Die beiden Pole

Vergleichende Betrachtung der bildenen Künste

Band II

Viertes BUCH

DIE KUNST IN DEUTSCHLAND

Die beiden Pole

Vielleicht gibt es zu keiner Zeit ein Land, in dem stärker um die Kunst gerungen wurde, als heute unser Vaterland. Wenn die Anstrengung edelster Art, der Mut bedeutender Menschen, die größte Hartnäckigkeit der Rasse im Kampf mit unübersteiglichen Hindernissen zu Momenten der Beurteilung werden dürfen, so gibt es keine Begeisterung, die die Anerkennung vor dieser Epoche genügend zu schmücken vermag. Will man sich nüchtern geschichtlich beschränken, so ist ein relatives Maß geboten, und dann genügt ein Blick auf die Zeit Friedrichs des Großen, auf die für die deutsche Kunst fast bedeutungslose Epoche eines kunstliebenden Fürsten, um unser trotz schärfster Gegnerschaft aller sonst fördernden Gönner gewonnenes Resultat als glänzendsten aller Siege zu feiern. Nur wenn wir fragen, was wir, die Kinder des 20. Jahrhunderts, davon noch übrig haben; wenn der sachliche Trieb, der für die Zukunft zu sorgen hat, nach dem Fleisch und Brot sucht, von dem wir und unsere Kinder weiter leben sollen, umwölkt sich die Freude der Genugtuung, und dann kann es geschehen, daß man in dem ersten Augenblick verzweifelt unter den Siegestrophäen wühlt und immer nur Zeichen, keine greifbaren Dinge findet und in der Bestürzung so weit geht, alle diese bunten Zeugen einer großen Zeit als dagewesene Dinge zu betrachten.

Nie ist so sehr wie heute der ruhige Umblick geboten, das gelassene Erkennen, was wir erreicht haben, die Wägung, was von unseren vielen Trophäen ad acta gehört und was uns zum weiteren Kampf vorleuchten kann. Nach einer Zeit atemloser Arbeit, während es schien, daß gar nicht genug Hände da wären, um fortzuschaffen, was sich in allen Künsten, in der Literatur und Musik nicht weniger als in den bildenden Künsten, der Befreiung bringenden Schöpfung bot, ist ein geraumer Moment des Zweifels gekommen, der allen Auslegungen, auch den pessimistischen, geneigt ist. Große Persönlichkeiten führten die junge Künstlerschaft des neuen Deutschlands zu der Secessio in montem sacrum eines freien künstlerischen Schaffens. Wie köstliche Trabanten auf feurigen Rossen begleiteten alle Offenbarungen der Persönlichkeit den mutigen Zug und ermunterten durch ritterliche Übungen das Auge des Ermüdeten; vielerlei Lieder berauschten die Menge, wenn auch die fremden Worte, mit denen sich die nationalen Hymnen vermischten, den Takt immer weniger vernehmbar machten.

Ein paar der großen Führer wurden abgerufen, andere beschlossen die letzten Tage ihres Alters mit Stillsitzen, das ihnen kein Mensch verdenken konnte. Es entstanden Lücken, hier und da Abzweigungen. Viele zogen vor, ganz allein weiter zu gehen, nachdem sie eingesehen, daß kein eigentliches Band sie mit den anderen einte; man bereute, überhaupt jemals mit diesem oder jenem zusammen gegangen zu sein. Andere — wie viele — gingen überhaupt nur noch der Leibesübung wegen mit, ohne im entferntesten noch an den heiligen Berg zu denken. Und jeden Tag entdeckte jeder Nachkommende ein neues Gebirge.

Es fehlt die Einheit. Die Kunst hat von der Zentralisation, die wir den siegreichen Kriegen danken, noch nichts gehabt. Es wurden Dinge zusammengeschmiedet, die nie zusammen fertig werden können, und man begann wiederum partikularistische Tendenzen in der Kunst, während deutlich die übrigen Organe des neuen Reiches nach materieller Einigung trachteten und tatsächlich die alten Individualitäten immer mehr verschwanden.

Wir schaffen noch viel zu eifrig an unserem materiellen Wohlsein, um der Kunst etwas abgeben zu können, und zeigen ihr einen guten, aber unsteten Willen, der ihren Mangel an inneren Zwecken zu Extremen treibt. Das Beste, was im neunzehnten Jahrhundert von Deutschen geschaffen worden ist, wurde jenseits der Landesgrenzen vollbracht oder vor der großen Zeit, die uns das neue Reich bescherte. Gern stellte man Menzel als Schildträger unserer Kunst heraus, den Mann, der in den vierziger Jahren bei uns Dinge andeutete, die erst eine Generation später in dem eigentlichen Land der modernen Kunst zur bewußten Erkenntnis kamen und die bedeutendste Schule der Zeit hervorriefen. Derselbe Künstler bietet im Alter aller Unkunst die Hand und leugnet am eigenen Werk den kühnen Eroberersinn der Jugend. Man würde ihn beleidigen, wollte man die Wandlung dem Greisentum anrechnen. Der wahre Menzel steckt nicht in den Perlen, die wir verehren. Sie entfielen ihm achtlos, während er schon an der Gestaltung des Menschen schuf, mit dem wir heute rechnen, und waren für ihn vermutlich, schon als sie entstanden, nichts als ein Ausgleiten auf dem Wege zur sauren Arbeit.

Die Enge bei allem Reichtum dieses großen Schaffens trieb die Bewunderung, sich ganz entgegengesetzten Mächten zu Füßen zu legen, die früher wild verlacht, jetzt ebenso wild vergöttert und unverhofft zu Trägern einer neuen Weltanschauung wurden. Menzel sah sich ebenso unverhofft zum Gegner erklärt. Über der Weltanschauung vergaß man die Kunst. Man machte aus Menzel und Böcklin, aus Persönlichkeiten, die im Grunde ihres Wesens der ästhetischen Beurteilung gleich wenig darbieten, die Pfeiler zweier Künste, zweier Arten von Kunstanschauung, und sagte von den Werken des einen oder andern im besten Falle, daß sie sich nicht vergleichen ließen.

Der Historiker, der in diesem Augenblick eine Geschichte dieser beiden Anschauungen schriebe und positive Folgerungen daraus gewänne, würde nicht umsonst gelebt haben. Er gelangte vielleicht dahin, die vermeintliche Unmöglichkeit, die beiden Führer zu vergleichen, zu überwinden, ja er würde vermutlich zu diesem Vergleich getrieben und zwar durchaus nicht, um den einen oder anderen als Künstler zu feiern oder herabzusetzen.

Nichts weniger als dieses knapp bemessene Kapitel ist dazu imstande, noch weniger meine noch begrenztere Kraft. Auch schließt die Beschränkung dieses Buches auf ein Thema, das aus der Darstellung wesentlicher Entwicklungen der Kunst zu einer unmittelbaren Orientierung zu gelangen sucht, Dinge, die an sich der Entwicklung entbehren und nichts Wesentliches zur Bildung unserer Ästhetik beitragen, logischerweise aus. Dagegen entsteht die Frage, ob nicht jenseits dieser Pfeiler, um die der Streit für oder gegen das Moderne wogte, Elemente zu finden sind, die unser Thema fortsetzen und in ihrer Eigenart wertvolle Beiträge für die Lösung der ästhetischen Frage bieten, und ob es nicht durch die Erkenntnis dieser Elemente gelingt, den Streit um die Weltanschauung durch einen förder-lichereren um die Kunstanschauung zu ersetzen.

