Deutschtum und Türkei : Kommerzieller Imperialismus

Bei den Abmachungen von Reichsstadt erlangte Österreich 1876 von den Ratgebern des Zaren das Zugeständnis, daß einem österreichischen Vordringen bis nach Saloniki hin von russischer Seite nichts im Wege stünde. Man hat sich dann mit der Besetzung Bosniens und der Herzegowina begnügt. In einzelnen Kreisen war allerdings noch immer die Neigung zu tatkräftigeren Schritten vorhanden. Selbst dem Grafen Goluchowski wurden Absichten auf Saloniki zugeschrieben. „Es sei ja sehr schon“, so pflegte man zu sagen, „wenn man einen guten Freund besitze, der einem erlaube, in seinem Garten spazieren zu gehen; es sei aber noch schöner und besser, ihn selbst sein eigen zu nennen.“ In der Folge wurden jedoch derartige gewalttätige Gedanken zurückgestellt. Österreich sowohl als auch Deutschland dachten fürderhin nur noch an eine kommerzielle und industrielle Eroberung der Türkei, eine Eroberung, die beiden Teilen, den Erschließen der Bodenschätze wie dem erschlossenen Lande fruchtbringend und von Vorteil sein kann. So hat denn die Donaumonarchie einen Handelsverkehr mit dem osmanischen Reiche aufgebaut, der sich 1906 auf 97 Millionen Kronen Einfuhr und 46 Millionen Kronen Ausfuhr belief. Das ist nicht allzuviel. Wenn man aber bedenkt, daß die Erschließung der Türkei erst von gestern ist, und daß der Verkehr noch verzehn-, verzwanzigfacht werden kann, so wird man auch diese Anfänge nicht gering schätzen. Das Deutsche Reich hat in der Türkei Banken errichtet, hat eine stattliche Reihe von Eisenbahnlinien gebaut, hat in verschiedenen industriellen Unternehmungen werbendes Kapital angelegt und hat endlich einen Handel zuwege gebracht, der zwar dem Österreichs nicht gleichkommt, jedoch immerhin 80 bis 85 Millionen Mark beträgt. Das Gesamtkapital, das Deutschland für die Türkei aufgewandt hatte, dürfte nicht weit von 4/5 Milliarden Mark entfernt bleiben; den größeren Teil davon machen Eisenbahnen aus. Ebenso sind die andern Staaten, namentlich Frankreich, und auch die zwei mitteleuropäischen Großstaaten an der Finanzgebarung der Türkei stark interessiert. Die reichsdeutschen Vertreter, Lindau und Testa, spielten in der Dette publique keine geringe Rolle. Freilich ist nicht zu leugnen, daß bisher Frankreich noch immer den Ausschlag gegeben hat.

Nichtsdestoweniger sind die ottomanischen Finanzen noch sehr im argen. Auch nur eine hinreichend klare Aufstellung zu machen, ist fast unmöglich. Es soll einmal einen Mann gegeben haben, der sich in jenen Finanzen auskannte, der aber zuletzt freiwillig eine Gummizelle aufsuchte. Hier sei nur erwähnt, daß sich die Gesamtschuld auf vierundeinhalb Milliarden beläuft, was für einen so ausgedehnten Staat im Grunde nicht allzuviel ist, wenn man ihn mit den mehr als 22 Milliarden Mark der Russen vergleicht, und daß sie in zwei Abteilungen gegliedert ist: die unter dem Moharrem-Erlaß stehende und die fundierte Schuld.

