Deutschland im 18. Jahrhundert – Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation

Verzeichnis der Textabbildungen unten.

Erstes Kapitel

Deutschland im 18. Jahrhundert! Kaum ein geographischer Begriff, sicherlich kein politischer.

War das „Heilige Römische Reich Deutscher Nation“ schon nach seiner Idee von jeher ein Wölkenkuckucksheim gewesen, ein Traumbild, zu schön, jemals Wirklichkeit werden zu können, so stellte es sich in dieser Zeit, nach einem Bestehen von tausend Jahren, vollends als eine Schöpfung dar, die nur aus Unmöglichkeiten und Widersprüchen zusammengesetzt erschien. Innerlich durch und durch vermorscht, bestand es zwar noch, aber nur weil sich niemand die Mühe gegeben hatte, es umzustoßen. Es besaß noch seinen Kaiser und seinen Reichstag, seine Reichsarmee und seine Reichsgerichte, aber sie glichen Leichensteinen auf einem Kirchhofe, sie bewahrten den Namen von Einrichtungen, die längst jeden Inhalt eingebüßt hatten.

Niemand wäre imstande gewesen, genau die deutschen Grenzen anzugeben, so unsicher waren die staatsrechtlichen Verhältnisse zu den außerdeutschen Nachbarn, so verworren und mannigfaltig die Beziehungen der deutschen Fürsten zum Auslande. Nicht nur daß das Reich der Form wegen längst verschollene Ansprüche auf Gebiete aufrecht erhielt, die nun schon seit urvordenklichen Zeiten der Krone Frankreichs gehörten, daß der Kaiser sich als Oberlehnsherrn auf italienischem Grund und Boden fühlte, daß die Habsburger die österreichischen Niederlande und Mailand besaßen, selbst das deutsche Sprachgebiet gehörte auch da, wo es deutschen Fürsten gehorchte, nicht immer zum Reich. Preußen und Schlesien standen außerhalb des Reichsverbandes, Pommern war schwedisch, Oldenburg dänisch, und seit vollends die deutschen Fürsten nach fremden Kronen geizten, wurde der Zusammenhang des Reiches in Frage gestellt. Der Kurfürst von Sachsen war König von Polen, der Kurfürst von Brandenburg König in Preußen, der Kurfürst von Hannover König von England, der Landgraf von Hessen König von Schweden, die Herzoge von Holstein russische Zaren, und sie alle haben die Interessen ihrer deutschen Stammlande vielfach nach Gesichtspunkten orientiert, die mit deutscher Politik nichts mehr zu tun hatten. Das war ein Zustand, der sich im kleinen wiederholte, waren döch der schweizerische Fürstbischof von Basel und der französische Fürstbischof von Straßburg Stände des deutschen Reiches, weil sie diesseits des Rheins Besitzungen inne hatten, die dem Kaiser unmittelbar unterworfen waren. Da durfte man wohl zweifelnd fragen: wo fängt Deutschland an? wo hört es auf? und sich wundern, daß ein Reich, welches auf einen Umfang von 1200 Quadratmeilen geschätzt wurde, auf denen um das Jahr 1800 etwa 24 Millionen Einwohner lebten, als ein Ganzes doch so machtlos dastand, daß die Deutschen sich seiner schämten und die Fremden seiner spotteten.- 1800 Souveräne teilten sich den deutschen Grund und Boden, so daß selbst von den Reichsständen, die über die Geschicke Deutschlands Beschlüsse zu fassen hatten, viele nicht einmal über eine Quadratmeile geboten. Man zählte 80 Territorien, die kleiner waren als 12 Quadratmeilen, und da die 1475 unabhängigen Reichsritter zusammen nur gegen 200 Quadratmeilen besaßen, so entfiel auf jeden dieser Duodezmonarchen im Durchschnitt nicht mehr als eine achtel Quadratmeile.

Dieses Konglomerat kleiner und kleinster Gemeinwesen, zu denen außer Reichsfürsten, Reichsgrafen und Reichsrittern auch einige Dutzend Reichsstädte und Reichsdörfer als unabhängige Republiken gehörten, ordnete sein chaotisches Beieinander in zehn Kreise. Es waren dies 1. der Österreichische, 2. der Burgundische, 3. der Kurrheinische, 4. der Fränkische, 5. der Bayrische, 6. der Schwäbische, 7. der Oberrheinische, 8. der Niederrheinisch-westfälische, 9. der Obersächsische und 10. der Niedersächsische Kreis. „Ordneten“ ist vielleicht zu viel gesagt, denn da die Gebiete der einzelnen Kreise nicht einmal geographisch zusammenhingen, sondern bunt durcheinander lagen, so konnte diese Kreisverfassung dem Ganzen umsoweniger Halt geben, als große Teile des Reichs gar nicht mit inbegriffen waren. Böhmen, Mähren, die Lausitz und Schlesien fanden innerhalb der zehn Kreise keinen Platz, und auch die so ungemein zahlreiche Reichsritterschaft in Schwaben, Franken und am Rheinstrom gehörte nicht dazu. Um die einheitliche Verwaltung gemeinsamer Angelegenheiten überhaupt möglich zu machen, stand jeder Kreis unter einem Fürsten, der die Interessen desselben derart wahrzunehmen halte, daß er Kreistage ausschrieb, auf denen die Mitglieder ihre Ansichten auslauschen und Beschlüsse fassen konnten. Da manche Kreise aber nicht ein Oberhaupt besaßen, sondern zwei, ein geistliches und ein weltliches, da die Kreistage nicht an gewissen Terminen stattfanden, sondern ganz unregelmäßig abgehalten wurden, so diente die Einrichtung, die die Einigkeit fördern sollte, im Grunde mehr zur Aufrechterhaltung eines ewigen Unfriedens; denn die aus den gegenseitigen Eifersüchteleien entspringenden Zwistigkeiten und Verdrießlichkeiten nahmen kein Ende. Es war die Blütezeit des Partikularismus, der in tausend Sonderbestrebungen üppig in die Halme schoß, so daß Prinz Eugen von Savoyen 1733 mit Recht schreiben durfte:

„Deutschland kennt kein anderes Interesse als das durch den westfälischen Frieden sanktionierte Gesetz der Uneinigkeit und Trennung.“

Das einzige Band staatlicher Einheit: der Reichsgedanke, hatte jede Kraft verloren, denn von dem Kaiserreich führte Deutschland nur noch den Namen.

Noch immer, wie seit Jahrhunderten schon, war Deutschland ein Wahlreich, in dem neun Kurfürsten die Kaiserwahl Vornahmen. Im 18. Jahrhundert waren es neun an der Zahl, drei geistliche: Mainz, Trier und Köln, und sechs weltliche: Böhmen, Bayern, Sachsen, Brandenburg, die Pfalz bei Rhein und Hannover. In Wirklichkeit, wenn auch nicht de jure, war dieses Wahlreich eine Erbmonarchie des Hauses Habsburg, das die Kaiserwürde seit 1437 besaß, und wenn die Kurfürsten dieser Tatsache nicht Rechnung trugen, so geschah es, weil die Wahlen, die sie immer erneut Vornahmen, ihnen eine ganze- Reihe von Vorteilen sicherten. Ganz abgesehen von den bedeutenden Bestechungssummen, die oft jahrelang in ihre Tasche flössen, erlaubte ihnen die Wahl, dem zu Wählenden Bedingungen aufzuerlegen, die ihrem Interesse entsprachen, nicht dem seinen. So wurde denn die angebliche Kaiserwahl, die eine längst abgekartete Sache war und niemals mehr von den Kurfürsten, sondern immer nur von ihren Gesandten vorgenommen wurde, zu einer Nebensache, dem Vorwand, hinter dem sich als springender Punkt die Abfassung der Wahlkapitulation verbarg, die der Kandidat beschwören mußte, ehe er die Krone empfing. Im Laufe der Zeit haben die Wahlkapitulationen zu einer solchen Beschränkung der kaiserlichen Prärogative geführt, daß dei Kaiser in seinem Reich in der Tat nichts mehr zu sagen hatte. Seine Bezüge vom Reich Geschränkten sich auf etwa 8000 Tale; im Jahre, sein Machtbereich aber erstreckte sich nicht weiter als auf das Erteilen von Adelsbriefen, die Verleihung von Titeln und das Ausstellen von Privilegien und Rechten, die für die damit Begabten von recht platonischem Wert waren, da der Kaiser, der sie erteilte, gar nicht imstande war, die Besitzer in ihren Vorrechten zu schützen. Alle wirklichen Rechte eines Monarchen, also etwa das Kriegführen, der Abschluß von Bündnissen, das Erheben von Zöllen und Auflagen konnte er nur nach vorheriger Verabredung mit den Fürsten und Ständen vornehmen, was bei der Vielköpfigkeit derselben ein rasches und zielbewußtes Handeln von vornherein unmöglich machte. Zum Ersatz für die Ausübung realer Herrschermacht standen dem Kaiser in der höfischen Etikette die höchsten Ehrenbezeigungen zu, Ehren, die schon seine Krönung mit dem Prunk eines halb mystischen Zeremoniells umgaben.

Es war ein seltsamer Widerspruch, daß das Reich, das seinem Oberhaupte jede Macht entwunden hatte, doch darauf angewiesen war, einen Kaiser zu wählen, dessen Hausbesitz groß genug war, um ihm nicht nur persönlich ein gewisses Ansehen zu geben, sondern‘ auch dem Reich, das er vertrat, Sicherheit nach außen zu gewähren. Je weniger es ihm gab, je mehr verlangte es von ihm. ein Umstand, der mit Notwendigkeit dazu führen mußte, daß die Kaiser in erster Reihe Haus- und nicht Reichspolitik machten. Schon im 17. Jahrhundert hatte Pufendorf daraufhingewiesen, daß die Habsburger sich immer dann als Glieder des deutschen Reiches betrachteten, wenn es ihr Vorteil so mit sich brachte, daß sie sich aber sofort als ausländische Großmacht fühlten, wenn das Kaisertum ihnen Nachteil zu bringen schien. Die unselige Verbindung mit Österreich, das zu drei Vierteln seines Bestandes slawischer und magyarischer Nationalität war, das durch sein eifervolles Streben nach der Glaubenseinheit des katholischen Bekenntnisses seine Völker von jedem geistigen Fortschritt abzuhalten wußte, das seine Familienverbindungen in die gesamte europäische Politik verwickelte, ist Deutschland teuer zu stehen gekommen. Alle Niederlagen der Habsburgischen Politik hat das Reich mit Einbuße an Land und Leuten büßen müssen, ja, die lange dauernde Auseinandersetzung zwischen den Häusern Habsburg und Bourbon ist nur auf Kosten des Reiches erfolgt.

Die Verständigung zwischen Kaiser und Reich erfolgte auf dem Reichstage. 1654 war die Reichs Versammlung unverrichteter Dinge auseinander gegangen, 1663 trat sie in Regensburg wieder zusammen, um von da an, 1 1/2 Jahrhunderte lang als „immerwährender Reichstag“ beisammen zu bleiben. Der Geschäftsgang war so, daß die Stände, welche das Recht der Vertretung auf dem Reichstag besaßen, drei Kollegien bildeten: das kurfürstliche, das fürstliche, dem auch die Prälaten, Grafen und Herren angehörten, und das reichsstädtische. Waren diese drei Körperschaften einmal einig, so wurde der von ihnen gefaßte Beschluß dem Kaiser als Reichsgutachten übergeben und von ihm, war er einverstanden, als verbindlich anerkannt und zwecks Vollziehung in die Reichstagsabschiede aufgenommen. Die ganze Maschinerie war ungelenk, mehr zum Verhindern positiver Leistungen geschaffen als zum Hervorbringen solcher geeignet. Der Reichstag hat sich denn auch nur im Verneinen stark bewiesen und die langen Jahrzehnte seiner Tätigkeit hauptsächlich mit dem Hadem über Formen und Formalien zugebracht. Die Etikette und alle Fragen, die mit ihr in Zusammenhang standen, spielten in den Verhandlungen zu Regensburg eine Rolle, von deren Wichtigkeit sich eine spätere Zeit kaum noch die gebührende Vorstellung machen kann. Die Zeremonien bei Besuchen und Empfängen, die Titulaturen, das Prädikat „Exzellenz“, lauter Quisquilien dieser und ähnlicher Art standen im Vordergründe des Interesses der Gesandten.

Wer ein zuverlässiges Bild von diesem Unwesen gewinnen: möchte, der mag in Kayßlers 95. Schreiben aus Regensburg vom 11. Februar 1731 den „itzigen Zustand des Reichstags“ wahrheitsgetreu beschrieben finden. Es ist sehr ergötzlich zu lesen, wie der Reisende, der diese Angelegenheiten übrigens selbst mit großem Ernst und in erstaunlicher Breite abhandelt, schließlich bemerkt, daß der französische Gesandte Chavigny, „ein listiger Mann, der nur seine Endzwecke zu erreichen sucht, sich aus allen dergleichen Zeremonien nichts macht“, und sogar mit kurfürstlichen und fürstlichen Gesandten umgeht, ohne Unterschiede zwischen ihnen zu machen. Statt sich aber an der Diplomatie des Franzosen ein Beispiel zu nehmen, haben sich die Gesandten je länger, je mehr in diese Fragen verstrickt, so daß Achatz Ferdinand von der Asseburg, den Katharina II. 1775 nach Regensburg schickte, wegen des gradezu unerträglichen Zeremoniells vorschlug, dort nicht als Gesandter, sondern nur als russischer Geheimrat auftreten zu dürfen. Es kam so weit, daß die Geschäfte des Reichstages drei volle Jahre lang, vom Januar 1782 bis zum Februar 1785, völlig zum Stillstand kamen, weil man sich nicht darüber einigen konnte, ob die fränkischen und westfälischen Grafen protestantische oder katholische Gesandte nach Regensburg zu senden hätten. Wie weit bei einer solchen Denkart das sachliche Interesse in den Hintergrund trat, läßt sich denken. Als Pütter 1746 den Sitz der Reichsversammlung besuchte, klärte ihn ein Eingeweihter darüber auf, daß es beim Reichstage gar nicht darauf ankäme, wer recht habe, wer unrecht, sondern einzig und allein darauf, wer die Mehrheit der Stimmen zusammenbringe.

