Deutschland und die Bagdadbahn

In der englischen und französischen Presse hat zur Abwechslung wieder einmal ein frischer, fröhlicher Federkrieg gegen die Beteiligung Deutschlands am Bau der Bagdadbahn begonnen. Die alten Märchen von der in Deutschland angeblich aufgekommenen Parole „von Hamburg bis zum Persischen Golf“ werden wieder hervorgeholt; die Uebervorteilung der Türkei durch die von der „Deutschen Bank“ geleitete Bagdadbahngesellschaft wird in den schwärzesten Farben geschildert und die uneigennützige Hilfe Englands und Frankreichs angeboten. Die „Times“ geht in einem am Schluß des alten Jahres erschienenen Artikel so weit, ganz unverblümt die Ausschaltung Deutschlands bei der Weiterführung des großen, durch deutsche Initiative doch nur möglich gewordenen Werkes anzuraten und den Ententemächten England, Frankreich und Rußland zu empfehlen, sich wegen der Weiterführung des Bahnbaues mit der Türkei direkt zu verständigen. Das Cityblatt stellt sogar die unter den bestehenden Verhältnissen unerhörte Forderung auf, daß die am Bau beteiligten Nationen die ihnen zugefallenen Teilstrecken selbst kontrollieren müßten. Natürlich würde nach Ansicht der „Times“ England der Löwenanteil zufallen: nämlich die Kontrolle über den durch Mesopotamien gehenden Teil der Bahn. Viel weiter kann man auf englischer Seite die Unverfrorenheit doch kaum treiben. Noch hat England nicht einen Groschen zum Bahnbau beigesteuert; schon aber nimmt es den größten und wichtigsten Teil der Bahn für sich in Anspruch. Und wie denkt sich denn die „Times“ die weitere Verteilung der Kontrolle? Wo beginnt und wo endet wohl der Frankreich zugefallene Teil der Bahn? Und was bliebe für Deutschland übrig? Nein, auf diese Weise läßt sich ehrliche Politik nicht treiben.

Aber einen Kern von Wahrheit enthalten die Ausführungen der „Times“. Niemand, der die politische Lage Englands am Roten Meer, Persischen Golf und in Indien zu übersehen vermag, wird leugnen können, daß England ein durchaus berechtigtes Interesse daran hat, eine gewisse Kontrolle über die letzte Strecke der Bagdadbahn im Süden, zwischen Bagdad und dem Persischen Golf auszuüben, denn es kann England nicht gleichgültig sein, in wessen Händen die Leitung dieser Südstrecke liegt. Der Türkei will England diesen Machtzuwachs nicht gönnen;- daß Deutschland irgendwie politisch an diesem Bahnbau direkt interessiert wäre, daran glauben ja nur englische Politiker, die aus der Verdächtigung Deutschlands ein Geschäft machen. Nicht Deutschland, sondern die Türkei will England durch sein Verlangen nach einer Kontrolle über die Bagdadbahn im Grunde genommen treffen. Aber das wollen ja die jungtürkischen Freunde Englands nicht einsehen; die faseln von einer Freundschaft Englands und merken nicht, wie ihnen das Fell über die Ohren gezogen wird. Doch das mögen die Jungtürken mit sich selbst abmachen.

Was aber europäische Politiker — auch bei uns in Deutschland — nicht übersehen dürfen, das ist der Umstand, daß England sehr gewichtigen Grund hat, beim Bau der Bagdadbahn selbst Hand anzulegen, um sich ein gewisses Kontrollrecht zu sichern. Nur möchte man in London die Karten nicht aufdecken und sucht die Sache so darzustellen, als ob der Türkei von deutscher Seite eine Gefahr drohe. England wird fortfahren, das Bagdadbahnunternehmen durch Gegeneinanderhetzen der am Bahnbau heute schon beteiligten Kapitalgruppen, vornehmlich der deutschen und französischen, immer wieder zu stören, — so lange, bis es selbst daran beteiligt ist. Mit dieser Tatsache müssen wir in Deutschland vor allem rechnen und danach unsere Maßnahmen treffen, bevor es zu spät ist, bevor wir durch die Koalition England-Frankreich-Rußland zum Nachgeben gezwungen werden. Das Mittel, das allein auf England seine Wirkung nicht verfehlen würde, bestünde darin, England in irgendwelcher ihm zusagenden Form zum Ausbau der südlichen Bahnstrecke Bagdad—Persischer Golf unter Ueberweisung eines Kapitalanteiles heranzuziehen. Die politischen Interessen, die für England dort im Wetterwinkel am Persischen Golf auf dem Spiel stehen, sind zu groß, als daß es auf dieses Ziel verzichten könnte, das ihm unausgesprochen alle die Jahre hindurch während des Kampfes um die Bagdadbahn vorschwebte.

Die Gründe des Gegners offen anerkennen und danach handeln ist noch niemals ein politischer Fehler gewesen, aber mit der Entscheidung, wenn sie auch für den Augenblick Opfer von uns verlangt, aus „Staatsraison“, oder wie die schönen Worte alle heißen mögen, zurückhalten, hat sich noch immer bitter gerächt.

In die Zeit der von englischer Seite besonders rege geleiteten Minierarbeit gegen den Weiterbau der Bagdadbahn fällt das Bahnprojekt, dessen Ausführung Sir Willcocks, der in Mesopotamien trotz türkischer Intriguen heute noch tätiger Wasserbautechniker empfahl, um eine Ableitung des mesopotamischen Warenverkehrs nach dem Mittelländischen Meere zum Schaden der Bagdadbahn herbeizuführen. Diesem Zweck sollte die Verbindungsbahn Bagdad-Damascus dienen, deren Endpunkt am Hafen von Beirut gedacht war. Heute, seit England nahe daran ist, zwischen Bagdad und Bassra seine Wünsche erfüllt zu sehen, ist von dem Plane kaum noch die Rede; der Vollständigkeit halber mögen gleichwohl meine Ausführungen über diesen Gegenstand hier ihren Platz finden. Dabei bemerke ich, daß die am Schlüsse des Artikels eingefügten kritischen Aeußerungen über den Ausbau der Süd-strecke der Bagdadbahn insofern einer Richtigstellung bedürfen, als die Bagdadbahngesellschaft, wie im „Vorwort“ (S. 5) erwähnt, durch Vertrag — leider — verhindert gewesen ist, den Ausbau dieser Strecke, unabhängig vom Fortgange der Arbeiten im Norden von Bagdad, auszuführen.

D, O. K 1910, 6. Mai.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn