Die deutsche Buchmalerei – DAS 14. JAHRHUNDERT

Obwohl besonders in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts noch dieselben künstlerischen Grundanschauungen wie im 13. Jahrhundert gelten, tritt doch schon eine wesentliche Scheidung ein. Das Hauptmoment in der Entwicklung besteht nämlich darin, daß man mit den hergebrachten Schemen vollständig bricht, sich gar nicht mehr von Byzanz beeinllussen läßt, das Nachbildes nach Vorbildern aufgibt und endlich selbständig zu arbeiten beginnt, besonders aber darin, daß sieb das Auge für die Natur öffnet. Dieses energische Streben findet seinen Ausdruck inhaltlich durch die große Erzählungslust, sowie durch die scharfe Naturbeobachtung, die manchmal schon bis ins kleinste vordringt. Wenn die Miniatoren in ihrem aufrichtigen Streben nach bestmöglichster Naturtreue und Lebendigkeit bereits die kühnsten Bewegungen und Stellungen wagen, die naturgemäß infolge der oft noch zu großen Un-beholfenheit in der Zeichnung nur allzuoft zur Karikatur werden, so sind diese Versuche doch keineswegs zu bedauern, sondern sie sind vielmehr eine lautsprechende Ankündigung einer neuen Zeit.

Das langsame, aber stete Fortschreiten der technischen Fähigkeiten zeigt uns deutlich ein Vergleich gleicher Themen aus den vielen erhaltenen Armenbibeln, sowie der „Specula huma-nae salvationis“ und „Concordantiae caritatis“, welche trotz des traditionell festgelegten Typus doch hie und da persönliche künstlerische Freiheiten in der Auffassung und auch fortschrittliche Varianten in der Form sich erlauben. Für die Fixierung einer ungefähren Entwicklungslinie schien mir die alttestament-liche „Danielszene“ besonders günstig, weil dieses Thema in hohem Grade dem Miniator Stoff bot seine Phantasie anzuregen und freier zu schaffen. Die beigefügten Reproduktionen (Abbildung 24—30) lassen uns bei genauer Beobachtung erkennen den allmählichen Fortschritt in der Auffassung und Erzählungsart, die Entwicklung der Komposition, der Architektur und der „Löwengrube“, der Darstellung von Mensch und Tier, der Kleidung usw. — Besonders möchte ich daraufhinweisen, daß hier der Miniator auf Grund des Textes Veranlassung hatte auch „Wolken“ zur Darstellung zu bringen. Zuerst (Abb. 24) haben wir zur Andeutung von Wolken eine gelappte Linie, die eine Verwandtschaft mit der Mäanderlinie aufweist, dann (Abb. 25) drei ziemlich regelmäßig geformte Schlangenlinien, Abbildung 26 zeigt als „Wolken“ mehr gestreckte, kammartig gesägte Linien, die in Lappenformen übergehen, auf Abbildung 28 werden die Wolken als unregelmäßig gezackte Flächen gegeben, die durch die Lavierung mit Wasserfarben schon etwas greifbarer erscheinen, bis wir in der Weltchronik vom Jahre 1370  die „Wolken“ als eine aufgetürmte, plastische Masse haben, die fast leise an geballte „Cumulus“ erinnern möchte.

Besonders interessant ist ferner zu beobachten, wie im 14. Jahrhundert Charakter und Zweck der jeweiligen Handschrift die äußere Form der Darstellung bedingt, wie z. B. der Miniator der mehr der Unterhaltung und Belehrung dienenden Welr-chroniken im Gegensatz zu dem an die Tradition enger gebundenen Illustrator der erbaulichen, schulmäßigen Armenbibel die Darstellung des „Daniel in der Löwengrube“ schon viel Freier behandelt, indem er aus dem typischen Bildchen schon eine kleine, genrehafte Idylle macht (Abb. 29) und in „kontinuierlicher Erzählungsweise“ die historische Begebenheit um einige Bildchen erweitert. Für die stete Zunahme der Naturbeobachtung und das Reifen der Phantasie bieten uns die Miniaturen der profanen Handschriften, wie der Weltchroniken, Legendensammlungen, Kalendarien, Schachzabeln und Liederhandschriften (z. B. die sogenannte Manessesche zu Heidelberg) genügende Beweise, während die Miniaturen in den liturgischen Handschriften sich nur langsam von der konservativeren Auffassung lostrennen können. Hierbei darf man nicht außer acht lassen, daß die profanen Handschriften-Miniaturen eben auch meistenteils von Laien, die liturgischen dagegen im allgemeinen von Mönchen in stiller Klosterzelle angefertigt wurden.

