Die Deutschen in Amerika

Historische Studie von Victor F. Ridder.

Vor Jahren wurde für unser grosses Land die Bezeichnung „Schmelztiegel“ geprägt. Mir persönlich hat dieser Vergleich niemals gefallen; der Gedanke, dass wir ein Mischmasch ohne eigenes Gesicht und ohne eigenen Charakter sind, ein Gemisch, bei dem die Hefe obenauf schwimmt, widerstrebte meinen Gefühlen.

Darum möchte ich unser Land lieber mit einem Blumenstrauss vergleichen, in dem sich viele Eigenarten und Schönheiten finden …. jede einzelne Rasse trägt das Ihre hei, sie vereinigt sich mit den andern zu einem schönen Ganzen — und verliert doch nichts von ihrer individuellen Schönheit. Und wie dieser Blumenstrauss mit jener neu hinzugefügten Blüte an Schönheit gewinnt, so mehrt sich Amerikas Pracht mit jeder neu hinzugefügten Art, jeder neuen Rasse und Nationalität — deshalb soll Amerika den Einwanderer, der sich seinen Küsten naht, froh willkommen heissen in dem Bewusstsein, dass auch er, wie die Vielen, die nach diesem Lande der Hoffnung gezogen kamen, seine Gaben im Laufe der Zeit auf dem Altar der Allgemeinheit niederlegen wird.

Ich will hier aus dem Blumenstrauss, den wir „Amerika“ nennen, eine einzige Blüte herausgreifen; will hier, ehrlich stolz auf meine Abstammung, hervorheben, wie diese eine besondere Blüte, in jeder Phase unseres nationalen Lebens frisch und kräftig erstrahlend, ihr Teil zum Allgemeinerfolg beigetragen hat. Nicht eitel prahlend, nicht in der Absicht, die Verdienste der Andern zu verkürzen, soll’s geschehen — Alle und jede einzelne Rasse hat das Ihre getan, um Amerika zu dem zu machen, was es heute ist; das Heim der Freien und die Hoffnung der Unterdrückten.

Diese verschiedenen Rassen, die sich hier zusammenfanden, können nur dann als eine einzige Nation zur Grösse gelangen, wenn sie einander völlig verstehen lernen, wenn sie des nächsten Eigenart, Streben und auch seine Mängel begreifen . . . auch seine Mängel, für die wir die Duldsamkeit offenbaren müssen, die die Mitglieder einer grossen Familie gegen einander üben. In diesem Sinne sei es noch einmal gesagt: Es soll keiner von uns die Verdienste irgend einer Rasse um das Werden Amerikas schmälern wollen — das hiesse das Grundprinzip des Erfolges unseres Landes verletzen: die Duldsamkeit.

Die erste Einwanderung, die sich unser Land zum Ziel setzte, kam aus Ländern, die ihre Oberherrschaft über die Männer, die sich hier niederliessen, behaupteten. Diese Männer kamen als Nationalisten, die die Schätze des neuentdeckten Erdteils erschliessen wollten. So entstanden hier spanische, portugiesische, schwedische, holländische, britische und französische Ansiedlungen … das waren nichts anderes als Kolonien der betreffenden Nationen — die Kolonisten trotzen beherzt für ihre Könige den Härten und Gefahren des neuen Landes.

Der Abenteurergeist, der diese tapferen Pioniere bei dem Bestreben leitete, ihr Glück in Amerika zu suchen und sich hier niederzulassen, trat unter den Deutschen nicht minder stark hervor, als unter anderen Nationen. Die deutschen Einwanderer kamen nicht in geschlossenen Gruppen, die einem Landesherrn zur Treue verpflichtet waren. Sie kamen als Individuen, die sich vom heimatlichen Herrscher und Land losgesagt hatten; mit ihrer Ansiedlung in Amerika wurden sie Amerikaner — sie waren dem Geiste nach mit die ersten Amerikaner. Demgemäss war es den tausenden deutschen Familien auf amerikanischem Boden bei Ausbruch der Revolution im Jahre 1776 ein Leichtes, die unnatürliche Untertanenpflicht, die sie an einen fremden König band, zu lösen und für ihre politische Freiheit zu kämpfen.

