Deutscher Handel im Orient

Von Dr. Paul Rohrbach.

Wer die Handelsstatistik der Türkei aufschlägt, um sich über den Anteil der verschiedenen Nationen am türkischen Wirtschaftsleben zu unterrichten, findet etwa folgendes Bild. Der Gesamthandel, Ausfuhr und Einfuhr zusammengerechnet, wertet nicht ganz eine Milliarde Mark; hiervon entfallen rund ⅖ auf die Einfuhr und rund ⅖ auf die Ausfuhr. Sowohl von der Einfuhr als auch von der Ausfuhr beherrscht England ein volles Drittel; der dritte Teil der Handelsbewegung der Türkei ist also englisch. Es folgt Oesterreich-Ungarn, auf das ⅙ vom Ganzen entfällt. England und Oesterreich-Ungarn zusammengenommen beanspruchen also 50 Prozent des türkischen Handels für sich.

In die restlichen 50 Proz. teilen sich die übrigen Völker etwa in der Reihenfolge: Frankreich 15 Proz., Italien 7 Proz., benachbarte Balkanstaaten zusammen 7 Proz., Deutschland 5 Proz., Russland 5 Proz., Belgien und Holland zusammen 5 Proz.; das übrige entfällt auf Persien, Aegypten, Nordamerika, Spanien und andere Länder mit ganz geringfügigen Beziehungen zur Türkei.

An diesem Bild, das für uns wenig erfreulich wäre, wenn es sein Bewenden bei ihm haben müsste, müssen nun freilich gewisse Veränderungen vorgenommen werden. Der Handel zwischen Deutschland und der Türkei ist bei weitem zum grössten Teile Seehaudel, und er erfolgt über die Häfen: Hamburg, Bremen, Rotterdam, Antwerpen, Triest. Ein Blick auf die Karte zeigt, dass die aus Süddeutschland stammenden und dorthin bestimmten Waren nicht den Weg über die Nordsee, sondern über das Adriatische Meer aufsuchen werden. Mühlhausen, Stuttgart, Nürnberg liegt n alle drei schon etwas südlich der Mittellinie zwischen Hamburg und Triest; der rheinisch-westfälische Industriebezirk und der Oberrhein, gravitieren mehr nach den belgisch-holländischen als nach den deutschen Nordseehäfen. Als Ursprungsland der Waren wird aber in der Türkei nicht dasjenige gebucht, in dem sie hergestellt sind, sondern das, von dessen Hafen sie verschifft worden sind. Manche Kenner der Verhältnisse sind der Meinung, dass man für die nichtdeutschen Verschiffungs-undBestimmungsplätzc aus Deutschland kommender und nach Deutschland gehender Waren noch einmal 5 Proz. zu rechnen habe. Aber selbst wenn wir das annehmen wollen, so stünde doch der Handel zwischen Deutschland und der Türkei nicht nur hinter dem Englands und Oesterreichs, sondern auch noch hinter dem Frankreichs zurück. England hat den gewaltigen Vorsprung seiner Spinnerei und Weberei; namentlich mit der englischen Baumwollindustrie kann die unsrige erfahrungsgemäss weder in China noch in Persien, noch in der Türkei oder sonst auf ähnlichen Absatzgebieten konkurrieren.

