Die ersten Deutschen in Südamerika


In der Kolonisation der aussereuropäischen Welt haben die Deutschen weniger als Politiker denn als Landwirte und Kaufleute sich Verdienste erworben. Die ersten Landsleute, die uns in dem bilderreichen Drama der Eroberung von Südamerika begegnen, sind Abgesandte deutscher Kaufleute mit kaufmännischen Strebungen und Zielen. Was die Spanier alljährlich zu vielen Tausenden in die neue Welt lockte, die Gier nach den Silber- und Goldminen, das leitete auch die Entdecker aus dem germanischen Kontinent. In der gleichen Frist, da Luthers wesentliche Lebensarbeit sich erschöpfte, zwischen 1525 und 1546, vollendete sich der deutsche Akt in dem geschichtlichen Entdeckerschauspiel, das Mittel- und Südamerika als Hintergrund und Kulisse, als Idee und Ziel hatte.

Da, wo die Inselentdecker zuerst an die grosse Landmasse heran gekommen waren, im Norden von Südamerika, betraten auch die Deutschen den neuen Erdteil. Der ungestüme, tapfere Hojeda hatte eine breite Küstenfront habsüchtig umfasst und in Erinnerung an Venedig (die Pfahlbauten der Küstendörfer legten solche Gedanken nahe) dem Neulande den Namen „Klein-Venedig“, Venezuela, gegeben. Unter den Giftpfeilen der Indianer fallen seine sämtlichen Begleiter. Er selber entgeht mit seinem Riesenschild dem Kampfestod nur, um einsam in Elend zu sterben. Pedro Nino, der den Kolumbus auf dessen erster Reise begleitet hatte, kehrte mit reicher Perlenladung von der venezolanischen Küste heim, während der Admiral selber von den teuren Expeditionen wenig materielle Schätze nach der Heimat tragen konnte. Doch den beutegierigen Nachfolgern des Nino war keine Landung geglückt. Die streitbaren Eingeborenen Messen nicht einmal die Mönche, ja, auch nicht den grossen Dominikaner Las Casas, in ihre Gebiete. Nur auf den Inseln im Osten und seit 1525 in Coro im venezolanischen Westen hielten sich Ansiedler.

Aber die Kunde von einem goldreichen Lande, das durch den Meerbusen von Maracaybp zu erreichen sei und das Gerücht von einem Wasserweg durch Venezuela nach dem stillen Ozean lockte immer wieder Karl V. hatte z w ei Deutschen eine Belehnung über das unbekannte Land erteilt. Und zwecks Tilgung kaiserlicher Schulden ging die Belehnung an das kaiserliche Handelshaus der Welser über. Ihr Vertreter in S. Domingo hatte sich vom Gouverneur ein Besitzergreifungsrecht verleihen lassen, und auf seinen Bericht hin ward am 27 März 1528 der Vertrag mit dem Kaiser abgeschlossen. Die Welser erhielten Verwaltung, Landbesitz und einen Teil der Einkünfte von Venezuela und verpflichteten sich dafür zur Einführung von Kolonisten, Anlage von Städten, zu Steuerleistung usw., also eine Art Gründung einer Handelskompagnie!

Ambrosius Ehinger (von den Spaniern Dalfinger genannt) führte im Auftrag der Welser die erste Expedition nach Venezuela und drang über Coro in mehreren Zügen ins Innere des Landes. Aber weder er noch seine Offiziere vermochten Gold zu finden. Auch der Wasserweg nach dem Ozean blieb verborgen. Es wurden Spanier von den Welsern angesiedelt. Da aber die nüchternen deutschen Kaufleute privaten Handel untersagten und hohe Lehensmittelpreise forderten, wandten sich die Spanier beschwerdeführend an den Gouverneur in S. Domingo. Ehinger begab sich 1530 persönlich dorthin und setzte als seinen Statthalter einen kühnen Abenteurer, den Ulmer Nikolaus Federmann, ein. Dieser rüstete alsbald eine weitere Expedition aus, und rückte mit spanischen Begleitern übers Gebirge bis zum Orinoko. Auf dieser Reise; ward bei den Eingeborenen einiges Gold gefunden. Federmann ging 1531 zum Bericht nach Europa zurück. Inzwischen kehrte Ehinger zurück und führte unter unendlichen  Schwierigkeiten eine weitere Expedition ins Gebirge. Dabei wurde der Oberlauf des Magdalenenstromes erforscht.

