Deutschland und der Weltfriede

„Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehre.“

Schiller.

Rede, gehalten am 15. April 1907 auf dem unter Vorsitz von Andrew Carnegie tagenden Amerikanischen Friedenskongreß in New York.

Ihr Kongreß hat mich eingeladen, an diesem Abend, an dem jede der großen Nationen zum Wort kommen soll, die Friedenshoffnungen vom deutschen Standpunkt aus zu beleuchten. Das stand dabei natürlich von vornherein fest, daß ich in keinem Sinne ein Delegierter der deutschen Regierung oder ein beauftragter Vertreter des deutschen Volkes bin, ja, daß ich nur als einer aus der großen Masse sprechen kann und überdies als einer, der den größeren Teil des Jahres durch das Weltmeer vom Vaterlande getrennt lebt.

Vermutlich fiel die Wahl auf mich, weil ich mein Wirken der Philosophie gewidmet habe, und es somit zu erwarten war, daß ich unter dem Einfluß des größten deutschen Geistes stehen muß, unter dem Einfluß von Immanuel Kant. Kants Buch vom Ewigen Frieden — ich vergesse nicht, Herr Präsident, daß auch schottisches Blut in seinen Adern floß — ist in der Tat die tiefste Untersuchung, die der dauernden Freundschaft der Nationen gewidmet ist; Kants Forderungen, von denen die Abschaffung aller stehenden Heere nur eine ist, und alle seine Erörterungen entwickeln sich notwendig aus dem Grundsatz ewiger Gerechtigkeit. Und dieser Kantsche Geist, dieser Glaube an den Selbstwert der Gerechtigkeit, dieser Abscheu gegen unmoralische Kriege bewegt auch heute noch tief die deutsche Seele. Jede Bewegung, welche die sittliche Kraft des Friedens steigert, wird so unter den Deutschen stets warmherzige Freunde und Förderer finden.

Aber eine Bewegung fördern heißt doch wohl in erster Linie, alle Mißverständnisse und Illusionen beseitigen, da jede Illusion doch schließlich zum Hindernis auf dem Vorwärtsweg werden muß. Daher scheint es mir meine erste Pflicht zu sein, im Interesse des Friedens auf gewisse Irrtümer hinzudeuten, mit denen die Missionare der Friedensbewegung nur zu oft ihren Einfluß auf die deutsche Volksseele schwächen. Derlei muß Ihnen natürlich unpopulär und unwillkommen erscheinen; trotzdem sage ich es sofort freimütig heraus: die deutsche Armee wird von der Nation durchaus nicht als drückende Bürde empfunden. Im Gegenteil, die Jahre in der Armee stellen eine nationale Schulzeit dar, die Körper und Geist nur stärkt und stählt.

Die Dienstzeit ist eine Zeit des Stolzes für die überwältigende Masse der deutschen Bevölkerung. Und auch das muß gesagt werden: es ist nicht wahr, daß die materiellen Opfer für das Heer zur unerträglichen Last geworden sind. Deutschland ist heute reich, und die Nation empfindet die Ausgaben für die Rüstung kaum stärker als ein vorsichtiger Bürgersmann die Ausgaben für Feuerversicherung. Selbst die Zeit, die durch den Dienst verloren geht, kommt nur wenig für die Volkswirtschaft in Betracht in einem Lande, dessen Bevölkerung sich so schnell vermehrt. Ja, wenn es wirklich einmal zum Kriege kommen sollte, so würde sogar der Verlust von Leben und Eigentum nicht von entscheidender Bedeutung sein, denn schließlich ist das ja sicher, daß Krankheit und selbst Leichtsinn noch viel häufiger blühendes Leben zerstören. Amerikanische Eisenbahnen haben sicherlich mehr unnötige Verletzungen und Tötungen bewirkt als alle amerikanischen Kanonen, und der Fortschritt der neueren und nicht zum mindesten der deutschen Pathologie hat mehr Leben gerettet, als die Verhinderung der letzten Kriege hätte retten können.

