Die Baumwollfrage

Wie bereits kurz erwähnt, ist eine neue Denkschrift des Reichskolonialamts über die Baumwollfrage erschienen. Sie behandelt in erschöpfender Weise das Problem der Versorgung unserer Baumwollindustrie mit Rohstoff, eine Frage, die man als eine der wichtigsten unserer Volkswirtschaft bezeichnen muss und die bekanntlich auf kolonialem Boden ihre Lösung finden soll.

Die Ursachen der sogenannten Baumwollnot sind in dem dauernden Missverhältnis der Produktion und des Verbrauchs von Baumwolle sowie in der Monopolstellung eines Produktionsgebietes, der Vereinigten Staaten von Nordamerika, erkannt worden. Weiter besteht eine besondere Gefährdung der blühenden europäischen Baumwollindustrie durch die starke Entwicklung der Textilindustrie in den Produktionsländern der Rohbaumwolle selbst, die darauf hinausläuft, nicht den erbauten Rohstoff, sondern die daraus hergestellten Erzeugnisse an das Ausland abzugeben. Die asiatischen Produktionsgebiete werden in zunehmendem Masse ihre Rohbaumwolle für den eigenen und den Verbrauch anderer asiatischer Märkte benötigen; dies gilt auch für die russische Produktion in Mittelasien. Das Gleiche lässt sich für Südamerika und Australien Voraussagen. Es verbleibt also nur der afrikanische Erdteil, in welchem bis jetzt nur Aegypten eine nennenswerte Produktion für die Versorgung des Weltmarktes au.weist. Das übrige Afrika ist last durchweg kolonialer Boden der europäischen Industriestaaten. Diese machen sämtlich grosse Anstrengungen, in den geeigneten Teilen ihrer afrikanischen Gebiete Baumwolle zu bauen, um dem drohenden Mangel an Rohmaterial in ihrer Textilindustrie vorzubeugen. Sie sind gleichzeitig bestrebt, die eigene koloniale Baumwollproduktion in Afrika ihrer heimischen nationalen Industrie zu sichern und zu reservieren. Daher muss sich auch bei uns der energische Wille durchsetzen, das Rohmaterial für unsere Baumwollindustrie mehr und mehr auf eigenem kolonialen Boden zu erzeugen.

Die Abhängigkeit von Nordamerika kann aber dadurch nocu bedrohlicher werden, dass dieses Land dazu übergeht, uns allmählich überhaupt keine Rohbaumwolle mehr liefern, sondern nur noch Fabrikate, die es aus seinem eigenen Rohmaterial hergestellt hat. Dies würde den Ruin einer unserer grössten Industrien (der Baumwollspinnerei und -Weberei) sowie eine ausserordentliche Verschlechterung unserer Handelsbilanz und unserer ganzen Weltwirtschaftlichen Stellung bedeuten.

Interessiert an der Baumwollfrage sind daher nicht nur die Grossindustrie und infolgedessen gewaltige Arbeitermassen, sondern auch der Mittelstand, das Kleingewerbe und die Hausindustrie. Im Jahre 1910 hat die von Nordamerika aus in Szene gesetzte Preistreiberei der Baumwolle unsrer Textilindustrie eine Mehrbelastung von 150 Mill. Mk. gebracht, worauf auch die Lohnkürzungen und Betriebseinschränkungen zurückzuführen sind, da der Verteuerung des Rohmaterials entsprechende Preiserhöhungen der Fertigfabrikate nicht durchzuführen waren. Es sind also ausserordentlich grosse und vielseitige wirtschafliche und soziale Interessen Deutschlands, die bei der Baumwollfrage in Betracht kommen.

Bis Ende 1909 sind in Afrika für Baumwollkulturversuche

von England 9,4 Millionen Mark,
von Deuschland 1,7 Millionen Mark,
von Frankreich 0,9 Millionen Mark

aufgebracht und nachstehende Baumwollproduktion erzielt worden:

in englischen Kolonien in Afrika 20,1 Millionen Mark,
in deutschen Kolonien in Afrika 4,3 Millionen Mark,
in französischen Kolonien in Afrika 0,9 Millionen Mark.

Hieraus ergibt sich, dass die gemachten Aufwendungen bei Deutschland in einem ganz besonders günstigen Verhältnisse zu dem Produktionsergebnis stehen. Wir können also die Hoffnung hegen, dass wir bei einer weiteren Bekämpfung der Baumwollnot durch Produktion auf unserem kolonialen Boden in grösserem Massstabe und mit grösseren Auf wänden auf dem richtigen Wege sind. Das Programm, das die Kolonialverwaltung hierbei verfolgen will, ist bei der Darsiellung der deutschen Kolonien als Produktionsgebiet in der Denkschrift mitgeteilt.

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3 Comments

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    3. Oktober 2016

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