In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts behalten die Figuren zwar noch ihren alten Typ bei. Bis 1350 ist das bis in den Nacken reichende Haar und die beiden großen Locken, die gerne zu beiden Seiten des Gesichtes herabhängen, sehr charakteristisch. Seit Mitte des Jahrhunderts wird der alte Typus aufgegeben. Die Körper werden an den Schultern breiter, kräftiger, untersetzter, es treten vollere Formen auf. Der Kopf wird individueller und naturgetreuer, an Stelle der kindlich kleinen Nase tritt eine markantere. Das Gesicht sucht schon innere Vorgänge auszudrücken, der Blick ist gerne nach oben gerichtet. Man befreit sich von den symbolischen Gesten, die jetzt schon oft scharf der Natur abgelauscht sind. Besonders wenn es gilt das Gefühl der inneren Freude und Liebe kundzugeben, glückt Ausdruck und Bewegung oft auffallend gut (Abb. 31).

Der eckige Faltenwurf mit den gezackten Rändern muß weichen. Mir gesuchter Grazie, freilich noch ohne anatomisches Verständnis, schließen sich die langen Gewänder ohne Brüche dem Körper fließend an. Etwa seit 1370 wird die modische Kleidung mit dem kurzen, enganliegenden Wams und den langen Schnabelschuhen sehr beliebt. Auch in der Rüstung tritt um diese Zeit eine Änderung ein. Neben dem Ringelpanzer kommt jetzt bereits der moderne Plattenpanzer vor. Gegen Ende des Jahrhunderts werden die am Boden aufstoßenden Gewänder bereits etwas gebrochen.

Auch die Farbengebung wechselt im 14. Jahrhundert. An Stelle der grellen, flächenhaftenFarben treten hellere, gebrochene Töne, die durch Weiß gemildert werden und auf goldenem oder sattfarbigem, sehr oft blauem Grunde harmonisch wirken. Die Lichter werden ausgespart um einen plastischen Effekt zu erzielen. Die irreale, d. h. naturwidrige Färbung bleibt zwar noch hie und da; dagegen wird gerade im Detail, wie Holz, Waffen, Rüstungen undGerätschaften oft schon eine naturgetreue Wiedergabe in Zeichnung und Farbe angestrebt. Überhaupt ist eine Zunahme der Farbenfreudigkeit, besonders in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts wahrzunehmen, was auch die überaus bunten Trachten beweisen.

Ein ganz erheblicher Fortschritt liegt in dem Versuch, einen Innenraum zu geben. Begnügte man sich zum Beginn des 14. Jahrhunderts nach herkömmlicher Sitte noch damit einen Innenraum nur lediglich durch einen etwa auf Pfeilern ruhenden Bogen kulissenartig anzudeuten oder von einem gedachten Haus die Vorderseite gleichsam abzuheben, um so einen Einblick in das Innere zu gewähren (Abb. 17), so benötigt der fortschrittlichere Miniator der Weltchronik vom Jahre 1370 (München, cod. germ. 5, fol. 172 v.) zu seiner Innendarstellungschon nicht mehr ein vollständiges Haus mit Dach. Er reicht mit zwei kulissenartig aufgestellten, fein maserierten Holzwänden, die er mit Fensteröffnungen und durchbrochenen Krönungsverzierungen versieht, durch welche aber immer noch der blaue Himmel hereinguckt, so daß also der Innenraum noch keineswegs vollständig für sich abgeschlossen ist, wenn auch auf die eigentliche Außenansicht schon völlig verzichtet ist (Abb. 32).

