Die Briefmarke einst und jetzt

Neben der Entwicklung der Geldwerte zeigt nichts so deutlich die Umgestaltung der wirtschaftlichen und politischen Verhältnisse, wie sie durch den Krieg und seine Folgen in Europa eingetreten ist, als die Geschichte der Postwertzeichen. Wir geben im Bilde eine Auswahl von interessanten Briefmarken aus den Anfängen des europäischen Postwertzeichen-Wesens und stellen ihr gegenüber eine grössere Reihe von Briefmarken neuester Provenienz, wie sie im Laufe der letzten Jahre seit dem Kriege in Europa geschaffen worden sind. Während die Wertzeichen der älteren Kategorie meist sehr niedrige Geldwerte als Porto repräsentieren, — nur in seltenen Fällen, wenn hohe Wertsendungen frankiert werden mussten, wurden Marken bis fünf Francs oder ein bis fünf Pfund Sterling verwandt, — sind heute in den untervalutarischen Ländern Europas infolge der ungeheuren Verschlechterung der Währungswerte geradezu riesenhafte Porti, ziffernmässig genommen, üblich.

Darauf weisen Marken wie die 50 Mark-Marke von Danzig, die 20 Mark – Marken Deutschlands, die 200 Kronen – Marken Oesterreichs und die heute schon in die Zehntausende von Rubeln gehenden Brieffrankierungen Russlands hin. Auf die Kriegsnot und ihre Folgen zurückzuführen sind die russischen Hungerbriefmarken, die in unserer Darstellung enthalten sind und deren Erlös zur Milderung der Hungersnot in weiten Gebieten Russlands dienen sollte. Die politischen Umwälzungen des Weltkriegs in Europa werden durch die Besatzungs-Marken für Oberschlesien, durch die Marken des Memeler Gebiets, deren Repräsentanten wir wiedergeben, angedeutet. An den Krieg selbst erinnert die Stahlhelm-Marke Belgiens.

All diese vielfältigen Neuerscheinungen der Kriegs- und Nachkriegszeit, deren Typenzahl heute schon in die Tausende geht, sind ein überaus dankbares und interessantes Gebiet des Briefmarkensammelns geworden, das zudem für die breiten Massen der Sammler den Vorteil hat, dass sie mit vergleichsweise wenig Geld erworben werden können, während die alten, sogenannten „klassischen“ Briefmarken fast aller Länder in guten Exemplaren überaus selten geworden sind und teilweise phantastisch hohe Preise erreicht haben. Unter der Wirkung der valutarischen Verhältnisse hat sich übrigens im Laufe der letzten Jahre eine sehr umfangreiche Wanderung der Briefmarken, besonders der hochwertigen, entwickelt.

Der deutsche Briefmarken-Markt, ebenso wie der der östlichen Länder Europas, ist von den Briefmarkenhändlern und Sammlern aus hochvalutarischen Ländern weitgehend ausgekauft worden, wozu sehr viel beigetragen hat, dass mehrere Jahre hindurch und teilweise heute noch die Preise für gute Briefmarken in Deutschland erheblich unter dem Weltmarktpreise standen. Insbesondere sind sehr grosse Markenbestände aus europäischem Besitz in amerikanische Hände übergegangen, und diese Entwicklung setzt sich derzeitig zweifellos noch fort.

Allerdings haben gerade in den letzten Monaten die Preise für hochwertige Briefmarken in Europa ganz erheblich an gezogen, eine naturgemässe Folge der Seltenheit, welche infolge der Auslandkäufe in Deutschland viele Briefmarken jetzt aufweisen.

Die obige bildliche Darstellung verdanken wir dem „Illustrierten Blatt“ in Frankfurt am Main, welchem die Original-Marken von der Briefmarkenhandlung K. W. Friedrich Schäfer in Frankfurt am Main zur Verfügung gestellt wurden.

Sowjet-Briefmarken.

Die Sowjet-Regierung hat in der Hochblüte ihrer Phantasien auch das Ideal der Gebührenfreiheit verkündet und darum dir Marken abgeschafft. Aber wie die meisten dieser Utopien mussten die Bolschewisten auch diese bald aufgeben, und die Briefmarken sind wieder gekommen, bereits sogar in so hohen Werten, dass wohl bald auch Marken zu 100,000 Rubel ausgegeben werden dürfen. Die Räteregierung nimmt sogar jetzt so starkes Interesse an den Briefmarken, dass dem Volkskommissariat für Post und Telegraphie ein besonderes amtliches Bureau für Philatelie angegliedert worden ist. Selbst die Bolschewisten haben bemerkt, dass mit den Briefmarkensammlern sehr gute Geschäfte zu machen sind, und die zahlreichen Markenausgaben nehmen auf diese „kapitalistische Sammelleidenschaft“ grosse Rücksicht. Wie in der „Illustrierten Zeitschrift für Philatelie“ berichtet wird sind in neuester Zeit kobaltblaue Marken zu 7500 Rubel und violett-braungelbe Markern zu 22,500 Rubel ausgegeben worden. Derartige hohe Werte sind schon von den Hungermarken des Wolgagebietes her bekannt. Die Bilder der Marken sind schlecht lithographiert, sie sind ungezähnt, weil sie sich so leichter herstellen lassen und von der Sammlern bevorzugt werden.

Das erstaunlichste in ihrer Spekulation auf die Briemarkensammler leisten die Bolschewistern. in den Armenien-Sowjet-Marken, von denen gleich ein Satz von 11 Werten herausgegeben, worden ist. Dass diese Marken eine postalische Verwendung finden sollten, ist natürlich ganz ausgeschlossen, denn Nansen sagte ja erst kürzlich, dass es nach all den Metzeleien bald keine Armenier mehr geben wird, wenn man die Hungersnot dort weiter wüten lässt, und jedenfalls sind diese Unglücklichen nicht imstande, noch Geld für Briefmarken aufzubringen. Man will also mit diesen Armenien-Marken einen Schwunghaften Handel betreiben. Dabei ist aber andererseits die Ausfuhr von russischen Marken verboten. Desto eifriger wird der Schmuggel mit dieser Ware betrieben, und sie kommen in grossen Mengen mit dem Gepäck der „Regierungsvertreter“, das keiner Kontrolle unterworfen ist, über die Grenzen. Da man diese geschmuggelten Marken nur mit Hilfe des nötigen Trinkgeldes erhält, so sind sie sehr verteuert, und besonders die ersten fünf Werte der Sowjet-Regierungsmarken stehen fabelhaft hoch im Preise.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
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Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
Quer durch das neue Deutschland
Quer durch das neue Deutschland II
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