Die Entwicklung des deutschen Handels mit Persien

Unter der Ueberschrift „Vom Deutschtum in Persien“ sind kürzlich in den Zeitungen Mitteilungen über die Entwicklung unserer Handelsbeziehungen zu Persien veröffentlicht worden, die den Anschein erwecken, als wenn Deutschland drauf und dran wäre, seine Rivalen auf dem persischen Markt, England und Rußland, aus dem Felde zu schlagen. Es wird in der Notiz davon gesprochen, daß die deutschen Interessen in den letzten Jahren in Persien „rapide zugenommen“ hätten; dann folgt in der Notiz eine Zusammenstellung der in Persien vorhandenen amtlichen deutschen Vertretungen und eine Aufzählung der Deutschen, die sich sonst in amtlicher Berufsstellung dort befinden — an der Deutschen Schule in Teheran und der Deutschen Orientmission in Aserbeidschan. Schließlich wird unter den „sechs,, deutschen Handelshäusern als bedeutendstes das Import- und Exporthaus Wönkhaus & Co. hervorgehoben; alles das in einem Tone, als wenn wer weiß wie Großes schon erreicht wäre.

Gewiß haben wir während der letzten Jahre — dank dem energischen Vorgehen unserer deutschen Handels- und Schiffahrtsvertreter — in Persien auf handelspolitischem Gebiete Fortschritte gemacht, aber den Anteil Englands und Rußlands am persischen Handel haben wir noch lange nicht erreicht; daher dürfte es nicht wohl angebracht sein, die Sache so darzustellen, als ob wir unseren Hauptkonkurrenten dort schon jetzt gefährlich werden könnten. Besonders jetzt zu einer Zeit, da russische Truppen im Norden von Persien einrücken und auf der Reede von Buschir englische Marinesoldaten an Land gebracht werden, erscheint ein derartiges Verfahren am wenigsten angebracht. Wir müssen uns hüten, den oft gerügten Fehler jetzt wieder zu begehen, unsere Gegner durch übertriebene Hervorkehrung unserer Fortschritte auf uns aufmerksam zu machen. Wiewiel Unheil ist nicht schon bei Behandlung der Bagdadbahnfrage dadurch verursacht worden, daß dieses Unternehmen von mancher Seite geflissentlich als „deutsches“ Unternehmen gekennzeichnet wurde, obgleich doch kaum 50 % des Gesellschaftskapitals sich in deutschen Händen befinden. Je ruhiger und unauffälliger wir in allen diesen Fällen unsere Maßnahmen treffen, um so mehr Erfolg können wir für uns erwarten. Auch in Persien haben wir mit gewissen geographisch-politischen Verhältnissen zu rechnen, die sich über Nacht nicht ändern lassen — teilweise überhaupt nicht aus-geschaltet werden können. Daher tun wir gut, bei allem gewiß lobenswerten Eifer zwecks Erweiterung unseres Absatzgebiets in jenen Gegenden die nun einmal vorhandenen Faktoren der politischen Lage, wie auch der Handels- und Wirtschaftsverhältnisse im Auge zu behalten und unsere Erwartungen und Ansprüche nicht höher zu schrauben, als die tatsächlich gegebenen Verhältnisse es zulassen.

Für die Weiterentwicklung des deutschen Handels mit Persien ist es von besonderer Wichtigkeit, sich ein klares Bild davon zu verschaffen, welche Mittel unseren Konkurrenten Rußland und England zu Gebote stehen, um ihre Handelsbeziehungen zu Persien zu fördern. In der „Deutschen Orient-Korrespondenz“ bin ich daher bemüht gewesen, die Aufmerksamkeit namentlich auf die Lage des russischen Handels mit Persien zu lenken.

D. O. K. 1909, 11. Juni.

Text aus dem Buch: Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte, Verfasser: Wiedemann, Max.

Siehe auch:
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Vorwort
Die Türkei, Deutschland und die Westmächte.
Deutschlands Verhältnis zur Türkei
Der Verkauf deutscher Kriegsschiffe an die Türkei
Die Sorgen der türkischen Marine um ausreichende Transportschiffe
Frankreich — noch immer die „christliche Vormacht“ im Orient
Frankreich als Lehrmeister der neuen Türkei
Eine türkische Studienreise nach Frankreich
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Überraschungen
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Nervosität
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Übertreibungen
Der Streit um die Bagdadbahn
Deutschland und die Bagdadbahn
Die Bahn von Bagdad nach Damaskus
Der Anteil Deutschlands am Handelsverkehr in Bassra und Bagdad
Einiges über Kapitalanlagen in türkischen Eisenbahnbauten und über die Bagdadbahn
England deckt im Streit um die Bagdadbahn seine Karten auf
Kuweit als Endpunkt der Bagdadbahn aufgegeben?
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Eine Enttäuschung
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Politische Phantasien
Bagdad und Teheran : politische Betrachtungen und Berichte – Persien