Auch für Oeserreich-Ungarn liegen die Aussichten im türkischen Handel besser als für uns, weil es der Balkanhalbinsel unmittelbar benachbart ist und über den Donauweg und die seit alters eingeführte, speziell für den Orient bestimmte Dampferlinie des österreichischen Lloyd verfügt. Warum aber stehen wir hinter Frankreich zurick? Ist Frankreich industriell leistungsfähiger als Deutschland? Sind die Franzosen bessere Kaufleute als wir? Verstehen sie sich dem Geschmack ihrer Kunden besonders gut anzupassen? Haben sie einen besonderen Bedarf nach Dingen, die gerade aus der Türkei bezogen weraen müssen? Ist die Türkei hervorragend aufnahmefähig für die hochwertigen Erzeugnisse der Luxusindusirie und des Kunstgewerbes, derjenigen Gebiete auf denen Frankreich zum Teil noch führend ist? Nichts von alledem ist der Fall. Wohl aber etwas anderes: es gibt in der Türkei 600 Schulen, in denen französisch, und 12 Schulen, in denen deutsch unterrichtet wird! In diesen Tagen ist eine dreizehnte hinzugekommen: die des vor kurzem gegründeten deutschen Schulvereins in Aleppo. Nichts anderes als die intensive Einwirkung französischer Sprache und französischer Kulturbegriffe ist es, was den Grund der lebhaften Handelsbeziehungen zwischen Frankreich und der Türkei ausmacht. Der Türke, Grieche, Syrer, Armenier oder Levantiner, dem es darauf ankomm!, in eine Verbindung geschäftlicher oder sonstiger Art mit Europa zu treten, dem steht mit der grössten Leichtigkeit und fast an allen Orten hierzu die Möglichkeit offen, französisch zu lernen oder seine Kinder in französische Schulen zu schicken. Hier kann es für uns Deutsche, wenn wir ähnliche Früchte ernten wollen, nur heissen: So gehe hin und tue desgleichen! Die politische Sympathie, deren wir uns in der Türkei gegenwärtig erfreuen, wird uns dabei von Nutzen sein, aber für sich allein ist sie schwerlich imstande, den geschäftlichen Beziehungen einen entscheidenden Aufschwung zu geben.

Unter den grossen Seehandelsplätzen, durch die der deutsch-türkische Handel sich vollzieht, nimmt den ersten Rang natürlich Konstantinopel ein; der zweite Platz gehört Smyrna und der dritte Saloniki.

Saloniki war in weiteren Kreisen vor der türkischen Revolution vom Sommer 1908, die hier ihren Anfang nahm, wenig bekannt. Seitdem ist es berühmt geworden als der Sitz des „Komitees für Einheit und Fortschritt“, dessen Tätigkeit die Revolution vorbereitete und durchführte und dessen Machtstellung in der Türkei immer noch eine bedeutende ist. Schon im Altertum war der Handel von Saloniki (Tessalonike) gross, denn es bildet das seewärts gewandte Tor von Mazedonien. Im Mittelalter, als das byzantinische Kaisertum niederging, war die Stadt unter der Herrschaft der Venetianer; 1430 eroberten sie die Türken. Aus jener Zeit stammt noch die mächtige Landbefestigung und die jetzt verfallene, von armen türkischen Familien bewohnte Zitadelle. Die Einwohnerzahl ist während des letzten Jahrzehnts nach dem Eisenbahnanschluss an Belgrad und an Konstantinopel bedeutend gestiegen und wird auf ca. 150000 Seelen geschätzt. Die Hälfte davon sind sogenannte Spaniolen oder Sephardim, Nachkommen von Juden, die während der Religionsverfolgungen in Spanien unter Ferdinand dem Katholischen und Philipp II. aus-wanderten und auf türkischem Boden Zuflucht und Duldung fanden. Eigentümlicherweise üben die Juden von Saloniki, die ihre spanische Muttersprache bis heute bewahrt haben, nicht nur die höheren kaufmännisch kapitalistischen Berufe aus, sondern stellen auch die Mehrzahl der Handwerker und fast alle Lastträger zum Beladen und Entlöschen der Schiffe. Am Sonnabend ist der Hafen von Saloniki so gut wie tot. Gewaltige Kraftleistungen werden bei der Hafenarbeit von den jüdischen Lastträgern vollbracht. Der kleinere Teil der Spaniolen ist zum Islam übergetreten. Diese Leute werden Dönmés genannt; sie stehen im Rufe besonderer geistiger Begabung. Auch im jungtürkischen Revolutionskomitee haben sic eine Rolle gespielt; der vor kurzem zurückgetretene türkische Finanzminister Dschavid-Bey, eine Persönlichkeit, deren Laufbahn sicher noch nicht abgeschlossen ist, gehört zu den Dönmös. Der deutsche Handel war bis vor 6 oder 7 Jahren, wo sich die Wirkungen der deutschen Levantelinie geltend zu machen anfingen, ganz unbedeutend; jetzt ist er im Aufstieg begriffen.