Seit urvordenklichen Zeiten betrachteten sich die Kurfürsten als Inhaber der obersten Reichsämter. Der Kurfürst-Erzbischof von Mainz war Reichserzkanzler durch Germanien, der von Trier Reichserzkanzler durch Gallien und Arelat, der von Köln Reichserzkanzler durch Italien. Von den weltlichen Kurfürsten waren der König von Böhmen Erzschenk, der Kurfürst von Bayern Erztruchseß, der Kurfürst von Sachsen Erzmarschall, der Kurfürst von Brandenburg Erzkämmerer, der Kurfürst von der Pfalz Erzschatzmeister, welches Amt 1706 an Hannover überging, das 1692 zur Kurwürde gelangt war. Diese Würden waren längst zu bloßen Titulaturen geworden, nur die drei geistlichen Kurfürsten sind im Laufe des 18. Jahrhunderts wenigstens noch bei den Krönungen der Kaiser in Funktion getreten, die weltlichen Kurfürsten ließen sich dabei durch ihre Gesandten vertreten.

Die Mittelspersonen, durch welche Fürsten und Stände mit dem Kaiser in Verbindung standen, waren die Reichskanzlei und der Reichshofrat, beide schon seit langem in Wien. Kurmainz besaß das Recht, das Personal der Reichskanzlei mit Vizekanzler, Hofräten, Reichshofsekretären und Referendarien zu ernennen, ihre Verhandlungen wurden in deutscher oder lateinischer Sprache geführt. Den Reichshofrat ernannte der Kaiser. Er bestand aus einer Herren- und einer Gelehrtcnbank und beschäftigte zusammen etwa 20000 Seelen. Auf der Herrenbank, sagt Perthes sehr hübsch, „saßen Kinder und Ignoranten“, d.h. Söhne hochadliger Väter, die nichts zu können und nichts zu verstehen brauchten und daher auch nur 2600 fl. jährliche Besoldung empfingen, während die Mitglieder der Gelehrtenbank die Arbeit leisteten und dafür ein Jahresgehalt von 4000 fl. erhielten. Diese Remuneration war indessen für die Wiener Verhältnisse durchaus ungenügend, und die gelehrten Reichshofräte waren zur Aufbesserung ihrer Finanzen ganz offenkundig auf Bestechung angewiesen.

„Man kann sich bei diesem Reichskollegium wenig auf die Gerechtigkeit seiner Sache verlassen,“

schrieb Freiherr von Fürst an Friedrich den Großen, „wenn man nicht durch Begünstigungen unterstützt wird.“ Als Joh. Jak. Moser bei dem Reichshofrat tätig war und sich für Bestechungen unzugänglich erwies, nannte ihn der Vizepräsident Graf Wurmbrand nie anders als „Ehrlicher Herr Rat“, so wenig gewohnt war er, diese Eigenschaft in seinem Kollegium anzutreffen. Außerdem hielten sich beim Reichshofrat Agenten auf, die bei Prozessen die Interessen ihrer Klienten wahrzunehmen hatten, es waren ihrer 30, die sich nach Keyßler auf 10000 fl. im Jahre standen. Die Arbeitsleistung war gleich Null. Prozesse, die beim Reichshofrat anhängig gemacht wurden, blieben 100 Jahre und länger in der Schwebe, ja, Rebmann berichtet den klassischen Fall, daß diese Behörde eine Klage der Untertanen über ihren Fürsten nach zwei Menschenaltern endlich dahin beschieden habe: „Man verhoffe in Wien, der Fürst werde schon von selbst auf Abstellung der betreffenden Beschwerde gnädigst bedacht gewesen sein.“ Nur die Kleinsten und Allerkleinsten wurden durch die Furcht vor dem Reichshofrat etwas in Zaum gehalten, denn wie selten es auch vorkam, daß man sich in Wien zu energischen Entschlüssen aufraffte, schon die Tatsache, daß ein Verfahren an dieser Stelle beträchtliche Summen kostete, ließ die kleinen Despoten darauf sehen, alles Verfängliche möglichst zu unterlassen, „daß nur kein Geschrei beim Reichshofrat entstehe.“ Vom Reichskammergericht und der Reichsarmee wird noch an anderer Stelle die Rede sein.

An der Spitze des Reiches ein machtloser Kaiser und ein untätiger Reichstag, sie repräsentierten das, was Friedrich der Große, wenn er sich offiziell ausdrückte, „eine erlauchte Republik von Fürsten mit einem gewählten Oberhaupt an der Spitze“ nannte, und was lange vor ihm Oxenstierna „die von der Allmacht erhaltene Konfusion“ und Pufendorf „ein Monstrum“ geheißen hatten. In der Tat war das Emporstreben der Territorien daran schuld, daß das Ganze zum Vorteile seiner einzelnen Teile den schwersten Schaden erlitt und seinem Namen zum Trotz im Grunde eigentlich keine Verfassung besaß. Niemand war da, der imstande gewesen wäre, die Ordnung aufrecht zu erhalten und sie nötigenfalls zu erzwingen. Staatsrechtlich bedeuteten die deutschen Zustände ein Trümmerfeld, auf dem die Ruinen alter und überlebter Formen neben kümmerlichen Anfängen neuer Bestrebungen lagen, die über die Umrisse nicht recht hinaus kamen; das aber, was sich auf diesem Boden in der vollen Fülle des. Lebens erhob, entwickelte sich im Gegensatz zu Kaiser und Reich und strebte neuer Einheit zu. Der hartnäckig festgehaltene Wunsch, nichts von seiner Eigentümlichkeit aufzugeben und dem großen Ganzen zuliebe auf keine partikulare Sonderfreiheit zu verzichten, der die Geschichte der deutschen Stämme zu jenemTrauerspiel macht, dem wir eben wieder leidvoll bei • wohnen müssen, hatte dazu geführt, daß nicht nur die Territorien als solche, daß Korporationen und Stände, daß die Städte, ja, daß jeder einzelne den Anspruch auf Rechte festhielt, deren Ausübung in Wirklichkeit unmöglich geworden war. Nie-Kaiser Franz i. mand aber wollte veränderten äußeren Umständen Rechnung tragen, um so weniger, als er keinen Faktor gewahrte, der ihn dazu hätte zwingen können. So hatte sich aus dem Durcheinander verrotteter Formen im 18. Jahrhundert allmählich jene gradezu typische Struktur der deutschen Territorien herausgebildet, in der das Nebeneinanderbestehen verschiedener Rechtszustände jene verfassungsrechtlichen Unmöglichkeiten herbeiführte, an denen das deutsche Staatsleben jener Zeit da-hiiisiechte. Das sogenannte Kondominat war nur eine von ihnen. Es bestand darin, daß ein Ort oder eine Landschaft von verschiedenen Herren abhängig war. So gab cs in Nassau Zweiherren-, Dreiherren-, Vicrherren-Länder, deren Name schon besagt, wie vielen Herren Rechte auf sie zustanden. Dorf und Schloß Michelfeld im Odenwald war z. B. ein Lehen der Freiherren von Gcmmingen, dessen hohe Jurisdiktion dem Kaiser zustand, während das Schloß von Kurpfalz, die Kirche von Hessen-Darmstadt, das Gut von Hessen und Hohenlohe dependierte. Von tausend ähnlichen Fällen ist dies nur einer, er mag als Beispiel genügen, um zu zeigen, wie unnatürlich und verschroben sich die Zustände bei dem Fehlen jeder Zentralgewalt entwickelt hatten.

Es leuchtet ohne weiteres ein, daß derartige Verhältnisse eine Quelle von Zank und Streit bildeten, die nie versiegen konnte, dann nicht, wenn das Recht klar war und schon gar nicht, wenn die Ansprüche gegenseitig strittig waren. Je kleiner die Gebiete, je größer pflegte der Zank der Nachbarn zu sein. So stritt die Reichsstadt Schwäbisch-Hall mit dem Fürsten Hohenlohe, mit dem Stift Komburg und anderen um die gleichgültigsten Bagatellen, zu keinem andern Zweck, als um „Halls jura zu salvieren“. Die Grafen Öttingen hatten 1765 in Zipplingen und Unterschneidheim bei dem Tode des Kaisers Franz die Einstellung aller Lustbarkeiten angeordnet, was die Veranlassung zum Kriege mit dem Deutschorden wurde, dem diese Dörfer gehörten. Die Öttinger belagerten Kapfenburg, die Mergentheimer eilten dem Deutschorden zu Hilfe, schließlich mußte der Kreis die Landmiliz aufbieten, um die Ruhe wiederherzustellen. Freiherr von Flemming auf Weißig in Sachsen erklärte der Herzogin von Sachsen-Weißenfels den Krieg, weil sie auf seinem Gebiet hatte einen Hirsch erlegen lassen; Mainz und Würzburg führten 1749 Krieg wegen eines Forstes, Köln und Kurpfalz kämpften um Strombauten am Rhein, die der eine anlegen, der andere sofort zerstören ließ. Als Joh. Chr. Edelmann sich in Hachenburg aufhielt, brach 1743 Krieg zwischen dem Grafen Wittgenstein und den Grafen von Hachenburg aus, und er mußte eine 6 Wochen dauernde Belagerung durch kurpfälzische Truppen aushalten. Eine gewisse Berühmtheit hat der Krieg, der 1747 zwischen Sachsen-Gotha und SachsenMeiningen ausbrach, erhalten. Seine Veranlassung war der Streit, der sich am Hofe in Meiningen zwischen Frau von Gleichen und Frau von Pfaffrath über den Vortritt erhob. Gustav Freytag hat in seiner liebenswürdigen und herzlichen Art die Geschichte dieses sogenannten Wasunger Krieges erzählt. Er spielte zur gleichen Zeit, als auch die Fürsten Hohenlohe miteinander kämpften, weil die eine Linie das Osterfest nach dem julianischen Kalender feiern wollte, während die andere es nach dem gregorianischen beging. Ansbacher Grenadiere mußten schließlich die Friedensengel machen. Eine Veranlassung unendlicher Streitigkeiten bildeten auch die Gebietsteilungen mancher fürstlicher Häuser, wie der Sachsen, Anhaltiner, Hessen u. a. So befehdete die Linie Anhalt-Bernburg die Linie Anhalt-Hoym wegen der Hoheitsrechte über Hoym, die sie nicht mit abgetreten haben wollte, und aus demselben Grunde haderte Hessen-Cassel mit Hessen-Rothenburg, Hessen-Darmstadt mit Hessen-Homburg.

Solche Zustände waren nur möglich, weil man den Kaiser jeder Macht beraubt hatte und alles, was ihm entzogen worden war, der landesfürstlichen Autorität zu gute kam, auch wenn diese sich nicht weiter erstreckte als der sichtbare Horizont. „Selbst der jüngste Sohn einer apanagierten Linie bildet sich noch ein, Ähnlichkeit mit Ludwig XIV. zu haben,“ schrieb Friedrich II. im Anti-Macchiavell, „er baut sich ein Versailles, hat Mätressen und unterhält eine Armee.“ Die trostlosen Jahrzehnte, welche dem Ende des Dreißigjährigen Krieges folgten, sahen das Aufkommen des Absolutismus, den der kleinste deutsche Zwergpotentat sich in der Tat ebenso zu eigen zu machen suchte, wie der König von Frankreich, der sein leuchtendes Vorbild war. „Die Souveränitätsbegierde bemeistert sich immer mehr der fürstlichen Höfe,“ schreibt Johann Jakob Moser, „man hält Soldaten so viel man will, legt Akzis und andere Imposten auf, kurz, man tut was man will, läßt die Landstände und Untertanen, wenn es noch gut geht, darüber schreien oder macht ihnen, wenn sie nicht alles, was man haben will, ohne Widerstand tun, auch die nötigsten und glimpflichsten Vorstellungen zu lauter Verbrechen, Ungehorsam und Rebellion.“ Über allen Begriffen von Recht erhob sich in dieser Zeit die unumschränkte Macht des Fürsten, der keine Schranken anerkennen wollte, die seinem Herrenwillen entgegengestanden wären. „Wir sind Herr und König und tun was wir wollen,“ sagte Friedrich Wilhelm I. von Preußen, „ich bin Papst in meinem Lande und niemand anders als mir selbst Rechenschaft schuldig,“ erklärte Herzog Eberhard Ludwig von Württemberg, als ihm die Stände Vorstellungen wegen seines Verhältnisses zur Gräfin von Grävenitz machten. Der Erzieher des Kurfürsten Karl Theodor von der Pfalz, der Jesuit Seedorf, überreichte seinem Zögling bei dem Regierungsantritt ein Gutachten, das von dem Gedanken ausgeht, die Fürsten würden mit „größtem Fuge“ die Götter dieser Welt genannt. Alles, was der Landesherr seinen Untertanen nahm, forderte er von Rechtswegen, was er ihnen gab, sah er als eine Gnade an, zu deren Gewährung er durch nichts verpflichtet war. Die Landeshoheit diente keinen anderen Zwecken als der Erhöhung des Glanzes und des Ansehens des regierenden Hauses. Das Absehen der Politik war auf nichts anderes gerichtet als auf die Vermehrung des Familienbesitzes und die Aufrichtung der absoluten Monarchie unter Beseitigung aller Hindernisse. Die Schranke der Willkür erblickten die Fürsten meist in den Ständen und in den Landtagen, die den unrechtmäßigen Ansprüchen des Landesherrn einen Damm entgegengesetzt hatten, und ihrer Beseitigung galt daher das eifrigste Streben aller Kabinettsregierungen. Nun hatte die furchtbare sittliche Verwilderung, die der Dreißigjährige Krieg in den Gemütern zurückließ, auch den Charakter der Stände beeinflußt und ihnen das Bewußtsein geraubt, öffentliche Pflichten zu vertreten. Sie hatten nichts anderes im Auge als ihren eigenen Vorteil und stellten ihre privaten Interessen hoch über das gemeine Wohl; in den Gegenden, in denen sie die meisten Rechte genossen, stand es um das Land am schlimmsten.

