, Friedrichstadt zurückzuerobem, mußte die Stadt wieder aufgegeben werden, und am 3. Januar 1919 wurde Riga von bolschewistischen Formationen eingenommen. Die einzigen Truppen, die zu jener Zeit in Lettland gegen die Bolschewisten eingesetzt werden konnten, waren die Eiserne Brigade und die Baltische Landeswehr. In ihrem Rücken, bei den Truppen der VIII. Armee, herschte völliges Chaos, die Disziplin war dahin, es fehlte an Soldaten, Unteroffiziere und Offizieren.

Die einzige Möglichkeit für die Soldaten der Eisernen Brigade, sich in ausreichendem Maße auszurüsten, war, »ihre Waffen auf dem freien Markt zu kaufen«.

Ursprünglich hatte der baltische Adel vor, der deutschen Regierung – nicht den Freiwilligen – ein Drittel der Ländereien, die der Stadt Riga gehörten, »zu einem mäßigen, vordem Kriege üblichen Preise zur Ansiedlung zur Verfügung zu stellen«. Dieses Angebot vom 10. Oktober 1917, im Zusammenhang mit dem Ersuchen um Eingliederung Kurlands in das Deutsche Reich ergangen, konnte ersichtlich keine Gültigkeit mehr haben, nachdem die Republik Lettland, zu der Kurland als integraler Teil gehörte, gegründet worden war. Wohl gab es im Baltikum Schenkungsangebote für Siedlungsland, aber nicht in Lettland, sondern in Estland.

Wenn auch die Werbeplakate in Deutschland die Freiwilligen zur Verteidigung der deutschen Grenzen und zum Kampf gegen den Bolschewismus aufriefen – für die meisten Bewerber wäre dies allein wohl kaum ein ausreichend wirkungsvolles Motiv gewesen, hätte cs nicht im Hintergrund eine konkretere Zielvorstellung gegeben, nämlich ebenjene Möglichkeit, sich anzusiedeln. Winnigs eigene Anwerbungszentren in Deutschland verteilten ein Informationspapier, in dem unter Punkt 6 »günstige Ansiedlungsmöglichkeit im Balten-landc« versprochen wurde, die im Fall des Todes eines Freiwilligen auf seine nächsten Verwandten übertragbar sei. In Anbetracht dieser Aussichten stellten sich in großer Zahl Freiwillige für das Baltikum ein – kaum verwunderlich bei Angehörigen einer Generation, die von dem Aufruhr im Inneren Deutschlands nichts Gutes für die Zukunft erwartete, einen neuen Anfang machen wollte und, beeinflußt von der nahezu religiösen Begeisterung für die »Heimatkultur« in den Zeiten vor dem großen Krieg, den Glauben hegte, dies sei allein durch die Rückkehr zur Scholle möglich.

Doch als die Sowjets weiterhin vordrangen, befanden sich diese Formationen erst im Aufbau. Die Landeswehr und die Eiserne Brigade hielten ihre Stellungen entlang einer Linie, die sich nördlich von Libau über Murawjewo, Telsche und Rossienie bis nach Kowno hinzog, also eine sehr langgestreckte Linie. Das löste bei Generalmajor von Seeckt, dem Stabschef des neugebildeten Armee-Oberkommandos Nord in Königsberg, das Ober-Ost ersetzte, erhebliche Besorgnis aus. Dem Oberkommando war ein neues Generalkommando des VI. Reservekorps unter Generalmajor Graf Rüdiger von der Goltz unterstellt, das die Operationen im Baltikum überwachen und leiten sollte. Aber es gab nicht genügend Truppen zur Erfüllung dieser Aufgabe, und von der Goltz war noch nicht anwesend. Zur Zeit seiner Ernennung befand er sich noch in Finnland, wo unter seinem Befehl deutsche Truppen entscheidend bei der Befreiung des Landes von den Bolschewisten mitgewirkt hatten.

Die Eiserne Brigade, 400 Mann stark, war über einen achtzig Kilometer langen Abschnitt der Front verteilt, also infolge der Umstände eine Truppe von zweifelhaftem Wert. Sie blieb es, bis Mitte Mai ein neu ernannter Kommandeur an ihre Spitze trat. Major Joseph Bischoff war als Taktiker eine brillante Begabung, aber er gehörte auch zu den Offizieren, denen das Prinzip der Subordination unter höhere Vorgesetzte nicht mehr als sakrosankt galt.

Die Eiserne Brigade erlangte wieder ihre Beweglichkeit; da sie für Operationen im Stile einer größeren Einheit zu klein war, organisierte man Schlittenpatrouillen, die im gesamten von der Brigade gehaltenen Frontabschnitt Angriffe auf die bolschewistischen Stellungen unternahmen und so den Eindruck beträchtlicher Kampfkraft hinterließen die die Einheit in Wirklichkeit nicht besaß. Angesichts der zahlenmäßigen Unterlegenheit der deutschen Freiwilligenverbände schied zu diesem Zeitpunkt der Gedanke an eine Offensive von vornherein aus; das einzige, worauf man hoffen konnte, war, daß diese Einzelangriffe die Bolschewisten erfolgreich in der Defensive würden halten können. Es war eine Kriegführung, die ihre eigenen Gesetze schuf. Weder konnten Gefangene gemacht noch die eigenen Verwundeten mitgenommen werden. Diese Beschreibung kennzeichnet die Freikorps im Baltikum und verdeutlicht den Unterschied zwischen den Freikorps, die innerhalb der deutschen Grenzen rekrutiert, organisiert und eingesetzt wurden, und jenen außerhalb der Reichsgrenzen. Als größere einheitliche Truppen-gebildc waren sie etwas Neuartiges in der deutschen Militärgeschichte. Ihr Vaterland war ihnen zu einem abstrakten Begriff geworden, weil nach all dem, was sich ereignet hatte – Revolution und Waffenstillstand – diejenigen, die dies Land repräsentierten und seine Interessen zu wahren versuchten, von ihnen, vorsichtig formuliert, nicht anerkannt wurden. »Deutschland« als Idee war für viele von ihnen aus dem Bereich politischer Realitäten verschwunden und zu einem Mythos geworden, was jedoch selten klar ausgesprochen wurde.

Die Bezeichnung Landsknecht, die viele Freikorpskämpfer auf sich selber anwandten, könnte glauben machen, daß sie dem jeweils günstigsten Angebot Folge geleistet hätten; ihre Geschichte weist das Gegenteil aus. Die Freikorpskämpfer betrachteten sich als Landsknechte in dem folgendem Sinne: Der frundsbergische Landsknecht, wie der tapfere Soldat des Dreißigjährigen Krieges, verkaufte sich an die Herren, für die er kämpfte. Er verkaufte sich mit Leib und Leben, und das ist immer noch edler, als wenn man nur Gesinnung und Talent verkauft. Der »Landsknecht« des deutschen Nachkrieges aber verkaufte sich nicht. Er verschenkte sich. Der Landsknecht des Mittelalters dünkte sich der Herr der Welt, der Herr des Raumes, den er beherrschte. Von seiner Kraft und Tapferkeit hing das Glück der Herrschaft ab. Der Soldat des Nachkrieges focht nicht für irgendeine Form oder Art der Herrschaft, sondern für die Erfüllung der zeitlichen Notwendigkeiten. Sie wie die Landsknechte hatten keine andere Heimat als die Fähnlein, denen sie folgten. Sie wie jene waren gebannt nicht durch die gültigen Parolen des Tages und die versiegelten Ordres aus fernen Hauptstädten, sondern durch den Willen ihrer Führer, deren Namenszeichen oft genug die Haufen zusammenhielt.

Die Baltische Landeswehr halte sich allmählich zu einer Truppe von etwa 3000 Mann entwickelt, die auch ein lettisches Bataillon und die russischen Truppen unter Fürst Lieven erschlossen. Im Verlauf der ersten Januarhälfte 1919 trafen in Kurland die ersten Freiwilligeneinheiten ein. Bischoff, der mittlerweile seine Formation in »Eiserne Division« umbenannt hatte, absorbierte sie innerhalb kurzer Zeit. Als im Verlauf des Februar Teile der 45. Reservedivison und der I. Garde-Reservedivision angekommen waren, hatten die deutschen Truppen im Baltikum sich auf beinahe 140 000 Mann vergrößert. Nach dem Fall von Riga stabilisierte sich der Frontverlauf, die Verteidigungsanstrengungen zeitigten ihre ersten Früchte.

