Die Eisblockade des Hamburger Hafens

Es gibt manche schöne Bilder aus dem alten Hamburg, auf denen man sieht, wie eine ganze Budenstadt auf der fest zugefrorenen Alster entstanden war, und wie in heller Lust alt und jung sich auf der glitzernden Eisfläche vergnügte. Getanzt wurde sogar, und grosse und kleine Schlitten fuhren über die von Dampfern nicht zerfurchte weite weisse Ebene. Aber auch auf der Elbe wurden Ausflüge auf Schlittschuhen und mit Schlitten veranstaltet. Alte, schöne Zeiten . . . „Solchen Winter erleben wir heute nicht mehr, es gibt in unserer Zeit überhaupt keinen Winter mehr“, so und ähnlich hörte man nicht selten die alten Hamburger reden.

Nun, diesmal haben wir einen Winter, der alles, ganz Hamburg und hinauf die ganze Elbe entlang, und hinunter bis weit in die See hinaus, in seinen starren Bann geschlagen hat, mit Folgen für die Allgemeinheit, wie sie allerdings auch die ältesten Hamburger noch nicht erlebt haben. Seit Wochen fegt ein schneidender Ostwind über die norddeutsche Niederung, und während er das Wasser aus der Elbe seewärts trieb, so dass die Wasserbestände ungewöhnlich sanken, froren unter der heissenden Ostwindkälte die Fleete der älteren Stadtteile und so mancher Kanal der neuen Handels- und Industrieviertel bis auf den Grund. Zwar blieb das Quecksilber nicht die ganze Zeit auf der Tiefe von fast 20 Grad Celsius unter Null, aber es überschritt den Gefrierpunkt keine Stunde. So ist der Eispanzer sämtlicher Kanäle unverändert geblieben. Natürlich war das zu früheren Zeiten in harten Wintern auch nicht anders, und die uralten schmalen Speicher an den Fleeten, denen die Jahrhunderte das Bückgrat gekrümmt haben und die sich so oft anscheinend bedenklich zur Seite neigen, ohne dass aber ihre aus Eichen- und Buchenstämmen fest gefugten Zusammenhänge unter der Last der Waren nachgeben, mögen gar oft schon wochenlang eingefrorene Schuten zu ihren Füssen liegen sehen.

Wie anders heute! Jetzt gibt es keine Winterruhe, auch nicht bei noch so lange anhaltender strengster Kälte. Zwar von den Elbbrücken stromaufwärts liegt eine undurchdringlich feste Eisdecke über die ganze Strombreite, die erst dann gefährlich zu werden droht, wenn sie in mächtigen schweren Schollen auf hochgeschwollenen Fluten ins Treiben kommt. Und auch elbabwärts liegt, von beiden Ufern her, eine weite Eiswüste auf dem Strom, nur im Zuge des Fahrwassers ist mit Mühe durch die schwersten Eisbrecher eine Fahrrinne offen gehalten, damit für die grossen Dampfer der Weg zum Meer nicht versperrt wird. Im Hafengebiet freilich, sowohl in der freien Elbe wie in den grossen Seeschiffhäfen, kann es niemals zu einer geschlossenen Eisdecke kommen. Die grossen Seedampfer sowohl, wie die vielen flinken Schleppdampfersorgen Schon dafür, dass nur eine unabsehbare Menge zertrümmerter Eisschollen das immer zerwühlte Wasser bedeckt. Auch die. Speicher, die unmittelbar im Bereich der Häfen liegen, werden immer zugänglich erhalten, sie sind aber bei weitem nicht zureichend, um den aus- und eingehenden Warenverkehr zu bemeistern, dazu gehören unumgänglich auch die Hunderte, ja Tausende von Speichern an den von der Winterkältc verschlossenen Fleeten und Stadtkanälen.

Die Schönheit dieses Winterbildes verschwindet hinter seinen Schrecken und zu dieser Härte der Elemente gesellte sich eine zweite Heimsuchung: der Eisenbahnstreik. Früher wohnten die reichen Handelsherren ausserhalb der Stadt, sie fuhren in ihren Kutschen zum Kontor oder zur Börse. Aber wer sein Brot durch Arbeit in fremdem Hause verdienen musste, der suchte sein häusliches Unterkommen hübsch in der Nähe. Heute geht das nicht mehr, es ist kein Raum mehr in der unmittelbaren Nähe der Hamburger City, alles was dort beschäftigt ist, muss mehr oder minder eine Fahrgelegenheit zwischen Haus und Arbeitsstätte benutzen. Für Tausende dieser Angestellten war die Stadt- und Vorortbahn das gegebene, oft das einzige Verkehrsmittel. Und nun versagt plötzlich dieser Verkehrsweg ganz und gar, gerade zu einer Zeit, da ein stürmischer Ostwind eisige Schneemassen über Stadt und Flur peitscht! Und bei diesem Wetter eine, zwei Stunden nach der Arbeitsstätte zu Fuss wandern? In leichtem Schuhwerk, in dünnem Mäntelchen? Mancher Platz blieb leer in den Geschäftshäusern!