Fast überall aus adligen Grundbesitzern zusammengesetzt, waren sie auch durchwegs nicht im Besitze des Vertrauens ihrer Mitbürger, spricht doch Joh. Georg Schlosser 1777 im Teutschen Museum von der „zehnfachen Last“, welche die Länder, deren Land-stände nur aus Adel bestehen, zu tragen haben, im Vergleich mit jenen, die überhaupt keine Landstände besitzen. So sah das Volk das Zurückdrängen und endliche Verschwinden der Stände in den meisten Ländern teilnahmslos mit an, und nur in Württemberg blieb die Sympathie des Volkes stets auf ihrer Seite. Hier erlahmte der ausdauernde Widerstand der im übrigen auch durchaus bürgerlichen Landstände im Kampfe gegen „die Tyrannei eines Karl Eugen nie, wenn auch die Resultate, die sie im Zwiespalt mit der fürstlichen Willkür erzielten, nur bescheiden waren. Brandenburg ;hat am ersten mit seinen Ständen aufgeräumt. Die Beseitigung der althergebrachten ständischen Formen, schon durch rden Großen Kurfürsten begonnen, wurde durch Friedrich Wilhelm I. vollendet. Seine berühmte Kabinettsorder aus dem Jahre 1717: „Ich komme zu meinem Zweck und stabiliere die Souveränität und setze die Krone fest wie einen rocher von bronce und lasse den Herren Junkers den Wind vom Landtag“ macht gewissermaßen den Schlußstrich unter dieses Kapitel. Von da an haben die Stände zwar noch Proteste erlassen, aber nur, um den Schein zu wahren. Friedrich Wilhelm I. und sein Sohn ließen keine Landtage mehr abhalten, und da, wo sie durch die Finger sahen und den alljährlichen Landtag zusammenkommen ließen, wie in Cleve und Mark, geschah es nur aus Entgegenkommen gegen den Adel, dessen Stiftsfähigkeit von der Teilnahme an Landtagen abhing. Eine reine Formalität war er auch hier. Wo die Landschaft fortbestand, wie beispielsweise in Brandenburg, nahm sie die Form einer Vereinigung des Adels zu rein wirtschaftlichen Zwecken an, politischer Einfluß oder solcher verwaltungsrechtlicher Art war ihr völlig entzogen.

In Bayern entschlummerte die landständische Verfassung, um nicht mehr zu erwachen. Seit dem 17. Jahrhundert waren hier keine allgemeinen Landtage mehr gehalten worden. Der letzte hatte einen Ausschuß ernannt und ihm eine Vollmacht auf die Dauer von 9 Jahren erteilt, die sich im Laufe der Zeit, ohne daß es sonderlich bemerkt wurde, auf ein Jahrhundert ausdehnte. Der Ausschuß trat einmal im Jahr in Atünchen zusammen, verzehrte seine Diäten, und im übrigen blieb alles, wie es gewesen war. ln Kurpfalz waren die Landstände seit 200 Jahren nicht mehr zusammengekommen; in Pfalz-Neuburg waren sie auf einen Ausschuß reduziert, der sich seit 1721 so aufführte, daß, wie ein dem Kurfürsten Karl Theodor erstattetes Gutachten sich ausdrückt, „man sich darüber zu beklagen keine sonderliche Ursache habe“. In Sachsen bestanden die Landstände aus drei Klassen. Die erste umfaßte die Stifte, den hohen Adel und die Universität, die zweite die Ritterschaft der sieben Kreise, soweit der einzelne acht Ahnen aufzuweisen hatte und ein Rittergut besaß, die dritte endlich die Städte. Allgemeine Versammlungen fanden nur alle 6 Jahre statt, der Ausschuß tagte dagegen alle 2 Jahre. Am mächtigsten war die Stellung der Stände in Österreich, und hier ist sie am längsten intakt geblieben. So lange Josef I. und Karl VI. auf dem Throne saßen, blieb die Verwaltung in der Hand der Stände, die die einzelnen Länder völlig voneinander abschlossen und im Innern ganz nach ihrem Sinne und zu ihrem Vorteil regierten. Im wesentlichen blieb es auch noch unter Maria Theresia so, erst Josef II. nahm ungleich seiner Mutter die Erbhuldigung der Stände nicht mehr entgegen, sondern löste die ständische Verfassung auf und orientierte seine Regierung gegen ständische Rechte und Vorrechte.

Aber auch da, wo sie bestehen blieben, hörten sie auf, den Untertan gegen den Landesherrn zu schützen, wofür ja Sachsen und Württemberg die eklatantesten Beispiele sind. Sie waren weder imstande, die maßlos ausschweifenden Pläne August des Starken zu hemmen, der nichts Geringeres wollte als Böhmen, Schlesien und Mähren erobern, um den Wettinern die Herrschaft über den Osten Europas zu verschaffen, mul der nicht nur sich selbst, sondern sein bedauernswertes Land seinem dynastischen Ehrgeiz zu Liebe in das polnische Abenteuer stürzte, noch konnten sie die Mißwirtschaft seines Sohnes und des Grafen Brühl hindern, die Kursachsen in die übelsten politischen intriguen verwickelten, um es unter unendlichen Opfern an Ehre und Ansehen, Hab und Gut wehrlos seinem Gegner zu überlassen, ln Württemberg vollends haben die Stände ein volles Jahrhundert hindurch die Rolle des Chors in der Tragödie gespielt, jener alten Herren, die grollend und übellaunig alle Vorgänge auf der Bühne mit spitzen Reden und gar nicht erbetenen Ratschlägen begleiten und am Charakter der Helden und am Gang der Handlung doch so gar nichts ändern. „Die Regierung der Herzoge Eberhard Ludwig, Alexander und Karl Eugen“, schreibt Joh. Gottfr. von Fahl in seinen Denkwürdigkeiten, „ist ein düsteres Gemälde aus der Passionsgeschichte eines mißhandelten Volkes.“ Eine Passionsgeschichte, in die Laune, Willkür und Tyrannei der Herrscher so viele Missetaten und Verbrechen gehäuft haben, daß man nur nicht begreift, wie ein Volk sie so lange und mit so unendlicher Geduld hat tragen können. „Waren doch alle getreu, ergeben und eifrig,“ bemerkt Albrecht von Haller 1723 in seinem Tagebuch, „ohne Murren, ohne Stachelschriften, und nahmen die Unordnung am Hofe als eine Strafe vom Himmel an.“ Je weiter es auf der dynastischen Leiter abwärts ging, je kleiner der Staat war, je ärger wurde die Willkürherrschaft, gegen die es für die Untertanen kaum einen Schutz gab. Da die Souveränität der Fürsten größtenteils in der Einbildung bestand und ihnen im Grunde gar keinen Spielraum zur Entfaltung irgendwelcher Talente frei ließ, da sie meist nicht weiter reichte als der Schatten des Kirchturms ihrer Residenz, so fielen sie in der Sucht, ihren Absolutismus auch betätigen zu müssen, einem kindischen Zäsarenwahnsinn zum Opfer. Fürst Leopold von Anhalt-Dessau zwang den Adel seines Landchens, ihm seine Güter abzutreten, denn er wollte sein Fürstentum nicht nur beherrschen, sondern auch besitzen. Und die Untertanen konnten noch von Glück sagen, wenn die Herren sich nur an ihrem Eigentum und nicht auch an ihrer Ehre und ihrem Leben vergriffen. Fürst Hyazinth von Nassau-Siegen ließ 1703 den Bauer Friedrich Flender hinrichten, nicht nur ohne Urteil und Recht, sondern auch ohne irgendeinen verständigen Grund; es kam ihm nur darauf an, zu beweisen, daß er als Besitzer einer halben Grafschaft Herr über Leben und Tod sei. Der Markgraf von Ansbach schoß einen Dachdecker vom Turm des Schlosses in Bruckberg, um seiner Mätresse zu zeigen, wie sicher er im Zielen sei; der Witwe des Ermordeten schenkte er großmütigerweise 5 Gulden. Ein Markgraf von Bayreuth erschoß einen Jägerburschen, der gewagt hatte, ihm zu widersprechen; der Herzog von Mecklenburg ließ den Geheimrat von Wolffrath hinrichten, um die Witwe zu seiner Mätresse zu machen; Herzog Karl Eugen von Württemberg ließ die Tochter eines hohen adligen Beamten von der Redute weg in seine Zimmer bringen, und erhob sie, aller Proteste der Eltern ungeachtet, zu seiner Mätresse. Prinz Joseph von Hildburghausen pflegte auf seinen Platz am Sessionstisch des Geheimen Rats zwei geladene Pistolen und ein scharf geschliffenes Patidurenmesser zu legen. Mißfiel ihm der Vorschlag eines Beamten, so warf er ihm das Messer au den Kopf, die geängstigten Mitglieder des Rats ließen es meist nicht erst dazu kommen, daß der Fürst auch nach ihnen schoß, sie zogen es vor, nach diesem Ausbruch hochfürstlicher Laune durch schleunigste Flucht den Regenten in die heiterste Stimmung zu versetzen. Karl Friedrich von Moser, der 1760 in seinem „Herr und Diener“ den Fürsten einen Spiegel vorhielt, hatte schon Grund zu dem Seufzer:

„Sollte man es in uiisern heillosen Zeiten anders als auf einem Blatt Papier .wagen dürfen, dem Regenten ins Angesicht und mit Hoffnung des Eindrucks zu sagen: „Respektieren Euer Durchlaucht in Ihren Handlungen die Stimme Gottes und des Gewissens.“

Beide Moser, Vater und Sohn, die niemals müde wurden, fürstlicher Gewalt und Anmaßung entgegenzutreten, haben schwer für ihren Freimut büßen müssen, galt doch schon jede Kritik fürstlicher Handlungen für Hochverrat. Als Friedrich Wilhelm I. 1730 seinem Sohn den Prozeß machte, ließ er bekannt machen, daß niemand sich einfallen lassen solle, Glossen über seine Handlungsweise zu machen, er würde ihm sonst die Zunge ausschneiden lassen; wer sich aber unterstehe, über die Gefangenschaft des Prinzen und die Hinrichtung Kattes zu schreiben, dem werde die rechte Hand abgehauen werden. Herzog Ernst August von Sachsen-Weimar, verbot 1737 „Das vielfältige Räsonnieren der Untertanen“ bei halbjähriger Zuchthausstrafe, „maßen das Regiment von Uns, nicht aber von den Bauern dependiert und Wir keine Räsonneurs zu Untertanen haben wollen“. Am.ärgsten blühte die Winkeltyrannei der Duozdespoten in den reichsritterschaftlicheu Gebieten in Franken und Schwaben, die in tausend Partikelchen zerschlagen waren und im Bewußtsein und Sprachgebrauch der Deutschen erst eigentlich als „das Reich“ angesehen wurden, Diese Reichsgrafen und Reichsfreiherren waren zwar dem Kaiser unterworfen, aber Wien war weit, und Prozesse auch für die Untertanen kostspielig. Darum übten sie ungestraft die schonungsloseste Willkür, verhängten ohne Grund Geldstrafen, erhoben Steuern nach Belieben und belasteten die Bauern mit den härtesten Fronen, so daß die Ritterschaftsordnung der 6 Orte in Franken schon 1720 mahnte:,„die armen Untertanen wider die Gebühr nicht zu beschweren“. Die Reichsgerichtsurteile, wenn sie sich mit diesen Herrchen beschäftigten, sprechen von ihrem „nieder-, trächtigen, unanständigen und gefährlichen“ Betragen, von „ehrvergessener Auf: führung“, „ärgerlichem und ruchlosem Lebenswandel“. Joh. Gottfr. .von Pahl; der lange Jahre in engster Berührung mit Mitgliedern des reichsunmittelbaren Adels lebte, hat ein treffendes Bild von ihnen gezeichnet. „Freifrau Karoline von Wöllwarth“, schreibt er, „benutzte ihre Stellung als Gutsherrschaft zwar nicht, um aul Kosten ihrer Untertanen zu gewinnen, sie realisierte aber ein eigentliches Sklaventum unter ihnen und erkannte ihnen gegenüber kein rechtliches Verhältnis an, sie griff in ihr Privatleben ein und verfügte über ihre häuslichen Umstände.“ Köstlich schildert er das Tun und Treiben des Grafen Joseph Anselm Adelmann auf Hohenstadt bei Neubronn, der alles selbst tat, das Unbedeutende und Geringfügige immer für wichtig und groß hielt, in seinen Beamten nur die willenlosen Vollzieher seiner Befehle erblickte. Alle Urteile gingen in erster und letzter Instanz stets von ihm persönlich aus, und zwar ohne Beachtung irgendeines Gesetzes, wie es Laune, Haß oder Zuneigung grade eingaben. Vom Obervogt bis zum Küchenjungen regierte er alles mit dem Rohrstock und hatte auf dem höchsten Punkte seiner Besitzungen zwei mächtige Galgen aufrichten lassen, um sein Recht über Leben und Tod den Untertanen eindringlich vor Augen zu führen. An der Spitze seiner Bauern zog er gegen den-Freiherrn von Gültlingen auf Wildenhof ins Feld und lieferte ihm Schlachten, in denen es an Verwundeten und Toten nicht gefehlt hat. Kein Untertan durfte ihm nahe kommen, ohne ihm den Rockzipfel zu küssen. Da Pahl ihm mißfiel, so nahm er ihn in eine Strafe von 100 Mark lötigen Goldes, und drohte, ihm den Kopf vor die Füße legen zu lassen, wenn er nicht zahlen werde. Nur in seltenen Fällen kam es vor, daß die kaiserliche Justiz die gröbsten Missetäter unter diesen Herren erreichte, und dann mußten sie es schon lange und arg getrieben haben. So kam Graf Friedrich von Leiiiingen-Guntersblum in Haft, weil er die abscheulichsten Untaten begangen hatte. Graf Gebhard zu Wolfegg-Waldsee erhielt wegen Betrügereien an Witwen und Waisen zwei Jahre Gefängnis; Graf Karl Magnus von Salm-Grehweiler, der die unsinnigste Verschwendung getrieben und sich bei Anleihen der gröbsten Betrügereien schuldig gemacht hatte, mußte zehn Jahre auf der Festung Königstein‘ im Taunus zubringen.

