Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit.

Vor einiger Zeit wurde die öffentliche Meinung Deutschlands durch das Erscheinen eines Buches in Unruhe versetzt, das den Titel „Das Rätsel vom Rhein“ führt und von dem britischen Major Victor Lefebure verfasst ist. In diesem Werk wird zunächst in 262 Seiten langen Ausführungen der Nachweis zu führen versucht, dass die deutsche chemische Industrie ein Weltmonopol besitze, und dann die Forderung erhoben, es müsse diese angebliche Monopolstellung gebrochen und zu diesem Zwecke ein grosser Teil der Betriebe zerstört werden. Begreiflicherweise hat die Aufstellung eines solchen Planes zu den heftigsten Protesten von Seiten der deutschen Industrie, und zwar der Arbeitgeber wie der Arbeitnehmer, die sich in diesem Falle einmütig zusammen schlossen, geführt. Ueber die Persönlichkeit des Herrn Lefebure wurden bald Tatsachen bekannt, die beweisen, wie wenig dieser Herr eine unparteiische Beurteilung der deutschen chemischen Industrie für sich in Anspruch nehmen darf.

Er ist nämlich Geschäftsführer der British Dyes, Ltd., also ein englischer Farbstoffinteressent. Aus dem, von ihm für die Bedrohlichkeit der deutschen in der sog. Interessen Gemeinschaft zusammengeschlossenen Fabriken angeführten Beweismaterial seien zwei Beispiele erwähnt, die deutlich zeigen, zu welch sonderbarer Ueberängstlichkeit Herr Lefebure sich versteigt. Er findet es nämlich bezeichnend für den kriegerischen Geist der Chemischen Industrie, dass sich unter den dortigen Chemikern auch zahlreiche Reserveoffiziere befunden haben — eine Tatsache, die in einem Lande mit allgemeiner Wehrpflicht eine Selbstverständlichkeit war, — und dass der Direktor eines grossen Werkes während des Krieges einmal im Salonwagen mit General Ludendorff verhandelt hat. Herr Lefebure steht mit seiner Agitation nicht allein. Kürzlich erschien in einem belgischen Blatte ein Aufsatz des „Ehrenpräsidenten der belgischen medizinischen Gesellschaft in England“, Dr. Clöment Philippe, in dem behauptet wird, die Deutschen hätten jetzt begonnen, „systematisch und wesentlich durch gefährliche Medikamente nicht nur die Alliierten, sondern auch die deutschfreundlichen Neutralen zu vergiften“. Diese Proben zeigen, wie wenig noch jetzt, länger als drei Jahre nach dem Abschluss des grossen Krieges, der Abbau des Hasses in manchen Kreisen fortgeschritten ist.

Wer die Entwicklung der deutschen Industrie mit den Augen des unparteiischen Beobachters betrachtet, der erkennt wohl grosse Fortschritte gegenüber dem Chaos, in welches der Zusammenbruch Deutschland gestürzt hat, er wird aber die gewaltigen Schwierigkeiten nicht übersehen, die einer erträglichen Weiterentwicklung dieser Industrie weiterhin im Wege stehen. Wenn auch die innere politische Lage sich in vieler Hinsicht gebessert hat, so sind die Geister immer noch nicht wieder zur Ruhe gekommen. In dem blutigen Aufruhr, der im Februar 1921 ausbrach und einen grossen Teil Mitteldeutschlands in den Kriegszustand versetzte, standen die Leuna-Werke bei Merseburg, das neue Ammoniakwerk der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik, zeitweise im Mittelpunkt des Kampfes. An anderen Stellen, z. B. in Höchst und in Leverkusen hei Köln, führten Lohnstreitigkeiten wiederholt zu Gewalttaten der Arbeiterschaft. Zu diesen politischen Störungen gesellte sich ein Schicksalsschlag, dessen grauenvolle Wirkungen noch in aller Erinnerung sind. Am 21. September 1921 um 8 Uhr morgens flog in Oppau bei Ludwigshafen das Ammoniakwerk der Badischen Anilin- und Soda-Fabrik infolge der Explosion einer Menge von 5000 Tonnen Ammonsulfatsalpeter in die Luft.