Da die Freikorps immer noch starkem Druck ausgesetzt waren, suchten sie ihre Chance nicht in einer einmaligen übermäßigen Kraftentfaltung,sondern in kleinen, häufig isoliert durchgeführten Aktionen wie zum Beispiel der Einnahme von Golding und Telsche; die Eroberung von Windau wurde als nächstes erwartet. Die Bolschewisten schienen ihren Schwung verloren zu haben; der Hauptanteil ihrer Streitkräfte bestand aus lettischen Kommunisten, die, als sie erst einmal ihre Heimat erreicht hatten, nicht eben sonderlichen Ehrgeiz entwickelten, den militärischen Druck aufrecht zu erhalten. Nachdem Goltz am 15. Februar das Kommando in aller Form übernommen hatte, machte er sich an die Planung einer Offensive für den Monat März. Während der Märzoffensive waren die Baltische Landeswehr und die Freikorps häufig Greuellaten der Bolschewisten begegnet. Im Dom von Mitau hatte man die Särge der ehemaligen Herzoge von Kurland aufgebrochen und ihre Skelette gegen die Mauern des Domes gelehnt, die Schädel mit Pickelhauben bekrönt. Vor dem Angriff hatten die Bolschewisten eine große Anzahl von Geiseln verhaftet und sie in der Zitadelle der Stadt eingesperrt.

Bevor sie sich zurückzogen, trieben sie die Geiseln, Männer, Frauen und Kinder, im Hof zusammen und liquidierten sie mit Maschinengewehren und Handgranaten. Wer überlebte, wurde entweder an ein Pferd gebunden und auf der Straße nach Riga zu Tode geschleift oder gezwungen, bei siebzehn Grad unter Null eine Strecke von fünfundzwanzig Kilometern in Strümpfen zu Fuß zu gehen. Da die Bolschewisten immer noch über Riga Gewalt hatten, schwirrten vielerlei Gerüchte über die angeblichen Ereignisse dort durch Kurland, und das kam den Goltzschen Plänen nur entgegen. Vorrangiges Ziel war die Befreiung Rigas.

Im Auftakt schien der Angriff auf Riga wie das Musterbeispiel einer Schlacht aus dem Ersten Weltkrieg. Am Morgen des 22. Mai eröffnete das Sperrfeuer der Artillerie das Gefecht; doch die Entscheidung fiel, wo sie niemand erwartet hatte. Die Bolschewisten starteten in Bauske eine Offensive mit dem Ziel, die deutsche Nachschublinie zwischen Schaulen und Mitau abzuschneiden. Die Freikorps von Brandis und Yorck schlugen eine erbitterte Verteidigungsschlacht, die, wäre Riga nicht eingenommen worden, angesichts der zahlenmäßigen Überlegenheit zweifelsohne zugunsten der Bolschewisten hätte ausgehen müssen. Goltz Plan sah vor, Riga in einem Frontalangriff zu stürmen: die geringe Anzahl der zur Verfügung stehenden Truppen legte eine solche Aktion nahe, denn für einen Umfassungsangriff nach dem Vorbild des Ersten Weltkrieges waren nicht annähernd genug Soldaten vorhanden.