Wenn man die Leute von Saloniki, die alle erosse Lokalpatrioten sind, nach der Stellung ihrer Stadt in der Türkei fragt, so versichern sie einstimmig, sie seien der zweite Handelsplatz nach Konstantinopel. Diese Behauptung gab ich einige Wochen später, als ich nach Smyrna kam, an meinedortigen Bekannten weiter. Lebhafte Entrüstung und Auffahren schweren statistischen Geschützes. Die Smyrnioten hatten recht; noch ist Smyrna, das zurzeit mindestens doppelt soviel Einwohner zählt als Saloniki, der zweite Handelshafen der Türkei. Die Stadt liegt wunderschön am inneren Ende des nach ihr benannten Golfs. Das drohende Schicksal, durch die Ablagerungen des Gedis-Tschai, des alten Hermos, vom Meere abgeschnürt zu werden, ist dadurch beseitigt, dass der Fluss durch einen Kanal eine neue Mündung in den äusseren Teil des Golfs erhalten hat. Smyrna ist mehr eine griechisch-levantinische als eine türkische Stadt; Griechisch, Französisch und Italienisch werden am meisten gesprochen. Die schönsten Stadtteile liegen direkt am Quai, der mit grossen Steinplatten gepflastert, mit Cafés, Hotels, öffentlichen Gebäuden, luxuriösen Privatwohnungen, Konsulaten usw. besetzt, etwa 2 Kilometer am Ufer des Meeres sich hinzieht. Gegen Sonnenuntergang entfaltet sich hier ein elegantes Treiben: Equipagen, Flaneure, glänzende Damentoiletn und an den Marmortischen vor den Cafés ist kein Platz zu bekommen. Ueber den Hafenquartieren steigt die Stadt noch hoch am Abhang des Berges Pagos empor, dessen Gipfel von einer verfallenen genuesischen Festung gekrönt ist.

Bei Smyrna münden zwei bedeutende Eisenbahnlinien. Die nördliche lührt über Mahnissa, das alte Magnesia, am Berge Sipylos und die bekannte Teppichstadt Uschak nach Afiun Karahissar, wo sie den Anschluss an die deutsche anatolische Bahn erreicht. Das Tal des Hernios zwischen Magnesia und Sardes war schon im Altertum eins der fruchtbarsten Stücke der bekannten Welt; heute ist es wichtig für die Produktion der Baumwolle, die von

Smyrna zur Verschiffung gelangt. Von Mahnissa führt eine Zweiglinie nach Norden, nach Akhissar, einem der lebhaftesten und wohlhabendsten Orte in der Provinz Smyrna mit einem bedeutenden Basar. Eine zweite bedeutende Bahnlinie führt von Smyrna nach büden und verbindet es mit den gleichfalls überaus fruchtbaren, aber seit dem Sinken der Kultur Kleinasiens te.’weise versumpften Flusstälern des Kaystros und des Meander. Ein Zielpunkt fast für jeden Besucher, der nach Smyrna kommt, sind die Ruinen von Ephesus, dicht bei der 77 Kilometer Bahnfahrt entfernten Station Ajasoluk. Hier wird der beste kleinasiatische Zigarettentabak in der Talebene des Kaystros (die Türken sagen Küdschük-Menderes, der kleine Meander) gebaut.

Ephesus wird seit Jahren auf Kosten der österreichischen Regierung ausgegraben. Die Ergebnisse sind sehr bedeutend. Von Ajasoluk führt die Eisenbahn weiter über Aidin, wo die besten über Smyrna exportierten Feigen wachsen, und Gondscheli auf das kleinasiatische Plateau nach Diner, von wo gleichfalls Anschluss an das Netz der anatolischen Bahn erwogen wird. Gegenwärtig plant die türkische Regierung umfassende Entwässerungsarbeiten im Meandertal, wodurch mehrere hunderttausend Hektar Land gewonnen werden sollen. Verwirklicht sich das, so wird die Bedeutung Smyrnas noch weiter steigen. Auch die Arbeiten im Meandertal sollen einer deutschen Gesellschaft überlragen werden.

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