Im weitem Umkreise wurden durch die Luftwelle Häuser zerstört und Dörfer in Trümmerstätten verwandelt. Bis zu dem 100 Kilometer weit entfernten Frankfurt reichte die Wirkung der Explosion, die dort für ein schweres Erdbeben gehalten wurde. Beklagenswerter als der Sachschaden war der Verlust an Menschenleben. Ueber 500 Men sehen fielen der Katastrophe zum Opfer, die Zahl der Verwundeten betrug nahezu 2000. Noch heute steht die Wissenschaft gegenüber diesem Unglück wie vor einem Rätsel. Die Verbindung aus Ammoniumnitrat und -sulfat, deren plötzlicher Zerfall in ihre Moleküle die Explosion hervorgerufen hat, ist, wie auch neuere Versuche gezeigt haben, ein vollkommen stabiler Körper; dies galt als in solchem Grade feststehend, dass man in den Lagern, in denen oas Produkt durch Zusammenbacken steinhart wird, keine Bedenken trug, zum Zwecke der Verpackung die Ware mit Hilfe von Sprengstoffen zu lockern und auseinanderzutreiben. Bei zehntausenden derartiger Sprengungen wurden niemals Zerfallerscheinungen beobachtet.

Unter den rein wirtschaftlichen Faktoren, von denen das Schicksal der deutschen chemischen Industrie während des letzten Jahres beherrscht wurde, steht bekanntlich die Entwicklung der Vauta an erster Stelle. Diese war grossen Schwankungen unterworfen, brachte aber im grossen und ganzen eine starke Abwärtsbewegung. Während die Mark im Durchschnitt des Jahres 1920 noch 7 Goldpfennige wert war, ist sie im Herbst 1921 auf 3 Goldpfennige gesunken. Das Doppelantlitz der Valutanot ist bekannt, es zeigt auf der einen Seite Schwierigkeiten der Rohstoffbeschaffung, Unsicherheit jeder Kalkulation, Begünstigung der Schleuderausfuhr, Unruhe und Nervosität in den Beziehungen vom Arbeitgeber zum Arbeitnehmer, auf der anderen vorübergehende Erleichterung des Exports durch Erhöhung der inländischen Kaufkraft auswärtiger Zahlungsmittel. Demnach war auch der Geschäftsgang in der deutschen chemischen Industrie während des letzten Halbjahres recht rege. Kapitalserhöhungen wurden in grösserer Zahl vorgenommen, einzelne Werke erhöhten auch ihre Dividende. Wie wenig es aber bei richtiger Würdigung dieser Ziffern begründet ist, von Riesen gewinnen der deutschen Industrie zu sprechen, wie es im Auslande häufig geschieht, beweist ein einfacher Vergleich des vor dem Kriege für den Aktionär sich ergebenden Goldmarkwertes mit dem Wert der heutigen Papiermark, ferner eine Gegenüberstellung mit den Ziffern des Jahres 1913.

Von 1913 bis 1920 ist die Zahl der in der chemischen Industrie beschäftigten Vollarbeiter von 278,000 auf 340,000, also um 23% gestiegen. Es wäre aber irrig, hieraus auf eine Zunahme der Zunahme der geleisteten Arbeit schliessen zu wollen. Der Vergleich der Arbeitsstunden gibt nämlich das umge kehrte Bild. Lässt man hierbei die Stickstoffindustrie ausser Ansatz, die vor dem Kriege noch nicht bestanden hat und das einzige grössere Gebiet in der chemischen Industrie darstellt, das zu, und nicht abge-nommen hat, so gelangt man auf 830 Millionen Arbeitsstunden für 1913 und auf 750 im Jahre 1920. Hiernach beträgt der Rückgang etwa 10%. Infolge der Verminderung der Arbeitsintensität und anderer widriger Umstände, z. B. des Kohlenmangel S, iöt aber der Rückgang der Produktion weit grösser und beträgt auf den meisten Gebieten mehr als 50%. So hat die Superphosphat-Industrie 1914 214,000 Tonnen Phosphorsäure für die Landwirtschaft geliefert, 1920 nur 12,000 Tonnen, also hur 6%. Die Teerfarbenerzeugung betrug 1920 nur 50,000 gegen 135,000 im Jahre 1913. Die deutsche Sprengstoffindustrie is durch den Versailler Vertrag völlig, unterdrückt worden. Ganz besonders schwer leidet die pharmazeutische Industrie unter den Bestimmungen des Friedensvertrages, da auf ihrem Auslandsgeschäft der Zwang lastet, 25% der Produktion an die Entente abzuliefern. Die Verschlechterung der Gesamtlage ist auch an der Entwicklung der Ausfuhr chemischer Erzeugnisse zu erkennen, die 1920 der Menge nach 19%, dem Werte nach nur 55% derjenigen von 1913 betragen hat. Bei der Beurteilung dieser letzteren Ziffer ist der Rückgang des Goldwertes mit zu berücksichtigen. Die nackte Sprache der Zahlen lehrt also zur Genüge, wie sehr man sich hüten muss, aus der Höhe der Papiermarkerträgnisse auf eine gegenüber der Vorkriegszeit gesteigerte Prosperität der deutschen chemischen Industrie zu schliessen. In Wirklichkeit ist der Umsatz, an Warenmenge ausgedrückt, erheblich gesunken, und die Rentabilität hat in gleicher Weise abgenommen. Trotz der Grösse der vollbrachten Leistungen ist daher die deutsche chemische Industrie von dem Austieg zu den Erfolgen der Vorkriegszeit noch durch eine tiefe Kluft getrennt.