Nun gab es neben den Fürstentümern auch Republiken im deutschen Reich, außer 51 Reichsstädten sogar freie Reichsdörfer, zu denen Aschhausen in Schwaben, Gochsheim und Sennfeld bei Schweinfurt, Sulzbach und Soden bei Frankfurt a. M., Holzhausen bei Marburg gehörten, aber es war um sie und ihren Zustand keineswegs besser bestellt. Sie waren die klassischen Stätten der Korruption und einer Vetternwirtschaft, die sprichwörtlich geworden war. Die reichsstädtischen Verfassungen datierten noch aus dem 16. Jahrhundert, sie waren versteinert und leblos geworden, die Magistrate hielten aber um so zäher an ihnen fest, als sich die Ratsherren durchaus als Potentaten ansahen und keineswegs als beauftragte Organe der Bürgerschaft. Das Patriziertum, das in den Reichsstädten herrschte, in Nürnberg z. B., befand sich der Rat in der Hand zwanzig adliger Geschlechter, gebot innerhalb seiner Mauern ebenso unumschränkt wie der absolute Fürst. Die Vereinigung kommunaler und landesherrlicher Gewalt in den Magistraten beförderte den Eigennutz der am Ruder Befindlichen und führte auch hier zu einer unbekümmerten Ausbeutung der Untertanen. Nürnberger Patriziersöhne reisten und studierten auf Kosten der Stadt. Da die einst so reichen und blühenden Städte seit dem 16. Jahrhundert dauernd herabkamen und ihre Bedeutung an die fürstlichen Residenzen verloren, so führte die finanzielle Mißwirtschaft sie in die bedrängteste Lage und brachte sie am Ende des Jahrhunderts der Katastrophe ihrer Selbständigkeit nahe.

,,Es kann kein Jahrhundert mehr anstehen,“ schrieb Schubart in seiner Selbstbiographie, ,,so müssen sich die Reichsstädte, um nicht ganz zugrunde zu gehen, dem Kaiser oder sonst einem mächtigen Fürsten von selbst unterwerfen.“

Und er, der die Misere des reichsstädtischen Wesens am eigenen Leibe so empfindlich spüren sollte, wußte vielleicht gar nicht einmal, wie recht er hatte, und daß iNürnberg drauf und dran war, sich Preußen anzugliedern, hätten nicht lntrigen von Ministern, die Hardenberg den großen Erfolg nicht gönnten, es im letzten Augenblick noch verhindert. Manche der kleinen schwäbischen Orte wie Eßlingen und Reutlingen hatten sich wohl oder übel in ein sogenanntes Schutzverhältnis zu Württemberg begeben müssen, da sie in der Tat von ihrem größeren Nachbar völlig abhängig waren. So fehlte es auch ihnen nicht an Stoff zu ewigen Klagen und Reibungen. Die Reutlinger z. B., die alle Jahr in Stuttgart ein Schirmgeld abliefern mußten, fanden dauernd Veranlassung zu Beschwerden über das demütigende Zeremoniell, dem man ihre Abgesandten unterwarf, daß man ihnen nur einen bürgerlichen Geheimrat zum Empfang abordne und keinen adligen und was dergleichen Schmerzen mehr waren.

Es stand in den Reichsrepubliken ebenso schlimm wie in den Reichsfürstentümern. Weckherlin, der sie in seinen Zeitschriften so bös durch die Hechel zog, spottete der „nasenlangen Nördlinger Welt“ und der „Schurzfleckmajestäten“ in den schwäbischen Reichsstädten. Welche Magistrate, wenn in der freien Reichsstadt Buchhorn 1752 bestimmt wurde, keiner solle in den Rat gewählt werden dürfen, außer er könne lesen und schreiben! Der Zuschnitt der Republiken war mit denselben Fehlern behaftet wie der der Monarchien, wozu der Umstand nicht wenig beitrug, daß auch ihre Gerechtsame sich mit denen anderer unmittelbarer Gemeinwesen auf das wunderlichste kreuzte und verflocht. Die freie Reichsstadt Goslar beherbergte innerhalb ihrer Mauern zwei unmittelbare evangelische Reichsstifte, während die freie Reichsstadt Regensburg fünf Reichsstände ein-schloß, die ebenfalls Reichsunmittelbarkeit besaßen. Nur zwei Reichsstädte hatten ihre Verfassungen fortgebildet und sich mit gewissen Zugeständnissen der Zeit anbequemt, Frankfurt a. M. und Hamburg. Beide waren die einzigen, denen der Handel treu geblieben war, während er sich von Augsburg, Nürnberg, Ulm völlig zurückgezogen hatte, deshalb konnte die Stagnation, in der die anderen verrotteten, bei ihnen nicht eintreten.

Der ganze Unfug der deutschen Kleinstaaterei war durch den Westfälischen Frieden gewissermaßen sanktioniert worden. Einmal waren in ihm ausländische Fürsten zu Garanten der Friedensbestiminungen gemacht worden, so daß Weckherlin in den Chronologen schreiben konnte: „Kein Kanonenschuß ist seit dem Westfälischen Frieden in Deutschland gehört worden, welcher nicht den Franzosen. Schweden, Russen zum Signal diente, herbeizulaufen, um das Reich zu verwüsten“, dann aber hatte eine seiner Klauseln erlaubt, daß die Reichsstände nicht nur unter sich, sondern auch mit auswärtigen Mächten Bündnisse schließen durften. Das war der Herzstoß, der dem Dasein des Reiches ein Ende gemacht hatte, denn er machte es zum willenlosen Spielball fremder Mächte, die sich von Rechts wegen bei jeder Gelegenheit in die inneren Verhältnisse Deutschlands entmischen konnten und leider auch bei jeder Gelegenheit von den Parteien zur Einmischung aufgefordert wurden. Das nichtswürdige Spiel, das heute von den Radikalen getrieben wird, die Deutschland um die Wette an Frankreich und Rußland verraten, um sich kleine Vorteile dadurch zu sichern, ist nichts Neues auf deutschem Boden; was heute der Pöbel tut, haben Fürsten und Stände ihm vor 100 und 200 Jahren vorgemacht. Als z. B. der Erbprinz von Hessen zur katholischen Kirche übergetreten war, mußte er zur Beruhigung der Evangelischen in seinem Lande die sogenannte Assekurationsakte von 1754 eingehen, die in Zukunft alle Entscheidungen in kirchlichen Angelegenheiten dem katholischen Landesherren entzog und in die Hände des Konsistoriums legte. England, Dänemark und Holland haben die Auführung garantiert, d. h. sie erhielten offiziell die Erlaubnis, in Hessen, wenn es ihnen passend schien, nach dem Rechten zu sehen. Die großen und die kleinen Fürsten des Reiches haben von der Möglichkeit, mit dem Ausland gegen den Kaiser und ihre Mitfürsten konspirieren zu dürfen, den weitgehendsten Gebrauch gemacht. Es war ja nur ihr gutes Recht, das offizielle Aktenstücke verbrieft und versiegelt hatten; so nahm selbst ein Leib-niz keinen Anstoß daran, die partikularistische Politik seines Weifenherzogs und sein Buhlen mitden Welschen warm zu verteidigen und in Schutz zu nehmen.

Nicht nur die Zaunkönige und Kleinfürsten waren ehrlos genug, sich stets Frankreich in die Arme zu werfen; allen voran sind die Wittelsbacher, lange Zeit die mächtigste Familie im deutschen Westen, immer Hand in Hand mit dem französischen Könige gegangen. Es hat weder ihnen noch dem linksrheinischen Bundesgenossen namhafte Vorteile gebracht. Max Emanuel, der bayerische Kurfürst und sein Bruder, der Kurfürst von Köln, mußten lange genug das Gnadenbrot auf französischem Boden essen, und ein Menschenalter später sah Deutschland das schmähliche Schauspiel, daß Karl VII., der Kaiser aus dem Hause Wittelsbach, ganz und gar von dem Wohlwollen des Marschall Belleisle abhing und buchstäblich Hunger leiden mußte, wenn ihm die Franzosen kein Geld gaben. Indessen wäre es falsch, auf die Fürsten wegen ihres Mangels an Nationalgefühl einen Stein werfen zu wollen, erinnern wir uns, daß als die Franzosen im letzten Jahrzehnt des 18. Jahrhunderts einen Krieg gegen das Reich führten, sie nicht dazu imstande gewesen wären, hätten Bremen und Hamburg sie nicht durch Zufuhr an Munition instand gesetzt, die Deutschen zu besiegen. Vom französischen Standpunkt aus gesehen, war es ein Gebot der Politik, Deutschland in seiner Zersplitterung und Ohnmacht zu erhalten; daß Deutsche die eifrigster waren, ihm bei diesem Spiel zu helfen, gehört zu jenen tiefschmerzlichen Umständen, die unheilbaren Wunden gleich, stets von neuem schmerzen müssen und sich niemals schließen können.

Wie erbärmlich es um das Reich bestellt war, erkennt man erst so recht, wenn man sieht, daß es in der Gemütswelt seiner Angehörigen gar keine Stützen fand. Bei der unverhüllten Feindseligkeit, in der die Einzelterritorien mit ihren jeweiligen iNachbarn lebten, lag der Gedanke an die Nation als ein Ganzes um so ferner, als das Reich, suchte es sich einmal als solches geltend zu machen, wie etwa im siebenjährigen oder im Koalitionskriege gegen Frankreich nur Spott und Hohn erntete. Franzosen und Engländer besaßen jeder ein einiges großes Vaterland als den Mittelpunkt ihres Fühlens und Denkens, den Deutschen fehlte nicht nur dieser Begriff, sondern jedes politische Zentrum überhaupt, woher hätte den Deutschen ein Gefühl für Deutschland kommen sollen? Im „Neuen Teutschen Merkur“ schrieb Wieland: es sei ihm in seiner Kindheit viel gesagt worden von Pflichten gegen Gott, den Nächsten, auch wohl beiläufig ein Wort von Pflichten gegen die Obrigkeit, gegen Römisch Kaiserliche Majestät, Bürgermeister und Rat der löblichen Reichsstadt, aber von der Pflicht, ein deutscher Patriot zu sein, nichts, deutsch im politischen Sinne sei damals ein unbekanntes Wort gewesen. Eine reichspatriotische Empfindung konnte es nur im deutschen Süden und Westen geben, denn im Osten und Norden, denken wir nur an Preußen und Sachsen, waren ja die größten Erinnerungen der Geschichte mit Kämpfen gegen Kaiser und Reich verknüpft, hat doch noch Gleim in seinen „Siegesliedern eines preußischen Grenadiers“ seinen Hohn gleichmäßig über Reichsvölker und Franzosen ergossen.

Die beiden Moser, Vater und Sohn, sind in ihrer Art denn auch Ausnahmeerscheinungen in der deutschen Publizistik des Jahrhunderts, ihnen war das Kaisertum noch ein Gedanke voll Blut und Leben. Karl Friedrich von Moser rief in seinen Schriften ständig die Autorität der Reichsgewalt über die Einzelstaaten in Erinnerung; ihm galt, wie er 1764 an iselin schrieb, die Wahl oder Krönung eines römischen Königs als ein Nationalfest der Deutschen. Er konnte sich dem Eindruck der Größe Friedrichs II. nicht entziehen, aber er mochte ihn nur wider Willen anerkennen, so sehr galt ihm der Siebenjährige Krieg als ein Bürgerkrieg von Deutschen gegen Deutsche. Ihren Zeitgenossen aber war der Gedanke eines politisch verstandenen Vaterlandes völlig fremd, und in der Tat, woher hätten sie, die oft schon dem nächsten Nachbarn als Ausländer galten, diesen Begriff hernehmen sollen ? Schutzlos war jeder Bürger der Gewalt des Mächtigeren preisgegeben. Als der Reichsstädter Schubart vom Herzog Karl Eugen von Württemberg ohne Urteil und Recht aufgegriffen und nach dem Hohenasperg gebracht wird, rührt sich keine Hand für ihn. „Ich war nicht Bürger in Ulm,“ schreibt er in seiner Selbstbiographie, „nicht in Aalen, nicht in Geislingen, war nur Weltbürger, dessen Rechte man zwar im allgemeinen, aber nicht in besonderer Fällen gelten läßt. Ich liebte mein Vaterland so herzlich und fand doch wenig Schatten unter den Flügeln des Adlers.“ Will man sich da wundern, daß der Sachse Lessing 1758 an den Preußen Gleim schrieb: „Ich habe von der Liebe des Vaterlandes keinen Begriff, und sie scheint mir aufs höchste eine heroische Schwachheit, die ich recht gern entbehre“, oder daß der Frankfurter Goethe ausruft: „Römerpatriotismus! Davor bewahre uns Gott wie vor einer Riesengestalt.“ Sprachen die Obrigkeiten von Patriotismus, so verstanden sie darunter die schweigende Erfüllung aller Pflichten, die sie den Untertanen aufzuerlegen für gut fanden, von Rechten der Bürger war im Staatsleben gar keine Rede. August Ludwig von Schlözer, der ein Leben an die Pflege des deutschen Selbstgefühls gesetzt hatte, schrieb am Ende seiner Tage, als das Reich zusammenbrach, voll Trauer und Schmerz: „Ungefragt verkauft, vertauscht, verschenkt, verkuppelt man uns wie eine Herde, und unempfindlich für deutsche Ehre, gefühllos selbst für alle Menschenwürde, heucheln wir, jubilieren wir, illuminieren, singen Te Deum und tanzen noch dabei!“ Als die Franzosen das linke Rheinufer besetzten, blieben die Deutschen gleichgültig, und nur einige, wie Schiller, Knigge, Körner, sprachen ihr Entzücken offen aus. Schiller, der mehr wie irgendein anderer Dichter das deutsche Empfinden seiner Leser gestärkt hat, sprach damals:

„Zur Nation euch zu bilden, ihr hofft es, Deutsche, vergebens,

Bildet, ihr könnt es, dafür freier zu Menschen euch aus!“

Bei diesem offen zutage liegenden Mangel an Gefühl für das Vaterland und der Kälte, mit der sich selbst unsere edelsten Geister von allem, was Vaterlandsliebe heißt, abwandten, hat es etwas Rührendes’zu sehen, wie dieser Gedanke erwacht und sich allen Hindernissen zum Trotz erhält, wenn es auch Jahrzehnte-dauern sollte und harte Prüfungen nötig waren, ehe er sich allgemein Bahn brach. Noch suchte die deutsche Dichtkunst sich ein kümmerliches Plätzchen unter fremder Sonne und besang in den schwülstigen Alexandrinern, die sie dem französischen Parnaß abgeborgt hatte, die Geschicke griechischer und römischer Heroen, da schrieb Joh. Elias Schlegel, der bis dahin Orest und Pylades, Dido und Lucretia besungen hatte, 1742 sein Trauerspiel „Hermann“, das zum erstenmal den Vorwurf tragischer Größe bei einem deutschen Helden fand. Er weckte ein starkes Echo, das uns den Anklang bestätigt, den er gefunden haben muß. Justus Möser schrieb 1749 sein Drama „Arminius“ und Freiherr von Schönaich, der seinen gleichaltrigen Zeitgenossen für den ersten deutschen Dichter galt, folgte ihm 1751 mit dem Heldengedicht „Hermann oder das befreite Deutschland“. Von diesem Zeitpunkt an ist der Cheruskerfürst aus der deutschen Kunst nicht mehr verschwunden; Angelika Kauffmann malte ihn,’so lieb und so nett, wie es ihrer schönen sanften Seele lag, und Dramatiker wie Klopstock, Ayrenhoff und andere haben um die Wette geeifert, seine und seiner Thusnelda Schicksale in Trilogien auf die Bühne zu bringen. Mögen Klopstpcks „Bardiete“ die Schaubühne, für die er sie bestimmte, auch niemals gesehen haben, sicher ist, daß der hochtönende Schwung seiner Strophen in vielen jugendlichenHerzen eineBegeisterung entzündete, die, wenn sie sich auch vorläufig nur an die Vergangenheit wandte, doch über kurz oder lang auf die Gegenwart ausstrahlen mußte. Es gab Persönlichkeiten genug, die den Mangel einer Liebe zum Vaterlande als einen stärken’Fehler der Deutschen empfanden und die auf ihre Weise versuchten, gegen ihn’anzukämpfen. Markgraf Karl‘ Friedrich von Baden, sicher einei der besten deutschen Männer dieser Epoche, fühlte wohl, wie dieUnbekanntschaft der deutschen Stämme miteinander an dieser Feindseligkeit Schuld sei und ein Gefühl der Gemeinsamkeit nur schwer aufkommen lasse.

„Er faßte den Plan, um die verschiedenen deutschen Bevölkerungen in ihren Anschauungen einander näher zu bringen und ein gemeinsames Interesse in ihnen wach zu rufen, eine Art Patriotisches Institut für den deutschen Gemeingeist zu errichten. Herder entwarf 1788 den Plan, den er im 6. Band seiner „Adrastea“ auch veröffentlichte. Die Idee ist nicht zur Ausführung gekommen, der Ausbruch der französischen Revolution erstickte sie schon im Keim. Gewiß ist, daß die Deutschen für diesen Gedanken noch nicht reif waren, und daß Wieland seine Mitbürger ganz richtig beurteilte, wenn er im „Neuen Teutschen Merkur“ 1794 schrieb: „Frankreich wird in allen Erschütterungen und Verwirrungen zusammengehalten durch den festen Willen der großen Mehrheit, eine Nation zu bleiben; Deutschland würde unter ähnlichen Umständen zersplittern und die Beute des Auslandes werden.“

Die Mängel der deutschen Verfassung mit all dem Unheil, das für Deutschland aus ihnen hervorging, lagen offen genug vor aller Augen, und es hat nicht an Patrioten gefehlt, die der eifrige Wunsch beseelte, sie abzustellen. Den meisten, die sich mit Vorschlägen befaßten, wie man Deutschland zu Ansehen und Macht verhelfen könne, schien die Auflösung des Reichsverbandes und seine Umwandlung in einen Bund freier Staaten die einzige Rettung. Schon im 17. Jahrhundert, unmittelbar nach Abschluß des Westfälischen Friedens, wurden Stimmen laut, die im Interesse der deutschen Nation für sehr radikale Reformen eintraten. Pufendorf wollte schon 1667 die geistlichen Fürstentümer völlig aufheben und das Kaisertum durch einen Bundesrat ersetzen, Leibniz wirkte gleichzeitig für eine Union der mächtigeren Fürsten, die sich ohne den Kaiser um Kurmainz scharen sollten. Die Idee des Fürsten-bundes ohne, oder was ebensoviel sagen will, gegen den Kaiser, ist nicht wieder zur Ruhe gekommen. August der Starke, ein groß gearteter und nach den höchsten Zielen strebender Fürst, der nur das Unglück hatte, daß sein heißblütiges Temperament immer seine genialen Pläne zu Fall brachte, hat sich ganz ernstlich mit der Absicht getragen, einen deutschen Fürstenbund zu gründen und zu leiten; ja, Friedrich der Große bestieg den Thron, willens, die geistliche Territorialherrschaft aufzuheben, die weltlichen Reichsstände durch diese Konfiskationen zu stärken und als Fürstenbund um Preußen zu scharen. Seine Politik führte nicht zum Ziele, Karl VII. war nicht der Mann, der zur Verwirklichung kühner Pläne die Hand geboten hätte, und als der Fürstenbund 1785 endlich zur Tatsache wurde, und Sachsen, Hannover, Kurmainz. Hessen-Cassel und ncch mehrere der kleineren Staaten unter Preußens Führung vereinte, da kam er zustande, weil alle, die sich ihm anschlossen, so von Mißtrauen gegen Österreich und die unruhigen Pläne Josef 11. erfüllt waren, daß sie für Preußen als das kleinere Übel stimmten. Herzog Karl August von Sachsen-Weimar, der so eifrig für das Zustandekommen des Bundes tätig gewesen war, sah seine Hoffnung, eine Refoim der deutschen politischen Verhältnisse damit angebahnt zu sehen, vereitelt, der Fürstenbund, den er so gern zu einer dauernden Einrichtung gemacht hätte, blieb eine ephemere Erscheinung, die schon im Jahre darauf mit dem Tode ihres Schöpfers wieder aus der Politik ausschied. Die Gedanken von Justus Möser, der das Reich wohl erhalten, aber auf eine breite demokratische Basis stellen wollte, von Goethe, der sich 1778 mit jener famosen Triasidee der Kleinstaaten beschäftigte, die noch im 19. Jahrhundert zu Zeiten des Bundestages eine Rolle spielte, blieben Spekulationen wohlmeinender, aber unpolitischer Köpfe.

Von all den Unwahrscheinlichkeiten und Unmöglickheiten der deutschen Reichsverfassung widersprach keine stärker dem Grundgesetz des Reiches als die Teilung der Bekenntnisse. Die Reformation machte die Verfassung so recht eigentlich zur Lüge, denn der Kaiser und die geistlichen Fürsten durften Ketzer gar nicht dulden, und so stellte der Fortbestand der protestantischen Kirche im Reich im Grunde nichts anderes dar als eine chronische Revolution. Sie hat den Dualismus geschaffen, auf den sich im Laufe des 18. Jahrhunderts die deutschen Verhältnisse zuspitzten, Preußen auf der einen, Österreich auf der anderen Seite, hie Protestantismus, hie Katholizismus als die Kristallisationspunkte, um die sich alle Elemente geistigen und staatlichen Lebens, des Fortschritts und des Beharrens ganz von selbst gruppierten. Preußen kam dabei zugute, daß ein armes Volk auf magerem Boden sich tüchtig regen mußte, um sich zu behaupten, und daß es im Kampf mit der Natur und den Menschen gezwungen wurde, alle seine Kräfte zu entfalten, um sich durchzusetzen. Österreich besaß den nicht geringen Vorteil einer viel älteren Kultur, größeren Reichtums und den Nimbus, den ihm die seit Jahrhunderten in seinem Herrsch er hause erbliche Kaiserkrone lieh. Dazu gab das Schicksal allerdings Preußen die hervorragenderen Regenten, die wirklich im besten Sinne des Worts die Erzieher ihres Volkes wurden, um es Schritt für Schritt der staaatlichen und nationalen Einheit zuzuführen, während dieses Schicksal auf der Gegenseite so eigentümlich spielte, daß es Österreich zwar in Josef II. einen großen Mann schenkte, in der Mischung seines Charakters aber so viele widerstrebende Elemente verband, daß er sein Land, statt ihm ein Retter zu werden, an den Rand des Unterganges führte.

Der Zusammenhang Österreichs mit dem Reich war ebenso oberflächlich und locker, wie der aller seiner einzelnen Bestandteile untereinander, es war eigentlich nur die Person des Kaisers, durch die es mit Deutschland in Verbindung trat und die Einwanderung deutscher Elemente aus dem Reich, die der zu drei Vierteilen slawische und magyarische Staat nicht entbehren konnte, wenn er danach trachtete, seine Angehörigen der Kultur zuzuführen. Die österreichische Monarchie war ein Staatenbund, der durch seine Herrscher zusammengehalten wurde und so wenig eine Einheit darstellte, daß ihm sogar der Name fehlte, der die Gemeinschaft bezeichnet hätte. Man sprach und schrieb im 18. Jahrhundert nur von den k. k. Erblanden, der Begriff Österreich gehört erst dem 19. Jahrhundert an. Fest begründet war die kaiserliche Hausmacht erst, als langdauernde Kriege den Besitz Ungarns und Siebenbürgens sichergestellt hatten, was abschließend nicht vor 1718 der Fall war. Dazu kamen die Lombardei, die katholischen Niederlande und eine zeitlang auch Neapel und Sizilien, von Rechts wegen hätte Karl VI. auch noch die Krone Spaniens zufallen müssen, so daß die Mannigfaltigkeit der Interessen am Kaiserhof den deutschen Angelegenheiten nur geringe Aufmerksamkeit zu schenken erlaubte. Kaiser Karl VI., althabsburgisch in seiner Gesinnung, hing gleich seinen Vorfahren so zäh am Hergebrachten, daß er in seiner langen Regierung an den Zuständen, die er bei dern Thronbesteigung vorgefunden hatte, nichts änderte; als er starb, befanden sich seine Besitzungen in dem gleichen Zustande wie 100 Jahre zuvor. Das Gemeinsamkeitsgefühl war so gering, daß man in Wien nach des Kaisers Tode höchst gleichmütig die Möglichkeit ins Auge faßte, an Bayern zu fallen, und daß Böhmen und Niederösterreich Karl VII. huldigte, sobald er sich nur sehen ließ. Karl VI. hatte, wie der kaiserliche Diplomat Baron Seckendorff in seinem Tagebuch schreibt, nur mit zwei Puppen gespielt, der pragmatischen Sanktion und der ostindischen Kompagnie. Das Handelsprojekt mit Indien haben England und Holland zu hintertreiben verstanden, und die Erbfolge in seinen Stammländern, die er gegen die von seinem Bruder festgesetzte Regulierung seiner Tochter zuwenden wollte, ging trotz aller diplomatischen Mühen, an die er Jahrzehnte seines Lebens gesetzt hatte, doch nicht friedlich vonstatten. Erst mit Maria Theresia, der letzten des Hauses Habsburg, beginnt für die k. k. Erblande eine neue Ära. Sie war Habsburgerin genug, um durchaus keine Neigung für Reformen zu verspüren, aber sie besaß zu viel natürlichen Verstand, um nicht ihre Notwendigkeit einzusehen. Sic faßte die Idee des Gesamtstaates ins Auge und versuchte, soweit sic konnte, das Interesse des Ganzen dem der einzelnen Teile voranzustellcn. In ihren Erblanden sollte durch das Übergewicht der landesfürstlichen Behörden die Autorität des Regenten befestigt und der Regierung der entscheidende Einfluß auf das Gerichts-, Steuer- und Militärwesen clngeräumt werden. Das bedeutete einen Kampf mit dem Feudaladel, dessen Macht sie einzuschränken trachtete, aber diesen Kampf nahm sie mit Geschick und Takt auf und führte ihn mit zäher Ausdauer durch. Sie tastete die Ständeverfassung nicht an, aber sie ignorierte die Stände und steuerte durchaus zielbewußt das Staatsschiff in das Fahrwasser der absoluten und unumschränkten Monarchie. Geschickt, kräftig und trotz mancher Nackenschläge nie entmutigt, wußte sie durch die taktvolle Art, in der sie mit den Menschen umzugehen verstand, ihre Zwecke sicher zu fördern und hatte den Zentralismus in ihren Erblanden so festgestellt, daß ihn selbst die fälschen Schritte ihres Sohnes zwar erschüttern, aber nicht mehr zu Fall bringen konnten. Als sie ins Grab sank, bewundert und geliebt, da schrieb ihr großer Gegner ihr den glänzendsten Nachruf. „Sie hat dem Thron Ehre gemacht und ihrem Geschlecht,“ schrieb Friedrich 11. an d’Alembert, „ich habe Krieg gegen sie geführt und bin niemals ihr Feind gewesen,“ und Klopstock rief ihr nach: „Schlaf sanft, du Größte deines Stammes, weil du die Menschlichste warst.“

Mit Josef II. betritt eine wahrhaft tragische Figur den Schauplatz der Geschichte. Sie gehört der ganzen Menschheit an, fast mehr wie Österreich oder Deutschland allein, denn mit Vorzügen und Fehlern ist er der Typus des edlen Schwärmers, des Enthusiasten, wie er in seinem Zeitalter häufig war, wie er aber zu allen Zeiten aufsteht, um die Völker, die auf ihn hören oder ihm zu folgen gezwungen sind, zu betören und ins Unglück zu führen. Beseelt vom besten Willen und vom reinsten Wollen, geht er daran, die Menschen zu beglücken, ohne sie zu kennen und ohne sie nach ihren Wünschen zu fragen, und ist entmutigt und enttäuscht, als sie ihn nicht verstehen und seinem hohen Fluge nicht zu folgen vermögen. Ganz erfüllt von dem Gedanken der Humanität, groß geworden im Licht der Aufklärung und genährt von ihren Ideen, vermag er sich doch selbst denen nicht verständlich zu machen, die den gleichen Idealen huldigen wie er. Fünfzehn Jahre hindurch war er Mitregent Maria Theresias gewesen, die vergebens unternommen hatte, seinem stürmischen Temperament einen Zügel anzulegen. „Wie hervorragend auch deine Talente sein mögen,“ schrieb sie ihm einmal, „es ist unmöglich, daß du all die Erfahrung hast, Vergangenheit und Gegenwart kennst, um alles allein tun zu können“; aber nur widerwillig und gezwungen hatte er nachgeben müssen. Am 29. November 1780 befreite ihn der Tod der Mutter von jeder Rücksicht, und nun brachen die Reformen mit der Gewalt eines Kataraktes über die Erblande herein. Die Pläne, die Josef so lange mit sich herumgetragen hatte, sollten nun verwirklicht werden, und zwar alle auf einmal und nicht von heute auf morgen, sondern möglichst heute schon. Mit einer alles überstürzenden Hast machte sich der Tatendrang des Kaisers in förmlichen Ex-plosiohenneuer Gesetze Luft, sein ruheloser Ehrgeiz griff heute in dieses Gebiet der Verwaltung ein, morgen in jenes; warten zu können war ihm nicht gegeben. Wie.gern hätte er mit der ganzen Vergangenheit aufgeräumt, alles historisch Gewordene, jede Tradition war ihm ein Greuel, die er nur zu willig bereit gewesen wäre, aus der Welt zu räumen. Der Glaube, dazu imstande zu sein, war vielleicht der folgenschwerste Irrtum, dem er sich hingab; er kannte die Menschen so wenig, daß er sich einbildete, sie ändern zu können. Wie die Enzyklopädisten seines Zeitalters gewiß waren, man brauche den Menschen die Vernunft nur zu zeigen, um sie von ihren Vorzügen auch zu überzeugen, so glaubte Josef 11., daß die Güte seiner Absichten genügen werde, um die einen auf ihren Vorteil, die andern auf ihre Bequemlichkeit, die dritten auf eine althergebrachte Gewohnheit ohne weiteres verzichten zu lassen. Er wollte die Gerechtigkeit, aber er glaubte sie durch Willkür herbeiführen zu können; mit verbundenen Augen und gefesselten Armen sollten seine Untertanen der Polizei der Toleranz und der Humanität überliefert werden. Die Zuversicht, mit der er an sein Werk, die völlige Umgestaltung der Monarchie, herantrat, war ebenso groß wie die überschwenglichen Hoffnungen, die er weckte. Aber es dauerte nur wenige Jahre, da war seine Zuversicht gebrochen,rund alle. Erwartungen, die man im Lager der Aufgeklärten auf ihn gesetzt hatte, rbitter enttäuscht. Die atemlose Unruhe und krankhafte Hast,’mit der er vorwärts trieb, als fürchte er, die Zeit könne ihm untreu werden, brachte ihn um alle Früchte seines Strebens. Ohne Schonung für das Bestehende und ohne Verständnis für das historisch Gewordene versuchte Josef, allen Verhältnissen eine neue und ihnen meist widerstrebende Gestalt aufzudrängen. In dem einen Jahrzehnt seiner Regierung hat er alles angetastet, unendlich vieles zerstört, aber nichts gebessert,rsondern durch das Zertrümmern alter Ruinen, nur neue Berge von Schutt aufgehäuft. Josef II. starb als ein verbitterter und gebrochener Mann, denn alles war zusammengebrochen, was er geplant hatte. „Versunken in mein eigenes Mißgeschick und das des Staates“, schrieb er am 21., 24. Dezember 1789 seinem Bruder Leopold, „mit einer Gesundheit, welche mich jeder Erleichterung beraubt und nur die Arbeit noch peinlicher macht, bin ich gegenwärtig der Unglücklichste unter den Lebenden; Geduld und Ergebung sind meine einzige Devise. Du kennst meinen Fanatismus, darf ich sagen, für das Wohl des Staates, dem ich alles geopfert habe; das bißchen guten Ruf, den ich besaß, das politische Ansehen, welches die Monarchie hier erworben, alles ist dahin. Beklage mich, mein teurer Bruder, und möge Gott Dich vor einer ähnlichen Lage bewahren.“

Als Joseph II. starb, da war ihm sein großer Rivale auf dem preußischen Thron nur um wenige Jahre im Tode vorausgegangen, müde und bitter auch er, aber nicht durch Mißerfolge verstimmt, sondern durch die Größe der eigenen Erfolge erdrückt. Das was Preußen in diesem Jahrhundert groß gemacht hatte, das war der Geist der Selbstverleugnung gewesen, mit dem Friedrich Wilhelm 1. und sein Sohn ihren Herrsdierbcruf aufgefaßt hatten. Sic verkündeten nicht nur den Grundsatz: „liiii König ist nichts wie der erste Diener seines Staates,“ sondern sie lebten auch nach ihm. Das Wohl ihres Staates war die Rücksicht,- der sie alle andern nachordneten, und das tat der zweite preußische König zu eirier Zeit, als selbst seine nächsten Nachbarn, ein August der Starke; ein Max Emänuel von Bayern nichts anderes im Auge hatten als den Glanz ihrer. Person und die Unterhaltung ihres Hofes. Die Natur hatte Friedrich Wilhelm .I.-jede Anmut des Geistes versagt, aber sie hatte ihm ein Pflichtgefühl mitgegeben,‘ wie es so ausgeprägt keiner seiner Zeitgenossen auf den deutschen Thronen und Thrönchen besaß.‘ Es bildete den Kern seines Wesens, das mit allen Vorzügen und Fehlern so echt und recht deutsch war und trotz der rauhen, oft genug rohen Außenseite doch schließlich das Muster wurde, das den andern vorleuchtete. „Wer es nicht sieht,“ schrieb der kaiserliche Gesandte von Seckendorff aus Berlin, „der kann es nicht glauben, daß ein Mensch in der Welt, von was für Verstand er’auch sei, so viele differente Dinge in einem Tage expedieren und selbst tun könnte, wie dieser König täglich tut, dazu er dann den Morgen früh drei Uhr bis zehn verwendet, ‚dann‘ aber mit Militärexerzitien den Tag zubringt.“ Friedrich Wilhelm 1. ist der Schöpfer des preußischen Staates, den er auf Absolutismus, Beamtentum und Heer so fest gründete, daß sein Sohn das kleine Preußen auf diesem Unterbau zu ‚einer Großmacht ausgestalten konnte. Gegen die Persönlichkeit des Vaters gehalten ist Friedrich II. eine Erscheinung mit so viel bestechenden Eigenschaften, daß sie seinen Vorgänger auf dem Throne stark in den Schatten stellen müssen, aber das kann nicht darüber täuschen, daß der größere. Sohn das Beste seines Wesens doch dem Vater verdankt. Hatte Friedrich Wilhelm I. seine Zeit und seine Kräfte dem Staate gewidmet, so hat Friedrich II. ihm ausschließlich gehört; mit größerem Recht als einst Ludwig XIV. hätte er von sich sagen können: Der Staat bin Ich! – Er besaß, wie Koser einmal so hübsch gesagt hat, mit dem Augenmaß für das Erreichbare die Kunst des Maßhaltens, die einem großen Staatsmann unentbehrlich ist, Fähigkeiten, die ihn in den Stand setzten, große Ziele nicht bloß ins Auge zu fassen, sondern mit zähem Willen auch zu erreichen. „Nicht zum Vergnügen, nicht um zu prunken,“ schrieb er einmal an Voltaire, „sondern zur Arbeit ist der Fürst an der Spitze des Staates gestellt, er hat die Pflicht, seine Untertanen glücklich zu machen.“ In der Tat ist sein ganzes Leben in Arbeit aüfgegangen, sein Trieb, dieser Pflicht zu genügen, war ebenso erstaunlich, wie die unverwüstliche Kraft, mit der er bis zum letzten Atemzug an ihr festzuhalten vermochte; „erst im Sterben“, schrieb Mirabeau, „vergaß er seinen Beruf.“ Die hohe Auffassung, die Friedrich II. von seiner Aufgabe hatte, ist oft genug von ihm zum Ausdruck gebracht worden, vielleicht nie überzeugender als in den Bestimmungen, die er dem Minister Grafen Fink von Finkenstein hinterließ, als er 1756 ins Feld zog. „Wenn ich das Verhängnis hätte,“ schrjeb er, „vom Feinde gefangen zu werden, so verbiete ich, daß man die geringste Rücksicht auf meine Person nehme oder dem, was ich aus meiner Haft schreiben könnte, die geringste Beachtung beimesse. Geschähe mir solches Unglück, so will ich mich für den Staat opfern.“ Das Geschick hat ihm diese Erfahrung erspart und ihm dafür Erfolge beschert, die ihn selbst nüchtern ließen, die aber sein Volk, und im weiteren Sinne war dieses Volk das ganze damalige Deutschland, mit einem hohen Gefühl des Glückes und des Stolzes erfüllten. Die feste, starke und schlichte Art, mit der der preußische König sich an der Spitze seiner kleinen Schar gegen eine ganze Welt von Feinden behauptete und einen Endsieg erfocht, während schon die bloße Zahl seiner Gegner ihn erdrücken zu müssen schien, zeigte den Deutschen zum erstenmal nach langer leidvoller Nacht einen Morgenschimmer neuer Hoffnung. Die Größe des Mannes imponierte ja seinen Feinden, ,,man darf in Paris kaum laut sagen, daß man den französischen Waffen den Sieg wünscht“, schrieb damals Duclos; wie hätten doch die Deutschen nicht von den Taten ihres Landsmannes entzückt sein sollen? Man war nicht preußisch gesinnt, aber man fühlte, wie Goethe sagte: „fritzisch“; das Bedürfnis der Heroenverehrung, das in einfachen und unverbildeten Naturen so stark ist, war glücklich, einen Gegenstand zu finden, der der Bewunderung, der Liebe, der Hingabe wert war. Die Seele des Schwaben Schubart war „ganz und gar für die Preußen enthusias-miret“, und als er 1756 nach Erlangen kam, fand er zu seiner Freude, daß die ganze Stadt „in wildem Enthusiasmus für die Preußen brannte“. In jedem katholischen Bauernhaus Bayerns fand man die Bilder des Ketzerkönigs, herab bis in die Kinderspiele warfen seine Taten ihren Glanz. „Indessen meine ältere Schwester die Kaiserin Maria Theresia vorstellte,“ erzählte Friedrich Leopold Stollberg, „mußte ein ernsthaftes vorläufiges Gefecht entscheiden, ob mein Bruder oder ich im Spiele König Friedrich sein sollte. Der Überwundene mußte den Feldmarschall Daun vorstellen.“ Putter schätzte sich glücklich, daß ihn der Anblick des Königs, dem er 1762 in Gotha vorgestellt wurde, nicht aus der Fassung brachte, und der Schweizer J. G. von Salis beklagte sich 1786 bei Reichard aus Paris: „Mit fällt der Gedanke lästig, mit diesem Unsterblichen zugleich auf Erden gelebt und ihn nicht von Angesicht zu Angesicht gesehen zu haben.“ Der Ruhm des Königs fiel auf jeden Deutschen im Ausland zurück. Goethe mußte den Bürgern von Caltanisetta von Friedrich II. erzählen, „und ihre Teilnahme an diesem großen Könige war so lebhaft,“ bemerkt er, „daß wir seinen Tod verhehlten, um nicht durch eine so unselige Nachricht unscrn Wirten verhaßt zu werden“. Kapitän Klocke aus Emden war von marokkanischen Seeräubern gefangen worden, aber der Kaiser Muley lsmael ließ ihn nicht nur frei, sondern beschenkte ihn auch reichlich, weil er erfuhr, daß der Schiffer ein Untertan des Preußenkönigs sei. Nettelbeck sah in Lissabon ein Wachsfigurenkabinett, in dem Friedrich II. und die Familie des Müller Arnold aufgestellt waren. Als er sich als Preußen zu erkennen gibt, bringt ihn der Pöbel in seinem Entzücken beinahe ums Leben und trägt ihn im Triumph in seinen Gasthof zurück.

