Die Bewohner von Ruanda

Wohl kaum in einem andern Lande findet man den Unterschied zwischen zwei verschiedenen Volksstämmen so in bezug auf äusseres Aussehen und auf Lebensführung ausgeprägt, wie in Ruanda. Auf der einen Seite die Watussi, hohe, schlanke Gestalten mit hoher zurücktretender Stirn und schmaler, häufig etwas gekrümmter Nase, und auf der andern Seite die Wahutu, kleine Bantuneger mit platter Nase und infolge dauernder Arbeit ausgeprägten, starken Muskeln. Auf der einen Seite die ersteren, geborene Viehzüchter, die jede Arbeit als ihrer nicht würdig erachten und auf der andern Seite die letzteren, die fleissig jahraus jahrein ihr Feld bestellen und deren Pflanzungen man mustergültig nennen kann, so weit dieser Ausdruck überhaupt bei einer Tätigkeit eines Negers sich anwenden lässt. Die Wahutu sind die ursprünglichen Bewohner des schönen Hochlandes; die Watussi, die Eroberer, die mit Waffengewalt aus Südabessinien in das Land eingebrochen sind. Sieht man die Kinder des Sultans Mzinga bei der Uebung mit dem Speer, so wird man an die altägyptischen Wandgemälde mit ihren charakteristischen Gestalten erinnert. Jeder Mtussi hat einen oder auch, wenn er mächtiger ist, mehrere Berge und wohnt mit seinen Angehörigen und Verwandten oben auf dem Gipfel, während die auf seinem Eigentum wohnenden Wahutu am Hange oder auch im Tale wohnen. Das ganze Verhältnis der auf seinem Lande wohnenden Wahutu ist das der Hörigkeit und drückt sich in der Lieferung von Lebensmitteln an den Grundeigentümer, den Mtussi, aus. Je mehr Wahutu auf dem Lande sitzen und je grösser das Abhängigkeitsverhältnis derselben zu den Watussi ist, um so besser ist deren Versorgung mit Lebensmitteln sicher gestellt, zumal wenn er an den Hof seines Sultans Mzinga nach Nyanza geht. Der Mtussi arbeitet ja in seinem Heim überhaupt nichts, seine einzige Beschäftigung besteht in der Beobachtung und sachgemässen Wartung und Pflege seiner Rinder.

Er ist aber nicht Viehhalter, wie viele andre Stämme, sondern wirklich sachgemässer Züchter und darin wirklich auch Meister. Man sieht denn auch in Ruanda wunderbar schöne Rinder in solcher Menge, dass man sich keinen Begriff davon macht, wenn man es nicht selbst gesehen hat. Weiden doch an jedem Berge immer mehrere Herden von 20 —40 Tieren.

Dabei sieht man nur die ausgewachsenen Tiere, während das Jungvieh entweder zu Hause bleibt, wenn es noch ganz klein ist, bezw. in der Höhe des Hauses weidet, sobald es Gras frisst. Der Ruf der Watussi als Viehzüchter ist übrigens allgemein anerkannt und auch imLande Bukoba findet man als Sachverständige der Viehzucht im Dienste des Sultans Watussi. die wohl verarmt und daher in Dienst getreten sind. Die Wahutu, als fleissige Landbearbeiter, kommen übrigens immer mehr zu Wohlstand. Dies drückt sich schon in dem Bestreben der Wahutu aus, auch Rinder zu erwerben. Nun gibt ja häufig der Mtussi seinem Lehnsmanne, dem Mhutu, auch ein weibliches Rind und der Mhutu muss dafür fortlaufend dem Mtussi Rindenstoffe liefern. Aber dieses Rind ist den Mhutu nur übcrgeben, ohne Eigentum zu sein. Hört er auf, dem Mtussi Stoffe zu liefern, so nimmt dieser sein Rind zurück.

Anders ist dies Verhältnis nur dann, wenn der Mhutu dem Mtussi einige Stiere — ich glaube 5 Stiere ist das normale liefert und dafür ein weibliches Stück eintauscht. Dieses Tier ist dann Eigentum des Mhutu und der Mtussi kann nicht mehr darüber verfügen. Diese Zustände zeigen, wie gross das Abhängigkeilsverhältnis der Wahutu den Watussi gegenüber ist. Charakteristisch ist denn auch ein Bild, das jeden, der in die Nähe von Nyanza, dem Lager des Sultans Mzinga, kommt, aufgefallen sein wird. Wohlan jedem Tage begegnet man zu mehreren Malen Eingeborenen, die von der Hofhaltung Mzingas heimkehren, und es wiederholt sich eigentlich immer dasselbe Bild: Zuerst ein hochgewachsener Mtussi, die weissen Tücher als Kleid malerisch um die Schultern geworfen, mit langem Bergstöcke, dahinter ein junger Mtussi oder auch ein Mhutu mit Pfeil und Bogen, Speer und Schild, dann die Träger, zwei bis vier Wahutu mit Schlafmatte, Kochgeräten, mit einem grossen Korbe mit Lebensmitteln usw. Man sieht kaum jemals einen Mtussi ohne Waffen, und es berührt recht komisch und eigentümlich, wenn man, wie ich, an einem Sonntage während des Gottesdienstes in einer Missionsstation der weissen Väter ankommt und in der Kirche den Gesang der zum Christentume Ubergetretenen Eingeborenen hört, während aussen an der Kirchenwand die Waffen der verschiedensten Art angelehnt sind. Man denke aber nicht etwa, dass das Reisen im Lande der Watussi unsicher oder mit Gefahr verbunden wäre. Im Gegenteil, ich glaube, sicherer wie in Ruanda kann man nirgends reisen. Der Mtussi, auf dessen Land man sein Lager aufschlägt, hat sicher keinen Moment Ruhe, solange der Europäer da ist, immer furchtsam, es könne dem Europäer ein Leid geschehen, und er dafür mit seinem ganzen Vermögen haftbar gemacht werden. Noch eins berührt bei einer Wanderung durch Ruanda recht eigentümlich, ich meine die strengen Speisegesetze der Watussi und die Abgeschlossenheit, in der die Frauen gehalten werden. Es ist dem Mtussi verboten, z. B. Hühner, Eier, Ziegen zu essen. Seine Hauptnahrung ist Milch in der verschiedensten Form, Rindfleisch und Feldfrüchte. Man wird die Frau eines Mtussi nie sehen und geht er auf Safari, so wird sie in einem länglichen Mattenkorbe getragen und ist auch rings durch vorgehängte Matten vollkommen dem Licht entzogen.

Auch der die Kranken behandelnde Arzt muss mit einer Charaktereigenschaft der Watussis rechnen, ihrem Misstrauen. Während die Wahutu sehr bald den Anordnungen des Arztes folgen und schliesslich auch innere Heilmittel bald nehmen, kann selbst ein Arzt, der jahrelang im Lande lebt und das Vertrauen der Bewohner in jeder Hinsicht sich erworben hat, lange warten, bis ein Mtussi irgend etwas einnimmt. Gewöhnlich nimmt er Medizin an und verspricht auch, sie einzunehmen, nachher schüttet er sie aber immer weg. Offen zeigt er also nicht den mindensten Widerstand, leistet aber eine passive Opposition, die viel schlimmer ist.

Zimmermann, Hauptmann a. D.

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