An einem trüben Novembertage Vorgänge vergangenes Jahres wurde auf einem Platze im Norden von Berlin das Denkmal des Chemikers Emil Fischer enthüllt, der weit über die Grenzen seines Vaterlandes durch seine genialen Arbeiten über die Chemie des Zuckers, der Eiweisskörper, der Harnsäuregruppe und der Anilinfarben berühmt geworden ist, und in dem eine Generation deutscher Chemiker den verehrten Lehrer sieht, dessen packende, formvollendete Rede sie oft durch das Dickicht schwieriger Probleme hindurchgeleitet hat. An dem Sockel des Denkmals versammelten sich in grosser Zahl Männer der Industrie und der Wissenschaft, die, viele von fern her, zusammengeströmt waren, um den Meister durch eine schlichte Feier zu ehren. Nach Männern, die auf der Höhe des Lebens stehen, wie Nernst, dem Bildner des neuen Wärmetheorems, Haber, dem bedeutenden Technologen, und dem Erforscher der Chemie des Pflanzenfarbstoffes, Willstätter, der aus München herbeigeeilt war, legte als Vertreter der herumreifenden Generation mit einigen Worten des Dankes ein junger Mann einen Lorbeerkranz zu den Füssen des Standbildes nieder, der wie ein lebendiges Jugendbildnis des Meisters aussah; es war der einzige Ueberlebende von den drei Söhnen Fischers, der sich durch eigene Untersuchungen schon einen geachteten Namen erworben hat und in dem vom Vater erbauten und geleiteten nstitut den Posten eines Abteilungsleiters bekleidete. Aus den Worten aller dieser Männer, der Jungen ebenso wie der Alten, drang der einmütige Wille, in der dienlichen Forschung ebenso wie in der mit ihr so eng verknüpften Industrie die grossen Ueberlieferungen eines Emil Fischer hochzuhalten und ungebeugt durch harte Schicksalsschläge auf dem steinigen Wege weiterzuschreiten, der aus den Tiefen der Nachkriegszeit zu einer helleren Zukunft aufwärts führt.