Als Garlieb Merkel auf dem Wall in Riga spazieren geht und einem dort als Schildwache postierten ehemaligen preußischen Deserteur die Nachricht vom Tode des Königs mitteilt, bricht der Mann in einen Strom von Tränen aus. Wie man selbst in dem katholischen Bayern über Friedrich den Großen dachte, erzählt Freiherr von Stengel in seinen Denkwürdigkeiten.

„Die Bayern“, schreibt er, „sahen den König von Preußen, der doch eigentlich Bayern für die Vereinigung der fränkischen Markgraftümer mit der Primogenitur seines Hauses geopfert hatte, für ihren Retter an und verehrten ihn wie einen Halbgott. Auf Friedrichs Tag waren in den meisten Wirtshäusern Beleuchtungen, Gastmähler und Bälle. Der Buchhändler Strobl hatte vor seinem Laden das Bildnis des Königs zum Verkaufe ausgestellt, die Vorübergehenden zogen den Hut ab, und eines Morgens, als die Wachablösung vorbeikam, kommandierte der Feldwebel: Halt, rechts um! Front! und ließ die ganze Wache vor dem Bilde das Gewehr präsentieren.“

Indessen wie vorteilhaft sich auch Herrscher wie Kaiser Joseph, Friedrich Wilhelm I. und Friedrich der Große von ihren Zeitgenossen unterschieden, in einem Punkt blieben sie doch ihresgleichen, in der Willkür ihrer Entschlüsse und Maßnahmen. Sie wollten wohl nichts für sich, sondern alles für das Volk, aber nichts durch das Volk, die Untertanen sollten zu ihrem Glück gezwungen werden, und zwar grade zu dem Glücke, wie die Fürsten es sahen und verstanden. Ihre Regierungen wurden deswegen nicht weniger tyrannisch und despotisch empfunden als die selbstsüchtiger Despoten, ja möglicherweise noch härter und unerfreulicher, denn es fehlte ihnen der verführerische Schimmer einer glänzenden Aufmachung der Äußerlichkeiten. Alle drei sind für sich und für ihren Hof im ganzen Jahr mit Summen ausgekommen, die ein August der Starke für ein einziges Hoffest verschwendet hätte, an diesem Fest aber ergötzten sich tausend Augen und hatten auf ihre Weise auch an den Herrlichkeiten Teil, deren Kosten die Bürger aufbringen mußten. Man betrachtete Hoffeste wie weltgeschichtliche Ereignisse und war stolz darauf, ihnen wenigstens als Zuschauer beiwohnen zu dürfen. Als Goethe in Berlin „über den großen Menschen seine eigenen Lumpenhunde räsonnieren hört“, da schwärmten die Dresdener dem Reisenden Riesbeck noch von den großartigen Zeiten vor, welche die beiden Auguste für Sachsen heraufgeführt hatten. Einsichtige wußten wohl, was das Volk an ihnen besaß, aber ihre Bewunderung entbehrte doch nicht der starken Vorbehalte. „Ich gedenke mit Schaudern an dieses Land,“ schrieb Winckelmann, „auf ihm drückt der größte Despotismus, der je gedacht ist. Besser ein Türke werden als ein Preuße,“ und ganz ähnlich schrieb Wieland einmal einem Freunde: „König Friedrich ist zwar ein großer Mann, aber vor dem Glück, unter seinem Szepter zu stehen, bewahre uns der liebe Herrgott.“ Über den Despotismus Friedrich Wilhelms 1. gab es in ganz Deutschland nur eine Stimme; trotz des Scheines der Ordnung, sagte J. J. Moser, habe er in seinen Landen doch alles nur auf einen willkürlichen und von ihm allein abhängenden Fuß gesetzt. Der große innere -Wert dieser anscheinenden Willkür aber machte sich doch geltend und machte Schule, man lernte die Staatsidee als selbständige sittliche Macht schätzen. Der hartnäckige Kampf; den der König gegen alle Mißbräuche der Verwaltung führte, seine rücksichtslose Art, die, wenn sie auch eigenwillig und gewalttätig vorging, doch wirklich nur auf das allgemeine Beste abzielte, imponierte doch gewaltig, und als dann sein Sohn, auf dem von dem Vater vorgezeichneten Wege fortschreitend, zum Ruhme des genialen Verwalters auch den des Soldaten und des Staatsmannes gesellte, da gewannen die Preußen zwar nicht an Sympathie, aber doch an Respekt, und es entstand jener rege Wetteifer der deutschen Fürsten, mit dem sie dem Geist der Reform in Siebenmeilenstiefeln nachsetzten. Die fürstlichen Ideale verschieben sich, und wenn sie bis dahin auf Vergnügen und Zerstreuung gerichtet gewesen waren, das Regieren als etwas Lästiges und Unbequemes gegolten hatte, so wird nun das Regieren an und für sich der Inhalt des fürstlichen Lebens.

Dieser Gesinnungswechsel ging gradezu plötzlich vor sich. Graf Wilhelm zur Lippe folgte mit 24 Jahren seinem Vater in der Regierung. „Alle vorhandene Pracht“, erzählt Karoline Herder, „wurde nicht abgestellt, sondern mit einer Art von Wut vertilgt. Gebäude wurden ohne allen Grund und ohne alle Schonung niedergerissen und die Ruinen zu des Beobachters Be-mitleidung des Zerstörers liegen gelassen, Gärten wurden verwüstet, die kostbaren Meubles und Geräte verschenkt, verkauft, verworfen, vernichtet, das Personal verändert.“ Über Karl Eugen, den Tyrann Württembergs, kam diese Sinnesänderung so unvorhergesehen, wie einst die Bekehrung über den Apostel Paulus. Er hatte bis dahin so unbekümmert geschaltet, als gäbe es für einen Herzog über einige Dutzend Quadratmeilen weder göttliche noch menschliche; Gesetze; an Schamlosigkeit hatte sein Hof es mit dem Ludwigs XV. aufgenommen, an Verschwendung selbst die Größten überjroffen, da überraschte er 1778 an seinem 50. Geburtstage sein Volk mit nachstehendem Manifest: „Gott, von dem alles Gute.kommt und ohne welchen nichts Gutes .kommen kann, haben Wir es zu verdanken, .daß durch seine Güte Unsere Lebensjahre mit dem heutigen Tage sich auf 50, mithin ein halbes Hundert’Jahre erstrecken, wobei er Uns besonders seine Gnade verliehen, Unserm so vorzüglichen Beruf gemäß, dasjenige mit guten Kräften und Gesundheit bishero ausführen zu können,, was nicht allein Unsere – Regenten-Pflichten mit sich gebracht, sondern auch was Wir zum wahren Besten Unserer lieben und getreuen Untertanen nach Unserer landesväterlichen Obliegenheit von Zeit zu Zeit vor dienlich befanden. Da Wir aber ein Mensch sind, und unter diesem Wort von dem so vorzüglichen Grad der. Vollkommenheit beständig weit entfernt geblieben und auch inskünftige bleiben werden, so hat es nicht anderst sein können, als daß teils aus angeborener menschlicher Schwachheit, teils aus unzulänglicher Kenntnis und anderen Umständen sich viele Ereignisse ergaben, die, wenn sie nicht geschehen, sowohl jetzt als für das künftige eine andere Wendung genommen hätten. Wir bekennen es freimütig, denn dies ist die Schuldigkeit eines Rechtschaffenen und entladen Uns damit einer Pflicht, die jedem Rechtdenkenden, besonders aber den Gesalbten der Erde immer heilig sein und bleiben muß. Wir sehen den heutigen Tag als eine zweite Periode unseres Lebens an. Wir geben Unseren lieben Untertanen die Versicherung, daß alle Jahre, die Gott Uns noch zu leben fristen wird, zu ihrem Wohle angewendet werden sollen. Württembergs Glückseligkeit soll also von nun an und auf immer auf der Beobachtung der echtesten Pflichten des getreuen Landesvaters gegen seine Untertanen und auf dem zärtlichen Zutrauen und Gehorsam der Diener und Untertanen gegen ihren Gesalbten beruhen. Ein getreuer, rechtschaffener Untertan bedenke, daß das Wohl eines ganzen Staates oft dem Wohl eines einzelnen vorausgehen müsse, und murre nicht über Umstände, die nicht allemal nach seinem Sinn sein können. Wir hoffen, jeder Untertan wird nun getrost leben, daß er in seinem Landesherrn einen sorgenden, getreuen Vater verehren kann. Ja, Württemberg muß es wohl gehen. Dies sei in Zukunft und auf immer die Losung zwischen Herr, Diener und Untertan.“

Es mag dem Herzog mit seinen guten Vorsätzen wohl Ernst gewesen sein, aber seine Natur war stärker, Willkür und Despotismus wechselten nur ihre Objekte und warfen sich statt wie bisher auf Soldaten und Theaterspielerei auf die Pädagogik. Die ärgsten Akte seiner Tyrannei wie die Gefangenhaltung Schubarts, Hubers u. a. fallen sogar erst nach diesem Zeitpunkt.

An gutem Willen mag es auch den anderen deutschen Kleinfürsten nicht gefehlt haben, aber schon der geringe Umfang ihrer Territorien machte es ihnen schwer, wenn nicht unmöglich, jene gründlichen Reformen durchzuführen, die zum Wohl der Untertanen nötig gewesen wären. So läuft es schließlich nur auf einen Wechsel des Spielzeugs hinaus. An die Stelle von Jagd Paraden und Mätressen treten Jura und Kameralia, und die Beschäftigung mit ihnen führt zu einer Bevormundung des Untertans, zu einem Topfgucken und Einmischen in all und jedes, die den damit Beglückten nicht weniger unerträglich gewesen sein muß, als es auf der andern Seite die Mätressenwirtschaft, der Jagdunfug, die Soldatenspielerei und der Menschenhandel waren.

Georg Förster hatte schon im Anfang der achtziger Jahre geschrieben: „Europa steht auf dem Punkt, eine schreckliche Revolution zu erleben,“ und deutsche Politiker wie Schlözer hatten sie in Frankreich kommen sehen. Als sie dann im Sommer 1789 zum Ausbruch kam, da war es nur zu natürlich, daß viele der besten Deutschen sie mit Begeisterung begrüßten. Klopstock feierte in einer Ode den aufdämmernden Reichstag Galliens und stellte die gallische Bürgerkrone hoch über den Lorbeer Friedrichs. Schubart erblickte in ihr das Signal der Weltbefreiung, Kant war ; die.; französischer Revolution die tatsächliche Bürgschaft dafür, .daß „die Menschheit in einem beständigen Fortschritt zum  Besseren begriffen sei, und die Jugend dachte noch enthusiastischer. Graf Fritz Stoll-berg sah in dem Bastillensturme die herrliche Morgenröte der Freiheit, Fichte begrüßt den Anbruch einer neuen Zeit, und Hegel glaubt dem Sonnenaufgang einer herrlichen Epoche , beizuwohnen. Zu dieser Begeisterung trug die Erwägung sehr wesentlich bei,, daß man in Deutschland ebenfalls unter der Herrschaff der Aristokraten und Pfaffen seufzte und hoffte, das französische Beispiel könne und müsse auch bei den Nachbarn wirken. Das Urteil, selbst der Besonnensten, wurde aber durch die glänzende Schönrednerei bestochen, mit der all die erstaunlichen Ereignisse, die sich in ihrer Wichtigkeit förmlich überstürzten, begleitet wurden. Man muß sich heute, wo wir seit Jahrzehnten an den Phrasenschwall gewöhnt sind und ihn nach seinem ganzen Unwert zu würdigen wissen, erinnern, daß parlamentarische Beredsamkeit in jenen Tagen etwas außerordentlich Seltenes war und nur gelegentlich von jenseits des Kanals nach Deutschland hinüberklang. Die oratorischen Prachtleistungen Mirabeaus und anderer nahmen die gebildeten deutschen Leser förmlich gefangen, und köstliche Schlagworte wie die berühmten: „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit,“ „Krieg den Palästen, Friede den Hütten,“ blendeten die Harmlosen, die damals noch naiv genug wären, an den Ernst und die Wahrheit derselben zu glauben. Heute weiß-jeder bessere. Schüler, daß ein Schlagwort eben ein Schlagwort ist, an das‘ nur die Halb- und:.Viertelsgebildeten glauben, das den Redner aber zu nichts verpflichtet, die Deutschen Vom Ende des 18. Jahrhunderts mußten das erst noch lernen. „Man begreift kaum,“ schreibt Justus Grüner, nachdem er 1801 die von den Franzosen besetzten Rhein-lande besucht hat, „wie die herrlichsten Grundsätze so – entstellt’werden,–wie ein rechtliches System-eine solche höchst widerrechtliche Regierung erzeugen könnte; unter der weder öffentliches noch Privateigentum geschützt wird.“ (Das-ist 1802 geschrieben, nicht 1920!). Schnell genug allerdings ist es geschehen, und niemand wurde rascher ernüchtert als der arme törichte Georg Förster, der sich mit Leib und Seele der Revolution in die Arme geworfen hatte. Er ging dann nach Paris wo er zu seinem bitteren Schmerz, mach seinen eigenen Worten, Eigennutz fand; wo er Größe erwartete, auf Worte traf statt auf Gefühl, und hohle Prahlerei statt der Taten, ln Verzweiflung ist er bereits am 12. Januar-1794 in-Paris gestorben das Geschick ersparte-ihm wenigstens, mitansehen zu müssen, wie seine französischen Freunde am Rhein hausten. Nachdem das Zwischenspiel in-Mainz, das vom Oktober 1792 bis Juli 1793 von den Franzosen besetzt gewesen war, ein Ende genommen hatte, nahmen die französischen Heere 1794 Aachen, Köln, Bonn, Trier und Koblenz und brachten damit die Gebiete links des Rheins in ihre Hand, die sie in den nächsten beiden Jahrzehnten nicht wieder aufgaben. Die einziehenden Franzosen, erzählt Sulpiz Boisserée erregten durch ihr sanskulottisches Aussehen Bestürzung, sie waren in Lumpen gehüllt, mit Holzschuhen an den Füßen und mit Stofftapeten und Teppichen bekleidet, statt der Mäntel, auf ihren Bajonetten trugen sie Stücke rohes Fleisch, Brotlaibe und Kohlköpfe. Wohin sie kamen, gründeten sie Klubs, in denen Bediente, Kutscher, Packträger und Umhertreiber aller Art wilde Reden hielten und soziale und politische Vorschläge machten, von denen einer verrückter und hirnverbrannter war als der andere. Damit wurden die Deutschen beschäftigt und hingehalten, denn nun begann das systematische Plündern und Ausrauben der einheimischen Bevölkerung. Krieg den Palästen, jawohl, sie wurden mit Gewalt ausgeleert; Friede den Hütten, jawohl sie durften gutwillig das letzte hergeben.‘ Es blieben in den von den französischen Menschenfreunden „befreiten“ Ländern nicht nur alle Steuern, Abgaben, Zehnten usw. bestehen, sondern zu ihnen kamen ungeheure Lasten von Requisitionen, Einquartierung und sonstigen Forderungen, die kein Ende nahmen. Die Diktatur der Jakobiner mußte den Krieg über die franzö’sischen Grenzen hinaustragen, da sie das wirtschaftliche Gedeihen Frankreichs völlig zerstört hatte und nur von der Beute lebte, die sie vom Ausland hereinschleppte. Sie verstanden allerdings ihre Leute zu behandeln und haben die phrasen-lüsternen Deutschen mit der Ware bedient, die sie liebten. Am 10. Dezember 1794 verkündete eine Bekanntmachung den Zwangskurs des französischen Papiergeldes, der Assignaten, mit folgenden hochtrabenden Redensarten: „Die Assignaten sind die Münze der Republik. Ihr Unterpfand ist die Rechtlichkeit des Franzosenvolkes, und dieses Unterpfand gibt ihm einen unendlichen Vorzug vor den verächtlichen Metallen, die dem sträflichen Wucher der Habsucht unterliegen.“ ln Paris galten um eben diese Zeit 1C0 Fr. Papier gerade noch 7 Fr. in Silber, die Deutschen der Rheinlande aber wurden gezwungen, sie zum vollen Nennwert anzunehmen; die Kapitalien öffentlicher Stiftungen, die Gelder staatlicher Kassen mußten ihre Bestände in Assignaten umwechseln. Kein Franzose hat die Rheinlande arm verlassen, die Herren, die als Sanskulotten kamen, zogen auf Kosten der von ihnen „Befreiten“ wohlequipiert und ausgerüstet wieder ab. Die französische Republik, die für 4700 Millionen Fr. Papiergeld ausgegeben hatte, verstand es glänzend, diese fiktiven Werte in „verächtliches Metall“ zu verwandeln.

Jämmerlich war der Anblick, welchen die vom Feinde besetzten Rheinlande darboten, jammervoll das Schauspiel des Deutschen Reiches. Der erste heftige Stoß, der es von außen traf, hatte zu seinem Zusammenbruch genügt. Ein ganzes Jahrhundert lang ging schon der Kampf, den die Reichsstände gegenseitig führten, in dem die Großen die Kleinen zu verschlingen drohten und die Kleinen sich untereinander, neideten und haßten, ein ganzes Jahrhundert lang lastete schon der Dualismus. Österreich-Preußen auf dem Reich und drängte durch seine unerträgliche Spannung zu einer Lösung. Von innen war sie nicht gekommen, und nun sie von außen in die deutschen Verhältnisse hineingetragen wurde, da zeigte sich, wie sehr der Nation und ihren Herrschern das Gefühl für nationale Würde fehlte. Noch einmal kam eine Koalition gegen Frankreich zustande, aber die schlecht geführten Heere unterlagen dem Gegner, und von den uneinigen Verbündeten rettete sich jeder ohne Rücksicht auf den Waffengefährten. Wie immer entzog sich Österreich auf Kosten des Reiches den Folgen seiner Niederlage. Als ihm Frankreich 1797 den Frieden vonCampo Formio bewilligte, da wurde dieser Traktat auf Grund der Säkularisation der geistlichen Gebiete abgeschlossen, ja, die Entschädigung ausländischer Fürsten auf Kosten des Reiches zur Bedingung gemacht. Damit fiel das Heilige Römische Reich Deutscher Nation in sich zusammen, verraten von seinem eigenen Kaiser,dessen festeste und zuverlässigste Stütze die geistlichen Kurfürsten gewesen waren. Als die französische Gesandtschaft auf dem Kongresse in Rastatt erklärte, daß die Entschädigungen für alle Verluste, welche die Herren auf der linken Seile des Rheins erlitten, in der Säkularisation der geistlichen Güter zu suchen seien, da fand ein Wettlauf nach der Beute statt, Besitzungen, die das Reich Jahrhunderte lang geschützt hatte, waren auf einmal herrenloses Gut geworden, weil es den Fremden so gefiel. 1801 setzte der Friede von Lun6ville den Rhein zu Deutschlands Grenze und beraubte mit den 1150 Quadratmeiltn, die er Frankreich angliederte, die Gebiete von 97 Fürsten, Grafen, Bischöfen und Äbten der Selbständigkeit. Jetzt begann in Regensburg am Sitz des ewigen Reichstages der große Schacher um deutsches Land und deutsche Leute, bei dem die Entschädigungen um so größer ausfielen, je kleiner der Verlust gewesen war. Mit Recht schreibt Hannibal Fischer: „Schamloser hat wohl nie die Diplomatie mit den Worten Schadenersatz, Entschädigungspflicht, Verteilungsgerechtigkeit, Wertermittelung gespielt als bei diesem Entschädigungswerke, welchem ganz die umgekehrte Regeldetri zugrunde gelegt zu sein schien: je geringer der Verlust, um so größer der Ersatz.“ Wie es in Regensburg seit Jahrzehnten üblich, führte nicht das Recht zum Erfolge, sondern die Bestechung, und diese floß in französische Taschen. Talleyrand, seine Mätresse und seine Helfershelfer steckten große Summen ein, Fürst Löwenstein, einst mit Talleyrand auf der Schule, machte den Zwischenhändler. Fürst Wittgenstein zahlte 2000 Louisdor, um sich eine Geldentschädigung von 300 000 Tlr. zu verschaffen; Talleyrands rechte Hand, ein gewisser Matthieu, empfing von Hessen-Darmstadt zwei Rittergüter, von Baden 6000 Louisdor, von Württemberg eine Leibrente von 8000 Louisdor und bediente die Herren ganz nach’ihrer Zahlungsfähigkeit: Hessen gab eine Million und wurde befriedigt, Nassau, das 600000 fl. versprochen hatte, konnte schließlich nur 400000 auftreiben und erhielt dementsprechend auch ein ganzes Drittel an Land weniger. Der Reichsdeputationshauptschluß, der am 25. Februar 1803 unterzeichnet wurde, räumte mit 112 deutschen Staaten und der Unabhängigkeit einiger hundert Reichsritter auf, das Reich existierte nicht mehr. Die dynastische Politik der Höfe hatte aus Gewinnsucht mit fremder Hilfe das historische Recht, auf dem doch ihre eigene Existenz beruhte, unter die Füße getreten, das Reich fiel, wie Treitschke so richtig gesagt hat, einer „Fürsten-Revolution“ zum Opfer. In Regensburg wurde die Auflösung besiegelt, die in Campo Formio begonnen hatte, und einer der glänzendsten Journalisten, die Deutschland je besessen hat, Josef Görres, hatte denn auch damals schon dem Reich die Grabrede gehalten.

Sie erinnert durch die Fülle kecker Bilder und überraschender Einfälle an die Aufsätze seiner besten Zeit, die Zeit des Rheinischen Merkur, charakterisiert sich aber zugleich durch nichts schonenden Spott und empörenden Hohn recht eigentlich als Erzeugnis der Revolutionstage.

„Am 30. Dezember 1797,“ heißt es in derselben, „am Tage des Überganges von Mainz, nachmittags um 3 Uhr, starb zu Regensburg in dem blühenden Alter von 955 Jahren, 5 Monaten, 28 Tagen sanft und selig an einer gänzlichen Entkräftung und hinzugekommenen Schlagflusse, bei völligem Bewußtsein und mit allen heiligen Sakramenten versehen, das Heilige Römische Reich. Ach Gott, warum mußtest du denn zuerst deinen Zorn über dieses gutmütige Geschöpf ausgießen; es graste ja so harmlos und so genügsam auf den Weiden seiner Väter, ließ sich zehnmal die Woche abscheren, war immer so sanft, so geduldig, wie jenes verachtete, langöhrige Lasttier des Menschen, das nur dann sich bäumt und ausschlägt, wenn mutwillige Buben ihm mit glühendem Zunder die Ohren versengen. Der Verblichene ward geboren zu Verdun im Juni des Jahres 842; als er das Licht der Welt erblickte, flammte im Zenit ein unglückschwangerer Perrückenkomet. Die Hebamme war es, die denselben zuerst erblickte und die prophetischen Worte sprach: Ein Kindlein, unter diesem Gestirn geboren, liebt den Frieden, ist leidsam, wird derowegen von bösen Menschen verfolgt werden und das Zeitliche ruhig verlassen. Der Junge war übrigens bei seiner Geburt so wohl bei Leibe, daß alle Umstehenden ihre Freude daran hatten. Es wurde nun am Hofe Karls des Einfältigen, Ludwig des Kindes und ihrer Nachfolger erzogen; sobald der junge Prinz die Kinderschuhe abgelegt hatte, wurden ihm die Päpste zu Hofmeistern gesetzt, und diese bemühten sich, ihn in der gehörigen Gottesfurcht und allen seinem hohen Stande erlaubten Kenntnissen zu üben. Stolz sahen die Pädagogen zu Rom auf Ihren hoffnungsvollen Zögling, stolz sprachen sie: das ist unser Werk, laßt uns dasselbe vollenden und (unseren Geist ihm einhauchen. Sie sprachen es und kanonisierten ihn lebendigen Leibes, und er hieß nun das Heilige Römische Reich. Aber sein Hang zum sitzenden Leben, verbunden mit seinem leidenschaftlichen Eifer für Religion, schwächte immer mehr seine ohnehin wankende Gesundheit; sein Kopf ward zusehends schwächer, seine Geisteskräfte nahmen von Tage zu Tage immer mehr ab, bis er endlich in einem Alter von etwa drittehalbhundert Jahren zur Zeit der Kreuzzüge wahnsinnig wurde. Starke Aderlässe und strenge Diät bewirkten seire Herstellung, aber Hektik trat an die Stelle des Wahnsinns; abgezehrt zum Schatten, schlich der Kranke Jahrhunderte hindurch umher, bis er zur Zeit des Dreißigjährigen Krieges heftige Blutstürze bekam; als er sich kaum von denselben erholt hatte, kamen die leidigen Franzosen, und ein Schlagfluß machte seinem Leiden ein schnelles Ende. Gewiß, Bürger, teilt ihr mit allen Angehörigen des Verstorbenen den gerechten Schmerz, der uns zu Boden drückt. Ach, er ertrug mit einer so echt christlichen Demut alle die Verfolgungen, die er sich gefallen lassen mußte, weil seine Kränklichkeit ihn etwas unbehilflicn machte. Er verzieh mit rührender Langmut allen denen, die ihn neckten und reizten, die seinen Tod wollten, um sich in seine Erbschaft zu teilen; er vergab allen diesen Todfeinden so gerne und so willig, hielt mit so lobenswertem Eifer auf alte Gebräuche und Herkommen, bewahrte seine Tugend so rein von den Flecken der Aufklärung, und ach, diesen Vater haben wir verloren.“ —

Görres teilt sodann den letzten Willen des Verstorbenen als ein unvergängliches Denkmal des Edelmutes und der Verträglichkeit desselben mit. „Der Verstorbene setzt“, schrieb er, „die fränkische Republik als einzige rechtmäßige Erbin des linken Rheinufers ein und bittet diese verehrliche Republik, das kleine, aber gutwillig gegebene Geschenk als ein Zeichen seiner Hochachtung und Liebe anzunehmen. Seine päpstliche Heiligkeit soll, nicht nur zur Wiederherstellung seiner zertrümmerten Finanzen die Reichsoperationskasse, sondern auch, um seine eigenen Bullen vergolden und denselben durch solchen äußeren Schimmer den in unserer verderbten Zeit  verlorenen Kredit wieder verschaffen zu können, die goldene Bulle erhalten. Die Reichsarmee war dem Landgrafen zu Hessen-Cassel vermacht, um dieselbe nach England, Amerika oder Ostindien zu verhandeln; alle sich vorfindenden Perrücken sollen in der großen Perrückensammlung des Londoner Naturalienmuseums aufgehangen werden. Zum Testamentsexekutor wird Seine Exzellenz der Herr General Bonaparte ernannt.“

Text aus dem Buch: Deutschland im 18. Jahrhundert (1922), Author: Boehn, Max von.

Bildverzeichnis:
Das Heilige Römische Reich Deutscher Nation
Kaiser Karl VII.
Kaiserin Maria Theresia und ihre Familie
Kaiserin Maria Theresia
Kaiser Franz I.
Kaiser Joseph I.
Kaiser Franz I. Kupferstich
Allegorie zu den Frieden zu Hubertusburg
Kaiser Leopold II.
Kaiser Franz II
Stiftung des Fürstenbundes
Friedrich der Grosse
König Friedrich I. von Preußen
König August der Starke und König Wilhelm I. von Preußen
Friedrich II.
Herzog Friedrich von Sachsen-Gotha
Friedrich II. und Wilhelmine
Reichskanzleiflügel Wiener Hofburg
Fürst Kaunitz

2 Comments

Comments are closed.