Es ist ein Ding der Unmöglichkeit, im Rahmen einer kurzen historischen Studie, dem Gange der geschichtlichen Ereignisse in allen Einzelheiten zu folgen und allen Bewegungen vollauf gerecht zu werden, in denen die Deutschen sich hervortaten. Ich werde mich deshalb darauf beschränken, in freier Folge die Männer und Ereignisse zu skizzieren, die von überragender Bedeutung sind — so erhalten wir in grossen Umrissen ein Bild dessen, was Amerika seinen Bürgern deutschen Stammes schuldet . . . . eine Schuld, die unser Land so bereitwillig anerkennt; eine Schuld jenen gegenüber, die vor uns den rauhen und gefahrvollen Pfad gewandert, dem Ziele, dem nationalen Glück und der Einheit zu.

Der Deutschen erster Beitrag zu Amerikas Entwicklung war die Ankunft einer Anzahl Handwerker, Glasbläser, in Jamestown, Virginia, im Jahre 1607. Der Fleiss, der von jeher für die Deutschen bezeichnend war, machte sich naturgemäss auch bei diesen frühen Ansiedlern bemerkbar, denen Capt. John Smith seine besondere Anerkennung zollte. Fünf Jahre nachher (1612) baute Hendrick Christiansen, ein Deutscher, die ersten Häuser auf Manhattan Island, dem heutigen New York. Zwei Männer, die sich bei der Gestaltung der Geschicke von Nieuw Netherland besonders hervortaten, waren der erste Gouverneur Peter Minuit und Jakob Leisler, die im Jahre 1660 landeten.

Leisler widmete seine ganze Tatkraft zunächst seinem Geschäft und zählte bald zu den sieben reichsten Bürgern von New York. Die politischen Verhältnisse in New York befriedigten Leisler keineswegs, aber er beschloss seine Zeit abzuwarten und sicherte sich vor allem die Unterstützung des „niederen Volkes“, das selbstverständlich das stärkste Element der Stadt war. Im Jahre 1678, während der Unruhen, ernannte das aus hervorragenden Bürgern gebildete Sicherheits-Komitee Leisler zum Generalkommandanten der Stadt bis zur Ankunft des neuen Gouverneurs, den England schickte. Ohne auf Einzelheiten seiner Tätigkeit in New York einzugehen, sei hier als die grösste Tat seines geschäftigen und ereignisvollen Lebens die Zusammenberufung der Gouverneure von Massachusetts, Plymouth, Ost und West Jersey, Pennsylvanien und Virginien erwähnt; es war dies der erste Kongress der amerikanischen Kolonien, aus dem sich schliesslich der kontinentale Kongress entwickelte. Es muss hier betont weiden, dass Leisler der erste Vertreter einer Volkspartei gegen die Aristokratie war.

Im Jahre 1687 kam als Mitglied der La Salle Expedition der erste Deutsche, Hans Heinz, nach Texas.

Im Jahre 1683 traf die erste organisierte deutsche Auswanderergruppe in der neuen Welt ein: unter der Führung von Daniel Pastorius hatten am 24. Juli auf der „Concord“ dreizehn deutsche Familien Europa verlassen; sie landeten am 6. Oktober in Philadelphia. William Penn bewilligte ihnen das Stück Land, das heute noch als „Germantown“ bekannt ist. Pastorius wurde zum Bürgermeister des Ortes erwählt, und unter seiner Leitung begann die Entwicklung der amerikanischen Textilindustrie, in der seitdem die Deutschen ein wesentlicher Faktor waren.

Die Ansiedler hatten sich kaum sesshaft gemacht, als sie auch schon ihre stärkste Charaktereigenschaft entfalteten: die Liebe zur Freiheit. Sie erhoben als Erste ihre Stimme zum Protest gegen die Sklaverei der Neger; Whittier sagt in einem seiner Gedichte von ihnen:

Aus Deutschland die Pilger
sie boten, die Braven,
dem Zorn Trotz der Stolzen
zum Heile der Sklaven.

Ganz im Einklang mit der Gesinnung dieser Ansiedler haben ihre Nachkommen zwei Jahrhunderte später Lorbeeren geerntet in Erfüllung des Werkes, das Pastorius zur Befreiung der Sklaven begonnen hatte.

Im Jahre 1680 gründete Wilhelm Rittenhaus die erste Papiermühle . . , wer vermag die Bedeutung dieses bescheidenen Anfangs der Papier- und Druckindustrie, einer der grossartigsten Kulturträger der Geschichte, zu ermessen!

Diese deutschen Ansiedler und ihre Nachfolger erschlossen neue Industrien; so verdanken wir Thomas Reutter — im Jahre 1716 — die Errichtung der ersten Eisenhüttenwerke, und der Umstand, dass diese Industrie sich zu der grössten amerikanischen Industrie auswuchs, gewährleistet ein genaueres Eingehen auf den Anteil der Deutschen gerade an diesem Erfolge.

Die Eisenindustrie, die Reutter begründete, blühte von ihren ersten Anfängen an; ich beziehe mich hier auf Victor Charles bezeichnende Worte: „Pennsylvaniens führende Stellung in der Eisenindustrie muss weit mehr der Geduld und Ausdauer der deutschen Hüttenmeister als besonderen natürlichen Vorteilen zugeschrieben werden.“ Dir Hochöfen in Virginien und Baron Stiegels Eisen- und Glashüttenwerke wurden ausschliesslich von Deutschen geleitet. Christoph Sauer stellte den ersten Gussofen auf. Georg Anschütz, ein in Strassburg geborener Deutscher, machte im Jahre 1792 das erste Eisen in Pittsburg; er baute 1796 den Huntington Hochofen. John Fritz wurde 1822 Hüttenmeister der Norristown Eisenwerke, und damit begann die Laufbahn des „Vaters der Stahlindustrie“.

Fritz entwickelte die Bethlehem Stahl werke und hatte noch zu seinen Lebzeiten die Genugtuung, Zeuge des Anwachsens seiner jungen Schöpfung zur grössten Industrie des Landes zu sein. Charles Schwab und Henry Frick waren Andrew Carnegies Mitarbeiter, die im Verein mit ihm die Stahlindustrie zu dem gemacht haben, was sie heute ist, und beide sind deutscher Abstammung.

Im Jahre 1743 erschien die erste in Amerika gedruckte Bibel, sie war Christoph Sauer’s Werk. Das erste Lehrbuch, von Christoph Dock gedruckt, erschien elf Jahre nachher; Sauer sowohl als Dock waren Deutsche, und so sehr wir auch ihre kulturellen Verdienste um unser Land anerkennen, was sollen wir erst zum Ruhme des Deutschen Johann Cromberger sagen, der bereits im Jahre 1593 in der Stadt Mexico eine Druckerei aufmachte?

Eine Gemeinde deutscher Lutheraner liess sich 1734 im nördlichen Virginien nieder, und Gouverneur Spottwood gründete die Stadt Germania; religiöse Unduldsamkeit zwang die Lutheraner, ihre Siedelung aufzugeben. (Fortsetzung folgt.)

Siehe auch:
Was ist des Deutschen Vaterland?
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt
Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
Quer durch das neue Deutschland
Quer durch das neue Deutschland II
Quer durch das neue Deutschland III
Klein-Amerika in Ostpreussen
Die Hallo-Mädchen
Nach Palästina
Eine Hamburger Überseewoche
Kinder aufs Land
August Thyssen-Der Senior der Grubenbarone
Deutsche Wolkenkratzer
Wachaufahrt
Das Deutsche Haus in St. Paul – Ein Denkmal deutschen Strebens
Die Briefmarke einst und jetzt
Deutschlands grösster Dampfer
Schweres Schiffsunglück in Hamburg
Das deutsche Ausland-Institut zu Stuttgart
Die oberschlesische Tragödie
Die Deutschen Kampfspiele
Der Kampf um Memel
die Lüge als Fundament, von Versailles bis Haag
Die „Weise Frau“
Das Telephon, sein Erfinder und sein Verbesserer
Salzburg, die Mozartstadt
Das erste deutsche Arbeiter-Turn- und Sportfest in Leipzig
Alte Sitten in der Schweiz
Berliner Hoch-und Untergrundbahn
Die ersten Deutschen in Südamerika
Das neue grosse Mannheimer Krankenhaus
Berliner Wohnungselend
Die deutschen Schuster amerikanischer Präsidenten

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  1. […] auch: Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich Wie das alte Österreich starb Die Deutschen in Amerika Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss) Die Lüge als Fundament „Deutsch-Amerikas“ […]

    4. März 2018

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