Das zunehmende Verständnis für die Darstellung der Architektur und zugleich für die „Perspektive“ im 14. Jahrhundert zeigt uns eine Miniatur aus einer Legenda aurea vom Jahre 1362 (München, cod. germ. 6, fol. 97 v., Abb. 33). Zwar kommt unser Miniator in seiner idyllischen Belagerungsszene mit Raum und Proportion noch nicht zurecht, aber wir sehen doch schon einen Fortschritt, indem an Stelle der früheren stenographischen Andeutung ein ganzer Komplex von gotischen Giebelhäusern, aus denen ein hoher Turm hervorragt, gegeben ist. Eins kann man besonders als Neuerung ansehen, nämlich daß sich das Auge des Miniators besonders auf nebensächliche Kleinigkeiten, wie z. B. auf einen Erker, ein Türmchen, ein Dachfenster usw., richtet, wobei dann diese Teile in der Regel in der Proportion viel zu groß geraten.

Wie das Streben nach Realismus immer mehr zunimmt, zeigt uns eines der reizvollsten und lehrreichsten Bildchen des Jahrhunderts, die „Geburt Christi“ in der Weltchronik vom Jahre 13 70 (München, cod. germ. 5, fol. 19: r.,Tafel II). Von einem schützenden, auf einem Wagenrad angebrachten Strohdach überschattet, liegt auf einer Strohmatte Maria und reicht ihrem göttlichen Kinde zärtlich die Hand. Der kleine, nackte Jesusknabe, auf Heu in sein Körbchen gebettet, umgeben von Ochs und Esel, erwidert in lebhafter Bewegung dankbarst den Gruß der Mutter. Zu ihren Füßen sitzt Josef in besorgter Erregung. Die ganze Szene hat der Künstler in eine prächtige Landschaft gesetzt. Im Vordergrund sehen wir Felsen in der herkömmlichen stalaktitenartigen Form. Weit nach rückwärts erstreckt sich eine mit bunten Blumen besäte Wiese, die von einem Bächlein durchschlängelt wird, über das zwei Stege führen. Zu beiden Seiten weidet eine Herde, die sich aber in echt mittelalterlicher Weise nur aus einem einzigen Schaf, einem Ziegenbock, zwei Schweinchen und aus zwei lebhaft miteinander raufenden Widdern zusammensetzt; auch ein Reh fügt der Miniator bei, aber nicht, als ob dieses auch zur Herde gehören sollte, sondern aus reiner Lust am Zeichnen. Den abschließenden Hintergrund bilden zwei hoch auf spitzen Felsen thronende Burgen, über welchen schwebende Engel den lebhaft und erstaunt bewegten Hirten die Freudenbotschaft verkünden.

Ich habe diese Perle der Miniaturmalerei des 14. Jahrhunderts so ausführlich geschildert, weil wir an ihr eine Reihe der erfreulichsten Beobachtungen machen können. Vorerst gewährt uns dieselbe einen ausgezeichneten P’inblick in den Ideenkreis eines mittelalterlichen Malers, in sein innerstes Denken und Fühlen, kurz in seine geistige Welt. Der Hauch poetischen Reizes und kindlicher Naivität liegt über dem Bildchen, das mit größter Liebe in Zeichnung und Farbe ausgefiihrt ist. Das stilistisch Wichtigste aber ist, daß hier zum erstenmal eine Menge von Darstellungen in eine einheitlich gefaßte Landschaft gesetzt ist, bei der freilich die Tiefenwirkung noch durch stufenarriges Übereinandersetzen bei viel zu hoch genommenem Augenpunkt versucht ist, wobei das Ganze immer noch mehr wie aus der Vogelperspektive gesehen erscheint. Das nimmt man aber gerne in den Kauf, wenn man bedenkt, daß jetzt bereits, wenn auch nicht immer in dieser Güte, die gesamte Naturbeobachtung einen so erheblichen Fortschritt zeigt und überall regstes Leben aufzukeimen beginnt.

Diesen Umschwung in der Auffassung zeigt uns auch ein Vergleich einer Schlachtendarstellung aus oben genannter Weltchronik (Abb. 34) mit einer Kampfesszene aus dem 13. Jahrhundert (Abb. 16). Dort noch eine steife, fast ornamentale Raumkomposition bei Weglassen alles Überflüssigen, beinahe nur ein symbolisches Andeuten, jetzt im 14. Jahrhundert hingegen finden wir schon äußerst lebensvolle, immer wieder neuerdachte, fast ins Genrehafte gehende Schlachtenbildchen, die bei guter Naturbeobachtung, aber noch sehr kindlicher Naivität, oft zu wirren Raufszenen sich gestalten. —