Die Mengen des gefundenen Goldes waren grösser als zuvor, aber die mit dem Transport betrauten Leute verteilten es unter sich und flohen. Ehinger selbst ging auf der beschwerlichen Reise mit vielen seiner Soldaten zugrunde. Im Februar 1535 langte in der Person des Georg Hohermuth aus Memmingen ein neuer Statthalter an. Dieser brachte eine Menge Deutscher mit, da mit den Spaniern immer wieder Schwierigkeiten entstanden waren.

Trotz der durch die Spanier in Santa Martha bereiteten Hindernisse unternahm Hohermuth, der seinem Namen Ehre machte, innerhalb drei Jahren eine mühsame Expedition ins Innere des Landes. Reiche Minendistrikte und der Weg zum stillen Ozean waren der Lohn seiner Anstrengungen. Aber dafür hatte der Zug auch grosse Opfer an Menschen gekostet und der Ertrag an gefundenem Gold deckte kaum die entstandenen Auslagen.

Inswischen hatte Federmann, den Hohermuth aus Europa wieder mitgebracht hatte, erneut auf eigene Faust Politik gemacht. Vom Stadthalter war monatelang jede Kunde ausgeblieben. Federmann suchte ihn mit einer Schar Weisser und Indianer in den Bergen. Dabei traf er eine spanische Abteilung, die hier Eroberungen machen wollte. Kaum hatten sich die Männer verständigt, erschien von Süden her eine dritte Schar Abenteurer, die von dem Offizier Benacalzar, einem Untergebenen des berühmten Pizarro, geführt wurde. Die drei Führer vereinigten sich und begründeten in dem neuentdeckten Lande die Stadt Santa Fe de Bogota. Im Mai 1538 segelten sie dann den Magdalenenstrom hinab zur Küste und fuhren dann nach Spanien, um die Besitzfrage des gold- und smaragdreichen Landes (das spätere Kolumbien) entscheiden zu lassen.

Hohermuth fand bei seiner Rückkehr Venezuela in Verwirrung vor. Mit Mühe hielt er die Ansiedler im Lande. Als aber die Kunde von Kolumbiens Reichtum eintraf, wollte alle Welt nach diesem neuen Dorado, Hohermuth entschloss sich selbst, einen Zug nach Bogota zu unternehmen, erlag aber dem Fieber, ehe er ihn antreten konnte. Diesmal erschien ein Sohn und Erbe des alten Welser persönlich in Venezuela. In einer Begleitung befand sich ein Vetter Ulrichs von Hutten.

Dieser, Wilhelm von Hutten,.brach unter seinem jungen Herrn nit 100 Mann im August 1541 nach dem Indern auf. Mehrere Jahre dauerte der an Opfem überreiche Zug, aber das Ziel ward nicht erreicht. Die Reste der Expedition kehrten in armseligem Zustande 1546 an der Küste an. Hier hatte man die Welser tot geglaubt, und von S. Domingo aus war Juan Carvajal als Statthalter gesandt worden. Nun ging das Unternehmen einem tragischen Ende zu. Carvajal wollte die Deutschen zur Anerkennung seiner Herrschaft veranlassen, was diese natürlich ablehnten, er ergriff Gewalt, erlitt aber eine Niederlage und ward gezwungen, den Deutschen den Veg nach Coro freizugeben. Auf diesem Vege wurden die unvorsichtigen Deutschen überfallen und gefangen. Carvajal liess, Welser und Hutten ohne Weiteres 1546 aufhängen. Zwar erlitt der Mörder von seiten einer eigenen Regierung die gerechte Strafe; aber das Welsersche Unternehmen hatte mit dem Tode der letzten Führer sein Ende erreicht. Nach Angabe Zimmermanns soll das Privileg der Welser 1555 aufgehoben worden sein.