Solche materialistischen Argumente werden stets wirkungslos bleiben, wenn der Kern der deutschen Nation erreicht werden soll. Für die wahren Deutschen ist es, wie es für Kant war, eine sittliche Frage. Aber gerade deshalb ist es für den Deutschen unmöglich, den Krieg unter allen Umständen als das schlimmste Übel hinzustellen. Immanuel Kant hatte sicherlich keine idealistischeren Apostel als Fichte und Schiller. Und doch war es Fichte, der durch seine Reden an die deutsche Nation das Volk zum Kriege stachelte, damit es die Schmach des Napoleonischen Joches endlich abwarf.

Und laut ruft Schiller in die Seele jedes deutschen Knaben: „Nichtswürdig ist die Nation, die nicht ihr alles setzt an ihre Ehre.“ Dem Deutschen erscheint der Krieg wohl wie eine Krankheit, die das Leben bedroht. Aber er fühlt mit Schiller, daß das Leben nicht der Güter größtes ist, — der Übel größtes aber ist die Schuld. Würden diese idealistischen Grundüberzeugungen der deutschen Seele besser verstanden, so würden die Friedensfreunde viel eher imstande sein, den Hebel an der rechten Stelle anzusetzen, anstatt ihre Sache preiszugeben durch unwirksame Berufung auf reine Nützlichkeitsmotive.

Aber gerade, weil Krieg und Friede für das deutsche Volk eine sittliche Frage bleibt, deshalb ist es sinnlos und abgeschmackt, die deutschen Motive zu verdächtigen und Deutschland als eine Quelle der Gefahr für den Frieden der Welt zu betrachten. Ich stehe nicht an zu behaupten, daß es heute kein festeres Bollwerk des Friedens gibt als den guten Willen und die Aufrichtigkeit der deutschen Nation, und keine frivolere Bedrohung des Friedens gibt es als die albernen Verdächtigungen deutscher Absichten, wie sie in den Zeitungen und Versammlungen vieler Länder und nicht am wenigsten hier in Amerika üblich sind. Verleumderische Gerüchte sind leicht in die Welt gesetzt, aber die Richtigstellungen folgen langsam und schwerfällig: Herr Präsident, Sie sollten neben Ihrer Behörde für vereinfachte Rechtschreibung vor allem eine Behörde für vereinfachte Richtigstellung gründen.

Ich sagte, das Grundmotiv für den Deutschen, den Frieden nicht zu stören, ist der sittliche Wille; aber darüber dürfen wir nicht vergessen, daß, auch wenn das Gewissen schwiege, es doch an jedem Reize fehlte, den Deutschen zu einem vermeidbaren Kriege zu spornen. Das romanische Temperament ist leicht erregbar, aber der Deutsche ist phlegmatisch; das angelsächsische Temperament verlangt Wetten und Sport und sucht so immer einen Rivalen zu übertrumpfen; aber der ruhige Deutsche ist vielmehr geneigt, das Rechte nur um seiner selbst willen zu tun. Es gibt ja auch Völker, die den Krieg nötig haben, um innere Schwierigkeiten zu überwinden, aber die inneren Verhältnisse Deutschlands sind harmonisch und glatt; andere Völker suchen Krieg, um ihr Land auszudehnen, aber Deutschland hat große Kolonien, mit deren Ausbau just erst begonnen wird, so daß es für lange Zeit hinaus genug zu schaffen gibt.

Das ganze nationale Leben ist auf beharrliche Arbeit zugeschnitten, Arbeit, die nichts nötiger gebraucht als die Segnung des Friedens. Handel und Gewerbe, Wissenschaft und Kunst, innere Freiheit und sozialer Ausgleich erfüllen die deutsche Volksseele heute eindringlicher und lebhafter denn je zuvor; nie zuvor bewegte sich innere und äußere Entwicklung in solcher Harmonie; nur das eine tut not, daß alles im Sonnenschein des Friedens bleibe, und wer trotz alledem Halluzinationen sieht von düsteren, friedenstörenden Plänen im Grunde der deutschen Seele, der fälscht Geschichte und bedroht die Zukunft.