Da die Baltische Landeswehr über keine schweren Waffen verfügte, wurde das Freikorps des Hauptmanns von Medern, bestehend aus einigen Batterien Gebirgsartillerie und Kompanien mit schweren Maschinengewehren, für die Landeswehr als Vorhut abgestelll. In dein sumpfigen Gelände, das beim Vorrücken durchquert werden mußte, stieß Medern auf eine Artilleriestellung der Bolschewisten, die es zunächst zu nehmen galt; der Gegner entkam indessen über einen Weg, der auf keiner der vorhandenen Karten verzeichnet war. Medern folgte ihm und erreichte sein Operationsziel, das Dorf Dsilne, einige Stunden vor dem ursprünglich veranschlagten Zeitpunkt. Dort stellte er fest, daß die Straße nach Riga kaum verteidigt wurde, und zog daraus den Schluß, daß die Bolschewisten in Riga noch keine präzisen Vorstellungen von dem Desaster besaßen, in das sie geraten waren. Medern stand mit seinen Leuten in Sichtweite der Düna-Brücke, und nachdem er das Einverständnis seiner Vorgesetzten eingcholt hatte, unternahm er einen Überraschungsangriff, besetzte die Brücke und bildete am jenseitigen Ufer einen Brückenkopf, den Leutnant Albert Leo Schlageter sicherte. Ein Stoßtrupp, bestehend aus Medern und Angehörigen der Baltischen Landeswehr, stieß bis in die Stadt vor und befreite die Gefangenen, bevor die Bolschewisten begriffen, was da vor sich ging.

Beim Sturm auf das Hauptgefängnis wurde Manteuffel, der wenige Wochen zuvor Ulmanis gestürzt hatte, durch einen Kopfschuß getötet. Am Abend des gleichen Tages konnte der deutsche Gesandte in Libau nach Berlin telegraphieren: »Riga wurde heute durch die Baltische Landeswehr genommen.« Goltz’ Entschluß, die Angriffe fortzusetzen, sollte verheerende Folgen haben. Alsdie Landeswehr von Riga ostwärts bis etwa Enden, die Eiserne Division auf Jakobstadt und Friedrichstadt vorstießen, wurden die letzten bolschewistischen Formationen besiegt und aus dem Lande vertrieben. Aber die Landes wehr unter dem Befehl des rcichsdeutschcn Majors Flelcher traf, als sie sich auf ihrem Vormarsch in Richtung Norden der Grenze von Estland näherte, auf Formationen von Esten und Leiten, die die Landeswehr zum Rückzug auf jene Linie aufforderten, die sie im März vergangenen Jahres eingenommen hatte. Estlands lettische Verbände unter Oberst Semitan unterstützten Ulmanis, und da die Esten ebenso entschlossen waren wie die Letten, eine Rückkehr des balten-deutschcn Adels zur Macht zu verhindern, fand Semitan in ihnen bereitwillige Verbündete. Die Landeswehr wies diese Forderung zurück. Dies führte zu Kämpfen zwischen der Landeswehr und den sie unterstützenden Freikorpsformationen auf der einen Seite und lettischen Truppen, die Ulmanis unterstützten, und der Armee von Estland auf der anderen Seite. Sie entwickelten sich zu einem lettischen Bürgerkrieg.

Die Russen waren nun bereit, die Lage im Baltikum zu akzeptieren, und unterstützten mit Nachdruck die Unabhängigkeit und territoriale Integrität der baltischen Staaten. Damit richteten sich sämtliche diplomatische Kräfte gegen Deutschland. In der Zwischenzeit strömten trotz eines Verbotes der Reichsregierung auch weiterhin Freiwillige ins Baltikum. Sie kamen als >Touristen<. Österreichische Einheiten, wie das Regiment Sudetenland, trafen ein, wie denn überhaupt bis in den November 1919 hinein auch eine beträchtliche Anzahl Österreicher weiterhin in die baltischen Gebiete strebte.

Letzte Phase der Freikorps im Baltikum ist in der Erinnerung vieler die Phase, in der sie ihren wahren Charakter enthüllten. Doch wie wenig diese Ansicht im einzelnen auch belegt sein mag, die Gründe hierfür sind durchaus verständlich. Hatten die Freikorps zuvor schon ihre Aktionen unter Zugrundelegung einer sehr großzügigen Interpretation bestehender Befehle ausgeführt, so berücksichtigten sie sie jetzt fast überhaupt nicht mehr. Das Freikorps von Brandis zum Beispiel entschloß sich nach einer Provokation von seiten der Letten ohne einen Befehl von höherer Stelle, auf Dünaburg zu marschieren, und nicht einmal die Drohung, man werde ihn verhaften, wenn er seine Aktion fortsetze, konnte den Douaumontslürmer Haupt mann von Brandis davon abhalten. Nur die Verteidigung der Letten verwies ihn in seine Schranken. Der Außenminister Lettlands erklärte am 23. September, de facto herrsche zwischen Deutschland und Lettland der Kriegszustand.

