Die Condottieri

Durch die Kreuzzüge, die Kaiserbesuche und die päpstlichen Thronstreitigkeiten war zahlreiches waffenfähiges Gesindel nach Italien gekommen, das aus den verschiedensten Ursachen, wie Krankheit, Liebesgeschichten oder persönlichen Streit, sich von seinem alten Heerführer getrennt hatte und nun von Raub, Diebstahl oder allerhand unehrlichen Gewerben lebte. Vornehme Männer mit großem Besitz fingen bald an, die führerlosen Leute, die selbst unter ihrem elenden Dasein litten, um sich zu sammeln und sie für den eigenen Schutz in Pflicht zu nehmen. Wer sich neue Häuser baute, trug dem Rechnung und ließ große Vorsäle anbringen und weite Treppenhäuser, worin die fremden Gesellen Platz fanden, lärmen konnten und sich bereit hielten, im Notfälle ihren Herrn, dessen Familie und Reichtum zu verteidigen. Wie in Italien, so in Japan.

Solche Leibwachen vermehrten sich fast ohne Zutun, denn wo es Speise, Trank, Sold und Würfelspiel gab, drängte sich alles zusammen, was abenteuerlustig und arbeitsscheu war. Nun wurden sie in den Städten und Gegenden, deren Adel sich den Luxus eines dermaßen erweiterten Gefolges leisten konnte, wieder zu einer Gefahr; sie kämpften die Fehden der Großen aus, halfen den Sieg in politischen Fragen zu erzwingen und unterdrückten die Freiheit in kleineren Gemeinwesen. Gut zum Rauben und Plündern waren diese Kohorten, die ihrem Herrn nur so lange treu blieben, als er zahlte. Fremd, ohne Interesse und Liebe für das Land, achteten sie weder die Arbeit des Bauern noch den Besitz des Bürgers. Was in ihre Hand kam, galt für vogelfrei.

Das systemlose Morden und Plündern zu organisieren und dadurch die Söldnerschar zu einem wirklichen Machtmittel zu erheben, gelang jenen waghalsigen, aber zielbewußten und selbst disziplinierten Männern, die Condottieri genannt wurden — von Condotta,d.i.Sold, abgeleitet. Es waren großangelegte Geschäftsleute, deren Unternehmen der Krieg war. Unablässige Kämpfe nährten ihren Mann sicher und reichlich, sobald sie organisiert waren. Den Ritter- und Mönchsorden, den Gilden der Kaufleute, Handwerker und Künstler sahen es die Söldner selbst ab, hatten Statuten und nannten sich Genossenschaften. Die Besitzlosen pochten auf ihre Macht, die ihr Reichtum war, genau wie es heute eine zielbewußte Arbeiterpartei tut. Sie verdangen sich an bekannte und bewährte Führer, d. h. Unternehmer, nicht ohne Bedingungen zu stellen, und ließen es manchmal um eines Vorteils willen auch nicht auf einen Streik ankommen. Deutsche Ritter, reisende Engländer, wie John Hawkwood, und später erst Italiener stellten sich an die Spitze der Haufen und nahmen Dienst bei größeren Städten oder Landesfürsten, deren Streitigkeiten auszukämpfen.

Reich wollten alle werden, die ihr Schwert zu Markte trugen, Unsterblichkeit aber zu erringen, wie sie ein Livius, ein Tacitus, ein Plutarch den Vorfahren gebracht hatte, war das Bestreben des echten Condottiere, der im Zelt seinen schweinsledergebundenen Klassiker aufschlug oder mit den Besten seiner Zeit edler Gespräche pflog, fern von Blut, Trunk und frechem Gejohle, wie es das Lager durchbrauste. Eng im Bunde mit Dichtern, Gelehrten und Künstlern, umringt von den begabtesten und schönsten Edelfrauen der Zeit, halten die Feldherrn Hof, solange Waffenruhe herrscht, lassen sich schmeicheln und besingen, streuen Gold aus für Dichterworte, die ihre Taten festhalten sollen wie die vergängliche Schönheit der Frauen, die ihr Arm umfaßt. So sammelt Sigismondo Malatesta in dem kleinen Rimini einen schöngeistigen Hof um sich, wo er um Dichterworte buhlt. Der erste Herzog von Mailand, der kluge Francesco Sforza, der sonst wenig übrig hat für Kunst und Wissenschaft, wird bei seinen oft verschwenderisch geschmacklosen Festen von Filelfo mit poetischem Lob überrascht, und es gelingt dem geschäftskundigen Dichter, seinen unfreiwilligen Mäcen tüchtig zu schröpfen.

Durch zwei Jahrhunderte ziehen sich Macht und Einfluß jener abenteuernden Männer, die, eingeschworene Soldaten in der Hand, kleine Reiche gründeten, Fürsten und Päpste in Schach hielten und die ganze Politik zwangen, sich nach ihnen zu richten, oder wenigstens sich mit ihnen abzufinden. Wie im Altertum der Sklavenbesitzer um des eigenen Vorteils willen die Sklaven schonte, ausbildete und väterlich betreute, damit sie an Wert gewinnen und im Preise steigen sollten, sorgte der Führer für seine Söldner, bezahlte sie regelmäßig, verpflegte sie so gut und ordentlich wie möglich und liebte, nach einem vorteilhaften Vertragsabschluß oder einer gewonnenen Schlacht ein frohes Fest, eine kräftige, weinbegossene Unterhaltung zu richten. Je kostbarer das Menschenmaterial wurde, desto weniger blutig verliefen die Treffen. Eine kunstvolle Taktik, die vor allem auf die Schonung der Soldaten gerichtet war, machte aus den Kämpfen schöne, beinahe malerisch angelegte Scheingefechte, bei denen der Dichter neben dem Feldherrn hielt, ähnlich wie der Spezialkorrespondent einer Zeitung heute ein glänzendes Manöver verfolgt.

Es war eine Zeit, in der nur der Stärkste alles bei den Frauen vermochte. Die Rolle siegreicher Condottieri in der Herzensgeschichte ihres Jahrhunderts ist deshalb so groß, weil die Frau instinktiv nach demjenigen verlangt, in dessen Schutz sie am sichersten und am geehrtesten ist. Als Cesare Borgia in der Arena einen Stier bei den Hörnern packte und niederzwang, schlugen ihm alle Herzen der römischen Damen entgegen, die schweigend und mit angehaltenem Atem dem neuen verlockenden Schauspiel am päpstlichen Hof beiwohnten. Cesare Borgia, der glänzendste Condottiere, lebte wie ein weltlicher Fürst in Rom, hatte einen prächtigen Hofhalt und liebte nicht nur den Verkehr mit schönen verführerischen Frauen, sondern zog allen Unterhaltungen das Gespräch mit bedeutenden Männern vor. Gian Andrea Boccaccio, der Gesandte von Ferrara, berichtet über ihn:

„Er besitzt großen überlegenen Geist und ausgezeichneten Charakter; sein Benehmen ist das des Sohnes eines großen Herrn. Er ist heiter, sehr bescheiden und voller Fröhlichkeit, ganz und gar Festlichkeit.“

Als Cesare nach dem Tode seines älteren Bruders die geistliche Würde ablegte, um als weltlicher Herzog die Macht der Borgia zu vergrößern und zu befestigen, ging ein Zug wilder Freude durch Italien und das benachbarte Südfrankreich, wo der berühmte, gefürchtete Spanier sich zeigte. Bei einem Besuch, den er dem König von Frankreich machte, tanzten Morisken mit Schellen zu Ehren des Gastes bei einem froßen Bankett, dessen Speisenfülle ein Abt aufzeichnete.

2 Pfauen, 10 Fasanen, 28 Kapaune waren darunter neben einer Ungeheuern Menge anderer Fleischarten und süßer Sachen. Uber den Einzug in die königliche Residenz spottetenaber die eleganten Franzosen, denen die übertriebene, aufdringliche Pracht Cesares für einen „petit duc de Valentinois“ lächerlich vorkam.

Als Bannerträger des Heiligen Stuhls führte Cesare verhältnismäßig große Eroberungen aus, besiegte die anderen bedeutenden Condottieri, die Sforza.und Aragon und zog wie ein antiker Triumphator in Rom ein. Üppiges Karnevalstreiben entschädigte für die Strapazen der Feldzüge. Mag es auch in den Sälen der Renaissance nicht immer wie bei den Symposien Platons zugegangen sein, so trieb man doch um der persönlichen Vollendung willen und zum Schmuck geselliger Stunden Wissenschaften und Kunstbetrachtung mit der gleichen sorgfältigen Liebe, mit der die Kriegskunst, das Waidwerk, die Reiterei den Granseigneur zu beschäftigen pflegten. Gesellige Disputationen, bei denen der Hausherr und die Frauen meistens nur lauschten, manchmal aber auch eingriffen, erfüllten die Zeit. Diese Konversation der Renaissance, die an den Höfen aller Condottieri herrschte, zog mit ihnen nach Frankreich, wo man sie zwar schwerfällig und langweilig fand, dann aber klug verwendete und ausbildete zu der höchsten geselligen Kunst eleganten Plauderns. In dem Kreis Cesares und seiner Schwester Lucrezia galt es noch für den feinsten Genuß müßiger Stunden, zu hören, wie ein Gespräch schön und geistreich durchgeführt wurde, wie man die Ansichten antiker Autoren heranzog und das Thema in wohllautender Wechselrede allseitig beleuchtete, um schließlich mit einem Lob des anwesenden Helden oder der von ihm verehrten Frauen zu schließen. In den „Asolani“, die Kardinal Bembo dem Borgia widmete, ist ein Niederschlag solcher Geselligkeit enthalten. Der Mann war als Tänzer, als Reiter und Stierkämpfer ebenso bewundert, wie er als Gegner in der Schlacht gefürchtet wurde. Aber wenn die wilde Natur sich in ihm aufbäumte, setzte er Sitte, Volksmeinung, Achtung vor dem Papst beiseite und erfreute sich an Orgien, wie jenem berüchtigten Bankett im Vatikan, an dem fünfzig römische Dirnen teilnahmen. Eine der lustigsten Nächte in jenem ernsten Palast hielt Edelleute, schöne Weiber und heitere Künstler bei Spiel, Tanz und Wein bis zum Morgen zusammen.

Während die Feldherren den Wert eines waffenfähigen Arms wohl zu schätzen wußten, war unter den Vornehmen keiner seines Lebens sicher, erweckte er den Neid oder die Feindschaft eines Condottiere. Charakteristisch ist die Antwort eines Holzhändlers, der den Mord des älteren Borgia gesehen hatte, als man ihn fragte, warum er den geheimnisvollen Vorfall nicht anzeige:

„Ich habe da, wo man den Kehricht in den Fluß wirft, wohl hundert Leichname in das Wasser werfen sehen, ohne daß je einer sich darum gekümmert hätte.“

So wie die Borgia verfuhren die Malatesta, die Visconti, die Sforza, die das Herzogtum Mailand gründeten und sich lange erhielten. Francesco Sforza, der erste Herzog von Mailand, war ein Freund der Medici und ein grimmer Feind der venezianischen Republik. Sein Hof gab verschwenderische Feste und seine Soldaten durften im Lager wilde, laute Zeche halten; er selbst blieb nüchtern und mäßig, er aß „zierlich wie ein junges, feingebildetes Mädchen“, aber liebte es nicht, allein bei Tisch zu bleiben. Wenn er auch mit klassischer Bildung prunkte, so hielt er es doch mit seiner streng denkenden, im Sattel wie in den Klassikern gleich festen Gemahlin und betonte stets:

„Wir vergessen nicht, daß wir Fürsten und keine Literaten erziehen wollen“,

sobald der Ton seines Hauses allzu humanistisch wurde.

Auch in Malpaga, dem Lieblingssitz des großen Colleoni, waren Dichter und Künstler willkommene Gäste, wenn Venedigs Feldherr, Sforzas mächtigster Gegner, der Ruhe pflegte. Nach Sforzas Tode begab sich mancher Dichter, darunter auch Cornazzano, den man den neuen Petrarca nannte, auf den Landsitz des allgemein als freigebig bekannten Condottiere. Der alte Soldat fand Gefallen an gelehrten Disputationen und freute sich innig, wenn es ihm gelang, die Redner aufeinander zu hetzen.

„Am meisten freute es ihn, die Philosophen und Astrologen mit Tiefsinn und Dunkelheit über ihre tiefen und dunklen Themata sprechen zu hören.“

Unter seiner Leitung disputierte man über alle Fragen der Welt und des Lebens. Als König Christian von Dänemark aus Rom heimkehrte, wollte er Italien nicht verlassen, ohne seinen berühmtesten Kriegshelden gesehen zu haben. Colleoni nahm ihn mit aller „Grandezza“ seines Landes auf und gab dem hohen Gast Turniere, Hetzjagden und Banketts. Der König war nicht wenig verwundert, „in abgelegenem Gebiet solche Pracht, solchen Glanz, solche Menge der erlesensten Dinge“ zu finden.

Die meisten Condottieri, die zu Reichtum und Ruhm gelangten, förderten nicht nur Dichter, Maler, Architekten und Bildhauer, sondern beschäftigten auch unaufhörlich die Meister des Kunsthandwerks, um Schmuck, kostbare Waffen und Tischgeräte zu fertigen. An ihren Höfen war das Leben nicht nur reich, sondern auch künstlerisch ausgestaltet, und wie ihnen daran lag, eine Schlacht schön zu gewinnen, wollten sie auch ihre Muße herrlich ausgestalten, mit allem geschmückt, was die Zeit zu bieten vermochte. Und die Zeit bot als ihr Köstlichstes die schöne Form, das volltönende Wort und den auferstehenden Zauber vergangener Größe.

Text aus dem Buch: Männer, Völker und Zeiten, eine Weltgeschichte in einem Bande, Verfasser: Wirth, Albrecht.

Siehe auch:
Männer, Völker und Zeiten – Anfänge
Der alte Orient und Griechenland
Arier und Chinesen
Juden und Phönizier
Feudalherrschaften in China, Indien, Vorderasien und Hellas
Homer
Assyrer und Perser
Religionsstifter und Philosophen
Perserkriege
Peloponnesischer Krieg
Anfänge Roms
Politischer Niedergang Athens
Alexander der Große
China und Rom
Punische Kriege
Der Staatsbegriff im Altertum
Kelten und Romanen
Hellenismus
Wuti und Cäsar
Römischer Imperialismus
Germanen
Christentum
Die Cäsaren und die späteren Han
Römische Spätzeit – Anfänge Japans
Völkerwanderung – Weltstellung des Christentums
Die Reiche der Völkerwanderung
Der Islam
Karl der Große
Anfänge der modernen Völker
Papsttum und Kaisertum – Aufstieg des Papstes
Die Kreuzzüge
Westöstliche Kulturvermittlung
Der Kampf der Weltreligionen
Der Staatsbegriff im Mittelalter
Mongolensturm
Aufschwung der Seestädte
Die Geburt heutiger Volkstümer und Sprachen
Die Zünfte