Die Ausfuhrprodukte Deutsch-Ostafrika

Die Ausfuhr unsrer Kolonie Deutsch-Ostafrika ist in den Jahren 1900 bis 1907 bis von 4 ½ Millionen Mark auf rund 12 ½ Millionen Mark gestiegen. Mit der zunehmenden Erschliessung des Landes durch Eisenbahnen, insbesondere aber durch die Anlage von Plantagen wird der Wert der Ausfuhr immer weiter steigen und sich damit die Handelsbilanz der Kolonie immer günstiger gestalten. Leider ist das Ausland an der Gesamtausfuhr im Jahre 1906 noch mit 52 Prozent und Deutschland nur mit 48 Prozent beteiligt.

Mehr und mehr treten aber die im Plantagenbetrieb erzeugten Produkte in den Vordergrund und damit wird auch das Mutterland als Konsument an die erste Stelle rücken, sowie unsre heimische Industrie den gebührenden Anteil und Nutzen aus den Kolonien ziehen. Mit dem Jahre 1907 hat sich das Produkt der von einer ganzen Anzahl von Plantagengesellschaften sowohl im Norden wie im Süden der Kolonie angebauten Sisalagave, der Sisalhanf, die erste Stelle in der Ausfuhrstatistik erobert.

Wertete die Ausfuhr im Jahre 1903 nur 698 000 Mark, so erreichte sie 1907 bereits 2 161 685 Mark, hatte sich also verdreifacht. Die Bedeutung dieses Produktes für unsre heimische Landwirtschaft und Industrie ist ganz enorm, da beide ganz ausserordentlich aufnahmefähig dafür sind. Auf alle Fälle weit mehr, als man bis jetzt annahm.

An zweiter Stelle steht in den Ausfuhrwerten der Kautschuk mit 2 039475 Mk. Bis in die jüngste Zeit nur im Raubbau gewonnen und in einem hohen Prozentsatz nach dem Auslande ausgeführt, wird er jetzt vielfach im Plantagenbetrieb angebaut und geht erfreulicherweise auch nur noch in geringen Mengen ins Ausland, in der Hauptsache aber nach Deutschland.

Für den örtlichen Handel kommt nur die Produktion der Eingeborenen in Betracht; die Plantagen senden ihr Produkt selbst auf den heimischen Markt. Der im Raubbau von den Eingeborenen gewonnene Lianenkautschuk ist teilweise von hervorragender Güte und wertete bis 7,50 Mk. pro Kilo. Leider haben Unverstand und Habsucht die Lianenbestände stark vermindert.

Von der Bedeutung des Kautschuks für die deutsche Industrie zu sprechen, erübrigt sich wohl. Der Bedarf nimmt von Jahr zu Jahr zu und musste — bis jetzt fast gänzlich im Ausland gedeckt — diesem damit ungeheure Werte zuführen, die, wenn die eigenen Kolonien den Bedarf teilweise oder ganz zu decken imstande sind, dem Mutterlande erhalten bleiben würden.

An dritter Stelle erscheinen 1907 Häute und Felle im Gesamtwert von 1 898 045 Mark. — In der Hauptsache handelt cs sich um Ziegenfelle und Rinderhäute, doch werden auch Wildfelle, die sich zu Pelzarbeiten eignen, wie Klippschliefer, Seidenaffenfelle, ferner Raubtierfelle ausgeführt. Neuerdings finden auch Rhinozeros- und Flusspferdhäute im Werte von über 1 Mark pro Pfund den Weg auf den europäischen Markt. Ihrer Festigkeit und Dicke wegen sollen sie Verwendung als Widerlager und Puffer bei gewissen Maschinen finden. — Die Erschliessung der rinderreichen Länder Urundi und Ruanda wird voraussichtlich den Handel noch bedeutend belegen. Deutschland empfängt von der Ausfuhr nur ein kleines Teil, für 162 789 Mark, man fragt sich unwillkürlich, warum?

Insektenwachs rangiert mit einem Ausfuhrwerte von 1471348 Mark an vierter Stelle. Deutschland ist mit 835 354 Mark der Hauptkonsument. Die Produktion ist für das Jahr 1907 erheblich höher als für das Jahr 1906, in welchem für 888105 Mark ausgeführt wurde. Die Produktion wurde zuerst gegen Ende der 90er Jahre im Süden und zwar in Lindi und Mikindani bei den Eingeborenen angeregt und von hier aus verbreitete sich die Kenntnis des Wertes nach den übrigen Teilen der Kolonie. Die Folgen der Raubwirtschaft dürften sich bald bemerkbar machen, wenn die Eingeborenen nicht intensiver, als dies bisher geschehen ist, die Imkerei betreiben. Die Qualität des erzeugten Wachses kann als recht gut bezeichnet werden. Zwar kommt das Wachs mit allen Unreinlichkeiten und oftmals auch verfälscht an die Küste, für den Export wird es aber gereinigt und umgeschmolzen.

Ihm folgt die Kopra im Werte von 1344781 Mark. Kopra nennt man den getrockneten, zerschlagenen Kern der Kokosnuss, aus welchem das Kokosöl gewonnen wird. Dieses findet seine Verwendung in der Seifenfabrikation und zu Speisezwecken. Bedauerlicherweise gehen nur 20 Proz. der Kopraproduktion nach Deutschland und 80 Proz. nach Marseille, trotzdem die deutsche Industrie sehr grossen Bedarf an Kokosöl hat. Die frühere amtliche Erklärung, die ostafrikanische Kopra vertrage den um 14 Tage längeren Transport nach Hamburg nicht, ist nicht stichhaltig, denn seit 1904 hat sich die Ausfuhr nach Hamburg von 5 Proz. auf 20 Proz. gehoben. Schuld ist zum grössten Teil, wie schon oben erwähnt, das Monopol der indischen Kaufleute, welche alte Verbindungen mit Marseiller Kaufleuten haben, denen Hamburg das Feld noch nicht abgewinnen konnte. Im Europäerbetrieb hat die Anlage von Kokosplantagen bis jetzt keine Erfolge gezeitigt. Sie sind zu kostspielig und ausserdem wird, da die Nuss Volksnahrungsmittel ist, zu viel gestohlen. Die Kultur der Kokospalme ist und bleibt Eingeborenenkultur, könnte und müsste aber von Regierungswegen noch bedeutend gefördert werden.

Das Elfenbein, das früher die erste Stelle einnahm, und dessen Wert 1889 90 die stattliche Summe von 4 ½ Millionen Mark erreichte und früher noch mehr, figuriert 1907 mit nur noch 644 287 Mark an sechster Stelle. Schuld daran ist in erster Linie, dass die früheren Herkunftsländer Kongo und Britisch-Ostafrika uns fast nichts mehr liefern und schliesslich ein erheblicher Rückgang in den Elefantenbeständen. Käufer ist Deutschland mit ca. 3 Proz. der Ausfuhr, der Rest geht nach Zanzibar für den englischen und amerikanischen Markt.

An siebenter Stelle folgt wieder ein Plantagenprodukt, Kaffee. Die Produktion hat sich zwar seit 1904 um 50 Proz. vermehrt (von 409000 auf 632000 kg), der Wert ist jedoch fast der gleiche geblieben (1904 526081 Mark gegen 1907 540093 Mark), da die Preise enorm gefallen sind. Die Folge davon ist, dass die Kaffeeplantagen unrentabel wirtschaften. Bessere Hoffnungen hegt man bei den von Griechen am Kilimandscharo betriebenen Kulturen. Dort tragen die Bäume das Fünffache wie in Usarn-bara. Die 19J7er Ernte betrug 41000 kg im Werte von 32 000 Mark. Eingeborenenkaffee (187 000 kg im Werte von ca 66000 Mark) wurden von Bukoba und Muansa am Victoria-Nyanza verschilft. Dieser kleinbohnige Kaffee, der dem Yemenkaffee sehr ähnlich sieht, wurde bisher nach Aden versandt und ging von dort als Yemen-(Mokka-)Kaffee in den Handel. Zurzeit ist Marseille Abnehmer. 95 Proz. der gesamten Kaffeeproduktion gehen nach Deutschland.

Nächst diesem Produkt kommt mit 282444Mk. der Ertrag der Eingeborenenproduktion in Erdnüssen. 1500000 kg. Die Hauptausfuhrplätzc sind die Häfen am Victoria-Nyanza mit 1283 tons. Erdnussöl dient als Speiseöl und wird von Marseille aus, dem Hauptimporthafen, als Verschnittöl feiner Oele, namentlich des Olivenöls, in den Handel gebracht. Deutschland importiert von der Gesamtproduktion unbegreiflicherweise nur ca. 15 Prozent; die Oelindustrie bemüht sich also bedauerlicherweise nicht darum, sich dieses wertvolle Produkt zu sichern.

Ein gleiches ist von der Sesamsaat zu sagen. Hier ist die Produktion erheblich, von 2389000 kg im Werte von 377 026 Mark 1904 auf 493 000 kg im Werte von 131367 Mark 1907 zurückgegangen. Davon konsumiert Deutschland nichts, angeblich, weil die Saat den Transport nicht verträgt, was aber durchaus unzutreffend ist. In Hamburg existiert die sehr grosse Oelfabrik des Vereins Deutscher Oelfabriken, welche nennenswerte Quantitäten Sesamsaat verarbeitet Es ist nicht verständlich, warum diese und andere Oelfabriken sich nicht zu Versuchen mit der vorzüglichen weissen Lindi- und Kilwasaat entschliessen und damit die Produktion dieser wertvollen Eingeborenenkultur anregen. Die Stellungnahme der deutschen Oelindustrie gegenüber der Produktion der Kolonie Deutsch-Ostafrika muss zurzeit als eine direkt feindliche bezeichnet werden. Deutschland konsumiert die Erzeugnisse aus Kopra, Erdnüssen und Sesamsaat in erheblichen Quantitäten, und von der Produktion Deutsch-Ostafrikas wandert der grösste Teil mit 1 424 186 Mark ins Ausland.

An Nahrungsmitteln führte Deutsch-Ostafrika 1907 für 141349 Mark Reis aus, dem eine Einfuhr dieses Nahrungsmittels, hauptsächlich aus Indien, in Höhe von 2042461 Mark gegenüber steht. Die Ausfuhr hat nur Grenzhandel-Bedeutung.

Mais kommt wegen ungenügender Trocknung nicht zur Ausfuhr, Negerhirse (Mtama) gelangt in manchen Jahren in erheblichen Quantitäten zur Ausfuhr nach Zanzibar, der Benadir- und südarabischen Küste und nach Indien. Europa hat für Mtama, trotz des Stärkegehaltes, keine Verwendung. Weizen ist mit Erfolg angebaut worden, dient aber nur dem Lokalkonsum. Die Zuckerproduktion, welche für den Zanzibar- und sonstigen afrikanischen Markt arbeitete, hat bedeutend verloren. 1892 noch 1500 tons, 1904 838 tons, belief sie sich 1907 auf nur noch 196 tons. Für den heimischen Markt wird die Zuckerproduktion kaum in Betracht kommen.

Die ehemals so bedeutende Ausfuhr des Kopalharzes, Ende der 80er Jahre ca. 500000 Mark, ist von Jahr zu Jahr zurückgegangen. Von der Gesamtausfuhr 138918 Mk. gingen für 11536 Mk. nach England, und für 126556 Mark nach Zanzibar, welch letzteres den Kopal reinigt und als Zanzibarkopal dem Weltmarkt, hauptsächlich über England, zuführt. Deutschlands Industrie bezieht den sogenannten Zanzibarkopal, anstatt sich die Produktion seiner Kolonie zunutze zu machen, über England und zahlt England dafür unnützerweise eine Vermittlungsgebühr.

Ob Deutsch-Ostafrika die Erwartungen als Produktionsland für Baumwolle erfüllen wird, lässt sich noch nicht absehen. Bis jetzt hat die Produktion noch wenig Bedeutung. Sie betrug in den Jahren 1904/06 je 188000 kg. 1907 ist sie auf 231 000 kg gestiegen. Der Durchschnittswert betrug 96 Pfennige pro Kilo. Die Eingeborenenproduktion wird zum Teil im Lande konsumiert; die Produktion der Europäer gelangt ganz zur Ausfuhr.

Die Ausfuhr von lebendem Rindvieh ist von 288942 Mk. im Jahre 1904 auf 110 478 Mk. im Jahre 1907 gesunken; die von Ziegen und Schafen von 61 424 Mk. auf 46320 Mk. zurückgegangen.

Es bleibt abzuwarten, ob die Hoffnungen, die sich an die reichen Viehbestände im Innern knüpfen, in Erfüllung gehen. Einzelne Teile des Landes scheinen allerdings einer Viehzucht grossen Stils günstig zu sein.

Der grosse Schatz, den Deutsch-Ostafrika in seinen Edel- und Nutzholzwäldern hat, liegt noch ungehoben. Der Export betrug 1904 34 381 Mark, 1907 12 375 Mark. Trotz wiederholter Vorführung von Proben ostafrikanischer, höchst wertvoller Hölzer, hat sich die deutsche Industrie bis jetzt noch gänzlich ablehnend verhalten. Das Ausland wird die deutsche Industrie erst auf die Verwendbarkeit aufmerksam machen müssen; aus sich selbst kommt sie nicht darauf. Die Ausfuhr von Gerbstoffen ist von 33358 Mark im Jahre 1904 auf 39 235 Mark im Jahre 1907 gestiegen. In der Hauptsache kommt- die Mangrovenrinde in Betracht, für welche der Hamburger Platz Abnehmer ist. —

Hat sich im grossen und ganzen auch die Ausfuhr nach Deutschland gehoben, so gehen doch immer noch 40 Proz. des Küstenhandels und 80 Proz. des Binnenganzhandels nach dem Ausland, darunter eine Menge für die deutsche Industrie höchst wichtige Produkte.

Zollvorzugsbehandlung in Deutschland in irgend einer Form würde darin eine Aenderung herbeiführen, aber auch ohne sie sollte sich die deutsche Industrie mehr wie bisher mit den Produkten der Kolonie befassen und damit das ihrige zur Hebung der Kolonie und ihrer eigenen Unabhängigkeit vom Ausland beitragen. —

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