Wir wissen von Amerika, daß dort im Grunde das ganze Um und Auf der Politik darauf hinausläuft, eine kleine Schar tatkräftiger Unternehmer zu bereichern. Der Senator und Governor in New-York gilt nicht so viel wie der Boß von Tamany-Hall, und selbst in Washington sind die Kongreß-Männer nur zu häufig Drahtpuppen: Plutokraten, die sich sorgfältig imHin-tergunde halten, haben die Drähte in Händen. Der Standard Oil-Trust, die großen Kupferinteressenten, die großen Eisenbahn- und Zuckerkönige kontrollieren die gute Hälfte nordamerikanischer Politik. Etwa 3300 Yankeefamilien besitzen fast dreiviertel von dem Gesamtvermögen des ganzen Landes. Dabei ist ein derartiger Magnat darauf aus, sich bei dem Volke angenehm zu machen. Er stiftet Büchereien, Museen, Konzerthallen, Parks, Wasserleitungen; er bestimmt riesige Summen für Waisen und Arme; er fundiert Sternwarten, biologische Laboratorien, Nordpolexpeditionen und Universitäten. Er ist genau der Typus des griechischen Tyrannen. Auch Pisistratos und Theognis waren Leute, die das Volk mit Wohltaten überschütteten, und die auf der Leiter der Geschenke allmählich zur Macht emporstiegen, waren Männer, die lebhaften Anteil an Kunst und Wissenschaft nahmen; wird ja einer von ihnen unter die sieben Weisen gerechnet. Ähnliche Zustände herrschen in Japan, wo die großen Reeder, Armeelieferanten und Minenbesitzer durch die letzten Kriege Millionen aufgehäuft haben, und herrschen in Frankreich, wo anerkanntermaßen eine kleine Gruppe von Spekulanten das ganze Marokko-Abenteuer heraufbeschworen hat. Eine klassische Schule des modernen Imperialismus ist nun auch die Türkei. Schon seit einem Menschenalter ist sie das Absteigequartier für ein hungriges Heer von Hochstaplern und Großfinanziers — der eine kann auch wohl zum andern werden —, von zielbewußten Kaufherren und tatkräftigen Konzessionsjägern. Man weiß, wieviel Millionen die Orientbahnen dem Baron Hirsch eingebracht haben; man weiß ferner, daß dieses ganze Ausbeutungssystem lediglich dem Zeitgeiste entspricht, daß es sogar, wenn nicht ausartend, gerade im Orient nicht nur berechtigt, sondern sogar notwendig ist. Denn wie lange hat sich nicht der verbohrte Starrsinn des Orients gegen jede Erschließung der Bodenschätze, gegen jede Ausdehnung des Verkehrswesens gesträubt! Bis zum Jahre 1908 war es verboten, irgend eine Maschine nach der Türkei einzuführen. Man bedenke nur, daß die Ungeheuern Forsten des Landes, daß die vielen Wasserfälle, die Kraft liefern könnten, noch kaum ausgebeutet werden konnten. Vor dem siegreichen Anstürme neuzeitlichen Geistes hat jedoch die Türkei schon seit längerer Zeit zurückweichen müssen. Neue Bahnkonzessionen wurden eingeleitet, namentlich in Syrien. Nicht minder wurde den Fabriken des Auslandes durch umfangreiche Massenbestellungen zu verdienen gegeben. Selbst eine neue Flotte sollte gebaut werden, die freilich verrostete. Es konnte zweifelhaft sein, ob alles dies zum Vorteile des ganzen Landes war. Allein andererseits konnte man von den vielen Patrioten, die so lange in Paris und London lebten, die mit führenden Männern des Westens, mit den Banken und anderen Großbetrieben der Neuzeit vertraut wurden, die außerdem schon von Hause mit den reichsten und mächtigsten Familien der Levante versippt und verschwägert sind, ohne weiteres annehmen, daß auch sie sich in der dem Imperialismus heute anhaftenden Methode betätigen würden.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte
Die Condottieri
Entdeckungen und Erfindungen : Renaissance und Reformation
Entdeckungen und Erfindungen : Europäer in Afrika, Asien und Amerika
Entdeckungen und Erfindungen : Südeuropa gegen Nordeuropa
Aufstieg der Nordvölker : Holländer und Engländer
Aufstieg der Nordvölker : Kämpfe in Ostasien
Aufstieg der Nordvölker : Abschließung Ostasiens
Aufstieg der Nordvölker : Peter der Große
Aufstieg der Nordvölker : Das Wachstum Preußens
Aufstieg der Nordvölker : England und Frankreich werden Weltmächte
Aufstieg der Nordvölker : Friedrich der Große
Aufstieg der Nordvölker : Die Vereinigten Staaten von Amerika
Zeitalter der Revolutionen : Napoleon
Zeitalter der Revolutionen : Wachstum Englands
Zeitalter der Revolutionen : Lateinisch-Amerika unabhängig
Zeitalter der Revolutionen : Heilige Allianz und Romantik
Zeitalter der Revolutionen : Die Woge des Liberalismus
Zeitalter der Revolutionen : Englands Hand über Asien und Afrika
Zeitalter der Revolutionen : 1848
Zeitalter der Revolutionen : Krimkrieg
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Ostasiens
Zeitalter der Revolutionen : Bürgerkrieg in Nordamerika
Zeitalter der Revolutionen : Einigung Italiens und Deutschlands
Zeitalter der Revolutionen : Der Mikado stürzt den Shogun
Zeitalter der Revolutionen : Erschließung Afrikas
Zeitalter der Revolutionen : 1870/71
Zeitalter des Nationalismus : Der Staatsbegriff in der Neuzeit
Zeitalter des Nationalismus : Disraeli
Zeitalter des Nationalismus : Russisch-türkischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Berliner Kongreß
Zeitalter des Nationalismus : Dreibund
Zeitalter des Nationalismus : Afrikanische Wirren
Zeitalter des Nationalismus : Deutsche Kolonien
Zeitalter des Nationalismus : Bismarcks Ausgang
Zeitalter des Nationalismus : Goldausbeute und Industrie
Zeitalter des Nationalismus : Wachstum der Bevölkerungen
Zeitalter des Nationalismus : Japanisch-chinesischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Der Jamesons-Raid
Zeitalter des Nationalismus : Der Streit um die Goldfelder in Venezuela
Zeitalter des Nationalismus : Kämpfe in vier Erdteilen
Zeitalter des Nationalismus : Spanisch-amerikanischer Krieg
Zeitalter des Nationalismus : Nationalitätenhader in Österreich
Deutschtum und Türkei : Südmarsch der Deutschen