Daraus folgt noch durchaus nicht, daß jedermann in Deutschland etwa von jedem Schiedsgerichtsplan sofort entzückt sei, obgleich auch die Schiedsgerichtsbewegung zweifellos in Deutschland im Wachsen ist. Aber da lauert wohl noch in manchen Kreisen das instinktive Gefühl, daß es eigentlich unmöglich sei, einem internationalen Gerichtshof den gleichen Grad von Unparteilichkeit zu geben wie einem bürgerlichen Gerichte; die Interessen aller Nationen sind zu sehr miteinander verwoben: der Richter ist da immer noch bis zu einem gewissen Grade auch Partei. Ein Schiedsgericht erzwingen wollen, legt daher noch zu häufig den Verdacht selbstischer Politik nahe.

Auch ist es nicht nach jedermanns Geschmack, patriotische Streitigkeiten einfach den Künsten streitender Anwälte ausgeliefert zu sehen oder den Zänkereien von „Sachverständigen“. Dieser und jener mag wohl gar fürchten, daß zu viel laute internationale Diskussion für sich allein schon eine Quelle der Gefahr sei; wenn es wahr ist, daß Krieg Krieg brütet, so ist es sicherlich erst recht wahr, daß Konferenzen Konferenzen brüten. Zu viel Reden über abweichende Meinungen hat aber leicht die Tendenz, die Gegensätze zu verschärfen. Die Deutschen fühlen daher, daß es einen Weg gibt, der noch besser ist, als Schiedsgerichte im Streit zu suchen, nämlich Streit überhaupt von vornherein zu vermeiden. Bezeugen das nicht die deutschen Zollverhandlungen mit den Vereinigten Staaten aufs lebhafteste? Ja, zeigt nicht die Geschichte es längst mit stolzem und schönem Ergebnis?

Wenn wir zurückblicken auf das letzte drittel Jahrhundert, so sehen wir große und kleine Kriege: England, Rußland, Spanien, Frankreich, Italien, Türkei, Japan, China, sogar Amerika hatten Krieg, aber das deutsche Volk ging still seinen Weg in Frieden. Und der Geist dieses neuen Deutschland, das sich danach sehnt, zu schaffen und nicht zu streiten, fand seinen bedeutsamsten Ausdruck in dem genialen Fürsten auf dem Kaiserthron. Wie haben die Vorurteile der ganzen Welt ihn als den ruhelosen Kriegsucher unserer Zeit verdächtigt, und wie hat er es, in rüstiger Kraft, bewiesen, daß seine Herrschaft der stärkste Einfluß für Völkerfrieden und Freundschaft ist! Amerika weiß das aus reichster Erfahrung; Amerika weiß, wie er den Bruder und immer neue Vertrauensmänner, wie er Professoren und Künstler, wie er Sportjachten und Museumsschätze über den Ozean sandte, um seine Freundschaft zu bekunden, und die Kriegsschiffe kommen nur, um bei dem Friedensfest von Jamestown mitzufeiern. Ist es da nicht höchste Zeit, daß die nichtswürdigen Vorurteile endlich ertränkt werden? Wenn die Welt endlich den wahren Geist Deutschlands erblicken würde, dann wäre Ihre edle Friedensbewegung um einen mächtigen Schritt gefördert. Ja, falls ein Bildhauer eine Statue der Friedensgöttin in Marmor gestalten wollte, so würde er wahrlich sicher gehen, wenn er als sein Modell die hehre Germania wählte, wie sie dasteht mit der Kaiserkrone auf dem Haupt, mit dem unbefleckten scharfen Schwert in der Hand, die milden Augen ruhevoll hinausblickend auf ein ernstes, aber glückliches Volk, das seine ganze Seele den ewigen Gütern friedlicher Arbeit hingibt.

Hugo Münsterberg.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
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