Der Verfall der Disziplin gilt nicht nur für die Freikorps insgesamt, sondern auch für die einzelnen Soldaten, die sich in dem, was sie für ihren legitimen Anspruch hielten, betrogen fühlten. Doch immer noch kamen aus Deutschland Freiwillige, auch Panzerwagen trafen ein, ein Zeichen dafür, daß die Freikorps insgeheim von privater Seite und Teilen der der deutschen Grenze entfernt zu Reichswehr Unterstützung erfuhren.

Die letzte geschlossene Einheit, die die deutsche Grenze in Richtung Osten überschritt, war das noch gut ausgerüstete Freikorps Roßbach, zum damaligen Zeitpunkt bereits eine Brigade der provisorischen Reichswehr. Auch sie erhielt eine großzügige Unterstützung durch die Bevölkerung Ostpreußens, die ein Interesse daran hatte, die Russen und die Bolschewisten möglichst weit von der deutschen Grenze entfernt zu halten.

Das Freikorps Roßbach, eben in Mitau angekommen, erhielt Nachricht von den Vorgängen; ohne eine Ruhepause einzulegen, formierte es sich aus der Marschkolonne heraus zum Angriff. Unter den schmetternden Angriffssignalen der Hörner einer vergangenen Epoche erstürmte das Freikorps Thorens -berg und ermöglichte es der Eisernen Division, sich aus der Umkreisung zurückzuziehen.

Es war der letzte Sieg eines Freikorps im Baltikum, und seine Wirkung war nur von kurzer Dauer. Von ihrem eigenen Land als Gesetzesbrecher angesehen, gänzlich ohne Nachschubversorgung, erlahmten ihre Widerstandskräfte allmählich angesichts der entschlossenen lettischen Angriffe. Gänzlich verzweifelt und voller Rachegelüste nahmen sie Zuflucht zur Taktik der verbrannten Erde und zu Kampfesweisen, bei denen Pardon weder gegeben noch erwartet werden konnte.

Das Drama im Baltikum näherte sich seinem Ende. Das Freikorps, das zu allererst ins Baltikum gekommen war, sollte auch als letztes wieder zurückkehren das Freikorps Roßbach überschritt am 16. Dezember 1919 wieder die Grenze nach Deutschland.

Der Einsatz der Freikorps im Baltikum war so zu einem Abschluß gelangt.

Die Männer der Freikorps, die aus dem Baltikum zurückkamen, hatten das Gefühl, Opfer einer Verschwörung geworden zu sein, in der die Alliierten, ihre eigene Regierung und auch die Bevölkerung der Heimat als Schuldige verstrickt waren.

Siehe auch:
Ukrainer
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Krimtataren
Ingrier-Esten-Letten-Litauer
Litauen-Lettland-Estland
Weißruthenen-Weißrußland
Idel-Uraler
Nordkaukasier
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Goten-Waräger-Deutsche
Das Balten-Gebet
Baltikum-Die ersten Freikorps
Litauen war ehemals mächtige europäische Großmacht
Baltikum-11. Jahrhundert bis zur Gegenwart
Das Baltikum wird zerstückelt
Das Ende Alt-Livlands
Rußlands Dauerprobleme mit seinen Ostseeprovinzen
Der Untergang des Deutschen Ritterordens
Und immer wieder russische Grausamkeiten
Das Baltikum zwischen Bolschewisten und Zaristen
Der Erste Weltkrieg im Baltikum
Teilrepubliken-Sowjetunion
Sowjetunion-Staatsorgane
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Sowjetunion-Russen
Die Ukraine als Arbeitsfeld für Deutsche und Deutsches Kapital

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    14. September 2017
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    14. September 2017

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