Es ist nicht weiter verwunderlich, dass ein in solch unruhiger Zeit begonnenes und von abenteuerlichen Menschen zweier Rassen durchgeführtes Unternehmen keinen durchchlagenden Erfolg erzielt hat. Von den Hunderttausenden eingewanderter Spanier haben nur wenige in Südamerika dauerhafte und glückliche Arbeit leisten können. Eine Handvoll Deutsche, abhängig nicht von einem kolonisierenden Staat, sondern nur von einem vorsichtigen Kaufmannsgeschlecht, konnte da unter den schwierigen Landesbedingungen erst recht nicht zu beständiger Arbeitsfrucht kommen. Landesbedingungen erst recht zu beständiger Arbeitsfrucht kommen, um so weniger, da das wenig loyale Verhalten der spanischen Machthaber durch nackten Mord des künftigen Chefs der Firma das Unternehmen zu einer unglücklichen Episode stempeln musste. Aber es reizt doch der Gedanke, dass schon vor dem Beginn der Kolonialpolitik Englands unser Vaterland auf Uebersee und Weltpolitik hingewiesen wurde!

Heute leben in dem 1,000,000 qkm. grossen Lande nur 1,000,000 Menschen, darunter nur wenige Hundert Deutsche. Das Land ist in seinen Niederungen des Klimas wegen zur Siedelung weniger geeignet. Anderswo sind die Besitztitel sehr unsicher. Die Deutschen wohnen zumeist als Kolonisten in der Kolonie Tovar, die in 1300 m Höhe etwa sechs Reitstunden entfernt von La Victoria liegt und heute (nach achtzigjährigem Bestehen) etwa 100 Familien mit 900 Köpfen zählt. Seit 1916 arbeitet der Benediktinerpater Paul Dobbert bei den Kolonisten und pflegt in der Kapelle und in der neuerbauten Schule Glauben und Deutschtum. Kenner der Kolonie wünschen ihr Zuzug aus der Heimat, da die Abgeschlossenheit der kleinen Kolonie zu Verwandtschaftsheiraten verführt. In dem angenehmen Klima, das neben tropischen Produkten auch europäische Gewächse gedeihen lässt, würden zweifellos eine beschränkte Zahl von Siedlern, die allerdings auf Unterstützung seitens der Regierung nicht rechnen dürfen, eine bescheidene Existenz finden können.

Siehe auch:
Wir Deutsch-Amerikaner
Deutsch-Amerika
Die Deutsch-Amerikaner und das Kaiserreich
Gedanken über die Zukunft des Deutschtums in Amerika
Wie das alte Österreich starb
Wie das alte Österreich starb II
Die Deutschen in Amerika
Die Deutschen in Amerika II
Eine Audienz bei Richard II. (Richard Strauss)
„Deutsch-Amerikas“ Mission
Schundromane auf dem Scheiterhaufen
Lincoln und das deutsche Element
Die Geschichte der Revolution
Der Aufbau Palästinas
Deutschland und der Weltfriede
Vaterland vor der Wiedergeburt
Das Schicksal der deutschen Kolonien
Der letzte Zar im Kreise seiner Familie
Krupp-Werk in Friedens-Arbeit
Die Wolkenburgen der neuen Welt
Deutschlands chemische Industrie in der Nachkriegszeit
Jerusalem die Heilige Stadt
Die Schwarzen Truppen in Deutschland
Schiffsmodelle als Zimmerschmuck
„Bismarck“-„Majestic“- der Meeresriese
Quer durch das neue Deutschland
Quer durch das neue Deutschland II
Quer durch das neue Deutschland III
Klein-Amerika in Ostpreussen
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Das Telephon, sein Erfinder und sein Verbesserer
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