Die deutsche Buchmalerei – DER VERFALL SEIT 1050

Nach dem Tode Heinrichs II. tritt mit dem Verlassen der ottonischen Manier ein betrübender Wechsel in der Miniaturmalerei ein, zuerst noch ein kurzer Stillstand, dann aber ein rascher, jäher Verfall. Die Gründe hiefür liegen einerseits im erbitterten Kampf, der sich zwischen geistlicher und weltlicher Macht entsponn, in der schlechten wirtschaftlichen Lage, die zur Einfachheit zwang, in dem asketisch ernsten Geiste, der das religiöse Leben der damaligen Zeit beherrschte, anderseits in der Erschöpfung der Ideen und des Formen vorrates, die sich beim Fehlen guter Vorbilder noch mehr bemerkbar machte. Die Auffassung wurde, nachdem der letzte Schimmer antiker Hoheit verblaßt, immer roher, die technische Fertigkeit immer geringer, das Kopieren der stark verwilderten Vorbilder immer schematischer.

Die ovalen Köpfe mit düsterem, greisenhaftem Ausdruck, großen, aufgerissenen Augen und hochgezogenen Augenbrauen zeigen in Mund- und Ohrenbildung fast nur mehr kalligraphische Züge, das Haar wird in rohen Büscheln perückenhaft gegeben, die Konturen werden immer kräftiger, aufdringlicher und trockener; die Haltung wird immer unbeholfener und formloser, die Bewegung, die von Anatomie und Proportion keine Spur mehr zeigt, wird oft zur jongleurhaften, unmöglichen Verrenkung. Die sinnlos unmotivierte Gewandung mit langen, dreieckigen, mechanisch überhäuften oder schlauchartigen Kreisfairen, gekünstelt wehenden Zipfeln und manierierten Rändern wird zum leeren Linienspiel. Die Farbe ist schmutzig, mit grell aufgesetzten Lichtern, das Fleisch fahl mit grünlichen, widernatürlichen Schatten und roten, unverriebenen Punkten auf Wange und Nase. Die in Form und Farbe phantastischen Baume, bei denen die lanzettförmigen oder rundlichen Blätter oft direkt am Stamme, ohne jegliche Astbildung aufsitzen, nehmen keine Rücksicht auf Naturwahrheit, nicht einmal auf Naturmöglichkeit. Die Technik ist vollkommen verwildert. —

Ganz merkwürdig ist indes, daß diese Verfallsymptome nicht auf die Entwicklung der Initialen Übergegriffenhaben. Nach dieser Richtung hin mag sich eben doch schon eine gewisse Selbständigkeit herausentwickelt haben. Auffallend ist, daß um 1050 mit den oft mit großer Lebendigkeit und Sicherheit gezeichneten Initialen grotesk-phantastische, aber auch manchmal ausnehmend naturalistische Tier- und Alenschenliguren verbunden werden, wie uns z. B. ein Evangeliar von St. Nicolaus bei Passau in der Staatsbibliothek zeigt. Der Grund dürfte zum Teil darin liegen, daß der damalige äußere Kampf eine gewisse innere Seeleneinkehr bewirkt hat: das böse Gewissen zauberte in seiner Furcht teuflische, fratzenhafte Gestalten vor die Seele, die nicht nur an den Kirchenportalen und den Dachtraufen, sondern auch in den Miniaturen zur Darstellung kommen. Vielleicht mag aber auch eine gewisse Beeinflussung von Byzanz mitgespielt haben, wo besonders im 11. Jahrhundert die Tierdarstellung äußerst beliebt war.

Aus dem Buch: Die deutsche Buchmalerei in ihren stilistischen Entwicklungsphasen; mit 6 Farbentafeln und 64 Abbildungen, nebst einer Bibliographie (1923), Author: Jacobi, Franz.

Siehe auch:
Die deutsche Buchmalerei – DIE GERMANISCHE STAMMESZEIT
Die deutsche Buchmalerei – DIE KAROLINGISCHE EPOCHE
Die deutsche Buchmalerei – DIE OTTONISCHE PERIODE

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