Die christliche Mission in Deutsch-Ostafrika


Wenn wir die Eingeborenen unsrer Kolonien schildern, so geschieht dies hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt ihrer Erziehung zu brauchbaren Mitarbeitern bei unsern wirtschaftlichen und kulturellen Bestrebungen. Bei Erörterung dieser unserer Bestrebungen dürfen wir nicht die Arbeit vergessen, weiche die Missionen in dieser Hinsicht namentlich auch in Ostafrika geleistet haben.

Soweit die Bekehrung der Eingeborenen zum Christentum in Frage kommt, ist die Aufgabe der Missionen in Ostafrika nicht leicht. Der intelligentere Teil der Bevölkerung ist vom Geist des Islams durchtränkt und christlichen Lehren schwer zugänglich, da diese dem ausschliesslich aufs Materielle gerichteten Sinn des Negers weniger verständlich sind, als die Lehren Mohammeds.



Letztere sind dem Leben und Ideenkreis des Schwarzen viel mehr angepasst und bequemer als das Christentum, das den Schwarzen zwingt, liebgewordenen und althergebrachten Gewohnheiten zu entsagen, z. B. der Vielweiberei.

Dieser Erkenntnis wird von den Missionen in neuerer Zeit mehr als früher Rechnung getragen. Man sucht den Schwarzen die kulturelle Ueberlegenheit der weissen Rasse und damit ihrer religiösen Lehren verständlich zu machen, indem man sie durch praktische Schulung an ein sittlich höheres und tätigeres Leben zu gewöhnen beginnt und ihnen allerlei für sie selbst nützliche Handfertigkeiten beibringt.

Dies ist auch ganz richtig. Das Ora et labora — bete und arbeite — passt wohl für ein kulturell hochstehendes Volk, für die Schwarzen ist die umgekehrte Reihenfolge besser: Arbeite und bete. Erst wenn die Neger die Ueberlegenheit unserer Kultur der Arbeit und ihre Segnungen begriffen und sich in diese etwas eingelebt haben, werden sie auch die Lehren des Christentums allmählich begreifen.

Schon jetzt haben die Missionen durch ihr Vorbild auf rein materiellem und sozialem Gebiet durch Anlage von Musterpflanzungen, Handwerkerschulen, auf dem Gebiet der Gesundheits- und Krankenpflege usw., Einfluss gewonnen und sehr nützliche Kulturarbcitgeleistet.Wenn sie ihre Tätigkeit in der eben gezeichneten neueren Richtung fortsetzen, so werden sie unserer Kolonialarbeit wertvolle Dienste leisten, und sie selbst werden damit auch ihrem ursprünglichen rein ideellen Ziel, der Ausbreitung der christlichen Lehre, um so rascher und sicherer näher kommen.

Die älteste Mission in Ostafrika ist eine katholische, die Kongregation der Väter vom Heiligen Geist, die in Zanzibar ihren Sitz hat und seit 1862 verschiedene Stationen in der Kolonie unterhält. Ausserdem arbeitete eine protestantische Gesellschaft aus England in unserer jetzigen Kolonie. Dann kam 1889 die Berliner Mission und in der Folge andere protestantische, die Leipziger Mission, die Missionsgesellschaft in Bethel-Bielefeld, und die Brüdergemeinde.

Ebenso haben verschiedene katholische Missionsgesellschaften drüben Niederlassungen gegründet, insbesondere die Weissen Väter in Trier, das Missionshaus Knechtsteden und die Missionsgenossenschaft St. Ottilien. Ausserdem arbeiten die französischen Schwarzen Väter schon sehr lange in Ostafrika.

Unsere Bilder zeigen zwei protestantische und zwei katholische Missionsstationen: 1. Mhonda am Nguru- Gebirge (Knechtsteden), 2. Wuga (Bethel), 3. Hohenfriedeberg (Bethel), beide in West-Usambara, 4. Karema am Tanganjikasee, eine Niederlassung der Weissen Väter.

Die Anlage dieser Missionsstationen verrät deutlich, wie die Missionare schon durch ihr Beispiel wirken wollen. Die Stationen sind umgeben von wohlgepflegten Gärten und Feldern, die auf den Bildern zum Teil zu sehen sind. Alle diese Niederlassungen erinnern durch ihre gewählte Lage in prächtiger Umgebung lebhaft an unsere deutschen Klöster. Auch das Leben auf diesen Stationen und das Verhältnis der Missionare zu den ihrer Obhut anvertrauten Schwarzen hat mancherlei Anklänge an die Wirksamkeit unsrer alten Klöster, und es ist erwiesen, dass ein derartiges patriarchalisches Verhältnis für die Erziehung der Schwarzen sehr praktisch ist. Wichtig ist namentlich, dass die Missionen jederzeit den Schwarzen gegenüber das Ansehen der weissen Rasse hochhalten und die Wichtigkeit und Notwendigkeit aller Massnahmen betonen, die auf die Nutzbarmachung des Landes unter Mitarbeit der Eingeborenen hinzielen und die letzten Endes auch zum Besten der Schwarzen selbst dienen Diesergestalt lernen die Neger die Europäer als ihre Lehrer und Führer, die es gut mit ihnen meinen, verstehen und achten. Wenn den Ansiedlern von den Missionen in dieser Richtung vorgearbeitet wird, so wird sich ein gesundes erspricssliclies Zusammenarbeiten der weissen und schwarzen Rasse mit der Zeit in Alrika schon herausbilden.