Und die Kohlen! Es kommen ab und zu Dampfer mit Kohlen aus England, vielleicht auch einmal einer vom Rhein mit deutschen Kohlen. Aber was will das bedeuten, wenn alle Zufuhren auf dem Wasserwege, auf dem sonst in normalen Zeiten die überwiegende Menge an Kohlen nach Hamburg kommt, und nun auch noch die Bahnzufuhren mit einem Male ganz ausbleiben! Dieser Ausfall wird sich in Wochen noch nicht wieder einholen lassen. Dabei sind die meisten Haushaltungen eben mit ihren Kohlen völlig zu Ende. Im Frühjahr 1921 — ich glaube, im April war es — hat das Hamburger Kriegsversorgungsamt die für das ganze übrige Jahr berechnete Kohlenmenge freigegeben, und man beeilte sich, sie zu beziehen, um den immer weiter zu erwartenden Preissteigerungen zu entgehen. Wer hat heute davon noch Vorräte? Und wenn man an das Kriegsversorgungsamt herantritt, um weitere Freigabe, die zu Beginn dieses Jahres erfolgen sollte, dann heisst es, das gehe unter den augenblicklichen Verhältnissen nicht, man solle sich von dem „im freien Verkehr befindlichen Koks“ kaufen.

Aber einen, recht bescheidenen Vorteil hat Kälte und Transportstörung den Hamburgern doch gebracht, nämlich ein Sinken der enormen Fischpreise. Grosse Mengen wurden von den ganz und gar in Eis gehüllten Hochseefischdampfem herein gebracht. Die grössere Masse sollte natürlich nach dem Binnenlande, da dies zurzeit nicht möglich ist, musste man sie in Hamburg selbst an den Mann bringen.

Vereiste Fischdampfer! Malerisch sahen sie aus. Die Bordwände, die Reeling, das Deck, alle Taue und Trossen, alles, was nur frei liegt, eingehüllt in eine bläulichweisse dicke Eiskruste, eine wirkliche schwere Last für diese doch immerhin kleinen Schiffe! Ganz so schlimm ist es ja bei den von grosser Fahrt kommenden Seedampfern nicht, aber so mancher hat doch auch an seiner Eislast ordentlich zu schleppen. Wirklich Bilder für einen Maler, wenn solch ein beeister Riese in der ein wenig dünstigen Abendstimmung im Tau eines Schleppers gespenstisch die Elbe durch die schiebenden, knirschenden Schollenmassen langsam heraufkommt. Das lässt schon ahnen, wie es draussen auf der offenen See aussehen mag.

Und in der Tat, unmittelbar vor der Elbmündung schon bedeckt weithin ein mächtiges Eisschollenfeld die Fahrstrasse. Das Wattenmeer aber, mit seinen vielen grossen und kleinen Inseln, hat in diesem Winter die Härte der Jahreszeit zu empfinden bekommen, wie es von der heutigen Generation noch niemand erlebt hat. Alle die „Sande“, bis weit hinaus, tragen eine unübersehbare Eiskruste, die sich oft über freie Strecken von Sand zu Sand, von Insel zu Insel fortsetzt. Nun wäre das ja zu ertragen, wenn es sich um glatte, feste Eisflächen handelte, über die ein Verkehr möglich sein würde. Aber dieses Eis ist auf weite Strecken schlickig, brüchig, nicht nur weil es aus Seewasser sich gebildet hat, sondern hauptsächlich wegen der Ebbe und Flut, die zwischen dem fest aufliegenden Eis der Sande und dem auf dem Wasser dazwischen sich bildenden Eis niemals eine feste Verbindung zustande kommen lässt, so kommt es, dass die Inseln nun seit Wochen zum gro en Teil von jedem Verkehr völlig abgeschnitten, ohne Kohlen, ohne Lebensmittelzufuhr sind und unter schwerer Not leiden.

Alfred Kopp.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
Die Lüge als Fundament
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt