Die deutsche Buchmalerei – DAS 12. JAHRHUNDERT

Seit dem beginnenden 12. Jahrhundert mehren sich wieder die Denkmäler der Miniaturmalerei und es lassen sich bereits verschiedene Malerschulen in Deutschland genauer bestimmen. So hat z. B. die Elsässer Schule Berühmtheit erlangt durch den im Jahre 1870 in Straßburg zugrunde gegangenen „Lustgarten“ der Herrad Landsperg, in Sachsen sehen wir einen Aufschwung mit dem von dem Mönche Heriman um 1175 gefertigten Evangeliar für Heinrich den Löwen, vom Mittelrhein her haben wir das Gebetbuch der heiligen Hildegard (München, cod. lat. 935), aus dem Kloster Zwiefalten stammt das unter Abt Konrad (1169-1197) geschriebene Passionale (Stuttgart), die Salzburger Schule erzeugte als eines der besten Werke ein Gebetbuch aus dem Kloster St. Erentrud (München, cod. lat. 15903), in Süddeutschland haben wir dann neben den Schulen in Tegernsee, Altomünster, Benediktbeuern und Weihenstephan vor allem in Regensburg eine sehr bedeutende Schule, wo seit Mitte des Jahrhunderts besonders auch die Federzeichnung hervorragend gepflegt wurde. Gerade das von Wolfger und Swicher um 1158 zu Prüfening bei Regensburg illustrierte „Glossarium des Salomon von Konstanz“ (München, cod. lat. 13002, fol. 3 v., Abb 12) zeigt in seinen feinen, phantasiereichen Federzeichnungen, wie die deutsche Kunst die ersten Ansätze zu einem individuelleren, nationalen Emporstreben versucht.

Die Gründe dieses leisen Umschwunges mögen zum Teil vielleicht in dem gleichzeitigen Aufstieg der romanischen Baukunst und in dem hiedurch bewirkten neuen Schönheitsideal, welches in erster Linie die Kontur und in zweiter Linie erst die Farbe betonte, zu suchen sein. Aber auch ein gewisser Einfluß von Byzanz läßt sich in der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts nicht ganz abweisen. Auch rein äußerlich läßt sich ein Emporblühen wahrnehmen, indem sich die Zahl der Handschriften wieder mehrt, was nicht zuletzt auf den wieder zunehmenden Wohlstand zurückzuführen ist.

Freilich dieses langsame Emporsteigen zeigt sich anfänglich nur in der Abnahme der grassen Verwilderung und Roheit, sowohl in der Auffassung als in der Technik. Die Figuren bekommen wenigstens wieder einen festeren Stand, sie werden zum Teil etwas gedrungener und rundlicher, zum Teil bleiben sie noch sehr langgestreckt. Die Körperproportionen werden besser, die anatomischen Verhältnisse natürlicher, die Köpfe bleiben aber oval, die Augen mandelförmig und glänzend, die Nase wird individueller geschwungen, die Backenknochen werden markanter, der Mund kleiner und rundlicher, das Haar verliert das perückenhafte Aussehen und wird natürlicher gewellt. Das Gewand bekommt einen edleren Fluß, die manieriert gehäuften Falten werden einfacher und ruhiger. Charakteristisch für das 12. Jahrhundert ist die dicke, schwarze Kontur der Deckmalereien, die, wie die Bleilinien in der Glasmalerei, die Farb-ilächen umziehen, in deren Innern dann in dunklen Tönen und aufgesetzten Lichtern die plastische Modellierung versucht wird. Mit der zunehmenden Farbenfreudigkeit wächst zwar auch die Freude an der Deckmalerei (Gouaschemalerei), jedoch ist von Wichtigkeit zu beobachten, daß bereits im 12. Jahrhundert die reine und mit Lasurfarben lavierte Federzeichnungstechnik zur Illustration von wissenschaftlichen Abhandlungen, wie z. B. Evangelien-Kommentaren, Dialogen, Apostelpassionen, Predigten, Abschriften von Klassikern usw. einsetzt. Diese mit der Feder fein und sorgfältigst ausgeführten Bildchen bekommen durch das Fehlen der Deckfarbe nicht nur ein leichteres und flotteres Aussehen und erscheinen hiedurch fortschrittlicher als die gleichzeitigen Deckmalereien, sondern sie tragen in sich auch ohne Zweifel den fruchtbaren Kern zur neu anbrechenden gotischen Richtung. —

Initialen inDeckmalrechnik sind im 12. Jahrhundertsehrselten. Wenn solche aber auftreten, dann sind sie nach alter Sitte immer noch in Gold auf farbigem Grund. Viel häufiger sind sie aber in Federzeichnungstechnik ausgeführt. Im Stile jedoch sind beide Gattungen vollständig gleich. Das Streben nach lebhafter Bewegung, die rege Phantasie und die ausgeprägte Verzierungslust veranlassen den Miniator, in die ohnehin schon reichlichst mit Rankenwerk geschmückte Initiale naturalistische sowie phantastische Tiere und allerlei menschliche Figürchen, selbst ganze Jagd- und Gauklerszenen zu verquicken (Abb. 13). Bei den kleineren Buchstaben ist gewöhnlich der Initialkörper geteilt und in roter und blauer Tinte fein säuberlich mit verschiedenen kalligraphischen Schnörkeln, Spiralen und langgezogenen, fadenartigen Ausläufern filigranartig geziert.

Aus dem Buch: Die deutsche Buchmalerei in ihren stilistischen Entwicklungsphasen; mit 6 Farbentafeln und 64 Abbildungen, nebst einer Bibliographie (1923), Author: Jacobi, Franz.

Siehe auch:
Die deutsche Buchmalerei – DIE GERMANISCHE STAMMESZEIT
Die deutsche Buchmalerei – DIE KAROLINGISCHE EPOCHE
Die deutsche Buchmalerei – DIE OTTONISCHE PERIODE
Die deutsche Buchmalerei – DER VERFALL SEIT 1050

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