Die Industrie der Oberpfalz in Wort und Bild:
Aktien-Papierfabrik Regensburg
Express-Fahrradwerke A.G.Neumarkt in der Oberpfalz
Jesuitenbrauerei Regensburg in Regensburg
Schlüssel-Bleistift-Fabrik J. J. Rehbach in Regensburg
Das Elektrizitätswerk der Stadt Regensburg
Deutsch-Amerikanische Petroleum-Gesellschaft Hamburg. Benzinfabrik Regensburg.
Dampfsägewerk Arnschwang
Johann Müller, Perlmutterknopf-Fabrik
Eisengießerei Carolinenhütte
Dampfsäge, Hobel- und Spaltwerk, Kistenfabrik
Staatliche Eisenindustrie in der Oberpfalz Amberg-Weiherhammer-Bodenwöhr
Prinz Rupprecht-Quelle vormals Silvana-Sprudel in Groschlattengrün
Bayerische Granitaktiengesellschaft in Regensburg
Tonwerk Prüfening und Braunkohlengrube Friedrichzeche
Städtisches Lagerhaus Regensburg am Luitpoldhafen
Die Kalkindustrie der Walhallastraße
Kalblederfabrik Furth i. Wald
Bayerische Braunkohle-Industrie
Die Malteserbrauerei in Amberg
Terranova-Industrie C. A. Kapferer & Co. in Freihung.
Königlich Bayerische Hofglasmalerei Georg Schneider in Regensburg
Das neue Gaswerk der Stadt Regensburg
Die Stadt Weiden
Naabwerke für Licht- und Kraftversorgung
Kalksandsteinfabrik Roding G.m.b.H.
Königl. Schwellenwerk in Schwandorf
Bayerische Maschinenfabrik Regensburg
Metallhammerwerk u. Bronzefarbenfabrik in Rothenbruck Opf. Aluminiumbronzefabrik in Rauhenstein Opf.
Die Entwicklung des Fahrrades
Tonwerk Blomenhof, G.m.b.H., Neumarkt i. Opf.
Die Flügel- und Piano-Fabrik von Georg Weidig in Regensburg
Eisen- und Metallgießerei, Maschinenfabrik und Kesselschmiede
Dresdener Maschinenfabrik und Schiffswerft Übigau A.G. Werft in Regensburg
Die Anlagen der Benzinwerke Regensburg
Portland – Cementwerk Burglengenfeld
Bürgerbräu Weiden
Aktiengesellschaft Porzellanfabrik Weiden
Holzhandlung, Werke für Holzimprägnierung und Kyanisierung
Porzellanfabrik Tirschenreuth
Stanz- und Emaillierwerke in Amberg
Bayerische Schlauchfabrik, mechanische Hanf- und Drahtseilerei
Die Wasserversorgung der Stadt Regensburg
Vereinigte Bayerische Spiegel- und Tafelglaswerke
Cahücitwerke Nürnberg. Fabrik in Neumarkt Oberpfalz.
Bayerische Überlandcentrale A.G. Haidhof
Portland-Cementwerk Berching A.G. in Berching
Die Spulen-Fabrik Max Borger in Cham
Teerprodukten-, Dachpappen- und Isoliermaterialienfabrik
Eisenwerkgesellschaft Maximilianshütte in Rosenberg (Oberpfalz)
Die industriellen Betriebe in Friedenfels
Dampfsäge- und Hobelwerke, Kistenfabrik (Bayer. Wald)
Möbelfabrik von A. Schoyerer in Cham – K. Bayer. Hoflieferant.
Hartpapierwarenfabrik in Dietfurt
Eichhofen, industrielle und landwirtschaftliche Besitzung des Herrn Wilh. Neuffer
Weck & Sohn : Bau- und Möbelschreineret Dampfsägewerk, Holzhandlung und Kistenfabrik
Porzellanfabrik und Malerei
Dampfsäge- und Hobelwerk, Holzwollefabrik
Krystallglasfabrik F. X. Nachtmann in Neustadt Waldnaab
Die Fabrikbetriebe der Firma Carl Zinn in Neumarkt i. Oberpfalz
Bayerischer Lloyd
Erste kaiserlich königlich privilegierte Donau-Dampfschiffahrts-Gesellschaft (Agentie Regensburg)
Mineralölwerke Bayern G.m.b.H in Regensburg
Christof Ruthof, Schiffswerft Regensburg
Königlich Ungarische Fluß- u. Seeschiffahrts Aktien – Gesellschaft
Ölwerke J. Leis & J. Ruckdeschel G.m.b.H., Regensburg
Die Werke von Steinfels
Porzellanfabrik Johann Seitmann in Vohenstrauß
Weßely & Spaett Tuchfabrik, Waldmünchen
Gareis, Kühnl & Co., Waldsassen – Porzellanfabrik, Porzellanmalerei
Glasfabrik Waldsassen G.m.b.H. in Waldsassen
Porzellanfabrik Waldsassen Bareuther & Co. A.G. in Waldsassen
Holzhandlung, Frankfurt a. Main Dampfsäge- und Hobelwerk Waldthurn – Bretterlager Waldkirchen bei Passau
Tonwarenfabrik Schwandorf Aktiengesellschaft in Schwandorf
Dampfbrennerei, Spiritus- und Likör-Fabrik
Firma Heinrich Lanz in Regensburg
Friedrich Pustet in Regensburg Verlagsbuchhandlung, Buchdruckerei, Buchbinderei
Regensburger Brauhaus
Regensburger Turmuhren-Fabrik
Fabrik künstlicher Blumen und Blätter
Der Luitpoldhafen in Regensburg
Verlagsbuchhandlung mit Buchdruckerei und Buchbinderei, Zeitungs- und Kalenderverlag mit Buchdruckerei
Chamotte- u. Klinkerfabrik Waldsassen A.G., Waldsassen
Ton-Ofen-Fabrik „ALMA“ in Tirschenreuth
Staatsbahnwerkstätten in Regensburg

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