Die deutsche Malerei, wenn nicht die deutsche Kunst unserer Zeit, hat eine schlichte, historisch feststehende und ohne weiteres wahrnehmbare Eigentümlichkeit, die gemeinsame Beziehung zu Paris, d. h. zu dem Zentrum, das in unserer Zeit die Entwicklung aller der Kunst förderlichen Elemente deutlich zeigt. Diese bei der Bedeutung des Zentrums unvermeidliche Beziehung kann nicht dazu dienen, das Wesen deutscher Kunst zu verkleinern, das Resultat ist allein entscheidend. Das sachliche Moment erlaubt der Betrachtung eine Annäherung sonst entgegengesetzter Elemente unter einem zunächst ganz äußerlichen Gesichtskreis. Wie die Früheren nach Düsseldorf und München gingen und dort eine ganz bestimmte Beeinflussung ihres Wesens erfuhren, so waren die meisten bedeutenden Deutschen unserer Tage in Paris in der Schule. Was brachten sie von den Werten, die wir dort gesehen haben, mit, was wurde daraus? Die Beantwortung dieser Frage wird uns ohne Zweifel sachliche Momente ergeben, und möglicherweise gelingt es dabei, zu weiteren Schlüssen zu gelangen.

Von der Regel machten auch zwei der größten deutschen Künstler keine Ausnahme: Feuerbach und Leibi, die beide in dem entscheidenden Augenblick ihrer Entwicklung Paris besuchten. Wenn wir mit Unrecht in ihnen hier deutlichere Repräsentanten unserer Kunst als in Menzel-Böcklin erblicken, mag unsere Willkür bis auf weiteres die Tatsache entschuldigen, daß beide Künstler in einfacherer, leichter erkennbarer Form die künstlerische Eigenart ihres Wesens zur Schau tragen, und daher die Betrachtung leichter die Gefahr vermeidet, sich in Gebiete zu verirren, die nichts mit der Sache zu tun haben.

Text aus dem Buch: Entwickelungsgeschichte der modernen Kunst : vergleichende Betrachtung der bildenen Künste, als Beitrag zu einer neuen Aesthetik, Author: Meier-Graefe, Julius.

Siehe auch:
_____ Erstes Buch _____
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Vorwort
Entwicklungsgeschichte der Modernen Kunst – Einleitung
Die Träger der Kunst Früher und Heute
Traditionen
Die Entstehung des Malerischen
Die Blüte der Malerei
Das Empire
Ingres
Die deutsche Kunst
Delacroix und Daumier
Honoré Daumier
Jean-François Millet und sein Kreis
Der Einfluss Jean-François Millet
Giovanni Segantini
Vincent van Gogh
_____ Zweites Buch _____

Constantin Meunier
Die vier Säulen der modernen Malerei
Edouard Manet
Edouard Manet und Whistler
Paul Cezanne
Vuillard-Bonnard-Roussel
Edga Degas
Edga Degas und sein Kreis – Die Nachfolger
Pierre-Auguste Renoir und sein Kreis

_____ Drittes Buch _____

Farbe und Komposition in Frankreich
Claude Monet
Georges Seurat
Paul Signac
Der Neo-Impressionismus als Kunstform
Der Neo-Impressionismus in Brüssel
Die Farbe in der Skulptur
Auguste Rodin
Medardo Rosso
Der Impressionismus in der Plastik
Die Tradition Jean-Auguste-Dominique Ingres
Théodore Chassériau
Pierre Puvis de Chavannes
Der Schatten Rembrandts
Adolphe Monticelli
Henri Fantin-Latour
Eugène Carrière
Odilon Redon
Maurice Denis
Paul Gauguin
Die Schule von Pont-Aven
Edvard Munch
Aristide Maillol

4 Comments

  1. […] Die beiden Pole Anselm Feuerbach Hans von Marées Arnold Böcklin Adolf von Hildebrand Max Klinger Ludwig von Hoffmann […]

    10. März 2016
  2. […] Die beiden Pole Anselm Feuerbach Hans von Marées Arnold Böcklin Adolf von Hildebrand Max Klinger Ludwig von Hoffmann Wilhelm Leibl Die Wilhelm Leibl-Schule Wilhelm Trübner Max Liebermann […]

    11. März 2016
  3. […] Die beiden Pole Anselm Feuerbach Hans von Marées Arnold Böcklin Adolf von Hildebrand Max Klinger Ludwig von Hoffmann Wilhelm Leibl Die Wilhelm Leibl-Schule Wilhelm Trübner Max Liebermann […]

    11. März 2016

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