Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich

Hätte die Hansa Amerika entdeckt, erforscht und erschlossen, die Weltentwicklung wäre unter deutscher Führung in ganz andere, der Menschheit viel segensreichere Bahnen gelenkt worden … sie wäre fortschrittlicher als die durch die Lateiner gewesen und hätte sicherlich keinen Seeraub und Sklavenhandel betrieben, wie die “frommen” Engländer, die im Zeichen der Bibel die Völker unterdrückten und ausraubten … auch das hat nicht sollen sein . . .

Die deutsche Zukunft liegt im deutschen Geiste; nicht durch die äusserste Ausbeutung der menschlichen körperlichen Arbeitskraft, sondern durch angestrengte Geistesarbeit wird Deutschland sich den ihm gebührenden Platz an der Sonne sichern . . . warum braucht es ein Indien, wenn es den Indigo billiger und besser künstlich herstellen kann als die Natur es vermag? Das war es ja gerade vor dem Weltkrieg, das instinktiv die Furcht der Völker erregte: dass Deutschland die Chemie zur Alchemie machte; dass es in den Retorten seiner Laboratorien Goldwerte erzeugte; und dass es die theoretische Wissenschaft mit der praktischen Produktion verschmolzen hatte …

Mag man auch der Kraft des deutschen Adlers die Flügel stutzen und die Fänge stumpfen; dem Schwung des deutschen Genius kann man aber nicht dauernd Fesseln anlegen . . . die Zeit wird kommen, da deutscher Geist Himmel und Erde, Luft und Wasser beherrschen wird — zum Segen der Welt…
Dem Deutschen Volke gehört die Zukunft!

„Wir Deutsche meinen Wunder, was für einen Vorteil wir davon haben, wenn deutsche Sitte, Sprache und Bildung in die Vereinigten Staaten Nordamerikas versetzt sei. Wir träumen von dem vortrefflichen Alliierten, den wir uns jenseits des Weltmeeres nach und nach bilden, während wir doch im Grunde nichts thun als uns einen gefährlichen Nebenbuhler erziehen. Zur Zeit fühlen wir das noch nicht; es wird wohl auch noch eine oder zwei Generationen dauern, bis wir es fühlen. Dann aber, wenn es zu spät sein wird, Mittel dagegen zu finden, dann werden wir erfahren, dass eine Nation nicht ungestraft Menschen und Kapital verschenken kann. So wird denn die Zeit kommen, da der Enkel des deutschen Bauern unser Deutschland mit den Produkten nordamerikanischer Industrie überschwemmt und durch diese Konkurrenz nicht bloss unsere Industrie, sondern auch die deutsche Landwirtschaft an der Wurzel angreift.“

Augsburger Allgemeine Zeitung: Wissenschaftliche Beilage vom 21. Februar 1844.

Nachstehende Festrede, wurde gehalten am 27. Januar 1908 in der „Germania“ in Chicago. Oberst Halle präsidierte; Generalkonsul Wever, der unermüdliche Vorkämpfer für deutsche Geisteskultur in Amerika, brachte den Trinkspruch auf Präsident Roosevelt aus; der Präsident der Universität Chicago, Judson, brachte das Hoch auf den Kaiser aus und nach dem Bankett hielt ich die folgende Rede.

Deutsche Landsleute! Vom stillen ehrwürdigen Boston haben Sie mich heute in Ihr junges kraftstrotzendes Chicago gerufen, von dem alten Stammsitz des reinsten Angelsachsentums zu dem gewaltigen Tummelplatz aller Völker. Und mit frohem Herzen bin ich Ihrem Rufe gefolgt, denn in dieser Feierstunde des Deutschtums empfinde ich lebhaft, wie der große Strom der deutschen Einwanderung das puritanische Boston fast unberührt ließ, Chicago aber für Hunderttausende von Deutschen eine neue Heimat geworden ist. Hier wahrlich ist der rechte Platz, deutsche Ehrentage zu feiern, und freudig danke ich es Ihnen, daß ich mich zu Ihrer deutschen Festschar heute gesellen kann und wieder einmal in der geliebten deutschen Sprache zu Deutschen reden darf.

Freilich, wenn ich mich umschaue in dieser stolzen „Germania„-Halle mit ihren Flaggen und ihren Bildern aus Deutschlands größten Tagen, vor allem, wenn ich die Begeisterung sehe, die aus Ihren Augen leuchtet, dann scheint es mir, als wenn es hier nicht erst der Rede bedarf. Ein starkes lebendiges einheitliches Gefühl hat Sie heute zusammengeführt; in größerer Schar als je sind Sie herbeigeeilt, um Ihre Treue zum Deutschtum aufs neue zu bekunden; schon haben Sie jubelnd eingestimmt, als die deutsche Hymne Sie grüßte. Was bedarf es da noch der Rede, was bedarf es anderer Worte als des einen herrlichen Festrufs, nach dem unsere Seele heute stürmisch verlangt, des Festrufs: es lebe der Kaiser!

Und doch, wir würden keine rechten Deutschen sein, wenn wir wirklich uns heute nur dem überströmenden Gefühl überließen und gedankenlos gar nicht darauf achten wollten, daß wir da doch eigentlich vor einer seltsamen weltgeschichtlichen Frage stehn. Fast alle, die sich heute zur Kaiserfeier hier zusammengefunden, sind amerikanische Bürger und somit politische Republikaner. Wir paar, die wir auch in der Neuen Welt deutsche Staatsbürger bleiben, verschwinden in der gewaltigen Überzahl.

Und nicht nur Zufallsrepublikaner wollen Sie sein, unbekümmert um die politische Gestaltung des neuen Vaterlandes, das Sie selbst oder Ihre Eltern erwählten. Nein, mit reinster und tiefster Begeisterung glauben Sie an die demokratische Republik der Vereinigten Staaten. Ihr lauter Beifall sagt es aufs neue: das stolze republikanische Bewußtsein ist es, das Sinn und Kraft Ihrer täglichen Arbeit gibt. Und trotzdem will Ihr Republikanergeist den mächtigen Monarchen feiern: wäre es unser würdig, über solchen Gegensatz stillschweigend hinwegzusehen? Würde es nicht scheinen, als wenn nur Unklarheit und Verschwommenheit solche Gegensätze vereinen kann? Oft genug hören wir es ja in allen Gassen, daß der Geist der Republik ein flammender Protest gegen die veraltete Monarchie sei. Ist es wahr, daß Sie sich selber untreu werden, wenn Sie der republikanischen Staatsform die Treue geschworen und doch mit Hochgefühl zur deutschen Kaiserkrone blicken? Wahrlich, wir werden der Weihe dieser Stunde nicht gerecht, wenn wir nicht furchtlos und klar diesem Widerspruch ins Auge schauen.

Und wenn sich so ernste Fragen für uns in den Vordergrund schieben, so bleiben wir ja nur der deutschen Art getreu. Hier im Lande feiert schon der Schuljunge das Nationalfest mit knallendem Feuerwerk und lautem Jubel. Der Deutsche empfindet anders. Als sich kürzlich von New York aus eine Vereinigung über das ganze Land hin bildete, dem wüsten Lärm am 4. Juli entgegenzuarbeiten, wurde ich gebeten, kurz darzulegen, wie die deutsche Jugend patriotische Tage feiert. Unser Feiertag, antwortete ich, ist Kaisers Geburtstag und aus frohen Jugendjahren blieb mir die alljährliche Feier in meiner Heimatstadt in dankbarer Erinnerung. In Feiertagsstimmung zogen wir zur geschmückten Schule; Lieder erklangen und in schlichter Weise führte die Rede des Lehrers uns zur Vergangenheit. Kein lautes Brüsten und kein hohles Prahlen: in weitausblickender historischer Rede wurde uns die Bedeutung des Tages vor die Seele geführt, und die Eindrücke solcher Stunden hafteten fürs ganze Leben. Ja, so soll es bleiben: wo Deutsche zusammenweilen, um nationale Ehrentage zu feiern, da gilt es, in ernstem Worte den Geist der Stunde festzuhalten, den Zusammenhang mit der Vergangenheit zu sichern und vor allem klarzustellen, mit welchem Rechte die Feierstunde unser Herz und unsere Seele fordert.

Mit welchem Recht, so steht die Frage heute vor uns, können wir des Kaisers Geburtstag hier inmitten eines Volkes feiern, das in jeder Faser seines Wesens republikanisch ist? Die Republik, in der wir leben, ist längst nicht mehr ein Experiment. Daß unser öffentliches Leben nicht frei von Schäden und Gefahren ist, weiß jedermann; aber kein Nörgler und kein Schwarzseher kann den Geist des Landes so völlig mißverstehn, daß er die Heilung der Schäden von einer Zerstörung der republikanischen Staatsform erhoffen möchte. Im Gegenteil, wer Amerika versteht, weiß es wohl, daß die Schäden seiner Demokratie gerade dort liegen, wo der demokratische Geist nicht energisch und nicht konsequent genug durchgeführt wird; nicht durch weniger, sondern durch mehr Demokratie müssen sie beseitigt werden. Die politische Republik war niemals zuvor so fest gegründet, niemals zuvor so einstimmig anerkannt. Eine soziale Aristokratie mag sich herausbilden, eine politische Aristokratie ist eine Unmöglichkeit in Amerika; und jeder von uns fühlt es tief: die Monarchie gar wäre das Ende Amerikas.

Gedankenlosigkeit und Übereifer hastet nun von hier aus weiter: der Amerikaner glaubt an die Republik — er ist sich deshalb nur dann treu, wenn er überall auf Erden den Glauben an die Monarchie bekämpft und vernichtet. Der Amerikaner ist ein Priester der Demokratie — er soll seinen Glauben zu den politischen Heiden tragen. Wer Republikaner ist, muß in jedem Monarchisten seinen politischen Gegner sehn; wer die Freiheit kennt, muß die Knechtschaft überall verachten. Und mag der Amerikaner das deutsche Volk schätzen und würdigen, die deutsche Staatsform muß er mit flammender Überzeugung bekämpfen. Wollen das gar rechte Amerikaner sein, die des Kaisers Geburtstag feiern? Zwischen dem republikanischen Amerika und dem monarchischen Deutschland klafft eine unüberbrückbare Kluft. Wie oft haben wir alle so die Torheit poltern hören — wie oft hat der Unverstand so auf uns eingescholten. Und doch, solches Gerede hat uns Deutsche nur selten irregeführt. Nicht nur unser eignes Gemüt widersprach, sondern wir sahen wohl auch bald, daß gerade die besten und reifsten Amerikaner die Engherzigkeit, ja den Widersinn solcher Geschichtsauffassung durchschauten.

Der Tieferblickende weiß in der Tat, daß es keinen Sinn hat, nach der besten Staatsform im allgemeinen zu fragen. Republik und Monarchie sind nicht logische, sondern historische Probleme. Es wäre sinnlos, zu streiten, ob Dichtkunst oder Malerei die bessere oder höhere Kunst wäre; die göttliche Komödie kann nicht gemalt, die sixtinische Madonna kann nicht gedichtet werden; ein jedes will seine eigene Form des Ausdrucks. Daß sicherlich Amerikanertum nur in der republikanischen Form sich ausleben darf, bedeutet nicht den geringsten Gegensatz gegen das Deutschtum, das die monarchische Form verlangt. Ja, wer vorurteilslos prüft, der wird finden, daß dieser äußerliche Unterschied zwischen Amerika und Deutschland nicht nur keinen Gegensatz darstellt, sondern vielmehr aus einer tiefen Wesensähnlichkeit beider Nationen hervorgeht.

Daß Deutschland und die Vereinigten Staaten viel Ähnliches und Verwandtes zeigen, wird ja meist anerkannt, aber die gemeinschaftlichen Züge werden zu oft auf der Oberfläche gesucht. Bald wird betont, daß beide einen Staatenbund darstellen mit künstlichem Gleichgewicht der bundesstaatlichen und der einzelstaatlichen Mächte. Bald wird der Schwerpunkt auf die glänzende wirtschaftliche Entwicklung gelegt; wie beide in wenigen Jahrzehnten ein unerhörtes Wachstum der wirtschaftlichen Kräfte erfahren, wie ihre Städte im Wettlauf vorangestürmt, wie die Industrie rastlos den Weltmarkt erobert. Wesentlicher aber dünkt mir ein andres: Wenn Deutschland und die Vereinigten Staaten einander gut verstehen können, so beruht es nicht auf der Ähnlichkeit äußeren Erlebens, sondern auf tiefer Seelen Verwandtschaft: gemeinsam ist beiden ein sittlicher Idealismus, der so einheitlich vielleicht nirgends wiederkehrt. Dort aber werden wir von sittlichem Idealismus sprechen, wo das Leben erfüllt ist von dem Verlangen, nicht zu genießen, sondern Aufgaben zu erfüllen, wo die Seele des Volkes nicht den Zufallszielen des Nutzens nachjagt, sondern nur das eine Ziel sucht, sich selber treu zu sein.

Das allein war der tiefste Sinn jenes Puritanertums, das an den Gestaden von Neu-England seine Zuflucht fand und dort zum Amerikanertum erstarkte. Gewiß ist Neu-England heute nur ein kleiner Teil des gewaltigen Staatenbundes, aber die Millionen und Millionen, die später in die Neue Welt geströmt, fanden jenen puritanischen Kolonistengeist als das Gegebene vor, dem sie sich unbewußt angepaßt. Der sittliche Idealismus hat diesem Weltreich Sinn und Kraft und Einheit gegeben; nur von hier aus ist Amerika mit all seinen Grundwesenszügen wirklich zu verstehn. Gerade das aber ist auch der tiefste Sinn des Deutschtums. So hat vor heute hundert Jahren der deutscheste Denker, Fichte, die deutsche Seele verstanden. Sich selber treu sein wollen, das ganze Leben der Nation mit der eigensten Aufgabe erfüllen, das ist das sittliche Wollen, in dem Deutschtum und Amerikanertum sich in tiefster Wesensverwandtschaft begegnen, und solange diese grundsätzliche Übereinstimmung bestehen bleibt, kann von einem inneren Gegensatz beider Völker keine Rede‘ sein.

Aber gerade aus dieser inneren Einmütigkeit erwächst äußerliche Verschiedenheit. Die Entwickelung und die Schicksale beider Völker waren zunächst so gänzlich ungleich und ungleiche Aufgaben standen vor ihnen. Gerade weil sie erfüllt waren von dem gemeinsamen Verlangen, das ganze Volkstum mit der eigensten Aufgabe zu durchdringen, gerade deshalb mußte die Verschiedenheit der Aufgabe zu völliger Verschiedenheit der staatlichen Formen führen. Amerika wuchs aus freien Gruppen, zusammengeführt durch das Verlangen nach Gewissensfreiheit und persönlicher Unabhängigkeit; aus allen Völkern der alten Welt lösten sich die Selbständigsten los, um auf neuem Boden sich auszuleben. Ihr Volkstum wurde so zusammengehalten durch die Begeisterung für ein ideales Gemeinwesen, in dem jeglicher in Freiheit den höchsten Grad seiner persönlichen Leistung erreichen könnte. Es galt ein Neues zu schaffen, das die reichste Entfaltung der Persönlichkeit ermöglichen sollte.

Das deutsche Volk dagegen, seit es seiner selbst bewußt ward, hatte ein Erbe zu pflegen. Das Gemeinsame lag in der wundervollen Eigenart des deutschen Geistes, wie er sich durch die Jahrtausende zur Geltung gebracht. Die deutsche Art sprach aus Familienleben und Gemeindesinn, aus Recht und Wirtschaft, aus Musik und Dichtung, aus Wissen und Kunst, aus Krieg und Spiel, aus Religion und Weltanschauung. Es war ein eigner köstlicher Ton — ihn fortklingen zu lassen in Reinheit und Fülle, das war die Verpflichtung für die deutsche Seele.

Das Bindende des amerikanischen Volkstums ist so das gemeinsame Zukunftsideal, das eigentlich Bindende des deutschen Volkstums die gemeinsame Vergangenheit. Zielpunkt für den Amerikaner ist die vollste Entfaltung der Persönlichkeit; die Nation als Ganzes ist um der einzelnen willen da. Zielpunkt für den Deutschen ist die Erhaltung des Volkes als eines Ganzen; die einzelnen haben sich der Ganzheit unterzuordnen. Und damit ist alles weitere gegeben. Ist die Nation da um der Persönlichkeiten willen, so ist die wichtigste Tugend die Gerechtigkeit; ist aber der einzelne um der Nation willen da, so ist die höchste Tugend die Treue. Millionen eilten der Neuen Welt zu und lebten sich dort ein in diesen Glauben an den Selbstwert der Persönlichkeit; Millionen verließen die deutsche Heimat und trugen den Glauben an den Selbstwert des Volkes in treuem Gemüt weithin über alle Teile der Erde.

Aus dieser Verschiedenheit ergibt es sich aber denn auch von selbst, daß jedes der beiden Völker sein Oberhaupt in besonderer Weise finden muß. Liegt der Sinn der Nation in den einzelnen, so muß die Spitze des Staates durch Wahl gewonnen werden; die republikanische Form ist dann in der Volksaufgabe selbst notwendig gegeben: der Präsident schöpft seine ganze Kraft aus den Millionen Einzelpersönlichkeiten. Liegt aber der Sinn der Nation in der überkommenen Gesamtheit, so muß das Oberhaupt durch die historische Tradition bestimmt sein, hoch über allem Streit und Willenszwiespalt der einzelnen; die monarchische Form ist dann der einzig mögliche Ausdruck der nationalen Aufgabe: der Kaiser schöpft seine beste Kraft aus der Unabhängigkeit vom Willen der einzelnen.

Die Kaiserkrone wird gerade durch diese Kampfentrücktheit zum Symbol des einheitlichen Ganzen, und jeder einzelne gewinnt seine Bedeutung dann erst selbst aus seiner besonderen Beziehung zu dem überragenden Symbol. Die Aristokratie, das Beamtentum, das Titel- und Ordenwesen, die staatliche Bedingtheit aller Berufstätigkeit, wird da nur Ausdruck dieser vielfältigen Abhängigkeit. Zu behaupten, daß die Republik Amerikas besser sei als die Monarchie Deutschlands oder umgekehrt, ist dann gerade so töricht, als wollten wir streiten, ob die Flossen der Fische besser sind als die Fittiche der Vögel; notwendig sind beide für die gesamte unabänderliche Lebensart. Wer in der Begeisterung für Präsident Roosevelt vorschlagen wollte, die Verfassung zu ändern und das unvergleichlich verehrte Oberhaupt als König zu krönen, der wäre ein Verräter an der Seele des Volkes; der Lebensnerv der Nation wäre schon vernichtet, wenn solch ein Wahn auch nur beraten würde. Und wenn eine törichte unhistorisch denkende Aufklärerei das Deutsche Reich unterjochen könnte und es durchsetzen würde, unseren Deutschen Kaiser einstimmig zum lebenslänglichen Präsidenten zu erwählen, so wäre scheinbar seine Macht und seine Bedeutung nicht eingeschränkt. In Wahrheit aber wäre alles zerfallen und zerkrümelt: was Symbol der Gesamtheit war, wäre zur Willenstat der einzelnen geworden, und der Sinn des Deutschtums wäre aufgehoben.

Der Deutsch-Amerikaner, der als amerikanischer Bürger begeisterter Republikaner ist und sein soll, muß somit, wenn er das Deutschtum lieb behalten hat, mit ganzer Seele an den heiligen Wert der deutschen Kaiserkrone glauben. In diesem Doppelgefühl einen inneren Widerspruch suchen, heißt nur historisch unreif denken. Wem in der Neuen Welt die Erinnerung an die deutsche Heimat nicht völlig erstorben ist, ja, wer an die Weltaufgaben der beiden herrlichen Nationen glaubt, der muß aus tiefstem Herzen wünschen, daß für alle Zeit der Führer Amerikas von den Stimmzetteln auch der Geringsten mitgewählt wird und der Führer Deutschlands vom Wollen auch der Höchsten unabhängig den Thron besteigt. Und wenn der Ehrentag gekommen ist, an dem die deutsche Nation sich dieses allem Streit enthobenen Kaisersymbols am lebhaftesten bewußt wird, wenn Kaisers Geburtstag da ist, dann sollte kein Deutscher zwischen dem Atlantischen und Stillen Ozean sich durch gedankenlose Republikanerskrupel verwirren lassen. Das deutsche Kaisertum in seinem unvergänglichen Werte zu würdigen und zu verehren bedeutet geradezu jene politische Reife bekunden, welche Amerika von jedem seiner Bürger fordern sollte. Ja, mit Gewissensruhe und Stolz dürfen wir alle hier im Herzen der kraftvollsten Demokratie einstimmen in die Segenswünsche für den angestammten deutschen Kaiser und König.

Aber wir alle, die wir Deutschland lieben, empfinden doch noch ein reicheres Gefühl: zu dem Stolz auf das mächtige Kaisertum gesellt sich die jubelnde Freude über die einzige Kaisergestalt. Der Kaiser, sagten wir, steht grundsätzlich über dem Streit der Absichten und daher bleibt er jenseits von kritischem Lob und Tadel. Um so lebhafter aber muß es als Glück empfunden werden, wenn die Weltgeschichte zum Träger des Reichssymbols einen Geist erkürt von so seltener Kraft und so überragendem Können. Und doch müssen wir wieder sagen: das beste ist nicht, daß er solch erlesene Gaben vereinigt, sondern daß er in allem seinem Wollen und Können so echt den Sinn des deutschen Volkstums in sich darstellt. Das allein erhebt die Persönlichkeit eines Monarchen, daß er die Kräfte, die in seinem Fürstenamt symbolisiert sind, durch sein eigenstes Wollen lebendig werden läßt. Wir feiern den Deutschen Kaiser nicht nur als den Zufallsträger der Krone und nicht nur als die machtvolle geschichtliche Erscheinung, sondern vor allem als die Persönlichkeit, in der das herrliche Erbteil des deutschen Genius sich so vollgültig zum Ausdruck bringt. Erst durch solche Erfüllung wird der Sinn der Kaiserwürde wahrhaft überzeugend.

Aber es wäre unserer Feier nicht würdig, wenn wir uns der Begeisterung hingeben wollten, ohne zu prüfen, ob nicht auch Zweifel und Befürchtungen sich in mancher Seele regen. Die ganze Bedeutung des Kaisertums lag uns darin, daß der gewordene gute Geist des Volkes durch den Herrscher versinnlicht wird: können wir uns darüber täuschen, daß vielfach gerade dort die Bedenken emporsteigen? Immer wieder hören wir und lesen wir, auch wo kaisertreue Gesinnung aufs festeste wurzelt, daß manche seiner Neigungen und Impulse den deutschen Traditionen widersprechen oder dem deutschen Wesen fremdartig sind.

Wie steht es damit in Wahrheit? Wer so wie wir alle in fremdem Lande hier die Dinge aus weiter Entfernung schaut, ist in der günstigen Lage, ein unparteiisches Urteil zu entwickeln. Wer selbst mitten im Gewühle der täglichen Bewegung steht, verliert leicht den Maßstab; wer aber aus der Ferne hinüberblickt, der kann unbeirrt den Blick auf das Ganze richten. Wie steht es mit dem vermeintlichen Widerspruch des Kaisers gegen das Wollen des Volkes? Lassen Sie uns diesem und jenem Einwand ins Auge schauen.

Vielleicht am lautesten heißt es immer wieder, daß der Kaiser in neue, dem Deutschen fremde Bahnen eingelenkt ist, als er die Flotte baute und den Blick der Nation hinauslenkte auf das weite Meer. Hatten die Deutschen nicht seit langen Jahren zufrieden auf ihrer Scholle gewirtschaftet, die Landesgrenzen gegen den Feind geschirmt und sich von allen überseeischen Abenteuern vorsichtig ferngehalten? Soll nun die deutsche Kraft in uferlosen Plänen und undeutschen Wagnissen vergeudet werden? Soll Deutschland im Weltmachtkoller seine Flotte aussenden, derweil sein ererbter Ruhm, das Land der Denker und Dichter zu sein, langsam zerkrümelt und zerfällt? Die Gegenrede drängt sich freilich jedem auf, der den Wirtschaftsweg der Nation verfolgte. Die Bevölkerung wuchs zu schnell, um sich auf dem kargen Boden weiterhin durch Landwirtschaft zu ernähren. Deutschlands Menschenzunahme verlangte den Übergang zum Industriestaat, und dies bedeutet den Austausch mit den Ländern der Erde.

Muß aber so das Land, um seine Leute zu ernähren, seine Waren über alle Meere senden, so muß die Nation bereit sein, ihren Handel zu schützen: die starke Kriegsflotte ergibt sich so notwendig aus dem neuen Werden und Wachsen. Und doch, alles das ist nur die halbe Wahrheit; es ist die schüchterne und fast verlegene Erklärung im Munde derer, die den Wandel der Nation entschuldigen wollen. Die volle Wahrheit ist vielmehr, daß es da nichts zu entschuldigen gibt, weil überhaupt im letzten Grunde kein Wandel eingetreten. Nur muß der Blick nicht an dem Gestern haften. Wer nur der letzten Vergangenheit gedenkt, findet freilich nur Deutschlands Ohnmacht zur See. Wer aber das deutsche Ringen und Wagen durch alle Zeiten verfolgt, der ist gewiß, daß seit den frühesten Jahrhunderten deutscher Geschichte der Kampf der Schiffe immer wieder einsetzt, die Macht auf dem Meere immer wieder lockt, das deutsche Volk in seinem Sehnen stets den Wellen vertraute. Germanische Stämme haben zur Zeit der Völkerwanderung und früher schon kühne Seezüge siegreich durchgeführt, und Karl der Große sendet immer neue Flotten gegen die Feinde.

Mit dem dreizehnten Jahrhundert beginnt die mächtige Entwicklung der deutschen Hansa, jenes nordischen Städtebundes, der sein überseeisches Wirken kraftvoll zu schützen wußte. Wer so den Blick zurücklenkt, übersieht, wie es nur die Not der Zeit war, die das deutsche Streben später wieder eingeengt und seine Seemacht zertrümmerte. Die großen Tage deutscher Seefahrt wieder zu erneuern, Deutschland wieder zur kräftigen Flottenmacht zu führen, bedeutet so gerade das deutsche Erbteil wahren, dem deutschen Volke wahrhaft sein eigenstes erhalten und somit so recht den symbolischen Sinn des Kaisertums verwirklichen. Das Kaisertum soll den Willen des deutschen Volksgeistes verkörpern; und dieser Wille war nur durch Zwang, nicht durch eigne Wahl an die heimische Scholle gefesselt. Haben uns doch auch gerade dafür die heutigen Historiker der deutschen Seemacht die Augen geöffnet, daß Deutschland in den Zeiten der Flottenohnmacht auf dem Lande zwar viel stolze Siege errungen hat, aber nur zu oft die letzten Erfolge seiner Siege den andern zufielen, weil immer in der Weltgeschichte nur der die Früchte erntete, der letzthin die Seemacht besaß.

Aber der Volksgeist hat nicht nur den Willen zur Macht; Empfinden und Denken, Fühlen und Sehnen ist mit dem Wollen verknüpft: das Kaisertum soll auch des ganzen Volkes Geist und Herz und Gewissen zum Ausdruck bringen. Auch da wird gerade in der Neuen Welt so oft die Scheltrede laut: der Kaiser sei rückständig; er sträube sich gegen die neuen Wege, welche der Genius des Volkes in Kunst und Wissenschaft beschreiten wollte. Ein neuer verheißender Idealismus beginne sich in der Weltanschauung und den Künsten zu regen; der Kaiser aber wolle von dem Fortschritt nichts wissen: er stehe auf dem Standpunkt des gerade Überwundenen. Aber auch da ist es die Oberflächlichkeit, die so Tadel sucht; dieselben, die da klagen, wenn der Fürst in der Weltpolitik zu neuen Bahnen drängt, zetern, daß er in der Kunst in den alten Bahnen bleibe. Wir freilich erkannten, daß jene Politik, welche die Zukunft auf dem Wasser sucht, sehr wohl die Erbschaft deutschen Geistes festhält und gerade dadurch die hehre Aufgabe des Kaisertums erfüllt. Und so müssen wir es willkommen heißen, daß auch in den Reichen des Geistes der Kaiser für das Gewordene und Gesicherte einsteht und auf den Drang zu Neuem und Unerprobtem oft hemmend eingreift. Die kaiserlichen Zelte dürfen nicht da aufgeschlagen werden, wo die Vorpostengefechte zu erkämpfen sind.

Die Vorwärtsbewegung in Wissenschaft und Kunst muß jederzeit von den einzelnen ausgehen; Genies müssen die Richtung zeigen, Talente müssen den Marsch leiten, die Besten und Begabtesten müssen mithelfen, aber solange es noch Bewegung ist, muß es die Tat der einzelnen bleiben. Erst wenn das neue Gebiet erschlossen und gewonnen ist, kann das Volk als ein Ganzes nachrücken und Besitz ergreifen. Wollte der Kaiser da selbst den Weg zu neuen Zielen suchen oder mit den Verwegensten auf neuen kühnen Bahnen vordrängen, so würde er dadurch selbst nur solch einzelner werden, der bald im Recht, bald im Unrecht sein mag, der dann auch vielleicht ein tüchtiger Gelehrter oder Künstler sein mag, aber ein echter Kaiser wäre er nicht; denn der Kaiser ist in diesem Sinne nicht ein einzelner, ist nicht Vertreter seiner persönlichen Neigungen, sondern Vertreter des einheitlichen geschichtlichen Volkstums. In seinem Geschmack und Urteil soll sich die ganze Geschichte des Volks verwirklichen, und so muß wahrer Kaisergeist notwendig hemmend wirken auf die unerprobten Neuerungen, muß sich zunächst gegenstemmen, wenn Unerhörtes das Gewohnte beiseite drängen will, auch wenn das Neue sich mit frischer Siegeskraft hervorwagt. Kaiser sein heißt Schützer sein für das Errungene; das Alte preisgeben, um ein noch Ungewisses wagend zu gewinnen, ist oft viel lockender und leichter, und jeder darf es, nur ein Kaiser nicht, der auch im Reich des Geistes über dem Streit der einzelnen steht, um ein Symbol der nationalen Ganzheit zu bleiben.

Haben wir nicht alle ein eindringliches Beispiel hier in Ihrer Nachbarstadt St. Louis erlebt, als wir zur Weltausstellung: pilgerten? Deutsche Baumeister hatten ein prächtiges Haus geplant, das Deutschlands neue Kunst durch ein kühngedachtes Bauwerk vertreten sollte. Der Kaiser versagte die Zustimmung. Er fühlte wohl, daß solch neuersonnenes Werk doch nur die Arbeit eines einzelnen Vorkämpfers sei; es galt vielmehr, dort Deutschlands historisches Erbe zu betonen. Jedermann mäkelte an dem kaiserlichen Verbot; es war als ein Schlag gegen die neue Kunst empfunden. Der Kaiser ließ den Mittelbau des Charlottenburger Schlosses nachbauen. Und wir alle, die es gesehen, werden es niemals vergessen, wie dort aus dem blanken elfenbeinfarbenen Palastgewirr auf leichtem Hügel einfach stolz das deutsche Haus wie ein altes ehrwürdiges Wahrzeichen emporstieg. Die ganze Größe und Majestät des deutschen Volkes war durch den kaiserlichen Willen aufs wunderbarste dort aufgebaut.

Am müßigsten aber ist der hämische Einwand, der sich gerade hier in der Ferne so häufig vernehmen läßt. Der Kaiser, so heißt es immer wieder, verkörpert gar nicht deutsche Art; er will stets Rampenlicht und Beifall, arbeitet auf die szenische Wirkung hin und drängt sich mit Rede und Tat in den Vordergrund; das sei vielleicht Franzosenart, der Deutsche aber sei schlicht und schweigsam und schaffe um der Sache willen. Viele der Ernstesten in der Neuen Welt sprechen so; und wenn ihr Tadel berechtigt wäre, so müßte jede Gegenrede in der Tat verstummen, denn das war uns ja der tiefste Sinn der Kaiserwürde, daß die deutsche Volksseele in dem Träger der Krone zu deutlichstem Ausdruck kommen soll. Der Vorwurf ist aber vollkommen unberechtigt, denn er schafft einen Gegensatz zwischen Kaiser und Volk nur dadurch, daß der wirkliche Kaiser von heute mit einem unwirklichen Volkstum verglichen wird, das seine Hauptzüge aus lange vergangenen Jahrzehnten entlieh. Das heutige deutsche Volk als Ganzes hat alle die Wesenheiten, die in der Gestalt des Kaisers schillern, und von einem Gegensatz kann keine Rede sein. Diesem und jenem, in dessen Phantasie das arme bedrückte in sich gekehrte Deutschland der Vergangenheit lebt, ist die neue Wandlung und der neue Prunk fremdartig und vielleicht unerfreulich: er liebte die stillen winkligen Gassen und findet nun die Herrschaft des Automobils, er verehrte die Dichter und Denker und sieht nun wie die neue Jugend die Herrlichkeiten der Industrie bestaunt. Wer hinüberpilgert, um in jeder Stadt ein vergrößertes Weimar zu finden und statt dessen erstaunt überall nur ein verkleinertes Chicago entdeckt, der wird nicht leicht den rechten Maßstab gewinnen. Ja, Deutschland hat sich unter dem neuen Reichtum durchaus umgestaltet; wer nicht dauernd dort lebt, sondern nur von Jahr zu Jahr die alte Heimat aufsucht, empfindet es deutlich. Viel unschöne Schlacke ist sicherlich dabei, aber die Wandlung selbst war notwendig. Und eines vor allem: mit der neuen Lebensgestaltung ist ein neuer Geist oder besser, eine neue Stimmung über die Bevölkerung gekommen. Auch das ist dem Außenstehenden vielleicht deutlicher als dem, der mitten inne steht.

Es ist schwer, diesem neuen Lebensgefühl einen einheitlichen Namen zu finden, und historische Vergleiche sind gewiß stets unzureichend, und doch klingt vielleicht das Wesentlichste an, wenn ich furchtlos sage: das deutsche Volk ist in Rokokostimmung. Rokoko! — wir denken an jene Zeit, in der in der Kunst der Rahmen sich belebte, sich gleichsam auflöste und die Lust an den sich selbständig aufspielenden Verzierungen die strengen widerstreitenden Forderungen der Struktur überwuchert. Was so vom Rokokorahmen des Bildes gilt, gilt von dem seelischen Rahmen des ganzen Lebens. Etwas Spielerisches und Dekoratives, etwas Frivoles und Kokettes, etwas naturwidrig Zierliches und Theatralisches ist wieder in der Daseinsstimmung. Tändelnde Schäferspiele und Grottenwerk sind nicht die äußeren Formen von heute; innerlich aber fehlen sie nicht. Die wunderbaren Samtwesten der Männer, die Zigaretten der Frauen, das leichte Spiel des Handkusses und das bunte Treiben im Kabaret, frivol und amüsant, es ist nicht die reine Lebenslust der Renaissance, es ist just Rokokostimmung. Der Personenkultus blüht und in seinem Gebiet das Strebertum und die Titelsucht; der Luxus feiert seine Feste und in seinem Gefolge die Mitgiftjagd.

Das Kunstgewerbe erreicht wieder seine Rokokohöhe mit schönen Gefäßen und Juwelen und Möbeln; malerische Lebensformen bringen immer neue Genüsse und Überraschungen. Schon bringt die Geschichte uns wieder ihre Memoirenwerke und die Wissenschaft ihre Handbücher und Sammelarbeiten wie dazumal. Das ist nicht Laune der einzelnen, das ist Lebensstimmung des jungen Deutschland; und wenn der Kaiser das Gefühl seines Volkes wahrhaft verwirklichen soll, dann darf er nicht die schlichte Einfachheit seines Großvaters nachahmen wollen, sondern muß nach Kiel und nach Korfu ziehen und in rauschenden Festen und malerischen Aufzügen, in Denkmalsenthüllungen und Grundsteinlegungen, in Paradereden und Theaterglanz die Rokokostimmung des ganzen Volkes zu vollendetem Ausdruck bringen.

Der deutsche Volksgeist ist durch diese Feststimmung der reichgewordenen Nation nicht bedroht, denn immer wieder zeigt es sich, daß das Volk nicht willens ist, über all seinen Spielen die harte strenge schaffende Arbeit zu vergessen. Und mag die Nacht zum Tag verwandelt werden, es findet sich doch immer wieder mit dem neuen Morgen die neue nüchterne Wirkungskraft. Deutschland ist trotz allem prachtvoll bei der Arbeit, und in Wissenschaft und Kunst und Wirtschaft und Recht schreitet es rüstig mit den Besten. Auch darin verkörpert, in unermüdlicher Arbeit, der Kaiser die edelsten Triebe des Volksgeistes; Stunde um Stunde setzt er die eiserne Kraft ein, um seiner Pflichten Riesenlast zu tragen.

Nicht minder wichtig aber für die Nation war ein andres. So wie die Feststimmung in der Kaiserseele niemals den Arbeitsernst übertönte, so hat das leichte Spiel niemals das sittliche Gewissen und die sittliche Strenge beeinflußt. Gerade darin hat der Volksgeist der schwülen Rokokostimmung bei weitem nicht genug Widerstand entgegengesetzt; aus dem Spiel wurde zu oft unsittlicher Leichtsinn in allen Schichten des Volkes. Nur das Kaiserhaus blieb ein Sinnbild des Reinen, nie berührt von einem Hauche des Verdachts, und erst soeben wieder erlebten wir es, wie mit reinigender Strenge Kaiser und Kronprinz Sorge trugen, daß kein sittlicher Fleck die Umgebung des Thrones besudelt. Jn dieser moralischen Strenge und Reinheit des Kaisers inmitten einer lockeren Zeit liegt ein unermeßliches Glück für das deutsche Volk. Gerade dadurch wird er zum Hüter der tiefsten deutschen Schätze, zum Träger des deutschen Gewissens.

So haben wir denn den amerikanischen Nörglern und selbst den ernsten Gegnern des Kaisers ruhig ins Auge geschaut, und immer wieder erkannten wir die Übereiltheit und das Mißverstehen. In Wahrheit verkörpern sich im Kaiser alle jene Gedanken, Gefühle und Wallungen, die das heilige Erbteil des deutschen Volkstums bilden. Das allein ist aber seine wirkliche Pflicht, das allein erhebt ihn wahrhaft über den Streit der Parteien. Der Genius des deutschen Volkes ist in seinem Willen lebendig, und wer das deutsche Volk liebt, der kann nicht zögern, auch hier im Herzen der stolzen Republik begeistert einzustimmen: es lebe der Deutsche Kaiser!

Hugo Münsterberg.

Siehe auch:
Deutsche Geschichte-Zeittafel
Germanen kämpfen um Europa
Die Wikinger, eine neue germanische Welle.
Das Reich der Deutschen beginnt
Großtaten des deutschen Volkes-Das Rittertum und seine Aufgaben
Großtaten des deutschen Volkes-Deutsche gewinnen Raum im Osten
Deutsche Bauern und Bürger sichern das Neuland.
Deutsche Städte — deutsche Kunst.
Großtaten des deutschen Volkes-Die deutsche Hanse.
Der deutsche Bauer und sein Schicksal
Eine neue Welt tut sich auf— Große Erfindungen
Fürstentrotz und Glaubensstreit zerstören das Reich.
Die Not ruft den Erneuerungs willen des Volkes wach.
Martin Luther, der Reformator.
Volkskämpfe im Schatten der Reformation.
Der Kampf deutscher Fürsten gegen Kaiser und Papst.
Glaubenskämpfe in anderen Ländern Europas.
Am Glaubensstreit geht das Reich zugrunde.
Der Dreißigjährige Krieg (1618—1648).
Randstaaten werden Weltmächte.
Ein neues Deutschland ersteht.
Um die Herrschaft über Europa und die Welt.
Wiedergeburt und Befreiung des deutschen Volkes.
Das deutsche Volk will die Einheit.
Bismarck errichtet das neue Reich.
Das Reich unter Kaiser Wilhelm II.
Im Weltkrieg unbesiegt.
Die Schmach von Versailles und die Republik

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