Die sich im 13. Jahrhundert herausentwickelnde „Bildinitiale“ erfährt im 14. Jahrhundert keine wesentliche Veränderung, nur daß jetzt an Stelle einer einzigen Figur oft ganze Szenen in den Initialrahmen gesetzt werden (Abb. 35). Als wesentliche Neuerung hingegen ist anzusehen, daß um 1370 die Ranke als Randzier auftritt. Dieselbe läuft oft ohne jegliche innere Motivierung vom Initialkörper oder von den Ecken des Rahmens aus, auf dem der Buchstabe ruht, schlingt sich zuweilen um einen Stab, aber immer nur auf zwei, höchstens auf drei Rändern des Textes hin, nie alle vier Seiten des Blattrandes umschließend. Das Rankenornament selbst hat meistens einen sehr flächenhaften Charakter oder erinnert an Motive, wie sie in der Architektur üblich waren (Abb. 3 t). Möglicherweise mag diese Neuerung, die Buchseite mit Randornamenten zu zieren, mit der schon unter Kaiser Karl IV. (1346—1378) eifrigst gepflegten und unter König Wenzel (1378—1419) zur höchsten Blüte gelangten Prager-Schule in engerem Zusammenhänge stehen. Sicherlich ist aber das Einsetzen von Medaillons in die Ranke (Abb. 36), schließlich auch das Herauswachsenlassen von Propheten aus Blumenkelchen eine Nachahmung der böhmisch-französischen Manier, ebenso wie der bereits in der Legenda aurea von 1362 auftretende Tapetengrund an Frankreich erinnern mag, wo schon seit Mitte des 13. Jahrhunderts das charakteristische Schachbrett- und Rautenmuster fast allgemein üblich war. — Vom rein technischen Standpunkte aus betrachtet, ist für das 14. Jahrhundert von großer Wichtigkeit zu beachten, daß man sehr häufig bereits die Handschriften und ihre Miniaturen fabrikmäßig hergestellt hat. So kann man an den unvollendeten Weltchroniken z. B. deutlich erkennen, daß eine Reihe von verschiedenen Händen tätig war. Der „Skriptor“ war damit beschäftigt den Text fein säuberlich herzustellen und manchmal auch Anweisungen für die Illustration beizufügen, der „Rubrikator“ skizzierte mit dem Silberstift in zarten Konturen die erste Anlage der Bilder, die er nötigenfalls mit Zuschriften oder Spruchbändern versah, ein anderer führte die Umrisse mit Feder und Tinte aus, wieder ein anderer besorgte die Vergoldung, legte die satten Hintergründe in Deckfarbe an oder er kolorierte in Lasurfarben die Gewänder, wobei er meistenteils die plastische Modellierung durch Aussparen anstrebte, ein besonders geschickter „Illuminator“ malte mit spitzer Feder oder feinem Pinsel die Gesichter usw., bis endlich mit vereinten Kräften, die sich durch diese Arbeitsteilung eine ziemlich große manuelle Fertigkeit angeeignet hatten, die vielen Miniaturbildchen fertiggestellt waren. Bei einer derartigen Arbeitsmethode, wobei nicht mehr wie im frühen Mittelalter der„Miniator“ und „Skriptor“ meistens eine und dieselbe Person waren, ist es natürlich oft sehr schwierig Herkunft und Autorschaft der Miniaturen absolut sicher festzustellen, wenn auch der Schreiber des oft sehr umfangreichen Textes seinen Namen an den Schluß des Codex setzte.

Aus dem Buch: Die deutsche Buchmalerei in ihren stilistischen Entwicklungsphasen; mit 6 Farbentafeln und 64 Abbildungen, nebst einer Bibliographie (1923), Author: Jacobi, Franz.

Siehe auch:
Die deutsche Buchmalerei – DIE GERMANISCHE STAMMESZEIT
Die deutsche Buchmalerei – DIE KAROLINGISCHE EPOCHE
Die deutsche Buchmalerei – DIE OTTONISCHE PERIODE
Die deutsche Buchmalerei – DER VERFALL SEIT 1050
Die deutsche Buchmalerei – DAS 12. JAHRHUNDERT
Die deutsche Buchmalerei – DAS 13. JAHRHUNDERT

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